Predigt zum 17. Sonntag nach Trinitatis / Jubelkonfirmation

  • 27.09.2026 , 17. Sonntag nach Trinitatis
  • Pfarrer Dr. Janning Hoenen

Liebe Jubilarinnen und Jubilare, liebe festliche Gemeinde,

wir sind so drin in unserem Alltag. Schon beim Frühstück ereilt uns die Routine, Kaffee oder Tee kochen, Kühlschrank auf, Milch, Butter, Marmelade. Das können wir im Halbschlaf. Zähne putzen, duschen, Haare kämmen, schminken. Jeder hat seine eigene Routine, manche frühstücken erst und machen sich dann fertig, andere müssen sich erst ausgiebig im Bad aufhalten, um dann frisch und wohl duftend beim Tisch zu erscheinen. Dann geht es aufs Auto oder aufs Fahrrad, die Kinder oder Enkel werden in Kita und Schule abgeliefert. Im Büro starte ich meinen Computer, ich weiß genau, für was ich zuständig bin, wie die Abläufe sind, wann die Mittagspause ansteht. Und das geht dann so weiter, bis in den Abend, wenn ich meinen Wecker stelle, immer auf die gleiche Zeit. Es hilft, wenn man seine Routine hat, seinen täglich wiederkehrenden Plan. Man muss nicht alles neu entscheiden, kann sich auf Erfahrungen verlassen. Und dann passiert es, wir haben wir Ferien. Urlaub. Der Wecker ist ausgeschaltet. Ich muss entscheiden, ob ich frühstücke und wann und wo und mit wem. Die Kinder sitzen vor der Schlafzimmertür und brauchen einen Rat, was sie mit dem Tag anfangen sollen. Weil meine Büroroutine entfällt, muss ich planen, was heute werden soll. Und wenn ich nur entscheide, dass ich alles spontan machen möchte. Das kann dann in Stress ausarten. Wenn ich aus meiner Routine herausgehe. Wenn ich gewohnte Bahnen verlasse.

Jesus, so erzählt es das Evangelium, geht weg von Jerusalem. Er braucht augenscheinlich ein bisschen Abstand vom Trubel der großen Stadt und von den ewigen Diskussionen mit seinen Kritikern. Tyrus und Sidon sind Hafenstädte am Mittelmehr, weiter im Norden, knapp 200 km Luftlinie entfernt, heute gehören sie zum Libanon. Es ist also durchaus ein Stückchen. Jesus ist auf fremdem Gebiet, seine Jünger sind bei ihm. Da kommt eine Frau auf ihn zu, eine Ortsansässige. Sie muss von Jesus gehört haben, denn sie spricht ihn als Sohn Davids an und bittet um Erbarmen. Ein böser Geist plagt ihre Tochter. Eine psychische Erkrankung, würden wir heute sagen. Jesus, der Abstand von seinem täglichen Geschäft braucht, versucht erst einmal, diese Frau zu ignorieren. Die offenkundig genervten Jünger wollen, dass sie woanders hingehen, weil die Frau so hartnäckig ist, sie anschreit. Jesus lehnt jegliche Zuständigkeit ab. Nein, ich bin gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Diese Frau dort gehört nicht dazu, ich bin nicht verantwortlich. Als die Frau nicht lockerlässt, vor ihm niederkniet und um Hilfe bittet, da argumentiert er erneut gegen ihre Bitte: Man kann den Kindern nicht ihr Brot nehmen und den Hunden vorwerfen. Eigentlich eine Beleidigung – so kennen wir Jesus gar nicht. Jesu Landsleute sind Kinder Gottes, Kanaanäer sind Hunde, und denen steht Jesu Fürsorge nicht zu. Das ist schon heftig. Die Frau aber lässt sich nicht provozieren, nicht irritieren, sondern dreht ihm das Wort im Mund herum: Du hast schon recht, sagt sie, aber auch die Hunde essen von Tisch ihrer Herren. Das ist schlagfertig. Und konsequent. Und anscheinend überzeugend: Jesus ist beeindruckt von dieser Frau. Vor allem von ihre Zuversicht, dass sie Erfolg haben wird. Ihr Mut, nicht nachzugeben. Sie glaubt fest, dass Jesus heilen kann und sich auch um ihre Tochter kümmern wird. Das überzeugt Jesus, und er gibt nach. Und so kommt es, dass die Tochter geheilt wird, zu derselben Stunde.

Liebe Gemeinde, es fällt schwer, vertraute Routinen zu verlassen, erprobte Regeln zu durchbrechen, liebgewordene Traditionen aufzugeben. Das macht man nicht einfach so. In unserer ersten Gemeinde in Oberfranken wurden alle neuen Ideen erst einmal mit dem Spruch abgeschmettert: Letztes Jahr haben wir das aber so gemacht, und das hat sich bewährt. Was sich bewährt hat, ist erprobt. Das gibt Orientierung. Das macht Dinge einfacher. Man hat eine Vorlage, eine Blaupause für das Handeln. Gesellschaftliches Zusammenleben geht nicht ohne Regeln, Routinen, Traditionen. Man kann nicht immer alles spontan organisieren.Aber es kann auch einengen. Als Denkverbot verstanden werden. Innovation verhindern. In unserer Geschichte ist es Jesus selbst, der eine Zeitlang braucht, bis er sich auf einen neuen Schritt einlassen kann. Und auch die Jünger fürchten das, was entstehen kann, wenn alte Regeln abgeschafft oder anders gehandhabt werden. Aber Jesus springt über seinen Schatten. Und er wendet sich der kanaanäischen Frau zu, die eigentlich nicht zu seinem Volk gehört. Vielleicht verdanken wir dieser Frau, dass wir auch Christen sein können. Die Begegnung hat eine Begrenzung der Zuständigkeit Jesu ins Wanken gebracht, eine Begrenzung die Jahre später zwischen Paulus und den anderen Aposteln weiter diskutiert und schließlich abgeschafft wurde. Nichtjuden, also wir, können Christen werden. Die kanaanäische Frau hat sich dafür mit größten Nachdruck eingesetzt.

Es ist der Glaube der kanaanäischen Frau, der Jesus dazu bringt, seine Meinung zu ändern. Die feste Zuversicht. Glaube kann Berge versetzen, so sagt man. Ein fester Glaube kann dafür sorgen, dass ich mich ändere. Ein fester Glaube kann mich unabhängig machen von dem, was andere für richtig halten. Von dem, was bisher immer galt. Von dem was auch mir bisher immer richtig und gut erschien.

Liebe Jubilarinnen und Jubilare,

Sie sind hierher in die Thomaskirche gekommen, weil Sie sich heute daran erinnern, wie Sie vor 25, 50, 55, 60, 65, 70 und 75 Jahren konfirmiert wurden. Sie erinnern sich nicht nur daran, wie man sich an einen beliebigen Tag Ihrer Lebensgeschichte erinnert, sondern Sie gedenken Ihrer Konfirmation und dessen, was das für Sie bedeutet hat und heute bedeutet. Konfirmation war damals das Bekenntnis zum christlichen Glauben in der evangelischen Kirche und gleichzeitig ein Festmachen, ein Stärken, ein Verankern des Glaubens in ihrem damals noch jungen Leben. Was hat sich seit damals alles verändert? Die Welt sowieso, aber auch das jeweilige persönliche Leben. Als Personen haben Sie sich verändert, sind älter geworden, klar, aber nicht nur. Sie sind erfahrener, weiser, vielleicht abgeklärter, vielleicht ernüchterter. Vielleicht zufriedener, glücklicher, dankbarer als damals. Ich bin gespannt darauf zu hören, was Ihr jeweiliger Glaube Ihnen geholfen hat in den vielen Jahren. Wo er Sie stärken konnte, Orientierung gab. Vielleicht hat er sie auch das ein oder andere Mal zweifeln lassen, nachdenklich werden lassen. Es sind ja viele Jahre seit damals…Sie haben sich verändert, Ihr Glaube hat sich verändert, ist reifer geworden. Der Kern des Glaubens, die Zuversicht auf Gottes gnädige Zuwendung in Jesus Christus ist geblieben. Darum sind Sie heute hierher gekommen.

Liebe Gemeinde,

wie machen wir das? Stark im Glauben zu sein und deshalb Verantwortung zu übernehmen, überkommene Wege zu verlassen, Neues auszuprobieren? Es ist nicht so einfach, das sehen wir an Jesus und an seinen Jüngern. Es erfordert Mut. Wir gehen ein Risiko ein. Im Vorhinein weiß man nie so genau, wie alles enden wird. Aber Glaube macht stark. Er gibt Hoffnung auf Zukunft, auf neue Möglichkeiten. Er schenkt Vertrauen auf Begleitung und Segen. So können wir über das Gewohnte hinausgehen. In unserem ganz eigenen Leben können wir prüfen, welche Routinen noch sinnvoll sind. Was sich vielleicht so eingeschlichen hat, was wir aber eigentlich gar nicht wollen. Wo wir ein schwieriges Thema, was wir jahrelang umgehen, mal endlich angehen sollten. In Gesellschaft und Kirche könnten wir prüfen, welche Vereinbarungen, welche Zuständigkeiten, welche Formalitäten noch sinnvoll sind und wo uns neu auf das besinnen sollten, was wirklich wichtig ist -- was so wichtig ist, dass wir es ins Zentrum aller Bemühungen stellen sollten. Wir könnten uns von überkommenen Grenzziehungen befreien: Offen danach Ausschau halten, wer außerhalb der evangelischen Kirche einen Glauben hat, der überzeugt, mit dem wir uns verbünden können. Mit denen zusammentun, die ähnliche Wertvorstellungen haben, und gemeinsam in den gesellschaftlichen Dialog gehen. Wir könnten außerhalb unserer bubble schauen, was andere machen, die uns inhaltlich nahe stehen, in andere Kulturen schauen, hier in Deutschland oder weltweit. Die Interkulturellen Wochen, die heute hier in Leipzig starten, laden uns dazu ein. Wir können da, wo uns äußere Formen und alte Regeln bremsen, großzügig sein, Regeln abschaffen, neue freundliche Abmachungen treffen, die das ermöglichen, was unser wirkliches Anliegen ist.

Jesus ging in das Gebiet von Tyrus und Sidon, heraus aus seinem gewohnten Kontext. Und die kanaanäische Frau traute sich, aus ihrem Umfeld herauszutreten und Jesus anzusprechen. Es ist ein Treffen von zweien, die hinausgegangen sind. In die Unsicherheit. Zwei, die mutig waren. Zwei, die das nicht gleich konnten, aber dann wirklich einander begegneten und sich in die Augen schauten. Wäre das ein Ziel für uns? Einander in die Augen schauen. Auf unseren Glauben vertrauen und gemeinsam losgehen? Jesus sagt am Ende der Geschichte: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Fürbitten

Gott, wir danken Dir für unseren Glauben. Er ist mal fest und stützt mich, und manchmal wackelt er. Wir danken Dir, dass Du uns stärkst und leitest.

Wir bitten Dich:

Sei mit allen die Zweifeln. Schenke neue Zuversicht, neues Vertrauen, neue Sicherheit.
Sei mit allen, die Glauben säen. Hilf, dass Worte und Gesten und Musik auf fruchtbaren Boden treffen und Glauben wachsen kann.
Sei mit allen, die unsere Kirche gestalten, auf allen Ebenen. Hilf, dass wir uns auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist und nicht verlieren Fragen der Form.
Sei mit allen, die in unserer Gesellschaft prägend wirken. Schenke Mut, nötige Veränderungen anzugehen. Schenke Barmherzigkeit, die Schwachen und Zweifelnden mitzunehmen. Schenke Konzentration und Fokus gegenüber Eitelkeit und Egoismus.
Sei mit allen, die Hilfe nötig haben, hier in dieser Stadt und auf der ganzen Welt. Schenke Frieden. Wehre dem Hunger. Hilf uns, die Schöpfung zu bewahren.
Wir danken Dir für unsere Jubilarinnen und Jubilare. Sie sind uns ein Vorbild im Glauben. Lass uns auf sie und ihre Glaubensgeschichten hören.
Wir bitten Dich: Stärke sie im Glauben.
Wir bitten Dich für uns alle, und alle, die uns wichtig sind. Lass uns wachsen im Vertrauen auf Dich und Deinen Segen.

Amen.