Predigt über Predigt über Markus 7,31-37

  • 22.08.2021 , 12. Sonntag nach Trinitatis
  • Pfarrer Martin Hundertmark

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

Jesus als Zauberer, der mit Spucke und Handauflegen den Kranken heilt, ein Wunder vollbringt. Wer`s glaubt, wird selig!

Mit solchen Wundern tut sich der aufgeklärte Mensch schwer. Schwer fällt es, diese Handlungsweise nachzuvollziehen. Erklärungen gibt es nicht. Wissenschaftliche Untersuchungen diesbezüglich würden ins Leere laufen. Zweifel und Skepsis überwiegen. Sie wiegen vielleicht schwerer als der Glaube daran, dass diese Geschichte wahr ist. Das war bei den damaligen Zuhörern kaum anders als heute. Ihr ungläubiges Staunen schafft sich Raum, indem in Windeseile erzählt wurde, was sich da zugetragen hat.

Jesus öffnet, was verschlossen gewesen ist.

Er löst, was gefesselt war. So dringt er in neue Räume vor, nicht nur geographisch, und ermöglicht am Leben teilzuhaben. Das ist zum Wundern.

Ohren öffnen

„Hefata“ – ein Zauberwort öffnet verschlossene Hörräume? Wohl eher nicht. Jesus öffnet den Verschlossenen mit seiner Zuwendung und mit seiner Nähe. Jesus nimmt ihn zur Seite, um sich ihm ganz zuzuwenden. Jesus bietet keine öffentliche Show vor den gierigen Augen der Menge. Ihr wendet er sich nach dieser Heilungsgeschichte zu – ebenfalls mit einem Wunder.

Es wird das Wunder der Brotvermehrung sein.

Das, was krank ist heilt Jesus durch Nähe und Berührung. Ein ganz intensiver Moment entsteht.

Hier, liebe Gemeinde, entdecke ich einen Pfad, auf dem zu gehen es sich lohnt. Es ist nicht der Pfad der Vernunft und Erkenntnis, wobei an seinem Ende die Erkenntnis stehen könnte. Vielmehr ist es ein Erlebnispfad. Wir erleben die direkte Zuwendung Gottes durch seinen Sohn Jesus Christus auf persönlichste Weise.

Das sollten wir dem Taubstummen lassen.

Es ist sein Wunder, nicht meins. Ich muss es nicht verstehen, darf aber darüber staunen, was alles passieren kann in der Begegnung mit Gott.

Der Apostel Paulus würde ein Lied davon singen können. Auch ihm wurden neue Wahrnehmungsräume eröffnet. Mit eigenen Augen konnte er sehen, wohin er sich wenden sollte – hin zu denen, die von Gott noch nichts wissen können, anstatt mit Eifer und Zorn die engen Grenzen der Religion zu verteidigen.

In der persönlichen Zuwendung durch Gott steckt die wundersame Kraft für Veränderung. Wie bei so vielen Aspekten biblischer Geschichten, gilt auch hier: Wer das Geschehe absolut setzt, der wird dem Kern der Heiligen Schrift nicht gerecht. Das persönliche Bekehrungserlebnis wie bei Paulus oder dem Taubstummen Heiden ist nicht die alleinige Voraussetzung, dass aus diesen beiden Christen werden. Es ist ein Weg neben vielen anderen Wegen.

Das heißt: Auch ohne solch ein intimes, persönliches Bekehrungserlebnis kann ich Christ sein. Hier wird nicht unterschieden zwischen guten und nicht so guten Christen. An solchen Erlebnissen eine Trennungslinie für wahres und echtes Christsein ausmachen zu wollen, ist nicht sachgerecht.

Wenn nun das Erlebnis des Taubstummen sein persönliches Erlebnis bleiben kann, sein Wunder und nicht mein Wunder, dann stellt sich aber eine Frage: Wo komme ich in der kurzen Erzählung des Evangelisten selber vor?

Sicherlich am ehesten im ungläubigen Staunen und Zweifeln der Menge.

Ob sich jenes immer in Lob verwandeln lässt?

Gehen wir weiter auf dem Erlebnispfad.

Da entdecke ich eine Frage, die aus der Geschichte herausspringt:

Was bewirkt heute bei mir veränderte Verhaltensweisen? Was führt mich zurück in Lebenszusammenhänge, die lohnenswert sind, weil sie mich teilhaben lassen an Gemeinschaft?

Es ist Gottes schöpferisches Tun.

Eine interessante Parallele zum ersten Buch Mose ist hier zu entdecken: „Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht.“

Jesus spricht: „Hefata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.“

Schöpferisches Wort Gottes verwandelt, indem es ausgesprochen wird. Da gibt es keinen Zwischenraum. Tue dich auf – und sogleich geschieht es!

Das ist ein Wunder, dem ich nachfolgen kann, ohne es erklären zu wollen oder zu müssen.

In der Alltagsbegegnung mit Gott ereignet sich Schöpfung. Von ihm angestoßen zu werden durch Wort oder Bild, durch Begegnungen mit anderen Menschen bewirkt, dass ich mich verändere. Dafür braucht es das offene Ohr und die klare Sicht.

Sprachfähigkeit wieder herstellen

Sprachlos machen uns die Bilder aus Afghanistan, wo seit zwanzig Jahre nichts gut ist.

Sprachlos macht uns das Handeln der politisch Verantwortlichen, die versuchen das Schwarze-Peter-Spiel zu perfektionieren. Es reicht leider nicht aus, Maßanzüge zu tragen, um ein guter Außenminister zu sein. Und es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft die freundschaftliche Verbundenheit zur Kanzlerin nicht mehr das alleinige Einstellungskriterium für das Amt der Verteidigungsministerin ist. 

Die Kritiker des von Anfang an zum Scheitern verurteilten militärischen Einsatzes in Afghanistan wurden immer wieder in die Ecke gestellt oder galten als Nestbeschmutzer. Wenn unsere Freiheit wirklich am Hindukusch verteidigt wird, dann doch wohl so, dass jetzt alles dafür getan werden müsste, um junge bildungsaffine Frauen vor Zwangsverheiratung zu schützen. Betroffen macht die Nachricht einer Schulleiterin einer Mädchenschule, dass sie alle Unterlagen hat verbrennen lassen, damit den Familien durch die Taliban kein Schaden entsteht, damit nicht nachverfolgt werden kann, wer sein Recht auf Bildung als Frau wahrgenommen hat.

Eine reine Notmaßnahme aus purer Verzweiflung heraus.

Unsere Schulen stehen offen. Holen wir diese Menschen, um ihnen Bildung und Freiheit zu schenken, damit sie selber entscheiden können, wie sie ihr Leben gestalten wollen.

Nicht die afghanischen Frauen müssen sich ändern, sondern die islamistischen Terroristen der Taliban.

Zweifel, ob es dafür einen Weg gibt, sind mehr als angebracht. Sprachfähigkeit wieder herstellen heißt auch, in Worte zu fassen, was sich kaum jemand traut, auszusprechen. Und dazu zählt für mich die bittere Wahrheit, dass das System der Taliban auch in weiten Teilen der männlichen Bevölkerung tief verwurzelt ist.

Sie ist nicht nur Opfer. Und geben wir uns bitte nicht der Illusion hin, dass solcherlei Denken an unseren Grenzen einfach Halt macht.

Den Taubstummen Heiden macht Jesus wieder sprachfähig. „Er redetet richtig.“ Das nun folgende Verbot, davon nicht weiterzuerzählen läuft ins Leere. Jesus weiß das eigentlich. Es ist der Kunstgriff, über ein Verbot von dem ich weiß, dass es nicht eingehalten werden wird, genau das Gegenteil zu erreichen. Evangelium breitet sich aus, indem es erzählt wird. So erzählt der nun Geheilte von der liebenden Zuwendung durch Gott. Und alle stimmen mit ihm ein. Das Wunder ereignet sich darin, dass dem Menschen seine Sprachfähigkeit wiedergegeben wird.

Jetzt kann er dort reden, wo Sprachlosigkeit vorherrscht.

Wenn wir nun Zuwendung durch Gott erfahren, ist es gewissermaßen der logische Schritt, nicht mehr stumm zu bleiben, sondern richtig zu reden.

Vertrauen aufbringen – Wunder gibt es immer wieder

In der Geschichte vom Taubstummen ereignet sich neben der Heilung an sich noch ein weiteres Wunder: Einige Menschen sind für den Taubstummen zum Ohr und zum Mund geworden und brachten ihn zu Jesus. Da, wo der kranke, in sich verkrümmte und von der eigenen Sprachlosigkeit gefesselte Mensch nichts mehr tun kann, braucht es die helfenden Mitmenschen. Sie suchen nach Hilfe, hören sich um. In Jesus Christus setzen sie ihre Hoffnungen. Es sind Hoffnungen auf ein Wunder. Nicht aber für sich selbst, sondern für den anderen.

Die Bereitschaft einiger deutscher Städte, jetzt unkompliziert und ganz schnell Flüchtlinge aus Afghanistan aufzunehmen macht Mut und lässt hoffen.

Jesus ließ dem Heiden die gleiche Aufmerksamkeit zukommen, wie anderen Menschen. Er machte keinen Unterschied aufgrund einer Volkszugehörigkeit oder Religionszugehörigkeit. Diejenigen, die den Taubstummen zu ihm brachten, vertrauten darauf. Indem Jesus den Kranken ansieht als das was er ist – Geschöpf Gottes, Menschenkind, beginnt schon die Verkündigung. Gottes Liebe gilt allen und besonders denen, die Hilfe brauchen. Dieses Beispiel ist Trost und Verpflichtung zugleich.

Ich muss nicht an Wunder glauben, wenn der Verstand zweifeln will. Aber ich darf darauf vertrauen, dass Gott die Herzen bewegen kann durch andere Menschen. Darin zeigt sich das Wunder seiner Schöpfung. Wen er dafür aussucht, wer kann es wissen? Wie das zur Sprachen kommen kann? Die Wege sind vielfältig. Freuen wird uns darauf, sie mit diesem wunderstarken Gott zu gehen.

Amen.