Predigt über Johannes 1,9-18
- 03.02.2026
- Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Markschies
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.
„Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten“ – dieses mittelalterliche Gebet, liebe Gemeinde, rahmt in zwei Vertonungen die Predigt des heutigen letzten Sonntags nach Trinitatis. Auch wenn wir noch ein wenig in der Weihnachtszeit sind, der Herrnhuter Stern noch leuchtet in dieser Kirche und in manchen Wohnungen dieser Stadt: Wir sind ja längst wieder im schrecklichen Unfrieden dieser Welt angekommen, russische Raketen haben längst wieder Wohnungen in Kiew zerstört und die Menschen der Stadt in einen bitterkalten Dauerfrost versetzt, und zeitweilig fürchteten wir, amerikanische Truppen würden in Grönland einmarschieren. „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten“, so lässt nicht nur der Dresdner Hofkapellmeister Heinrich Schütz am Ende des schrecklichen dreißigjährigen Krieges singen, so komponieren Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn-Bartholdy, um nur zwei dieser Thomaskirche so nahestehende Musiker zu nennen, und eben auch der verstorbene Thomaskantor Georg Christoph Biller, dessen Vertonung wir nach der Predigt hören werden: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten“. Und nicht zuletzt rufen wir so angesichts dessen, was in den letzten Wochen der Epiphanias-Zeit schon wieder alles passiert ist: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten“.
Heute, am letzten Sonntag nach Epiphanias, liebe Gemeinde, soll es aber nicht schon wieder um unsere friedlosen Zeiten gehen, um Krieg und Not und Krankheit. Heute soll es noch einmal um das helle Licht gehen, das seit der Geburt Jesu Christi in diese Welt hinein strahlt und in unsere Herzen dazu. Nicht um die Dunkelheit unserer Tage, sondern um das Licht. Von diesem Licht war schon am Beginn des Gottesdienstes die Rede, im Wochenspruch aus dem Buch des Propheten Jesaja: „Über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir“. Und immer wieder haben wir heute Morgen vom weihnachtlichen Licht, vom Stern über dem Stall von Bethlehem, gehört in den Liedern und Lesungen dieses Gottesdienstes. Und auch das mittelalterliche Gebet „Verleih uns Frieden gnädiglich“, dessen Vertonungen die Predigt rahmen, blickt im Grunde wieder auf dieses Licht: „Es ist ja doch kein anderer nicht, der für uns könnte streiten, denn du unser Gott alleine“. Überall um uns herum schon wieder die winterliche nachweihnachtliche Dunkelheit und einer allein kann dagegen streiten, Licht in die Wohnungen und Herzen bringen, du unser Gott alleine.
Wir, liebe Gemeinde, haben von diesem Licht in den biblischen Lesungen der Weihnachts- und Nachweihnachtszeit gehört. Wir sahen dieses Licht auf unseren Adventskränzen, an unseren Weihnachtsbäumen und natürlich auch durch den Herrnhuter Christstern. Bei mir zu Hause hängt er nach alter Tradition noch bis morgen, bis zum 2. Februar – helles Licht auf die Straße vom weihnachtlichen Licht, inzwischen in vielen Wohnungen, sehr viel beliebter als zu den Zeiten, als ich ein kleines Kind und heranwachsender Junge war. Mehr Herrnhuter Sterne auch in dieser Stadt, Licht gegen die Dunkelheit. Wir hören vom Licht und sehen Licht – Gottes Licht, mitten unter uns, im Alltag von Dezember und Januar.
Unser Predigttext, liebe Gemeinde, berichtet allerdings wie auch das von Johannes Weyrauch vertonte Sonntagsevangelium von ganz besonderen Erfahrungen mit diesem Licht. Unser Predigttext berichtet wie das Evangelium von sehr besonderen Erfahrungen solcher Menschen, die dieses weihnachtliche Licht Gottes noch ungleich intensiver und tiefer erfahren haben als die allermeisten unter uns, als ich selbst. Im Evangelium, das wir vertont eben gehört haben, wird berichtet, dass Jesu Gesicht wie die Sonne leuchtete und seine Kleider weiß wie das Licht. Da sind die Jünger, die das erleben, so begeistert, dass da gleich drei Hütten bauen wollen und im Licht bleiben wollen, so wie wir alle miteinander gern in der weihnachtlichen Stube bei den Lichtern des Christbaums geblieben wären und nur ungern in den bitter kalten Januar mit allen seinen Schrecklichkeiten herausgetreten sind.
Von so einer ganz besonderen Lichterscheinung berichtet auch der Predigttext vom Anfang des letzten Buchs der Bibel, den ich jetzt lese. Er stammt aus der Offenbarung des Johannes im ersten Kapitel (1,9-18):
Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
Sehr besondere Erfahrungen, liebe Gemeinde, von denen wir gerade gehört haben. Sehr besondere Erfahrungen, von denen uns da ein Mensch namens Johannes auf der Mittelmeer Insel Patmos berichtet. Meine eigenen Erfahrungen mit dem Licht der Sonne auf Patmos sind sehr viel bescheidener als die Erfahrungen des Johannes – bei mir führte vor einigen Jahren beim Aufstieg zum Johanneskloster auf Patmos das gleißende Licht der Augustsonne zum erstmaligen Ausbruch einer Sonnenallergie, alles tat weh, alles war gerötet und juckte, jeder Schritt war eine Qual und später half nur noch Kortison, Kortison in rauen Mengen. „Wie die Sonne scheint in ihrer Macht“ auf Patmos – davon würde ich in wesentlich gedämpfteren Ton erzählen. Das weihnachtliche Licht, gar Jesus Christus, ist mir nun wirklich nicht erschienen, als ich missmutig auf den Hügel mit dem Johanneskloster von Patmos hochstapfte, jeder Schritt eine Qual.
Aber sollten wir, liebe Gemeinde, Evangelium und Predigttext beiseitelegen, bloß weil uns solche besonderen Erfahrungen nicht vergönnt waren, vielleicht auch nie im Leben vergönnt waren? Soll ich die besonderen Erfahrungen des Johannes auf Patmos beiseitelegen, nur weil ich selbst ganz andere, weniger schöne auf dieser griechischen Mittelmeerinsel gemacht habe? Ich möchte uns alle dazu einladen, in diesem scheinbar so fremden Text mit seinen merkwürdig besonderen Erfahrungen nach solchen Erfahrungen zu suchen, die wir alle miteinander schon gemacht haben. Ich auf Patmos, sie, liebe Gemeinde, wo auch immer in ihrem Leben, wir alle miteinander. Erfahrungen mit dem weihnachtlichen Licht, dem Stern über Bethlehem. Erfahrungen mit Jesus von Nazareth, dem Christus Gottes.
Ich finde vor allem drei Erfahrungen in unserem Predigttext, liebe Gemeinde, die ich bei allen Unterschieden zum Seher Johannes auch selbst gemacht habe, die vermutlich aber auch viele von uns gemacht haben und von diesen drei Erfahrungen will ich kurz erzählen.
Die erste Erfahrung, die vermutlich viele von uns gemacht haben und die sich auch im Predigttext findet, ist die Erfahrung, dass man sich vom Alltag wegwenden, regelrecht abwenden muss, um das Licht Gottes sehen zu können. Ganz trivial: Wenn bei uns zu Hause der Herrnhuter Stern hängt, reißt der mich aus dem hektischen Alltag der Vorweihnachtszeit in die stillen und ruhigen Momente des Advents. Ich wende mich ab vom stressigen Alltag, so, wie sich auch der Seher Johannes umwendet, um zu sehen. Johannes dreht sich um, so wie wir uns umdrehen, umwenden müssen, uns Zeit nehmen müssen für Advent und Weihnachten, weil wir es sonst verpassen. Johannes wendet sich um, er wendet sich ab vom Alltag. Das kenne ich, dass kennen wir. So funktioniert Weihnachten, so erlebe ich das helle Licht des Christfestes.
Eine zweite Erfahrung, die vermutlich viele von uns gemacht haben und die sich auch im Predigttext findet, ist die Erfahrung, dass es freilich nicht die Herrnhuter Sterne sind, nicht die Lebkuchen und nicht der Weihrauch aus dem Räuchermann, die Weihnachten so einzigartig machen. Es ist vielmehr das biblische Wort, das mich ganz besonders mitten ins Herz trifft, so, als ob ein Schwert aus dem Munde Jesu Christi gehen würde, wenn er zu mir spricht. Wenn ich in der Christvesper sitze und die vertrauten Worte aus der Weihnachtsgeschichte höre, dann erst wird mir weihnachtlich ums Herz: „Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids“. „Heute“ meint dann: Am 24. Dezember 2025, just dann, wenn eine Gemeindekirchenrätin diese Worte gelesen hat. Große Freude. Große Freude. „Und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert“: Worte Jesu können ins Herz treffen wie ein Schwertstreich, alle Trübsal und Angst und Furcht wegschlagen und Platz für die große Freude schaffen – wir haben es hoffentlich alle zu Weihnachten erlebt! Die Gewaltherrscher unserer Tage führen das Schwert in der Hand und schlagen Menschen blutige Wunden, das Schwert Jesu ist sein Wort, das aus seinem Munde kommt, die Übeltäter zurecht weist und die, die sie geschlagen haben, tröstet.
Und noch eine dritte und letzte Erfahrung, die hoffentlich viele von uns gemacht haben und die sich auch im Predigttext findet. Das ist die Erfahrung, wie wunderbar die österliche Botschaft vom auferstandenen Christus trösten kann. Trösten kann beispielsweise, wenn an einem offenen Grab „Christ ist erstanden von der Marter alle“ gesungen wird und wir wissen, dass nicht der Tod das letzte Wort in dieser Welt hat. Ein solches Wort, wie wir es an den Gräbern hören – ich beispielsweise, als zuerst mein Vater und dann einige Jahre später meine Mutter starb –, hört auch Johannes: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle“. Niemand muss auf ewig im Tod bleiben und in der Hölle, der auferstandene Herr und Heiland holt unsere Toten in sein ewiges Reich. Das ist das eigentliche Schwert aus seinem Munde, was alle Trübsal fortschlägt, alle Furcht, allen Kummer. Weihnachten und Epiphanias weisen auf Ostern voraus. Das Licht des Sterns von Bethlehem erinnert uns schon ein klein wenig an das Osterfeuer am Ostermorgen vor der Kirche, das Kommen Jesu in diese Welt erinnert uns daran, dass er uns mit sich nimmt nicht nur in diesem Leben, sondern auch in Krankheit, Not und Tod.
Gleich hören wir noch einmal „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten“ von verstorbenen Thomaskantor Georg Christoph Biller komponiert. Das ist Trost für die dunklen Wintertage, bis das Osterlicht in diese Kirche kommen wird, über uns scheint am Ostermorgen und auch über den Gräbern unserer Lieben aufgeht. Gott verleiht uns Frieden, weil er die Mächte des Unfriedens schon überwunden hat. Und deswegen ist ja doch kein anderer nicht, der für uns könnte streiten. Weihnachten, Ostern und alle Tage dazwischen. Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem auferstandenen Herrn. Amen.