Predigt über Lukas 9,57–62

  • 08.03.2026 , 3. Sonntag der Passionszeit - Okuli
  • Pfarrer Dr. Janning Hoenen

PDF zur Predigt HIER

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Als der Barkeeper in der dunklen Kneipe am Hafen dem alten Smith seinen dritten Whisky eingeschenkt hatte – natürlich einen teuren schottischen single malt – ging hinter ihm geräuschlos die Tür auf und ein Mann in mausgrauem Overall trat herein. Smith spürte den Lauf der Smith & Wesson M&P in seinem Rücken und erbleichte. „Folgen Sie mir unauffällig“, raunte ihm der Mann mit heiserer Stimme zu, und ergänzte finster: „Wenn Dir Dein Leben lieb ist…“. Smith überlegte kurz – sollte er schreien, sich wehren…? Doch es war aussichtlos. Ohne eine Miene zu verziehen, drehte er sich vorsichtig um. Der Fremde zeigte mit dem Kopf zur Ausgangstür und ging voran. Smith folgte ihm, hinaus auf die neblige, nach Fisch riechende Straße.

Coole Szene, nicht wahr. Was wohl jetzt passiert?

Liebe Gemeinde!

Wie oft sind Sie schon scherzhaft so angesprochen worden: Folgen Sie mir unauffällig…? Im Restaurant, wenn der Kellner Sie zum reservierten Tisch führte? Im Krankenhaus, wenn die Schwester Sie zur radiologischen Untersuchung geleitete? In der Schule, wenn die Sekretärin Dich zum Direktor führt?

Unauffällig folgen – das ist eine Aufforderung aus einem Kriminalroman, die sich verbreitet hat, einen ironischen Twist bekommen hat.

Warum unauffällig? Im Krimi ja wohl, weil niemand mitbekommen soll, was geschieht, damit die Situation nicht eskaliert. Aber so im normalen Leben? Mögen wir es nicht, jemandem einfach zu folgen? Klingt es autoritär, einen anderen Menschen anzuweisen, hinter einem herzugehen?

Folge mir nach, sagt Jesus in der Geschichte, die dieser Predigt zugrunde liegt. Das war weder in einer Bar noch mit heiserer Stimme noch mit einem Revolver – aber doch die Anweisung, zu folgen. Eine eindeutige Anweisung. Eine folgenschwere Anweisung.

II

Wir alle, Sie alle, sind der Einladung gefolgt, heute Morgen in die Thomaskirche zu kommen, von nah und von fern. Sind Sie unauffällig gekommen? Hat man auf der Straße gesehen, dass Sie in die Kirche gehen? Früher hatte man bei uns zu Hause sein Gesangbuch dabei, da war das offensichtlich. Oder man hatte die Sonntagskleidung an – gibt es heute noch ansatzweise. Wie war das hier in Leipzig, zu DDR-Zeiten?

In Deutschland gibt es heute viele unauffällige Christen. Sie sprechen nicht so gern darüber, dass sie in die Kirche gehen, sich engagieren. Oder sie gehen gar nicht in die Kirche, sondern finden, dass man Christ sein kann, ohne in die Kirche zu gehen. Manche von diesen unauffälligen Christen sind Kirchenmitglieder und beteiligen sich an der Finanzierung, andere sind ausgetreten. Ganz unauffällig, am Standesamt.

Aber auch treue Kirchgänger sind oft eher zurückhaltend. Sie würden auf der Arbeit eigentlich nicht auf andere zugehen und sagen – Du, kommt doch mit, am Sonntag gehe ich in die Thomaskirche. Und wenn sie auf ihren Glauben angesprochen werden, wechseln sie lieber das Thema und sprechen über das Wetter oder das letzte Spiel von RB Leipzig. Na klar, es gibt Ausnahmen…

Liegt das an der deutschen Art? Andere Nationalitäten sind da meist emotionaler. Oder liegt es an unseren Privilegien, daran, dass wir es heute nicht erkämpfen müssen, in die Kirche gehen zu können? Liegt es an der Kirchensteuer, die so einfach und unauffällig eingezogen wird? In den USA gibt man öffentlich, mit oder ohne Briefumschlag. Oder liegt es an unseren deutschen geschichtlichen Erfahrungen, dass wir es für bedenklich halten, jemandem so öffentlich zu folgen, dass es für andere sichtbar ist?

Wir erleben immer wieder Menschen, die auf Kosten anderer Nachfolge verlangen. Religiöse oder säkulare Fanatiker, die entweder blinden Gehorsam fordern, oder selbst einem Führer folgen, ohne zu hinterfragen. Diese Menschen bringen Unfrieden auf die Welt, Verzweiflung und Gewalt.

Wo unterscheidet sich Jesu radikaler Ruf in die Nachfolge von dem anderer, selbsternannter Heilsbringer?

Ist radikale Nachfolge überhaupt noch zeitgemäß, oder sind wir sehr zu Recht sehr skeptisch? 

III

Folge mir nach, sagt Jesus. Nicht unauffällig, sondern mit ganzem Herzen, vollem Entschluss. Ohne die Möglichkeit, noch umzudrehen. Das ist radikal. Und eine Zumutung.

Macht da noch jemand mit?

Auf meiner vorigen Stelle als Studierendenpfarrer der theologischen Hochschule gehörte zu meinen Aufgaben die Werbung von Nachwuchs. Das ist nicht einfach: Wer will heutzutage noch Pfarrer oder Pfarrerin werden. Das ist schon ein Beruf, der aus dem normalen Leben herausreißt. Das ist nichts für jemanden, der Wert auf die Work-Life-Balance legt – auch wenn das die Kirchenleitungen manchmal so darstellen, damit sich ein paar Leute finden.

Ende der 80er Jahre habe ich den Kriegsdienst verweigert, aus Gewissensgründen. Das war aber im Westen und hat mich nichts gekostet – außer, dass ich dann Zivildienst machen musste. Auch das ging ganz unauffällig. Hier im Osten waren solche Gewissensentscheidungen härter, einschneidender. Das bedeutete mitunter Gefängnis. Und Kinder von Pfarrern durften in der Regel kein Abitur machen. Hier also echte Nachfolge?

Dietrich Bonhoeffer beschreibt in seinem berühmten Buch „Nachfolge“ von 1937, was der Ruf Jesu für den Menschen bedeutet:

„Aus den relativen Sicherungen des Lebens heraus in die völlige Unsicherheit […]; aus dem Übersehbaren und Berechenbaren […] in das gänzlich Unübersehbare, Zufällige [,,,]; aus dem Bereich der endlichen Möglichkeiten […] in den Bereich der unendlichen Möglichkeiten […] ist der Jünger geworfen.“[1]

Wer Jesus folgt, der ist mit Unsicherheit konfrontiert, mit Unübersehbarkeit und Zufälligkeit, mit unendlichen Möglichkeiten.

Das klingt schon wieder nach Überforderung.

IV

Schauen wir noch einmal genau in den Predigttext:

Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

Ein Mensch sagt: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sagt: Es ist kein Ort, wo man sein kann. Es ist immerwährende Bewegung.

Ja, Jesus hat in keiner schönen Pfarrwohnung gewohnt, er wäre über das deutsche Kirchenbeamtentum sicher sehr erstaunt gewesen. Über die doch immer noch etablierte Kirche mit ihren Rechten und Möglichkeiten, mit Kirchenordnungen und Gesetzen, mit vielen Gebäuden und viel Bürokratie.

Wir Christen sollten eigentlich flexibel sein, immer auf dem Weg, nie am Ziel. Auf der ganzen Welt unterwegs, unabhängig von Formen und Ordnungen, die letztlich ganz unwichtig sind.

Christentum ist kein sicherer Ort.

Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

Ein Mensch sagt: Ich will dir folgen, aber ich möchte mich von meiner Familie verabschieden. Und Jesus sagt: Schau nicht zurück. Alles wird anders!

In der katholischen Kirche ist das ganz offensichtlich: Für einen Priester spielen Familie und Partnerschaft keine Rolle mehr, ganz so wie bei Paulus. In der evangelischen Kirche ist das anders, Luther wollte die Pfarrer auch in dieser Hinsicht nicht herausgestellt haben. Wir haben Ehepartner, Kinder, Enkel.

Und dennoch führt uns unser Christsein aus den bisherigen Bezugsrahmen heraus, aus der Enge von Festlegungen, aus den Bequemlichkeiten der Gewohnheit. Der Glaube an die Auferstehung lässt sogar die härteste aller Grenzen, den Tod, durchlässig werden, verschwinden. Alte Regeln gelten nicht mehr. Neue Horizonte tun sich auf.

Aber dann frage ich: Wenn Jesus so radikal in die Nachfolge ruft: Wie ist das mit den irdischen Dingen, die mein Leben betreffen, spielen sie noch eine Rolle?

Darf ich mir noch Sorgen machen um meine Kinder, um meine Eltern, um die Gesellschaft? Darf es eine Rolle spielen, dass ich Angst habe, dass der Krieg aus der Ukraine und dem Iran auch irgendwann nach Deutschland kommen könnte? Kann ich dennoch gegen den Klimawandel auf die Straße gehen, oder für die Rechte der vielen Minderheiten?

Oder ist das alles passé?

Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Ein Mensch sagt: Ich will dir folgen, aber ich muss mit meiner Vergangenheit abschließen. Und Jesus sagt: Was vergangen ist, ist vergangen, kümmere dich um das Jetzt und die Zukunft!

Es gibt Pfarrersdynastien, es gibt Familien, in denen das Christentum traditionell eine Rolle spielt. Es gibt Familien, wo jeder junge Mann Thomaner wird, weil es der Vater und der Großvater auch schon war. Aber ist das ein wirklich ausschlaggebender Grund für die Nachfolge?

Früher gehörte es zum guten Ton dazu, Kirchenmitglied zu sein. Das war halt einfach so. Aber ist das ein Grund?

Christen sind vorbehaltlos auf die Zukunft ausgerichtet, obwohl die Kirche so traditionsbelastet ist. Tradition kann ungemein hemmen. „Das haben wir immer schon so gemacht – das hat noch nie funktioniert“. Dagegen fordert Jesus: Zukunft! Mut! Entschlossenheit!

Und gleichzeitig: Unsere Vorgängerinnen und Vorgänger im Glauben haben uns viel hinterlassen in der Theologie, der Kirchenmusik, der Kunst.

Das können, müssen wir nutzen, aber nicht als bloße Erinnerung, als tote Vergangenheit, sondern lebendig auf die Zukunft hin! Diese Schätze dürfen und sollen wir einsetzen auf unserem Weg.

Immer geht es um die Zukunft, das Leben mit Gott, das, was Jesus das Reich Gottes nennt. Darunter macht es Jesus nicht.

V

Liebe Gemeinde!

Das kann man nicht unauffällig machen. Nicht nebenbei. Nicht in Teilzeit.

Es ist eine Überforderung! Ja!

Vielleicht ist es ja gut, bei diesen Dingen überfordert zu sein. Es zu versuchen und nur einen Teil davon zu schaffen. Immer wieder auszuprobieren, was noch besser geht.

Bonhoeffer spricht von den unendlichen Möglichkeiten. Das hält uns in Bewegung. Das treibt uns an.

Wir folgen nicht unauffällig. Wir nehmen die Herausforderung an.

Amen.

 


[1] Dietrich Bonhoeffer: Nachfolge, in: Bonhoeffer-Auswahl 3. Entscheidungen 1936-1939, München/Hamburg 1970, 49-106, 63.