Predigt über Römer 7, 14-25a

  • 03.11.2026
  • Pfarrer Bernhard Stief

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Predigttext: Römer 7, 14-25a (BasisBibel 2021)

Liebe Gemeinde,

vielleicht haben Sie auch schon einmal aufhorchen müssen, wenn im Zusammenhang einer Taufe folgender Segen gesprochen wurde: „Der allmächtige Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der ... dir alle deine Sünde vergibt, der stärke dich mit seiner Gnade zum ewigen Leben.“ - Der dir alle deine Sünde vergibt! Diese Aussage lässt nachdenklich werden. Manchmal fragen Eltern: Ja, muss denn unserem Kind Sünde vergeben werden? Es ist doch noch so klein. Wie kann man angesichts des Neugeborenen von Sünde sprechen? Ein so unschuldiges Wesen hat doch nicht gesündigt.

Das stimmt und keiner könnte dem widersprechen. Wer, wenn nicht die kleinen neugeborenen Kinder sind frei von Schuld, sind unverdorben, sind noch völlig unbelastet von den Anfechtungen der Welt. Sie sind rein – zumindest in ihrem Geist und Sinn, und es wäre schön, wenn sie vieles von ihrer Unschuld in das kommende Leben mitnehmen würden. Denn das stimmt auch: Das Leben lehrt die kleinen unschuldigen Wesen ganz allmählich so manche Bosheit. Neid und Stolz, Habsucht und Lüge, Streit und Gewalt bemächtigen sich des Menschen und oftmals wissen wir nicht, wie diese negativen Einflüsse Macht über unsere Kinder gewinnen konnten. Waren nicht auch all jene Menschen, die heute böse, gemein und gewalttätig auftreten einmal Kinder? Wie konnte es mit ihnen so weit kommen?

Wenn die Bibel von Sünde spricht, meint sie meist nicht die einzelnen Verfehlungen des Menschen, sondern eben diese vorfindliche böse Macht, die uns alle mehr oder weniger erfasst und uns immer wieder schuldig werden lässt. Wir können es nicht kleinreden: Keiner von uns kann sich den negativen Einflüssen ganz widersetzen. Wer unter uns hat nicht schon einmal einen Menschen mit Worten verletzt, obwohl es gar nicht gewollt war. Wie schnell können Menschen auf unseren Straßen schuldig werden, weil durch ihre Unachtsamkeit andere zu Schaden kommen. Und sind wir in diesem Land nicht alle verflochten in Strukturen, die die eigene weiße Weste beflecken? Einerseits unterlassen wir Hilfe, wo sie gebraucht würde und andererseits führen einen Lebensstil, der das gerechte Zusammenleben mit allen Kreaturen belastet. Es gibt so vieles, was wir nicht wollen und doch geschieht, das wir ablehnen, und dass sich dann doch unser bemächtigt. Sünde, so versteht es die Bibel, ist eine vorfindliche Macht, ein Verhängnis, der und dem sich Menschen nur schwer entziehen können. Die Bibel stellt sich allerdings die Frage, wie wir den Fängen der Sünde entkommen können, wie sich die Kluft zwischen dem guten Vorsatz und der bitteren Wirklichkeit, zwischen dem besten Wollen und dem leider so oft misslingendem Vollbringen überbrücken lässt.

Der Apostel Paulus lässt die Gemeinde in Rom an seinen Gedanken Anteil nehmen: Wir wissen ja: Das Gesetz ist vom Geist Gottes bestimmt. Ich dagegen bin als Mensch ganz von meiner menschlichen Natur bestimmt. Ich bin mit Haut und Haaren an die Sünde verkauft. Ja, wie ich handle, ist mir unbegreiflich. Denn ich tue nicht das, was ich eigentlich will. Sondern ich tue das, was ich verabscheue. Ich tue also das, was ich eigentlich nicht will. Das beweist: Ich stimme dem Gesetz innerlich zu und erkenne an, dass es recht hat. Aber dann bin nicht mehr ich es, der so handelt. Es handelt vielmehr die Sünde, die in mir wohnt. Ich weiß: So wie ich von Natur aus bin, – wohnt in mir nichts Gutes. Der Wille zum Guten ist bei mir zwar vorhanden, aber nicht die Fähigkeit, es zu tun. Ich tue nicht das, was ich eigentlich will – das Gute. Sondern ich tue das, was ich nicht will - das Böse. Ich tue also das, was ich nicht will. Das bedeutet: Ich bin nicht mehr der Handelnde. Es ist vielmehr die Sünde, die in mir wohnt. Ich entdecke also bei mir folgende Gesetzmäßigkeit: Obwohl ich das Gute tun will, bringe ich nur Böses zustande. Meiner innersten Überzeugung nach stimme ich dem Gesetz Gottes mit Freude zu. Aber in meinen Gliedern nehme ich ein anderes Gesetz wahr. Es liegt im Streit mit dem Gesetz, dem ich mit meinem Verstand zustimme. Und dieses Gesetz macht mich zu seinem Gefangenen. Es ist das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern steckt. Ich unglücklicher Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Kann mich denn niemand davon befreien? Doch! Und dafür sei Gott Dank durch Jesus Christus, unseren Herrn!

Der Apostel Paulus spricht in diesem Briefabschnitt also an, was wir heute gerne verschweigen. Er spricht schonungslos von Sünde und Bosheit. Dabei redet er nicht über andere, sondern über sich selbst. Er erkennt an seinem eigenen Leben die Gesetzmäßigkeit, zwar das Gute tun zu wollen und dann doch nur Böses zustande zu bringen. Diese Aufrichtigkeit findet man heute selten. Meistens sind es die anderen: Statt eigene Schwächen zu benennen, suchen wir die Fehler bei anderen. Es scheint eine uns alle verbindende Haltung zu sein: Nur nichts zugeben, es könnte ja gegen dich verwendet werden! So wird auch in der Öffentlichkeit gelogen und abgestritten, bis es dann doch nicht mehr zu verbergen ist. Statt Mut zur Wahrhaftigkeit zu haben, drücken auch wir uns vor unbequemen Antworten und reden uns gern um Kopf und Kragen. Dabei können wir der Tatsache nicht entgehen, Sünder zu sein. Und es ist gut, das auszusprechen, die Maske vom Gesicht zu ziehen und reinen Tisch zu machen. Darum redet Kirche auch heute noch von Sünde, sei es am Beginn eines Christenlebens bei der Taufe, oder aber im Gottesdienst bei der Beichte. Aus solcher Selbsterkenntnis wird eine Neuausrichtung möglich, eine Umkehr und ein Weg zu einem befreiten Leben.

Paulus spricht in diesem Zusammenhang mehrmals von dem Gesetz. Er denkt zunächst an das göttliche Gesetz, dessen Kern die zehn Gebote der Bibel bilden. Für uns sind sie wichtige Werte, die unsere Gesellschaft aus der jüdisch-christlichen Tradition mitgebracht hat. Diese Werte werden heute immer wieder ins Feld geführt, wenn es um eine vernünftige Erziehung unserer Kinder geht oder ein friedvolles Miteinander herbeigesehnt wird. Auf diesen Werten beruhen auch die allgemeinen Menschenrechte. So wichtig die Gebote auch sind, machen sie uns doch erst zu Sündern, weil sie uns die Fehlerhaftigkeit des eigenen Lebens vor Augen führen. Ich formuliere es einmal zugespitzt: Das göttliche Gesetz macht uns nicht zu besseren Menschen. Es deckt zunächst nur unsere Mängel auf. Wie sonst wäre zu erklären, dass die Menschen scheinbar nicht aus Fehlern lernen. Wie sonst wäre zu erklären, dass nach dem Ende des kalten Krieges eine neue Eskalation in beängstigender Nähe scheint? Im Gesetz selbst liegt kein Heil. Das sagt Paulus in Richtung seines bisherigen Glaubens, der darauf ausgerichtet war, allein das Gesetz zu erfüllen. Das Gesetz, die Gebote, christliche Werte, die Menschenrechte sind wichtig, aber sie führen nicht zum Heil. Es wird wohl nicht gelingen, alle Menschen darauf zu verpflichten, geschweige denn, sie auch noch zur Einhaltung zu bewegen. Der Weg des Kommunismus, der davon ausging, dass der Mensch vollkommen Gut werden könne, ist schon einmal kläglich gescheitert.

Paulus ist zu einer anderen Einsicht gelangt. Der Gemeinde in Rom teilte er mit, was ihn ermutigt hat und half, in dieser schönen und doch gebrochenen Welt zu leben. Er schrieb: „Es ist das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern steckt. Ich unglücklicher Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Kann mich niemand davon befreien? Doch! Und dafür sei Gott Dank durch Jesus Christus, unseren Herrn!“ Jesus Christus heißt für Paulus die Antwort. Jesus Christus ist für ihn die Brücke von einem schuldbeladenen Leben hin zum Heil, zu einem Leben mit Gott. Jesus Christus ist der Weg und die Wahrheit und das Leben. Jesus Christus hilft angesichts der übermächtigen Sünde nicht zu verzweifeln, nicht an mir selbst und nicht an der Welt.

Wie soll uns das überzeugen? Vielleicht dadurch, dass Jesus Christus die Vollendung des Gesetzes ist. In Jesus Christus erfüllt sich das Gesetz, weil es an ihm keine Sünde offenlegen kann. Die Geschichten der Bibel zeigen uns, wie Menschen durch die Begegnung mit Jesus verändert und erneuert werden. In seiner Gegenwart wurden einst Könige demütig, aber später auch herbe Fischer, miese Steuereintreiber oder religiöse Würdenträger. Immer hat Jesus durch seine Liebe, Barmherzigkeit und Vollmacht Herzen berührt und nicht in erster Linie durch moralische Appelle. Seiner Botschaft zu Neuanfang und Umkehr ging eine Einladung voraus. Er hat die Menschen eingeladen, bei Gott zu wohnen und von diesem Ziel her, das Leben zu gestalten. „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.“ Mit einer Einladung beginnt seine wichtigste Predigt, die Bergpredigt. Auch wir sind eingeladen, trotz unserer Fehlerhaftigkeit, trotz unserer Unvollkommenheit aus Gottes Gnade und Liebe zu leben. Das wird uns in der Taufe zugesagt: „Der allmächtige Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der ... dir alle deine Sünde vergibt, der stärke dich mit seiner Gnade zum ewigen Leben.“ Gott legt uns nicht fest auf unsere Verfehlungen.

Was heißt das nun praktisch? Das bedeutet: „Lebe das, was du vom Evangelium schon begriffen hast.“ Wer auf das Ziel blickt und sich von Gott gerufen weiß, muss nicht an der Sünde verzweifeln, sondern wird hoffnungsvoll und ermutigt durch das Leben gehen. Frère Roger, der Gründer und langjährige Leiter der ökumenischen Kommunität von Taizé schrieb einmal: „Wie oft ist diese eine Frage wiedergekehrt: ‚Wie soll es weitergehen, wenn wir aus Taizé wieder nach Hause zurückgekehrt sind?’ Ich habe geantwortet: ‚Es ist unmöglich, das Evangelium ganz zu erfassen. Wenn ihr aber während eures Aufenthaltes nur ein Wort, eine Geste, sei es auch noch so wenig verstanden habt, dann verwirklicht dieses Wort, diese Geste im Leben unmittelbar und mit eurer ganzen Person. Wenn einmal der erste Schritt getan ist, wird sich der Weg für weitere Schritte öffnen. Es geht darum, das Wenige, das wir begriffen haben, wirklich zu leben und mit den geringen Einsichten, mit der eigenen Armut schöpferisch weiterzusuchen und Neues zu schaffen.’ (Kampf und Kontemplation, 1973)

In diesem Sinne wünsche auch ich, liebe Gemeinde, dass Sie einen Gedanken, ein Wort, eine Geste aus diesem Gottesdienst mitnehmen, woraus Neues wächst und Sie mit Gottes Hilfe Gutes in der Welt wirken. Das wünsche ich durch Jesus Christus, der uns hineinnimmt in den Frieden Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft. Amen.

Pfarrer Bernhard Stief