Predigt am Ostersonntag

  • 05.04.2026 , Ostersonntag
  • Pfarrer Dr. Janning Hoenen

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Liebe Gemeinde,

Ostern ist das große Fest des Lebens!

Wir feiern Jesu Auferstehung; wir feiern das Ende der Macht des Todes; und wir feiern unser neues Leben in Jesus Christus.

So wie Jesus aufersteht von den Toten, so stehen wir jetzt schon auf aus unserer Müdigkeit, unserer Lethargie, unserem Frust, und wir machen uns an unsere Aufgaben. Erfüllt von der Osterfreude, die Gesichter leuchtend im Widerschein der Osterkerze, und voller Lieder, die in uns tönen und widerhallen.

I

Haben Sie den Gang der Frauen ans Grab noch im Ohr, wie es im Evangelium nach Markus beschrieben wurde? Drei mutige Frauen machen sich früh am Morgen auf, um den Leichnam Jesu zu salben. Salböl haben sie dabei, aber keine Ahnung, wie sie den Stein vom Eingang des Grabes wegbekommen sollen. Als sie hinkommen, sehen sie erstaunt, dass dieser schon weggewälzt wurde. Im Grab sitzt ein Jüngling im weißen Kleid und verkündet die Auferstehung Jesu. Den Auftrag, den Jüngern dies auszurichten, können sie nicht ausführen, denn sie haben Angst. Zittern und Entsetzen hat sie ergriffen. Sie fliehen.

Ich finde diese Erzählung immer sehr beeindruckend. Sie schildert das Unheimliche an diesem Ereignis, das wir Ostern nennen. Mitten in der Trauer müssen die drei Frauen zunächst das Verschwinden des Leichnams verdauen, dann eine seltsame Erscheinung zur Kenntnis nehmen und dann die wenig glaubhafte Ansage, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Es ist ein Erlebnis, das jeden von uns völlig aus dem Konzept bringen würde. Da sind die Frauen von damals in keiner anderen Position als wir.

Wir hören diese Geschichte jedes Jahr aufs Neue. Die drei Frauen am Grab erleben dies live und zum allerersten Mal. Kein Wunder, dass sie in Angst und Schrecken weglaufen und niemandem etwas sagen. Aber – sie waren dabei, sie sind die ersten Zeuginnen der Auferstehung.

II

Nun haben wir die Kantate „Christ lag in Todesbanden“ gehört. Der Text des zugrundeliegenden Chorals ist von Martin Luther, der wiederum das vorreformatorische Lied Christ ist erstanden und die Ostersequenz Victimae paschali laudes aus dem Mittelalter verwendet.

Luthers Verse sind ganz anders als das ursprüngliche Erleben der Frauen am Grab. Es ist so, als solle das Ostergeschehen von oben, aus einer himmlischen Sicht beschrieben werden. Christus und der Tod und die Sünde und das Leben und die Schrift und das Osterlamm und der Glaube und die Sonne sind Mächte, die miteinander ringen. Da spricht – ich muss es zugeben – ein Theologe. Ein sprachgewaltiger Theologe, der zwar nicht dabei war am Grab Jesu, aber der eine beeindruckende Deutung liefert.

Das Drama, das sich da zu Ostern abspielt, das die Frauen aus einer zeitgenössischen Perspektive miterleben, ist für Luther ein Krieg:

Es war ein wunderlicher Krieg,

Da Tod und Leben rungen,

das Leben behielt den Sieg

Es hat den Tod verschlugen.

Die Schrift hat verkündigt das,

wie ein Tod den andern fraß,

ein Spott aus dem Tod ist worden.

Warum Krieg?

Haben wir nicht genug Krieg? Ist Krieg nicht etwas Schlimmes, worunter wir leiden?

Dieser Krieg des Lebens gegen den Tod, oder vielleicht eher Gottes gegen den Tod ist ein Krieg, der geführt wird, um Leben zu bringen, um Frieden zu bringen.

Geht das? Einen Krieg führen, um Frieden zu bringen? Bei uns Menschen geht das gar nicht – das erleben wir ja gerade in diesen Tagen wieder. Krieg ist immer schrecklich, geht immer auf Kosten von Unschuldigen. Und wir dürfen nie unsere Kriege im Namen Gottes führen!

Ich möchte meinen Gott eigentlich nicht als Kriegsherren bezeichnen. Das klingt nach Gewalt, das klingt nach Brutalität, das klingt nach Waffen und Leid.

Natürlich ist es ein Bild, das kräftig ausgemalt ist, derb und direkt, so geht das auch in den anderen Strophen des Liedes.

Dieses Bild des Krieges hat sich Luther nicht ausgedacht. Schon im Alten Testament führt Gott Krieg gegen die Völker, die das Volk Israel bedrängen. Und der Apostel Paulus hat die Kriegsmetaphorik übernommen, wenn er im 1. Korintherbrief schreibt – und ich nehme nur ein paar Verse aus dem Predigttext heraus:

Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. […] Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn „alles hat er unter seine Füße getan. […] auf dass Gott sei alles in allem.

Paulus beschreibt es also selbst: Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Wenn der Tod nicht mehr ist, dann gibt es keine Feinde mehr. Und Christus ruft „Sieg“, Viktoria, wie wir später singen werden.

 

III

Der Sinn dieser Wortwahl ist: Die Auferstehung von Ostern gilt für alle, ohne alle Grenzen.

Denn während die drei Frauen am Grab nur das Verschwinden des Leichnams Jesu bemerken und vom Jüngling im weißen Gewand die Botschaft erhalten, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, weiten Paulus und in seinem Gefolge sowohl Luther als auch Johann Sebastian Bach die Botschaft auf alle aus.

Weil in Jesu Auferweckung der Tod besiegt ist, ist er auch für uns andere Menschen keine unüberwindliche Grenze mehr. Weil der Tod vom Leben verschlungen wurde, haben wir alle Anteil an Jesu Auferstehung. So wie durch Adam für alle der Tod gekommen ist, so kommt durch Jesus die Auferstehung – für alle.

Christ lag in Todes Banden,

für unsre Sünd gegeben

er ist wieder erstanden

und hat uns bracht das Leben.

IV

Aber wie wird denn dieser Krieg gewonnen? Auf wessen Kosten? Mit welchen Mitteln?

Klar ist, dass Ostern ein Ereignis ist, das nicht einfach so nebenbei erreicht wird. Die Überwindung des Todes ist ein Kraftakt Gottes. Gott setzt sich mit all seiner Herrlichkeit, seiner Macht und seiner Klarheit dafür ein. Er geht den langen Weg Jesu Christi. Er wird Mensch, er lebt mit uns, er teilt unsere Grenzen, er erlebt unsere Freuden, er verspürt unsere Enttäuschungen, und er leidet mit uns, bis hin zum Tod.

Das, was von Paulus und seinen Nachfolgern als Krieg bezeichnet wird, ist ein gewaltloser Kampf, ein ohnmächtig Werden Gottes, ein Mitleiden mit uns Menschen, ein Eingehen auf unsere Probleme, ein Mitfühlen in Todesangst, ein Mitsterben – ohne Kompromisse.

Es scheint, als ob Gott den Tod nur auf diese Weise besiegen möchte. In Ohnmacht.

Mit dieser Geschichte des Menschen Jesus Christus, der in wirklicher Angst und wirklicher Not stirbt, hingerichtet wird, vor den Augen seiner Jüngerinnen und Jünger. Als Osterlamm, wie es die Kantate sang.

Und die Frauen gehen ans Grab und sehen nur den Verlust und den Schrecken und die Trauer. Die Botschaft können sie noch nicht hören.

V

Aber wir hören sie, wir haben sie gehört.

Der Tod ist besiegt, durch unseren ohnmächtigen Gott.

Jesus lebt, und wir mit ihm.

Das Alte, das uns bedrängte, vor dem wir Angst hatten, unter dem wir litten, das uns ständig begrenzte, ist beendet.

In Luthers Worten: Der Sünden Nacht ist verschwunden. Der Tod hat den Stachel verloren. Christus selbst erleuchtet uns, wie die Sonne.

Wir lassen uns nicht mehr in alte Zusammenhänge zwängen. Den alten Sauerteig, diesen Keim des Bösen, der alles durchdringen möchte, den lassen wir nicht mehr hinein in unser Leben.

Durch Christi Auferstehung stehen wir alle auf.

So wie Jesus aufersteht von den Toten, so stehen wir jetzt auf aus unserer Müdigkeit, unserer Lethargie, unserem Frust, und wir machen uns an unsere Aufgaben. Erfüllt von der Osterfreude, die Gesichter leuchtend im Widerschein der Osterkerze, und voller Lieder, die in uns tönen und widerhallen.

 

Fürbitten

Allmächtiger Gott,

wir feiern die Auferstehung Jesu Christi,

die Überwindung der Macht des Todes

und unser neues Leben mit Dir.

Wir bitten Dich:

Lass uns aufstehen aus unserer Müdigkeit,

aus Lethargie und Frust.

Gib uns die Kraft des Ostermorgens,

das Strahlen der Ostersonne,

das Tönen der österlichen Musik.

Hilf uns, die Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod auszubreiten, in unseren Kirchen, aber auch außerhalb der Kirchenmauern.

Stärke die Gemeinde, die Haupt-, Neben- und Ehrenamtlichen, die Lehrerinnen und Lehrer, die Pfarrerinnen und Pfarrer, die Kirchenleitenden, alle, die mit Musik Dein Evangelium verkündigen.

Sei bei uns, wenn wir arbeiten gegen alles Lebensfeindliche,

gegen den Hass und die Gewalt,

gegen die Manipulation und die Respektlosigkeit,

gegen Diskriminierung und Rücksichtslosigkeit.

Stärke uns dabei, steh uns bei, segne unseren Dienst.

Sei Du mit allen, die fröhlich sind an diesem Ostertag,

aber auch mit denen, die nicht froh sein können,

mit allen die trauern, die Schmerzen haben,

die auf der Flucht sind, die unter Krieg leiden,

die einsam sind, die Angst haben.

Schenke Frieden, gerechten und beständigen Frieden.

Lass das Licht Deiner Auferstehung hell und einladend und für alle leuchten, bis in jeden Winkel Deiner geliebten Schöpfung.

Amen.