Predigt zum Erntedankfest über Markus 8, 1-9
- 04.10.2026 , 18. Sonntag nach Trinitatis
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
Textgrundlage Markus 8, 1-9: Die Speisung der Viertausend
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Äpfel. Birnen. Erdbeeren. Kirschen. Ananas. Gurken. Tomaten. Spinat. Sellerie. Petersilie. Sie wachsen in Gärten, in Plantagen, auf großen Äckern, auf großen Feldern. Die Bauern pflanzen, sie säen, sie ziehen groß, sie gießen jeden Tag, sie düngen. Und dann wächst das einfach so. Mit Sonne. Mit Regen. Viel Arbeit ist nötig.
Mich fasziniert die Vielfalt der Natur. Und ich stelle mir immer vor, wie der liebe Gott, als er die Erdbeere und die Kirsche und die Tomate und die Petersilie und das Radieschen erfunden hat, seinen Spaß daran gehabt hat und vielleicht an unsere Kinder gedacht hat: Was mögen die wohl hier in Leipzig gerne essen, woran hätten sie Freude. Ich erfinde jetzt die Ananas, die ist mal ganz anders. Darum gibt es das Erntedankfest: Wir danken Gott dafür, dass er Obst und Gemüse erfunden hat und uns damit täglich beschenkt.
Vom Mangel zur Möglichkeit
Als Jesus mit den 4000 Leuten draußen war und seit drei Tagen nichts zu essen da war, da kam die Sorge auf, Menschen würden verhungern. Ein großer Mangel wird festgestellt. Es sind nur sieben Brote. Es sind nur einige Fische. So wenig. Es wird nicht reichen. Viele werden unversorgt bleiben. Auf unserer Erde gibt es noch immer Gegenden, wo Menschen hungern. Es ist eine Schande, dass wir es als Weltgemeinschaft nicht schaffen, das zu ändern. Wir hier in Leipzig haben volle Regale in den Supermärkten und der Wochenmarkt gleich hier nebenan läuft geradezu über. Es gibt alles. In anderen Lebensbereichen hören wir es aber gegenwärtig auch hier immer wieder: zu wenig. Zu wenig Geld in der Stadtkasse. Zu wenig Zutrauen in die Politik. Zu wenig Engagement der Menschen. Zu wenige Kirchenmitglieder. Es wird nicht reichen zum Leben.
Jesus, damals mit seinen 4000 hungrigen Leuten um ihn herum, sagt: Wie viel habt ihr? Schaut auf das Wenige. Schaut genau! Lasst es uns probieren. Setzt euch hin, verteilt die Brote. Verteilt die Fische. Und es stellt sich heraus – wie durch ein Wunder – es reicht. Es ist mehr als gedacht. Es ist so viel, dass sieben Körbe übrig bleiben. Jesus ändert die Perspektive. Schaut auf das Wenige, es ist doch viel.
Zu wenig Geld in der Stadtkasse. Aber wir stemmen tolle Projekte: Wer baut mitten in der Stadt einen Hafen? Welche Stadt leistet sich einen Thomanerchor? Zu wenig Engagement der Menschen. Aber die Jugend mischt sich ein. Für Klimaschutz. Gegen Diskriminierung. Für mentale Gesundheit. Zu wenige Kirchenmitglieder. Aber immer noch ist die Kirche eine der größten und stärksten Interessensgruppen unserer Gesellschaft.
Die Interkulturellen Wochen, die wir vergangenen Sonntag hier in und an der Thomaskirche eröffnet haben, haben das Motto „Dafür!“ Schaut auf das, was wir wollen, was möglich ist, wo wir hinein investieren können. Nicht nur auf das, was nicht klappt, was unrealistisch ist. Seid dafür! Nicht dagegen! Aus wenig kann sehr viel entstehen:
In der Natur gibt es 92 chemische Elemente. Aus ihnen hat Gott in der Schöpfung all diese wunderbaren Kreaturen erschaffen, die riesige Vielfalt der Natur, die Menschen und die Tiere. Aus diesen Elementen bestehen auch die Thomaskirche, der Eiffelturm, die Mona Lisa und der Mount Everest. 92 ist nicht viel.
Wunder
Am Dienstag und Mittwoch habe ich mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden über die Erzählung von der Speisung der 4000 nachgedacht. Wir haben überlegt, was da passiert sein könnte. Wie funktioniert das mit den sieben Broten und den wenigen Fischen. Wie kann so wenig für 4000 hungrige Menschen reichen? Hatten die Leute doch etwas mitgebracht? Hat Jesu Aufforderung sie dazu gebracht, das zu teilen, was sie eigentlich für sich selbst beiseitegelegt hatten? Haben sie einfach ihre Taschen aufgemacht? Oder waren alle sehr bescheiden, haben nur vorsichtig gegessen, den anderen abgegeben? Oder konnte Jesus doch zaubern – sowie andere ein Kaninchen aus dem Hut ziehen oder einen Elefanten verschwinden lassen. Hatte er überirdische Kräfte? Es ist ja nicht so, dass Jesus hier die große Show abzieht. Er dankt und bricht die Brote. Und dann lässt er die anderen machen. Seine Jünger verteilen. Er vertraut darauf, dass sie es so verteilen, dass es für alle reicht. Jesus lässt uns machen.[1] Das ist so in unserer evangelischen Kirche und irgendwie auch im restlichen Leben.
Gott hat uns Leitlinien für unser Leben gegeben, Gebote, Wertvorstellungen, die seine Propheten und die Jesus öffentlich bezeugt haben. Aber gleichzeitig gibt uns Gott die Freiheit, damit so umzugehen, wie wir das für richtig halten und wie wir es können. Das ist Möglichkeit und Verantwortung zugleich. Ist das das wirkliche Wunder? Ist es ein Wunder, wenn wir Menschen unsere, von Gott gegebene Freiheit so nutzen, dass etwas Gutes dabei herauskommt. Etwas, mit dem niemand gerechnet hat?
Wenn also Menschen Geld zusammenlegen für ein Projekt, das eigentlich gar nicht leistbar ist. Meine Kinder erzählten von dem Familienvater, der schwer erkrankt war. Sein Wunsch, in der türkischen Heimat beerdigt zu werden, überstieg die finanziellen Möglichkeiten der Familie. Da legten alle Freunde und Bekannten zusammen, und auch Freunde von Freunden, und innerhalb von zwei Tagen war das Geld zusammen. Der Familienvater konnte sterben im Wissen, dass er nach Hause gebracht werden würde. Ein Wunder.
Ein Wunder ist, wenn ein Künstler Papier und Pinsel nimmt und Farbe aufträgt, und dabei Sonnenblumen oder ein Lutherbildnis oder eben die Mona Lisa herauskommen.
Ein Wunder ist, wenn Johann Sebastian Bach mit der Gänsefeder ins Tintenfass taucht und jene Musik schreibt, die wir in unserer Kirche hören und so lieben.
Ein Wunder war, als Menschen zusammenkamen, erst einige, dann tausende, und beteten und losliefen um den Ring und nicht lockerließen, bis der Staat nachgab und die Grenze fiel.
Ein Wunder war, als einige Zeuginnen und Zeugen des Todes Jesu neue Kraft schöpften, weil sie dem Auferstandenen begegneten, und sich zusammentaten und anderen davon erzählten und daraus eine weltweite Bewegung wurde im Namen Jesu Christi?
Schaut auf das Geringe. Aus ihm wächst Großes. Wir können unsere Gaben nutzen, so klein und bescheiden sie auch scheinen, und Gutes, Großes tun. Das ist das Wunder.
Dank
Zum Wunder gehört der Dank. Bevor Jesus die sieben Brot verteilt und die wenigen Fische, dankt er. Wenn wir Abendmahl feiern, dann beginnen wir mit dem Dank, für Brot und Wein und für alles, was Gott für uns getan hat. Gibt es bei Ihnen noch die Tradition, vor dem Essen zu beten? Danke zu sagen? Ein bisschen haben wir es verlernt, fürchte ich. Wir haben Erwartungen. Halten Dinge für selbstverständlich. Sagen Sätze wie: Das steht mir zu! Das hab ich mir hart erarbeitet! An den Wendepunkten des Lebens, bei der Geburt eines Kindes, bei der Taufe, der Konfirmation, bei der Hochzeit und wenn wir einen Menschen zu Grabe tragen – da wird es uns immer noch deutlich, wie wenig wir es selbst in der Hand haben. Bei solchen Gelegenheiten spüren wir es, fühlen es, und wir erinnern uns daran: Wie unser Leben mit allem, was es lebenswert und schön und bunt macht, doch Gottes gute Gabe ist. So feiern wir heute nicht nur die Ernte des Jahres, sondern Gottes gute Gaben in unserem Leben. Es sind große, lebenswendende Ereignisse und die kleinen, eingestreuten Freundlichkeiten, aus denen wir Großes machen können.
Danke, Du Schöpfer Gott!
Amen.
Fürbitten
Gott, wir danken Dir für alles, was Du uns in diesem Jahr geschenkt hast.
Die Früchte des Feldes, Obst und Gemüse.
Brot und alle Nahrung.
Arbeit und Erfüllung.
Freizeit und Urlaub, freie Blicke in die Natur.
Neue Erkenntnisse, Gedanken, Erfahrungen.
Alle Begegnungen mit Menschen, besonders mit denen, die wir lieben. '
Lehrreiche Irritationen.
Unsere Bewahrung vor Unglück, unsere Gesundheit.
Die Möglichkeit, in unserem Land sicher zu leben.
Musik und Kunst, Bücher zum Lesen.
Diese Gemeinde, ihre Gemeinschaft und Sorge.
Alles und noch viel mehr hast Du uns geschenkt. Danke!
Hilf uns, auf das zu sehen, was uns geschenkt ist und nicht nur auf das, was uns zu fehlen scheint.
Lass uns die Freude am Kleinen, am Geringen wiederfinden.
Aber lass uns auch auf die sehen, die wirklichen Mangel leiden: die krank sind, die trauern, die arbeitslos sind, die keine Zukunft für sich sehen, die keine Heimat mehr haben, die in den Krieg müssen, die verzweifelt sind.
Hilf ihnen und stärke uns, für sie da zu sein.
Amen.
[1] Danke an U. H. für diesen Gedanken.