Predigt über Markus 2,23-28

  • 18.10.2026 , 20. Sonntag nach Trinitatis
  • The Reverend Dr. Robert Moore

The Reverend Dr. Robert Moore, Pastor in Residence

Predigttext: Markus 2,23-28 Das Ährenraufen am Sabbat

Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? 25Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat. 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unsern Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Diejenigen unter euch, die schon einmal in den USA waren, wissen, wie großzügig und landschaftlich schön die meisten Universitätsgelände in den Vereinigten Staaten angelegt sind. Das gilt auch für den Campus der Lane University im Bundesstaat Tennessee. Dort ereignete sich, dass die Studierenden nicht auf den markierten Gehwegen von Gebäude zu Gebäude gingen, sondern den kürzesten Weg nahmen und über den Rasen liefen, obwohl Schilder darauf hinwiesen, dass man den Rasen nicht betreten darf. Dr. Wesley Cornelious McClure, ein prominenter schwarzer Bürgerrechtler und Hochschulverwalter, ließ die Gehwege neu anlegen. Sie entsprachen den tatsächlichen Wegen, die von den Studierenden und Dozenten bei ihren täglichen Wegen auf dem Campus gebildet wurden. Zwar ist McClure vor allem für seine Führungsrolle im Hochschulwesen und im Bürgerrechtskampf bekannt, doch diese konkrete Maßnahme, die Gehwege auf dem Campus an die tatsächlichen Wege der Studierenden anzupassen, stand im Zusammenhang mit seinem umfassenderen Engagement für eine Studierenden zentrierte Campusgestaltung und Barrierefreiheit. Die Maßnahme spiegelte seine Überzeugung wider, dass ein Campus so gestaltet werden sollte, dass sie den Bedürfnissen und Erfahrungen der Studierendenschaft entsprechen – ein Grundsatz, der im Einklang mit seinem Einsatz für Bürgerrechte und seinem Fokus auf fairen Zugang und Würde für alle Studierenden stand. Für McClure waren die Gehwege für die Studierenden da und nicht die Studierenden für die Gehwege. In diesem Sinne können wir im Handeln von McClure die Erzählung von Jesus und seinen Jüngern beim Ährenraufen am Sabbat wiederentdecken. In der judischen Tradition haben das Volk Israel die „Tora“, die wir fast immer als Gesetz übersetzen. Aber Tora bedeutet auch Weisheit, Unterweisung, Orientierung und Leitung. Wir haben im Psalm gehört:

Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln! Wohl denen, die sich an seine Zeugnisse halten, die ihn von ganzem Herzen suchen, die auf seinen Wegen wandeln und kein Unrecht tun. Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz. (Psalm 119,2-3.18)

Die Tora, also das Gesetz, ist das Geschenk Gottes an Israel. Sie zeigt dem Volk, was der Wille Gottes ist, und wie der Mensch sein Leben gestalten soll, so dass es dem Willen des Schöpfergottes entspricht. Das Gesetz zeigt den Weg, bei dem der Mensch durch das Leben im Frieden (Schalom) wandelt. Das ist auch der Sinn des Wochenspruchs aus dem Prophetenbuch des Micha: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott." (Micha 6,8)

Jeder Jude und jede Jüdin lebt in der Gewissheit, dass die Tora dem Leben den Sinn verleiht, den Gott uns durch sein Wort wissen läßt. Der Mensch nutzt das Gesetz, um die Form des Lebens anzunähern, die Gott uns haben will. In dem Fall, dass das Folgen des Gesetzes zu einem falschen Ziel führt, muss der Jude oder die Jüdin „Liebe üben“ um den Wille Gottes zu erfüllen. Genau das tut Jesus in der Erzählung heute. Jesus und seine Jünger sind am Sabbat unterwegs und gehen durch ein Kornfeld. Die Pharisäer, die schon Jesus für verdächtig halten, kritisieren die Jünger, da sie ernten die Ähren am Sabbat. Das heißt, sie achten den Sabbat nicht, weil sie arbeiten. Eigentlich übertreiben die Gegner, was hier passiert. Offensichtlich ernten die Jünger das Kornfeld nicht. Sie machen, was das Gesetz erlaubt. Sie lesen die Ähren und essen sie, weil sie Hunger haben. Das ist erlaubt.

Warum aber übertreiben es die Pharisäer mit dem Gesetz? Nicht darum, dass die Jünger wirklich das Feld ernten. Nein, sie wollen Jesus als einen Sünder diffamieren. Doch Jesus antwortet seinen Gegnern mit einer Erinnerung an David. Dieser war auf der Flucht vor dem König Saul. Seine Soldaten hatten Hunger. Der Priester hat ihnen das heilige Brot der Gegenwart Gottes am Sabbat gegeben, was nur die Priester essen durften. Jesus behauptet, wenn David das gemacht hat, denn dürfte Jesus als Nachkomme Davids am Sabbat die Ähren von dem Kornfeld nehmen und essen. Anstatt zu argumentieren, dass die Jünger eigentlich gar nicht ernten, scheint Jesus in den Versen 25–26 die Schlussfolgerung zu akzeptieren, dass sie doch ernten, und argumentiert, dass es den Hungrigen erlaubt ist, am Sabbat zu ernten.

Dann sprach Jesus den berühmten Satz: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. (Markus 2,27)

Diese Position geht nicht so weit, das Gebot, am Sabbat nicht zu arbeiten, wie es im 1. und 5. Buch Mose steht, abzulehnen. Aber sie liefert ein Kriterium für die Auslegung dieses Verbots. Das Kriterium lautet: Jede Arbeit, die ein grundlegendes und unmittelbares menschliches Bedürfnis befriedigt, ist am Sabbat erlaubt, da dieses Bedürfnis Vorrang vor dem Arbeitsverbot am Sabbat hat. (Collins, A. Y., & Attridge, H. W. (2007). Markus: Ein Kommentar zum Markusevangelium (S. 203). Fortress Press.)

Liebe Schwester und liebe Brüder, der bedeutende Tübinger Theologe, Ernst Käsemann (1906-1998) erwähnt in seinem Buch, „Der Ruf der Freiheit“, die folgende Geschichte, welche ihm in Amsterdam erzählt wurde. Holland wurde 1952 von schweren Stürmen und Überschwemmungen heimgesucht. Nun sahen sich die Menschen zum einen den Naturgewalten ausgesetzt, zum andern fühlen sich holländische Christen streng gebunden an die Gebote, auch das Feiertagsgebot. An einem Sonntag war es besonders dramatisch. Die Deiche mussten verstärkt werden, wenn die Bewohner überleben sollten. Die Polizei benachrichtigte den Pfarrer, der sich nun in einem religiösen Dilemma befand. Sollte er die Menschen seiner Gemeinde, die ihm anvertraut waren, zusammenrufen und sie zur notwendigen Arbeit anweisen, wenn das bedeutete, den Sabbat zu entweihen? Sollte er sie im Gegenteil dem Untergang überlassen, um den Sabbat zu ehren? Die Last, eine persönliche Entscheidung treffen zu müssen, war ihm zu groß, und so berief er den Kirchenrat ein, um sich zu beraten und zu entscheiden. Die Diskussion verlief so, wie man es sich vorstellen kann: Für die mesiten war unstrittig, dass Gottes Willen zu erfüllen ist. Gott, der allmächtig ist, kann jederzeit ein Wunder mit dem Wind und den Wellen vollbringen. Des Menschen Pflicht ist Gehorsam. Der Pfarrer versuchte es mit einem letzten Argument, vielleicht entgegen seiner eigenen Überzeugung: Hatte nicht Jesus selbst gelegentlich das vierte Gebot gebrochen und erklärt, dass der Sabbat für den Menschen gemacht sei, nicht der Mensch für den Sabbat? Daraufhin stand ein zerbrechlich wirkender alter Mann auf: „Es hat mich schon immer beunruhigt, Herr Pfarrer, etwas, das ich mich bisher noch nie getraut habe, öffentlich auszusprechen. Jetzt muss ich es sagen. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass unser Herr Jesus ein bisschen liberal war.“

Jesus ein Liberaler? Oder Jesus ein Mensch, der das tut, was jetzt anliegt und dem Menschen und der Menschlichkeit angemessen ist? Es ist klar, dass Jesus die Torah liebte - aber nur als Hilfsmittel, damit wir Menschen uns den Willen Gottes vorstellen können. Das Gesetz ist nicht Gott, und das Gesetz soll nicht benutzt werden als Mittel, um unser Leben vor Gott und unseren Mitmenschen zu rechtfertigen. Wir sollen das Gesetz Gottes nicht ausnutzen, andere Menschen zu kontrollieren, zu ängstigen oder uns anzumaßen, zu einer überlegenen Gruppe zu gehören.

Genau das geschieht bei der politischen Instrumentalisierung des 5. Gebots – „Du sollst nicht töten“ – in Amerika im Zusammenhang mit der Abtreibungsfrage. Die Frage stellt sich in Fällen, in denen das Leben der Mutter durch den Fötus bedroht ist. Die römisch-katholische Kirche hatte stets gelehrt, dass das Leben der Mutter zum Wohle des Fötus geopfert werden müsse. Protestanten betrachteten solche Situationen im Allgemeinen als eine private Angelegenheit, die die Familien selbst regeln müssen – manchmal auch durch eine Abtreibung. Als die politische Rechte darauf drängte, Abtreibung zu einem zentralen politischen Thema zu machen und mit der Machtfrage zu verbinden, versuchte sie, die katholischen Wählerinnen und Wähler für sich zu gewinnen und die Evangelikale und Fundamentalisten zu radikalisieren, um ihren Weg an die Macht in den USA zu sichern. Leider hat dieses Thema zu einer Spaltung der amerikanischen Gesellschaft geführt, in der die als „schwarz-weiß“ angesehene Frage den Namen „Pro-Life“ erhielt, als wäre jeder, der Abtreibung zulässt, „Anti-Life“ wäre. Nur wenige Menschen sind für Abtreibung, aber eine Mehrheit der Amerikaner hat erkannt, dass der tragische Fall einer Abtreibung manchmal die richtige Option ist, wenn auch eine verheerende. Die Kirchen, die sich in dieser Frage geweigert haben, sich der radikalen Rechten anzuschließen, wurden oft diffamiert, als würden sie das Recht des Ungeborenen auf Leben nicht ausreichend verteidigen. Jetzt, acht Jahre nachdem der Oberste Gerichtshof das Recht der Frauen auf Abtreibung gekippt hat, erleben wir einen massiven Mangel an medizinischer Versorgung für Frauen in gefährlichen gesundheitlichen Notlagen. Ärzten droht eine strafrechtliche Verfolgung, sollte ein Fötus unter ihrer Obhut sterben. Das Ergebnis ist eine Atmosphäre der Angst und Geheimhaltung, wenn es darum geht, unter diesen Umständen angemessene medizinische Versorgung zu finden.

Die amerikanische Gesellschaft, Familien und Frauen, brauchen ein Gesundheitssystem, das den komplexen und schmerzhaften Situationen während der Schwangerschaft und Geburt gerecht wird. In einem solchen System spielen Priester, Pastoren, Rabbiner und andere Geistliche eine mitfühlende Rolle, indem sie Frauen und Familien so unterstützen. Sie haben wie Jesus den ganzen Menschen gesehen und haben das Gesetz nicht zur Rechtfertigung einer möglichen Hartherzigkeit genutzt. Nein, die haben den Ruf des Propheten Micha gehört: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott." (Micha 6,8)

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser Verstand, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.