Predigt über Matthäus 10, 26-33
- 31.10.2026 , Reformationstag
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
Predigt zum Reformationstag 31. Oktober 2026, St Thomas Leipzig
Liebe Gemeinde,
Vielen Dank an den Thomanerchor und das Gewandhausorchester für diese gewaltige Bachkantate. Man wird mitgerissen von dieser Wucht und dem dahinterstehenden Gottvertrauen, das sowohl Martin Luther als auch Johann Sebastian Bach geprägt und geleitet hat. Nehmen sie uns den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, Lass fahren dahin, sie habens kein Gewinn, das Reich muss uns doch bleiben. Ich kenne viele Menschen, die bei dieser letzten Strophe aufgeben. Gehen wir so weit? Was können unsere Kinder und unsere Ehepartner dafür, wenn wir meinen, den status confessionis ausrufen zu müssen – also den Fall, dass unser Gewissen uns zwingt, zu handeln auf Kosten von Leib und Leben. Mein Leben? Vielleicht. Das meiner Kinder? Ich weiß nicht. Vielleicht ist es verständlicher in Zeiten, wo Weib und Kind Besitz waren. Heute verschlägt es mir an dieser Stelle die Sprache.Trotzdem ist dieser Text beeindruckend, berührend, faszinierend, und deshalb ist dieses Lied von der festen Burg das reformatorische Kampflied, das eine Lied, das so viel über die Identität der evangelischen Kirche, wie sie sein will, aussagt, dass wir es jedes Jahr singen und diesmal als Kantate gehört haben. Der 31. Oktober erinnert an den plakativen Auftakt einer Reihe von grundsätzlichen Impulsen, die Martin Luther in die damalige Kirche gegeben hat, die zu einer Reform führen sollten und dann doch in der Kirchenspaltung endeten – oder positiv ausgedrückt, in der Entstehung der evangelischen Kirche: 95 Thesen gegen den Ablass soll er an diesem Tag an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben. Und dann versandte er sie an den Erzbischof und an Freunde, die sie übersetzten und druckten und in die Welt verbreiteten. Luther hat in diesen Jahren grundsätzlich über Gott und die Kirche nachgedacht. Aus persönlicher Betroffenheit heraus hat er gehadert mit damaligen Lehren: Mit den Lehren vom Fegefeuer und vom päpstlichen Amt, mit dem Gottesbild und der Rolle Jesu Christi insgesamt. Er hat dies nicht als Theoretiker getan, sondern als unmittelbar Beteiligter, als Mönch, dem man immer gesagt hatte, er müsse immer besser sein als andere. Luther kämpfte mit sich selbst und mit der Kirche und erst allmählich wurde ihm klar, was zu tun ist. Aus dem persönlichen Ringen erklärt sich diese Wucht, die Wortgewalt. Luther dachte nicht nur mit dem Kopf, sondern genauso mit dem Herzen und mit dem Bauch. Bekennen hieß für ihn: persönlich aufstehen, hinstellen, Rede und Antwort stehen, Verantwortung zu übernehmen. Hier stehe ich, ich kann nicht anders – so soll er es am Reichstag zu Worms formuliert haben, 4 Jahre nach dem Thesenanschlag.
Der Predigttext für heute stammt aus der Aussendungsrede nach Matthäus, einer der großen Ansprachen Jesu an seine Jünger. Jesus ermutigt seine Jünger zu ihrem Dienst. Trotz Anfeindungen aller Art, sollen sie furchtlos seine Botschaft verbreiten.Ich lese aus dem Evangelium nach Matthäus im 10. Kapitel:
Jesus gebot seinen Jünger und sprach:] 26 Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. 28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29 Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. 32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.
Wofür brennen wir heute, was können wir bekennen? Säkular und geistlich? Mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden haben wir überlegt, was sie heute an die Kirchentür anhämmern würden, welche Forderungen sie aufstellen würden. Da kam viel Engagement für Klimaschutz, für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, gegen Diskriminierung, für ein besseres Bildungssystem, für weltweiten Zugang zu guter Gesundheitsversorgung und vor allem für Frieden. Hin und wieder wurde in unseren Gesprächen etwas von echtem Zorn und den wirklichen Sehnsüchten unserer Jugendlichen deutlich. Mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden haben diskutiert, was es heißt, sich zu etwas zu bekennen. Dazu zu stehen, was ich für wichtig halte. Ohne die Konsequenzen zu fürchten. Die Demonstrationen, die heute auch in Leipzig erwartet werden, betreffen ähnliche Themen, wichtige Themen. Hoffentlich bleiben sie friedlich, hoffentlich handeln die jungen Leute aus eigener Betroffenheit und nicht auf Kosten anderer.Was wären Ihre Überzeugungen heute? Das, wo Sie in Ihrem Glauben nicht von abweichen möchten? Haben Sie ein Thema, wo Sie der heilige Zorn packt, wo Sie loslegen, immer wieder, wenn das Gespräch darauf kommt? Luther damals erhob laut und bestimmt die Forderung, den Ablasshandel abzuschaffen, also die Praxis, den Menschen im Austausch für eine ordentliche Geldzahlung die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen. Für ihn war es ein Skandal, dass Geld oder Leistung den einfacheren Zugang zum Himmel verschaffen sollte. Im Gegenteil: Bei Gott geht es nicht um Beten als Sport, um Fasten als Höchstleistung und nicht um Übererfüllung der Normen. Rechtfertigung, also Anerkennung vor Gott, erfährt der Mensch allein aus Gnade, ganz ohne eigenes Verdienst. Gott ist nicht käuflich, Seine Liebe ist unbezahlbar. Seine Liebe macht uns fähig zu handeln.Für die Wiederentdeckung dieses christlichen Grundgedankens und die Verbreitung dieser Idee in der Öffentlichkeit nahm Luther dann wirklich alles in Kauf. Und er bekam Gegenwind. Oft, wenn andere heftig reagieren, ist das ja ein Zeichen dafür, dass wir an etwas Wichtigem dran sind.
Heftiger Gegenwind: Und wenn die Welt voll Teufel wär – so hat es Luther formuliert, und auch der Predigttext spricht von „dem, der der Leib und Seele verderben kann in der Hölle“.Wir sind heute mit der Vorstellung vom Teufel und von der Hölle etwas vorsichtig geworden, auch wenn dieses Bildprogramm neuerdings gerade am heutigen Tag ein Comeback hat: Halloween nennt man das. Manche Gemeinden feiern Gruselgottesdienste.Wir sprechen nicht mehr so überzeugt vom Teufel und der Hölle, aber wir kennen die Kräfte, die damit gemeint sind, die schwer fassbaren Mechanismen, die immer wieder das Böse hervorbringen: Das sind Mächte in Weltpolitik und in der Gesellschaft, das sind Angst und Frustration und Neid und Eifersucht, und das sind die dunklen Seiten in uns selbst. Manchmal fühlt es sich so an, als ob mich jemand an der falschen Seite packt und ich Dinge tue, von denen ich eigentlich weiß, dass sie falsch sind. Oft erlebe ich Wände, gegen die ich anrenne, und Beharrungskräfte, und --- das darf man auch sagen – wirklich bösartige, hinterhältige, leider manchmal sehr mächtige Menschen.Luther singt dagegen an. Diese negativen Kräfte sind nicht unüberwindlich. Glauben und Gottvertrauen schenken Kraft, dagegen anzugehen. Eine feste Burg ist unser Gott, trotz allem und in allem.
Liebe Gemeinde,
Jesus selbst, in unserem Predigttext, ruft seinen Jüngerinnen und Jüngern und damit uns allen zu: Fürchtet Euch nicht! Wir, seine Schwestern und Brüder, sind wichtig und kostbar. Was für ein schönes Bild: Wir sind viel kostbarer als die Sperlinge, diese kleinen Gesellen, die sich mutig in die Lüfte schwingen und sicher unterwegs sind. Die nicht fallen, nicht stürzen, sich nicht das Genick brechen. Wie viel mehr sind wir.Fürchtet Euch nicht, auch wenn Ihr Gegenwind spürt: Gott wird sich, wenn es darauf ankommt, zu uns bekennen – zu uns, die wir ihm vertrauen und uns auf ihn einlassen. Er steht zu uns, die wir dran sind, die negativen Kräfte, die wir von außen erfahren und die wir in uns spüren, in die Grenzen zu weisen. Gott ist die feste Burg – in die wir uns aber nicht zurückziehen, sondern von der aus wir uns selbstbewusst auf all das einlassen, was um uns herum passiert, die Herausforderungen, die Nöte, die Anfechtungen: das Leben, wie es ist.Die Grundlage ist die reformatorische Wiederentdeckung: Gott liebt uns. Er bestätigt uns unser Recht zu sein, zu leben und zu wirken: furchtlos, verantwortungsvoll und entschlossen.Das ist die Botschaft des Reformationstages. Jesus, Martin Luther und Johann Sebastian Bach sprechen uns das zu, und wir hören es.
Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Fürbitten
Gnädiger Gott, Du nimmst uns, wie wir sind. Bei Dir kommt es nicht auf Leistung an – Du liebst uns einfach so. Wir danken Dir. Hilf uns dabei, diese Freiheit, diese Entlastung zu spüren und wirken zu lassen jeden Tag. Mach uns frei, für das Gute zu streiten.
Für Respekt und Achtung der Menschenwürde. Für die Gleichberechtigung aller Menschen. Für Offenheit gegenüber Fremden und solchen, die anders sind. Für die Lebensmöglichkeiten von Menschen mit und ohne Behinderung. Für die Zukunft der jungen Generation. Für ein friedliches Zusammenleben. Wir bitten Dich: Nimm uns die Furcht vor anderen Meinungen, vor Widerstand, vor Bedrängnis. Gib uns Mut, zu unserem Standpunkt zu stehen, zu hinterfragen, was etabliert ist, Neues zu wagen. Wir danken Dir für die Frauen und Männer, die uns im Glauben vorangegangen sind, die mutig und stark waren, die unsere Kirche gebaut und geprägt haben. Wir bitten Dich: Sei mit jedem und jeder von uns in seinen und ihren ganz privaten Sorgen und Ängsten, den Hoffnungen und Träumen.
Wir beten gemeinsam, wie Jesus, unser Herr und Bruder, uns gelehrt hat.