Predigt über Lukas 18,31-43

  • 15.02.2026 , Sonntag vor der Passionszeit - Estomihi
  • Pfarrer i.R. Christian Wolff

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wenn es ein Gefühl gibt, dass derzeit bei vielen Menschen vorherrschend ist, dann sind es

  • das Erschrecken über den Irrsinn weltpolitischer Vorgänge zwischen grausamen Kriegen und pompös zur Schau gestelltem Größenwahn;
  • die Sorge, dass das Gefüge unserer Gesellschaft nicht mehr tragfähig genug ist, um all die Spannungen auszuhalten, die sich zwischen Freiheit, kultureller Vielfalt und unterschiedlichen Lebensverhältnissen auftun;
  • eine diffuse Furcht vor der Unbeherrschbarkeit der vielen Krisen, von denen wir uns umzingelt sehen.

Und wenn dann noch die von Albert Einstein und Robert Oppenheimer begründete „Doomsday Clock“, die Weltuntergangsuhr, nur noch 85 Sekunden vor 12 Uhr steht, also nicht einmal 1 ½ Minuten vor dem endgültigen Aus, vor der Apokalypse, spätestens dann wenden wir uns ab, können nichts mehr verstehen oder suchen nicht selten unser Heil bei denen, die uns entgegen allen Unkenrufen ein Goldenes Zeitalter versprechen. Das aber ist auch nur möglich, wenn andere Bevölkerungsgruppen übergangen und alle Warnsignale ausgeschaltet werden. Eines aber verbindet die beschriebenen Ängste und ein besinnungsloses Drauflosleben miteinander: der Verlust jeglicher Hoffnungsperspektive auf Zukunft. Alles ist im Jetzt gefangen.

So ungefähr muss auch die Gemütslage unter den Anhänger:innen Jesu vor 2000 Jahren gewesen sein. Wir erfahren darüber im ersten Teil des Predigttextes aus Lukasevangelium:

31 Er (Jesus) nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. 32 Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, 33 und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. 34 Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

              Lukas 18,31-34

Mit der Ankündigung, was ihm in Jerusalem bevorsteht, scheint Jesus bei seinen Anhänger:innen nur blankes Unverständnis auszulösen. Sie kapieren nichts von dem, was Jesus voraussagt: dass er verfolgt, gefoltert, getötet werden soll, dass dies aber nicht das Ende seiner Mission sein wird. Das Entscheidende steht noch aus: die Auferstehung Jesu von den Toten, also die Aushebelung des Normalen. Doch dafür haben die Jünger:innen Jesu kein Ohr. Sie sind völlig gefangen in ihrem Alltag, im Heute, im Jetzt. Zwar sehen sie die Probleme, die sich ihnen täglich buchstäblich in den Weg legen. Diese müssen jetzt gelöst werden. Das erwarten sie von Jesus, vor allem die Befreiung von der römischen Fremdherrschaft. Doch wenn Jesus in Jerusalem seinem eigenen Tod entgegengeht, wenn dort die das Sagen behalten, die man eigentlich mit Jesu Hilfe entmachten wollte, was bleibt dann noch übrig an Hoffnung und Zukunft?

Die Jünger:innen Jesu haben die Perspektive für das Zukünftige, das Jenseitige, für das Unmögliche, für die Quelle aller Hoffnung verloren - eine typische Abwehrreaktion von uns Menschen, wenn das, was uns bevorsteht, nur noch als bedrohlich empfunden wird und wir nicht mehr in der Lage sind, unsere Wirklichkeit vom Zukünftigen her zu deuten. Dann flüchten wir gerne in die kleine Welt des eigenen Ichs, schotten uns ab, wollen raus aus der Wirklichkeit, ohne zu wissen, wo wir landen. Eine nicht ungefährliche Gemengelage, die da entsteht. Denn sie bietet auch für all die angeblichen Heilsbringer Einflugschneisen. Sie versprechen uns das Blaue vom Himmel, zelebrieren sich selbst als die eigentlichen Macher, doch in Wirklichkeit haben sie nichts anderes zu bieten als ein Leben auf Kosten von anderen.

Denen will der Evangelist Lukas keinen Raum gewähren. Ihm kommt es auf etwas anderes an: die Fassungslosigkeit der Jünger:innen Jesu zu verbinden mit der Zukunftsperspektive, die Jesus durch seinen Weg nach Jerusalem, seinen Weg des Leidens, Sterbens und Auferstehens, eröffnet. Darum erfahren wir im zweiten Teil des Predigttextes nichts über ein klärendes Gespräch zwischen Jesus und seinen Jünger:innen. Lukas berichtet, was auf dem Weg nach Jerusalem geschieht. Das erfahren wir im zweiten Teil des Predigttextes:

35 Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. 36 Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. 37 Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. 38 Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39 Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 40 Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näherkam, fragte er ihn: 41 Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. 42 Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. 43 Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Lukas 18,35-43

Was in dieser Szene zunächst befremdlich erscheint: Die Anhänger:innen Jesu versuchen, sich den blinden Mann am Straßenrand vom Halse zu halten. Sie sind peinlich berührt von seiner naiven Hoffnung, es könne sich an seiner Lebenssituation jetzt, da Jesus vorüberzieht, Entscheidendes ändern; er könne tatsächlich noch einmal sehen. Also drängen sie den Mann ab: bloß nicht noch mehr Probleme. Doch das lässt Jesus nicht zu. Er erkennt in den Schreien des Blinden all das, was er bei seinen Änhänger:innen vermisst: Glaubenskraft, Hoffnung auf Zukunft, Sehnsucht nach einer neuen Vision. Dies verleiht dem Mann den Antrieb, sich nicht mit seiner Blindheit abzufinden, sein Leid nicht in sich hineinzufressen, sich nicht einem durchaus verständlichen Selbstmitleid zu ergeben, sondern auf Erbarmen, auf Einsicht zu hoffen. Das alles macht den Mann sehend, holt ihn aus seiner Passivität heraus und lässt seine Zukunftshoffnung schon jetzt Wirklichkeit werden.

Mit seinem nicht blinden, sondern sehenden Vertrauen wirft der Blinde für die Anhänger:innen Jesu, für uns, eine entscheidende Frage auf: Wie gehen wir mit zwei sich widerstreitenden Empfindungen um?

  • Auf der einen Seite unser Gefangensein in und unsere Angst vor der Wirklichkeit des Heute. Die lassen ja wenig Raum für Zukunftshoffnung. Sie lassen blind werden für den Blick über den Tellerrand dieser Welt bzw. für den Blick darauf, was wirklich wichtig ist im Leben.
  • Auf der anderen Seite die Zusagen des Glaubens, die Gnade Gottes, seine Barmherzigkeit und seine Gebote, die Verheißungen Jesu eines neuen Himmels, einer neuen Erde und die daraus folgenden Möglichkeiten eines neuen Blicks auf die Wirklichkeit, einer neuen Anschauung der Welt – und das, obwohl wir umgeben sind von Leid, Versagen, Scheitern und von ständigen Zweifeln, ob dieser Glaube noch trägt.

Wie kann es uns also gelingen, herauszutreten aus dem Wirklichkeitsdruck des Alltags in die Sphäre der Hoffnung, aus dem, was so lähmt wie die Blindheit, ins Sehen der Möglichkeiten? Ganz ehrlich: So schwierig eine Antwort auf diese Frage auch erscheinen mag – sie kann aus meiner Sicht nur sehr elementar ausfallen:

  • Wie kann es uns also gelingen? Indem wir wie der blinde Mann um die Barmherzigkeit Gottes ringen und auf sie vertrauen. Dem dient der wöchentliche Gottesdienst mit seinen Liedern und der Liturgie vom „Kyrie“ bis hin zum Lobpreis Gottes, damit wir innerlich nicht austrocknen. Dem soll auch die menschliche Zuwendung dienen, die wir uns gegenseitig gewähren und dabei niemanden übersehen.
  • Wie kann es uns gelingen? Indem wir die Welt mit Jesu Augen sehen – und dabei all das nicht übersehen, was Gott uns vor die Füße, in den Weg legt.
  • Wie kann es uns gelingen? Indem wir uns als Sehende den uralten Einsichten wieder öffnen: Unser Leben ist begrenzt, in sich widersprüchlich, nicht immer schön, nicht immer erträglich, aber es ist und bleibt von Gott bejaht.

Es hat einen von Gott geschenkten Anfang und ein von ihm bestimmtes Ende. Dazwischen erleben wir alles: Höhen und Tiefen, Freude und Leid, Glück und Verderben, Gelingen und Versagen. Damit wir in den Widersprüchen nicht untergehen, schenkt Gott uns mit seinen Wegweisungen, seinen Gebote Leitplanken und eine lebendige Hoffnung: Jesus Christus.

Das mag sich für manchen fundamental, dogmatisch, vorgestrig anhören – eine Botschaft vom fremden Stern. Ja! Doch wie lebendig diese Hoffnung tatsächlich ist, das können wir an dem blinden Mann erkennen. Wie einen Müllsack hatte man den Mann am Straßenrand abgelegt. Dort kann er weder das an ihm vorbeiziehende Leben noch sein Schicksal beeinflussen - bis zu dem Augenblick, wo er den letzten Rest seiner Hoffnungskräfte mobilisiert und Jesus anruft, ja anschreit:

Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Wenigstens Jesus soll stehen bleiben, ihn in seinem Leiden ansehen, ihm Beachtung schenken. Wenigstens er soll stehen bleiben auf seinem Weg hinauf nach Jerusalem und ihm das Sehen schenken, an dem es den Jünger:innen mangelt. So versucht der Mann Jesus zum Innehalten zu bewegen und so für sein aus den Fugen geratenes Leben Halt und Haltung zu gewinnen.

Damit nimmt er den Kampf um Gottes Zuwendung, um seinen Beistand, um sein Vertrauen, um seinen Segen auf. Eine ungefähre Ahnung scheint dem Blinden zu neuer Gewissheit zu verhelfen – eine Ahnung, die für jede:n von uns nur nützlich sein kann:

  • Ohne das Vertrauen darauf, dass Gott mein Leben hält und trägt, fehlt dem Dasein Sinn und Erfüllung. Denken wir doch nur einen kleinen Moment darüber nach: dass heute so viele Menschen ziemlich haltlos durchs Leben wanken, hat seine Ursache auch darin, dass sie ihr Leben nicht mehr eingebettet sehen können in den Sinnzusammenhang des Glaubens; dass das Ja Gottes zu ihrem Leben ungehört verhallt ist.
  • Ohne das Vertrauen darauf, dass Gott mich auch im tiefen Loch der Verzweiflung aufsucht und mich nicht dem Lebensüberdruss ausliefert, werde ich an meiner Lebenssituation nur wenig ändern können.
  • Ohne das Vertrauen darauf, dass sich Gott immer wieder mir zuwendet, gehen wir an den Widersprüchen unserer Welt kaputt: hier die oft bittere Normalität des Alltags, dort mitten im Leben das elende Gefühl, überflüssig zu sein.
  • Ohne das Vertrauen darauf, dass Gott diese Welt regiert, dass ER das letzte Wort hat und nicht die Trumps, Putins, Musks dieser Welt, sind wir dem Diktat der Gewalt hilflos ausgeliefert.

Vom amerikanischen Pfarrer und Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King stammt der wunderbare Gedanke:

Komme, was mag! Gott ist mächtig! Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere Nächte finsterer sind als tausend Mitternächte, so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt eine große, segnende Kraft gibt, die Gott heißt. Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen. Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln, zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.

Mit diesem Vertrauen auf die segnende Kraft Gottes vermögen wir an sich Unerträgliches zu ertragen – mit dem einen Ziel, es zu wenden. Mit dem Vertrauen können wir mit unseren Schwachheiten leben, weil Gott uns in unserer Fassungslosigkeit mit neuem Selbstbewusstsein ausstattet – und uns Hoffnung, Liebe, Freiheit und vor allem Würde verleiht.

Das Entscheidende ist: Dieses Vertrauen fällt nicht vom Himmel. Der blinde Mann würde heute noch am Straßenrand sitzen, wenn er sich nicht bemerkbar, wenn er nicht geschrien, wenn er sich nicht gegen die Abwehr der Jünger durchgesetzt hätte. Das heißt: Um Gottvertrauen können, ja müssen wir ringen. Vor allem dann, wenn wir uns ganz unten wähnen, kraftlos und blind das Leben an uns vorbeiziehen lassen und uns durch Leiderfahrungen die Lebensaussichten versperrt sind und wir uns nicht mehr beteiligt sehen – eine Gefühlslage, die heute weit verbreitet ist.

Doch die Frage bleibt: Können wir Menschen uns diesem Gottvertrauen wieder annähern, es uns aneignen, so dass wir es auch weitergeben können? In der Wochenzeitung DIE ZEIT wurden kürzlich Wissenschaftler und Publizisten gefragt „USA: Bleibt jetzt nur noch der Bruch?“ In seiner Antwort meinte der Politikwissenschaftler Daniel Marwecki, dass „den nihilistisch gewordenen Abstiegsgesellschaften des alten Kontinents“, also Europa, die Visionen abhandengekommen sind. Keine Visionen zu haben, ist auch eine Art von Blindheit. Diese Blindheit für das Zukünftige hat seine Ursache auch im Nihilismus – also in der Tatsache, dass wir uns keinen heilenden Kräften mehr öffnen können und damit ganz in uns gefangen sind. Nutzen wir die Zeit der Passion, unseren eigenen Nihilismus zu entdecken und ihn zu füllen mit Vertrauen auf Gott. Denn ihn und Jesus Christus können wir jederzeit anrufen:

Erbarme dich meiner!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Christian Wolff, Pfarrer i.R.

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