Predigt zu Jeremia 14,1-9
- 18.01.2026 , 2. Sonntag nach Epiphanias
- Kirchenrat Lüder Laskowski
Liebe Gemeinde,
Was sehen wir?
„2 Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. 3 Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. 4 Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. 5 Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. 6Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst.“
Das führt uns Jeremia der Prophet vor Augen. In poetischer Sprache verdichtet er eine ausweglose, grausame Lage. Wenn die Mutter ihr Kalb zurücklässt, um selbst vielleicht zu überleben. Wenn eines der widerstandfähigsten Tiere im Land, der Wildesel, verdurstet. Wenn selbst die Schakale, die von Aas leben, nichts mehr zu fressen finden. Dann ist auch der Mensch in höchster Gefahr. Wir sehen die Phänomene, die Erscheinungen, in denen sich Dürre zeigt. Die reale Erfahrung wühlt Jeremia auf. Aber zugleich wächst in ihm eine Erkenntnis, die hinausgeht über das, was er sieht.
Gott richtet das Wort an Jeremia: „1Dies ist das Wort, das der Herr zu Jeremia sagte über die große Dürre:“ Der Prophet sieht sich daraufhin um und ihm werden die Augen geöffnet. Sehen und erkennen wird unterschieden. Die Erfahrung dahinter: so viele sehen und erkennen nicht. Die Parallele zu den Folgen der Erderwärmung in unserer Zeit ist so naheliegend wie erschütternd. Denn angesichts dieses Textes, der immerhin 2.600 Jahre alt ist, wird erkennbar, dass wir Menschen noch immer dieselben sind.
Die Aufmerksamkeit für Gott ist es, die Jeremia überhaupt erste die Chance gibt, ohne Scheuklappen auf das Land und seinen Zustand zu blicken – etwas abstrakter gesprochen Immanzenz ist gar nicht denkbar ohne Transzendez. Wir haben aus uns selbst keine Begriffe für das, was wir sehen. Weil uns der Bezug fehlt. Wir können uns nicht genügen. Wir brauchen ein Gegenüber, einen, der uns anspricht. Dann erst können wir das schüttere Lebensgeflecht erkennen, in dem wir stehen, uns selbst erkennen, wie wir sind. Dazu verhilft dieses Wort, das Gott spricht.
Sich von Gott ansprechen lassen ist Voraussetzung für ein neues Sehen. Nun also ist der Anfang gemacht. Jeremia sieht. Er sieht wirklich hin – und erkennt – und erschrickt. Erst das bringt in ihn Bewegung. Er ist involviert, er ist beteiligt. Er legt die „Scheuklappen“ ab. Was für eine treffende Formulierung. Scheuklappen werden Pferden angelegt, damit sie nur noch vorn sehen können, nicht nach links und rechts. Und nicht erschrecken oder scheuen vor dem ganzen Bild.
Ohne Scheu schaut nun Jeremia und macht sich nichts mehr vor. Er ist tapfer, macht den Mund auf, stellt sich in den Weg, wagt auszusprechen, was alle sehen und doch niemand erkennt: die Dürre ist nicht außerhalb unserer selbst. Die Dürre hat mit uns zu tun. Sie reicht bis ins Herz. In dem wir tief verborgen um unsere Heimatlosigkeit in dieser Welt wissen. Dass wir nur Gäste sind. Das wir ein Ende haben müssen.
Jeremia der Prophet nimmt in seinem ganzen Buch – sehr widerwillig übrigens – den Auftrag an, Menschen aus ihrer Selbstgewissheit zu reißen. Das ist sein Thema. Sie halten sich für gerecht. Sie meinen Recht zu haben. Sie fühlen sich auf der richtigen Seite. Mir klingt ein Satz in den Ohren, den ich allenthalben in tausend Varianten höre oder lese: „Das steht mir zu.“ Wie darauf bestanden wird, man hätte begründetere Ansprüche als die meisten Menschen rund um den Globus. Was ist das anderes als die alte Gewissheit zu Jeremias Zeiten, Gott sicher auf seiner Seite zu haben. Er wohnt ja auf dem Zion, fest und für immer. Mitten unter uns rechtfertigt er alles Tun, so die Überzeugung. Jeremia will alle aufrütteln, die meinen, sie könnten einfach weitermachen wie immer. Aber um sie herum ächzen Vieh und Mensch. Um sie herum vedorrt das Leben.
Die Dürre des Landes ist ein Spiegel des inneren Zustands sagte ich. Wie wahr ist das, wenn wir uns umsehen. Denn die Zerstörung, die ungebremste egoistische Aneignung, findet nicht nur da draußen statt. Sie hat sehr viel mit der Seelenlage zu tun, in der wir uns befinden. Wir waren zu selbstsicher. Wir dachten, nun würde alles von selbst laufen. Freiheit würde sich Bahn brechen. Gerechtigkeit und Frieden würden sich küssen. Doch die Rechnung geht nicht auf. In unserer Selbstgewissheit haben wir übersehen, wie fragil das Gleichgewicht der Kräfte ist. Jetzt schüttelt uns die Angst mit all ihren Folgen: Wut, Kränkung, Depression, Rückzug. Das dörrt erst uns selbst aus und sodann auch das Miteinander.
Jeremia aber bleibt nicht bei der Diagnose stehen. Seine Klage erschöpft sich nicht in der Beschreibung dessen, was so schrecklich ist. Seine Klage ist sehr dynamisch. Mit ihr geht er beherzten Schritts auf Gott zu. „7 Ach, Herr, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. 8 Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? 9 Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, Herr, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!“
Jeremia sieht, erkennt und zieht Konsequenzen. Er entscheidet sich: „Ich denke neu über Gott nach. Bin mir seiner nicht mehr sicher. Meine nicht, ich hätte ihn in der Tasche, wie eine Technologie mir zu Diensten. Eine Substanz, die immerwährende Gesundheit verspricht. Eine unerschütterliche Gewissheit, die mich von allen Zweifeln befreit. Weil ich dann wieder Mensch werde. Sie wieder sehe, die Dürre.“ Technologie. Körperkult. Ideologie. So wären Möglichkeiten heute zu nennen, mit denen man sich Gott sichern will.
Wie kommt ihm Gott vor dabei. War er nur kurz da? Ist er schon weitergezogen? Vielleicht für immer? Ist er je wieder ansprechbar? Das bleibt offen über das Bekenntnis hinaus: „Du bist ja doch unter uns, Herr.“. Was wir dabei lernen. Beides bleibt wahr. Wir können Gott nicht verabschieden. Wir meinten irrtümlich, dann erst wirklich zu Menschen zu werden. Aber wir können Gott auch nicht festhalten. Wir glaubten zu lange, dass wir ihn erkannt hätte und darum bessere Menschen wären.
Was tun, da wir nun doch endlich sehen und die Dürre erkennen um uns und in uns? Jeremia macht Mut. Er nimmt die Spannung an. Wir haben Gott nicht. Aber er ist. In diesem Streit mit Gott zu stehen bedeutet: den Ernst der Lage erfassen, aber nicht ersticken an den Grenzen der eigenen geringen Möglichkeiten oder der Bequemlichkeit oder der Angst. Auf der einen Seite ist unser Handeln entscheidend – auf der anderen Seite werden wir handlungsunfähig, wenn wir nur noch auf uns starren und uns in den Grenzen unserer Möglichkeiten gerade jetzt und heute verfangen. Nach Gott rufen schützt vor dem Anspruch, es allein aus eigener Kraft schaffen zu müssen und dann unter dem Druck alle Kraft zu ersticken. Nach Gott rufen erleichtert. Von ihm nicht zu lassen macht leicht.
Noch einmal zum Weinwunder in Kana. Erinnern sie sich? Die Festgesellschaft merkt gar nicht, dass der Wein je alle war. Sie sieht nicht, was hier geschehen ist – nur Maria und die Kellner und der Chef der Küche wissen Bescheid. Also jene im unmittelbaren Umfeld Jesu. Aber was geschieht, hat dennoch Auswirkungen auf alle. Nicht weil die Party einfach weitergeht. Sondern weil die Freude unter anderen Vorzeichen steht. Was Jeremia über Gott sagt bleibt gültig. Wir haben Gott nicht sicher. Aber wir vertrauen darauf, dass er immer wieder unser Gast sein wird. Dann, wenn wir eine Durststrecke vor uns haben. Wir, die wir die ganze Geschichte gehört haben, wissen das nun auch.
Haben wir die innere Stärke, die Spannung auszuhalten, zwischen – einerseits – der ernsten Analyse der Lage, dem harten Blick auf die Realitäten, der Einsicht, was daran an uns liegt, unserer Lebensweise und damit in unserer Verantwortung. Und – andererseits – der begründeten Freude, die sich einstellt, wenn wir annehmen, dass Gott immer wieder da sein wird. Sei es auch nur als Wanderer, der über Nacht bleibt.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.
KR Lüder Laskowski