Predigt zum Epiphaniastag
- 06.01.2026 , Epiphanias
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
Deshalb sage ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden – ihr habt ja gehört, worin das Werk der Gnade Gottes besteht, die mir für euch gegeben wurde: Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich zuvor aufs Kürzeste geschrieben habe. Daran könnt ihr, wenn ihr’s lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen. Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist; nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium, dessen Diener ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach seiner mächtigen Kraft gegeben wurde. (Epheser 3, 1-7)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
der Autor des Epheserbriefes – wahrscheinlich nicht Paulus selbst, sondern einer, der in seinen Spuren unterwegs war – bekräftigt in unserem Predigttext die große Neuerung in der paulinischen Botschaft: Die Heiden sind Miterben, sie gehören zu Christi Leib dazu und sind Mitgenossen der Verheißung. Er bekräftigt die Offenbarung Gottes in Christus und die Rechtfertigung der Gläubigen, und vertritt sie gegenüber den Heiden – sie sind Adressatinnen und Adressaten dieses Briefes.
Es handelt sich um eine große Öffnung, um ein Überwinden einer religionsgeschichtlichen Trennung. Da waren diejenigen, die Juden waren, bevor sie Christen wurden. Sie waren schon Teil einer Tradition, einer religiösen Überlieferung, gehörten dazu zum Gottesvolk. Und da waren die Neuen, die einer anderen religiösen Gruppe oder keiner Religion angehörten, als sie Christen wurde. Diese Christen, hier Heiden genannt, hatten eine andere Geschichte, andere Traditionen, andere Erfahrungen. Beide Gruppen unterschieden sich in ihrem Hintergrund, aber auch ihren Befürchtungen, ihren Berührungsängsten, ihren Gesetzen, nach denen sie bisher gelebt hatten.
All das macht keinen Unterschied mehr, meint der Autor des Epheserbriefs. In Eurem Glauben an Jesus Christus gehören alle dazu, sind Teil seines Leibes. Das Gemeinsame überwiegt, die Unterschiede sind nebensächlich.
Das war ein entscheidender Einschnitt für die Entwicklung des Christentums: So konnte es zu einer weltweiten Bewegung werden, über die Grenzen hinweg, international. Das Licht scheint von Bethlehem weit in die Welt, so dass es sogar die Weisen aus dem Morgenland anlockt. Paulus selbst bringt das Christentum bis in die Welthauptstadt von damals, nach Rom.
Und natürlich ist das der Grund, warum auch ich, warum auch Sie Christ, Christin sein dürfen: Es gibt keine Voraussetzung, was die Herkunft betrifft. Diese Grenzen sind alle gefallen.
Nur so gibt es Kirche in Europa, in Deutschland, in Sachsen, in Leipzig, hier in St Thomas.
II
Und heute?
Unsere Gemeinden – St Thomas ganz besonders – sind Ansammlungen von ganz unterschiedlichen Menschen mit verschiedenen Geschichten. Manche sind hier in Leipzig aufgewachsen, andere in der näheren oder weiteren Umgebung. Andere sind von weit her gekommen, aus den alten Bundesländern, aus Amerika. Die Thomaskirche ist Gastgeberin für Sinnsuchende, Bachfreunde, Kulturtouristen aller Länder. Es gibt Wohlhabende, die einen großen finanziellen Beitrag leisten, und andere, die andere Gaben in die Gemeinde einbringen. Da gibt es Menschen, die aus christlichen Familien kommen, andere sind als Erwachsene getauft worden oder erst auf dem Weg dahin.
Eine bunte, vielfältige, fröhliche Mischung ganz unterschiedlicher Leute.
Worauf liegt unsere Aufmerksamkeit? Auf dem Trennenden zwischen uns oder auf dem Gemeinsamen? Innerhalb der evangelischen Kirche gibt es die Konservativen und die Liberalen, und irgendwie alle Stufen dazwischen. Worüber streiten wir uns? Sind es die Bilder von Familie und Gesellschaft, die Sprache, ethische Fragen zu Krieg und Frieden?
Oder gibt es ganz tiefe Einigkeit über die Grundlagen unseres Glaubens: Unsere Gewissheit, von Gott angenommen zu sein ohne Ansehen der Person. Die Einsicht in menschliche Fehlbarkeit, die von Gott mit ans Kreuz genommen wurde. Die Hoffnung auf Geborgenheit bei Gott, die über die Grenzen von Leben und Tod hinausgeht. Die Zuversicht, dass Jesus Christus beim Heiligen Mahl unmittelbar anwesend ist. Dass in Jesus Christus Gott Mensch wurde, für uns starb und für uns lebt.
Können wir uns darauf einigen? Über die Differenzen im Einzelnen hinweg?
Wir sollten es tun, und so viele wie möglich mitnehmen!
Und wenn wir uns nicht einigen können, wäre dann doch möglich, das Gemeinsame zu betonen und nicht das Trennende? Jedes Mal, wenn ich das Abendmahl feiere und katholische Brüder und Schwestern traurig dabeistehen, unser Anliegen mit Herz und Verstand teilen, aber nicht kommunizieren können – es ist ein Jammer!
Als Paulus die Gruppen der Judenchristen und Heidenchristen zusammenführte, da war es wichtig, die verschiedenen Hintergründe zu verstehen und aufeinander zu beziehen. In der Bibel merkt man an der Sprache, an den Bildern, an den konkreten Schilderungen der Ereignisse, wo die Autoren herkamen. Da gibt es beides – z.B. nimmt man an, dass das Matthäusevangelium eher aus judenchristlichem, das Lukasevangelium eher aus heidenchristlichem Hintergrund stammt. Die Betonungen sind unterschiedlich, aber die Geschichte ist dieselbe. V.a. die Hauptperson Jesus Christus ist dieselbe.
III
Die Anzahl derer, die dazugehören, wird geringer in unseren Zeiten. Die, die dabei sind, sind es vielleicht ein wenig bewusster als zuvor. Warum treten Menschen aus der Kirche aus?
Natürlich gibt es die vielen, die mit Kirche nichts mehr verbinden, denen es egal ist, was da passiert, weil es irrelevant geworden ist. Und weil es etwas kostet, was man nicht mehr bezahlen möchte. Und wo es dann ausreicht, dass man an Weihnachten nicht mehr in die Motette kommt. Aus einem nichtigen Anlass tritt man dann aus.
Aber dann gibt es diejenigen, die aus Ärger über die Kirche austreten, aus inhaltlichen Erwägungen. Die einen, weil ihnen die Kirche zu konservativ, zu eng, zu altmodisch, zu männerdominiert, zu homophob, zu zögerlich bei der Aufarbeitung von Fehlern ist. Die anderen, weil ihnen die Kirche zu liberal, zu wenig bekenntnistreu, zu politisch geworden ist. Hier treten Menschen aus, weil sie eine Überzeugung haben.
Eigentlich ist es doch toll, dass Menschen Überzeugungen haben und eine Vorstellung davon, was Kirche sein soll. Können wir diese Menschen wiedergewinnen? Indem wir Räume bieten, in denen unterschiedliche Meinungen zur Frage, was die Kirche ist und wofür sie steht, offen diskutiert werden können? Wo gegensätzliche Meinungen nebeneinander stehen bleiben können?– wenn denn das Zentrum klar ist: Gott in Jesus Christus.
Wie bauen wir St. Thomas weiter aus zu einem Raum, in dem es dieses Zentrum Jesus Christus gibt, und wo ansonsten viele Meinungen, Traditionen, Lebensweisen ihren Platz haben. Nicht nebeneinander, sondern miteinander. Im Gespräch. Auch mal im Streit.
Wo sich „Christlich und gleich“ und der Bibelgesprächskreis miteinander an ein Thema setzen. Oder die Junge Gemeinde gemeinsam mit dem Erzählcafé einen Ausflug zur Geschichte der Kirche in der DDR macht.
Wo es die großen Gottesdienste mit Thomanerchor und Gewandhausorchester und beeindruckender Predigt gibt – aber auch die anderen Formen, Taize, Nachteulen, Mittagsgebet, Gospel etc. Wo musikalische Professionalität und organisatorische Perfektion ein Markenzeichen sind, aber auch Raum ist für Spontaneität, für Fehler, für Halbfertiges.
Können wir offen sein füreinander?
IV
Können wir weiter gehen? Wie können wir die Öffnung hinbekommen zu denen, die da draußen sind, in dieser multireligiösen Stadt, im säkularen, kirchenkritischen, gottesunkundigen Osten Deutschlands, im säkularen, kirchenverwöhnten, Gott-weichgespülten Westen Deutschlands?
Auch mit Menschen, die keine Kirchenmitglieder sind, haben wir ja gemeinsame Überzeugungen. Wir treten ein für Demokratie, für Respekt dem Mitmenschen und für Gastfreundschaft dem Fremden gegenüber. Wir engagieren uns für soziale Fragen. Wir staunen über die wunderbare Schöpfung und möchten das unsrige tun, dass sie wieder gesund wird. Wir sorgen uns um unsere Kinder, unsere Jugend und ihre Zukunft.
Wir haben in Detail andere Beweggründe für unser Engagement als nichtkirchliche Organisationen, und wie immer wird unsere Auffassung nicht deckungsgleich mit denen der anderen sein.
Aber auch hier – sind nicht die Gemeinsamkeiten wichtiger als die Differenzen?
Wir sollten noch intensiver den Kontakt suchen mit Initiativen und Gruppierungen, die ähnliche Ziele haben wie wir. Souverän sollten wir dabei vorgehen, nicht ängstlich.
V
Es gibt Grenzen – das mag dann doch noch ergänzt werden. Natürlich können wir uns nicht vernetzen mit Organisationen, die dem Evangelium widersprechen. Die Hass verbreiten. Die Gewalt verherrlichen. Die unsere Demokratie verhöhnen. Die unsere Geschichte umschreiben wollen. Die Antisemitismus verbreiten. Die den Respekt für anders Denkende, anders Lebende, anders Glaubende vermissen lassen.
Bei diesen Themen ist dann das prophetische Amt gefordert, der öffentliche Widerspruch. Im Extremfall vielleicht auch der öffentliche Widerstand.
Denn das Zentrum ist und bleibt Jesus Christus.
VI
Gewinnen wir neue Leute? Gibt es das, Mission durch Offenheit, durch bewusstes Öffnen von Türen, Abbau von Grenzen?
Können wir hier einen Sinn des Lebens, nämlich unseren christlichen Glauben, anbieten, ins Gespräch bringen, stark machen, hell leuchten lassen?
VII
Der Epheserbrief spricht von einem Geheimnis.
Ja, der christliche Glaube ist und bleibt ein Geheimnis, etwas, was man übersehen kann, verkennen, geringschätzen kann. Etwas, was für Außenstehende nicht unmittelbar einleuchtet. Was man erst erleben, sich immer wieder von anderen singen und sagen lassen muss, was sich täglich ändert, für mich und dich nicht immer dasselbe ist.
Aber er ist ein offenes Geheimnis.
Wir reden offen über ihn, öffentlich! Wir bringen ihn ins Gespräch. Wir sprechen darüber, weil er uns hält, weil er unser Leben, unsere ganze Existenz prägt, gründet, fest macht. Weil er in unserer Gemeinde, unserer Kirche Frucht bringt, Auswirkungen hat, Menschen auffängt, sie weiterleben lässt, Gemeinschaft stiftet, Zukunft gibt.
Danke an alle, die dabei mithelfen.
Danke an die aus Nah, und die aus Fern. Danke an die Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen. Danke an die Kirchvorsteherinnen und Kirchvorsteher, die in schwierigen Zeiten alles geben für ihre Gemeinde. Danke an die Musikerinnen und Musiker aus Thomanerchor und Gewandhausorchester, aber auch aus all den anderen Ensembles, die unsere Gottesdienste so schön machen. Danke an alle, die im Hintergrund arbeiten, unterstützen, manchmal leise und für uns gar nicht bemerkbar.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
Fürbitten
Unser Gott,
Du hast die Grenzen zwischen Himmel und Erde überwunden, indem Du Mensch wurdest, Bruder und Freund.
Gib, dass wir unsere Grenzen abbauen, offen werden für die anderen, frei werden von Voreingenommenheit und Vorurteil.
Lass uns eine Gemeinde sein, die mit offenen Armen zugeht auf Interessierte und Desinteressierte, auf Suchende und Findende, auf Glaubende und Zweifelnde, auf Junge und Alte, Reiche und Arme, Gebildete und Ahnungslose, Musikalische und Unmusikalische. Lass uns eine einladende Gemeinschaft sein, die nicht von Abgrenzung und Besserwisserei geprägt ist, sondern zuhört, mitfühlt, mitgeht. Gib uns den Mut, unseren Glauben zu teilen, mitzuteilen, zu erklären, öffentlich zu vertreten, was unsere Hoffnung ist, woran unsere Herzen hängen, was uns so wichtig ist.
Lass uns eine Gesellschaft sein, die auf Respekt und Toleranz, auf konstruktive Suche nach Lösungen für die großen Probleme baut. Lass uns ein Land sein, dass gastfreundlich ist, das für Menschen in großer Not Auswege sucht und Heimat bietet, eine Stadt und ein Land voll Solidarität, voll Menschlichkeit, voll Nächstenliebe.
Wir bitten Dich:
Sende Mut und Zuversicht in Kirche und Gesellschaft. Lass uns auf das Machbare schauen, auf die Ideen, die Aufbrüche.
Aber sei auch mit den Schwachen, den Trauernden, den Langsamen, den Kranken, den Verzweifelten. Lass sie Teil unserer Gemeinschaft sein, Teil unseres Gebens und Nehmens, unserer Sorge umeinander.
Wir bitten Dich um jeden und jede von uns. Stärke unseren Glauben. Schenke uns Zuversicht. Gib uns die Hoffnung auf eine Zukunft bei Dir, über alle Grenzen und Barrieren hinweg.
Amen.