Predigt zu Hebräer 13, 1-3
- 19.07.2026 , 7. Sonntag nach Trinitatis
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Der Predigttext steht im Hebräerbrief im 13. Kapitel
Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.
Liebe Gemeinde,
jetzt in der Urlaubszeit trauen wir uns, mal fremd zu sein. Wir fahren in ein Land, in dem wir noch nicht gewesen sind, staunen über eine Sprache, die wir noch nicht beherrschen, wundern uns über andersartige Gepflogenheiten, ungewohntes Essen, seltsame Gewohnheiten.
Im Urlaub finden wir das meistens ganz interessant. Wenn es nicht zu viel wird, zu bedrohlich. Wenn wir unser Zimmer dennoch in einer vertrauten Hotelkette gebucht haben, oder unser eigenes Auto dabei haben, oder zumindest in einer Gruppe von vertrauten Menschen unterwegs sind.
Alleine, ungeplant, ohne Anknüpfungspunkte ist das schon aufregender. Und wenn wir gezwungen sind, als Fremde irgendwo unterzukommen, dann kann das eine große Herausforderung sein. Meine Mutter ist mit Schwester, Mutter und Großmutter 1945 aus Schlesien geflohen. Sie hatten Glück, sie kamen bei Verwandten in Niedersachsen unter – aber waren dennoch fremd. Alles neu. Alles anders. In einem Land, das sich gerade auflöste und von vorn anfing. Sie waren Fremde. So wie heute viele Flüchtlinge, in Deutschland und anderswo. Sie sind wirklich fremd.
Das ist die eine Seite. Und die andere?
Was erleben Sie, wenn Sie hier, wo Sie wohnen, einem Fremden begegnen. Mal ganz ehrlich. Jemandem, der von ganz woanders herkommt. Der ganz anders aussieht, ganz andere Kleidung anhat, ganz anderes Essen mag. Anders riecht als wir. Den wir nicht unmittelbar verstehen.
Was geht da in uns vor? Werden wir unruhig? Oder verwundert? Stellen wir ihm, ihr oder uns Fragen? Fühle ich mich fern von ihm, gibt es eine Art Barriere?
Möchte ich helfen? Oder denke ich, braucht der oder die denn überhaupt Hilfe? Vielleicht will er das gar nicht. Soll ich ihn mit hineinnehmen, ins Haus einladen, in mein Umfeld? Oder sucht er seinen Weg, oder das richtige Wort?
Oder bin ich neugierig? Was ist das für einer? Wie lebt der oder die wohl? Komme ich mit ihm oder ihr ins Gespräch? Lerne ich etwas Neues, Hilfreiches, Spannendes? Kann ich meinen Horizont erweitern? Kann ich eine andere Welt entdecken? Komme ich aus dem immergleichen raus, zumindest für den Moment der Begegnung?
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Liebe Gemeinde
Der Predigttext stammt aus dem „Brief an die Hebräer“. Man weiß nicht so genau, wer diese Hebräer gewesen sein sollen. Diese Bezeichnung ist erst später dieser Schrift beiseite gestellt worden, sie gehört nicht zum ursprünglichen Text.
Aber aus dem, was da an die Hebräer geschrieben wird, können wir uns zusammenreimen, was diese Gemeinde beschäftigt hat, wie sie drauf war, wo ihre Probleme waren.
So wird beschrieben, dass die Gemeinde in der Vergangenheit vorbildlich in der Nächstenliebe gewesen sei, dann aber schwere Leidenskämpfe erduldete und ihrer Besitztümer beraubt wurde. Dies alles habe sie verunsichert, manche stünden in der Gefahr, vom Glauben abzufallen, schwerhörig, träge, müde und verbittert zu werden, und schließlich die Gottesdienste zu verlassen und ihre Zuversicht zu verlieren.
Es ist eine müde Gemeinde, die kraftlos wird, die kleiner wird, die ratlos ist, wie es weitergehen soll.
Klingt das vertraut?
Verunsicherung, Übermüdung, Überlastung. Marginalisierung. Leerer werdende Gottesdienste. Schwindende Einnahmen. Personalabbau.
Die Gemeinde der Hebräer und unsere sächsische Situation sind sich nicht so unähnlich.
Der Hebräerbrief versucht dieser Gemeinde, die wir nur in Umrissen kennen, die aber unserer Gemeinde heute irgendwie ähnlich erscheint, Rat und Hilfe zu geben.
Es ist eine ganze Reihe von Hinweisen und Ratschlägen. Einer davon fällt besonders auf: Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
Kümmert Euch um die Fremden. Die Anderen. Nehmt sie auf. Versorgt sie. Gebt ihnen eine Heimat. Denn unter ihnen sind Engel. Unter ihnen verbirgt sich Gott.
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Liebe Gemeinde,
In der deutschen Gesellschaft 2026 besteht ein großes Gefühl der Verunsicherung, der Übermüdung, Frust und Pessimismus greifen um sich, eine Ahnung davon, dass die Welt sich ändert und vieles, was uns lieb und selbstverständlich war, in der Zukunft vielleicht nicht mehr so sein wird: Zusammenhalt, Demokratie, eine gemäßigte Natur, Frieden. Alles in Frage gestellt.
Da wird nach Wegen gesucht, das festzuhalten, was wir haben, das einzukreisen, was unsere Identität war, krampfhaft nach Sicherheit und geregelten Sitten und Gebräuchen zu greifen. Vergangenes zu idealisieren, auch lange und zu Recht Vergangenes.
Und da regt sich die Vorstellung, man müsse dies unter Seinesgleichen tun, schauen, wer das Recht hat, dazuzugehören, wer die richtige Sprache spricht und die richtige Hautfarbe hat und die richtige Religion. Und alle anderen müssten eigentlich draußen bleiben, weil sie anders sind und sich den Regeln widersetzen und anders riechen und womöglich andere Gene haben. Überfremdung ist das, wovor man Angst hat.
Halt – sagt der Hebräerbrief. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
Die Engel verbergen sich unter den Fremden. Gott erscheint uns im Fremden.
Macht Euch nicht zu. Verschließt euch nicht. Schottet Euch nicht ab. Sondern sucht das Fremde. Das hören wir heute als biblische Botschaft.
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Liebe Gemeinde,
Auch das noch – in der Thomaskirche und der ganzen sächsischen Landeskirche. Fremde aufnehmen?
Neu Zugezogene, sogar Pfarrer aus Franken oder Thüringen, einen Thomaskantor aus der Schweiz., einen Amerikaner als Pastor in Residence. Na, oder wirklich Fremde: Menschen, die anders denken, anders glauben, anders sind. Die das Evangelium anders verstehen, die Liturgie anders kennen, Theologische Fragen anders beantworten.
Ist das ein extra Aufwand, eine zusätzliche Anstrengung? Oder eine extra Chance? Ja, wir müssen uns darum kümmern, das zu bewahren, was wir haben. Und ja, wir wollen Neues aufnehmen.
Wir wollen uns öffnen: Öffnung auf das Neue, das Fremde, wollen fremde Menschen willkommen heißen, fremde Meinungen in Betracht ziehen. Wollen neue Ansichten in den Blick nehmen, ganz ungewohnte Ansichten. Wir wollen freies Denken wiederbeleben, aus der Enge unserer Sitten und Gebräuche heraustreten, unsere Traditionen überdenken.
Unser Predigttext meint:
Wenn wir das tun, dann ist es, als ob wir Engel beherbergen. Wie schön, wie einladend, wie herausfordernd klingt das denn?
Gott kommt unter im Gewand der Fremden. Das Neue kommt und damit kommt Gott. Offenheit für das Neue und Fremde ist Offenheit für Gott und seine Zukunft.
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Liebe Gemeinde,
es geht immer um Menschen, und immer wenn es um Menschen geht, geht es um Gott.
Es geht immer um schwache Menschen, um die Heimatlosen, die Gefangenen, die Misshandelten. Um die kümmern wir uns. Die laden wir ein. Die speisen wir. Die befreien wir. Denen geben wir ein neues Zuhause. Weil wir selbst auch so sind: verirrt, verheddert im Alltag, geplagt von unseren Sorgen, unseren kleinen und großen Ängsten, unserer Furcht vor dem Tod. Und wie sagte man früher so schön: Jeder Mensch ist Ausländer – fast überall.
Wenn wir uns um diese Menschen, die Heimatlosen, die Gefangenen, die Misshandelten, sorgen, sie einladen, sie zu uns ziehen, dann lässt sich Gott umsorgen, lässt sich Gott einladen.
Mit diesen fremden Menschen, denen am Rande, denen im Dunkeln, denen in Trauer, denen die uns nicht verstehen, denen die anders sind als wir und uns dann doch so ähnlich sind – mit diesen Menschen kommt Gott. In ihnen beherbergen wir Engel.
Hier entsteht Zukunft. Hier leuchtet der Himmel auf. Hier beginnt das Reich Gottes.
Christen glauben ja, dass Gott sich in diesem Kreuz von Golgatha offenbart hat: fremd und vertraut zugleich, misshandelt und geheilt zugleich, gebunden und befreit zugleich.
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Im Anschluss feiern wir das Abendmahl.
Es ist offen für alle. Bei uns gibt es keine Abgrenzung, wie das manche lutherischen Gruppen praktizieren, wo nur vertraute Gemeindeglieder teilnehmen dürfen, solche die der Norm entsprechen.
Unsere Einladung, Gottes Einladung ist offen, für alle, die schon zu uns gehören und alle, die noch kommen, heute und in Zukunft. Denn im Abendmahl mit dem Fremden kommt Gott.
Das war so in Mamre, als drei Männer zu Abraham kommen und ihm verkünden, dass er noch einmal Vater wird, und diese Verheißung den Anfang eines neuen Volkes setzt. Es war ein Besuch der Engel.
Das war so am Grab des Gekreuzigten, als der Fremde den ratlosen Frauen die Botschaft von der Auferstehung Jesu verkündigt – eine Engelsbotschaft.
Das war so auf der Straße nach Emmaus, als der fremde Mann mit den Jüngern das Brot teilt und die plötzliche Erkenntnis aufbricht – das war unser Herr, der Auferstandene selbst.
Und das ist so, wenn wir beim Glaubenskurs oder beim Tischabendmahl oder beim Bibelkreis noch den einen Stuhl frei lassen, damit Er dazustoßen kann, Er, der eigentlich nicht dazugehört und dennoch das Zentrum ist.
Es geht um neue Gemeinschaft. Neue Zukunft. Neue Gottesbegegnung.
Das ist die gute Botschaft, das Evangelium für unsere Gemeinde, die manchmal so müde ist. Das ist die politische Botschaft für unsere Gesellschaft, die so kleinlaut und engstirnig erscheint.
Öffnet Euch. Gebt dem Fremden eine Chance. Vertraut dem Anderen.
Und, bitte, schaut dem Mitmenschen, sei es ein Fremder oder Vertrauter, ins Gesicht. Denn sein oder ihr Antlitz ist das Antlitz Gottes. Er und sie sind erschaffen nach seinem Bilde. Nach seinem Bilde schuf er uns. Sie sehen uns an, wir sehen sie an, und Gott ist mittendrin.
Amen.
Fürbitten
Herr unser Gott,
als Fremder kommst Du zu uns, im Anderen finden wir Neues, in den Heimatlosen, den Gefangenen, den Misshandelten offenbarst Du Dich uns – Du gekreuzigter und auferstandener Herr.
Komm uns nahe und hilf uns.
Hilf uns, dass wir offen werden für das Andere, das Fremde, das Unverständliche. Gib uns Geduld mit dem Gegenüber und mit uns selbst. Schenke Reden und Hören, Neugier und Beharrlichkeit, Mut und Zuversicht.
Lass uns eine Gesellschaft werden, die auf alle Menschen zugeht, sie willkommen heißt, sich für sie interessiert, in jedem und jeder das Kostbare sehen und annehmen kann. Jenen, die von Hass und Neid geplagt werden, die sich verführen lassen von selbsternannten Heilsbringern, die ihren Frust und ihre Angst nicht aushalten, schenke Linderung des Schmerzes, ein Ende des Gefühls, zu kurz zu kommen, Mitleid und Zuneigung zu den anderen, den Fremden, den Schwachen.
Gib uns als Kirche und als Kirchengemeinde Mut und neue Ideen. Lass uns sehen auf die Kirchen der weltweiten Ökumene, von ihnen lernen, an ihnen wachsen. Wehre dem Pessimismus, diesem Ausmalen von Untergangsszenarien, den Verteilungskämpfe, den gegenseitigen Schuldzuweisungen.
Lass uns sehen auf unseren Mitmenschen, den oder die, die da neben mit sitzt, die ich kenne oder die mir fremd ist. Dein Antlitz ist hineingemalt in das Gesicht meines Gegenübers – lass es uns immer wieder erkennen. Blicke freundlich auf uns, Du Gott unseres Lebens.
Amen.