Predigt über Johannes 15,1-8

  • 26.04.2026 , 3. Sonntag nach Ostern – Jubilate
  • The Rev. Dr. Robert Moore

PDF zur Predigt HIER

Predigttext: Johannes 15,1-8 (gelesen als das Evangelium)

1Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt.

5Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder, bevor ich mit meinem Theologiestudium beginnen konnte, musste ich eine Art Studium Generale absolvieren. Das ist in den USA so üblich. Doch das, was der Klärung über den zukünftigen Weg dienen sollte, erwies sich für mich zunächst als Verunsicherung. Denn eine Grundfrage drängte sich in den Vordergrund: Was will ich eigentlich mit meinem Leben anfangen? Hätte ich nicht doch besser Chorleitung studieren sollen? Wäre für mich nicht ein Buchhalter oder ein Geschäftsmann die richtigere Berufswahl? Aber Pfarrer? Passt das wirklich zu mir? Gleichzeitig wurde mir klar, dass meine Begabungen für den Beruf eines Musikers nicht ausreichten. Die Aussicht, mein Berufsleben in der Wirtschaft zuzubringen, löste bei mir auch keine Begeisterungsstürme aus. Und dann waren da noch meine Eltern - sie rieten mir davon ab, Pfarrer zu werden. Da würde man zu wenig Geld verdienen. Was also tun? Die Unfähigkeit, mich klar für einen Berufsweg zu entscheiden, verunsicherte mich stark und ließ mich kraftlos werden. Ich fühlte mich in meiner Verunsicherung ziemlich machtlos und einsam.

Glücklicherweise hatte ich gute Pfarrer und Leiter um mich herum. Ihnen blieb mein Gemütszustand nicht verborgen. Geduldig begleiteten sie mich auf meinem Weg. Eines Tages lernte ich über einen guten Mentor ein einfaches kleines Lied kennen. Von diesem wurde ich sofort ergriffen. Denn es bot mir eine Alternative zu der Herausforderung an, über meine Zukunft ganz allein zu entscheiden. Der Text des Liedes zeigte mir eine neue Realität auf, an der ich mich festhalten konnte. Im Englischen heißt das Lied „The Presence of Christ“. Die Übersetzung lautet so:

Die Gegenwart Christi ist jeden Tag bei mir.

Die Gegenwart Christi ist den ganzen Weg bei mir.

In guten und in schlechten Zeiten, sogar in traurigen Zeiten

Die Gegenwart Christi ist den ganzen Weg bei mir.

Durch die wenigen Worte „The Presence of Christ“, „die Gegenwart Christi“, wurde mir schlagartig klar: Ich bin nicht allein. Christus ist gegenwärtig. Das öffnete mein Herz für das, wovon das christliche Zeugnis schon immer berichtet hat. Der Spruch für die neue Woche fasst dieses Zeugnis kraftvoll zusammen:

"Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur (also ein neues Geschöpf); das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden." (2. Korinther 5,17).

Die Gegenwart Christi hat also zwei Aspekte:

  • Christus ist durch seine Auferstehung in uns präsent.
  • Wir selbst sind durch den Glauben in Christus – was so viel bedeutet wie: unser Leben ist in Christus verankert und findet dadurch Halt und Orientierung.

Beides erneuert unser Leben grundlegend. Von dieser Gegenwart Christi wurde ich damals so ergriffen, dass meine Verunsicherung langsam wich. Ich wurde mir immer gewisser darüber, dass ich mit meinem Theologiestudium den richtigen Weg eingeschlagen habe.

Um Verunsicherung auf der einen und Gewissheit auf der anderen Seite geht es auch in der Episode, die wir als Epistel gehört haben und die in der Apostelgeschichte überliefert ist. Paulus hält auf dem Areopag, eine Art Markt der Religionen in Athen, eine bedeutende Rede. Auslöser dafür war, dass er neben den unterschiedlichen Götterdarstellungen einen ansonsten leeren Altar fand mit der Inschrift: „Dem unbekannten Gott.“ Auffällig ist, dass Paulus sich in seiner Rede nicht über die unterschiedlichen Gottheiten und religiösen Strömungen in der griechischen Gesellschaft aufregt. Vielmehr äußert er sich anerkennend über die Suche der Griechen nach religiöser Gewissheit. Doch dann greift er das Stichwort vom „unbekannten Gott“ auf und versucht, den Menschen das nahezubringen, versucht also, das zu vergegenwärtigen, was sie unwissend verehren. Pauls sagt,

Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. 25Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. 26Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, 27dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. 28Denn in ihm leben, weben und sind wir … (Apostelgeschichte 17,24-28a)

Liebe Schwestern und Brüder, Gott ist nicht fern von uns. Er ist gegenwärtig. Da ist sie wieder, die doppelte Verankerung: Gott ist ganz nahe in uns und wir können in Gott leben, weben, sein. Dieser Gott ist durch Jesus Christus in die Wirklichkeit dieser Welt und unseres Lebens eingetreten. Darum umschließt die Gegenwart Gottes alles: nicht nur die Sonnenseiten unseres Daseins, sondern auch das Leid, das Scheitern, den Tod. Gott ist mit Jesus Christus auch in der Wirklichkeit gegenwärtig, der wir gerne entfliehen möchten. Und er weicht nicht von unserer Seite, wenn wir uns von allen guten Geistern verlassen fühlen.

Diese Verankerung Gottes in unsere Lebenswirklichkeit ist auch das Thema des Predigttextes für den heutigen Sonntag. Wir haben ihn als Evangelium gehört. Jesus bedient sich dabei eines „Ich bin“-Wortes, um zu verdeutlichen, in welchem Verhältnis er zu Gott und die Menschen zu ihm stehen. Insgesamt sieben Mal trifft Jesus Aussagen darüber, wer er ist: Ich bin das Brot des Lebens … Ich bin das Licht der Welt … Ich bin die Tür für die Schafe … Ich bin der gute Hirte … Ich bin die Auferstehung und das Leben … Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und jetzt: „Ich bin der wahre Weinstock.“

Mit diesem Bild macht Jesus klar: Gott ist der Weingärtner, Jesus selbst versteht sich als Weinstock, und die Menschen sind die Reben. Damit unterstreicht Jesus: Die Reben können und werden nur wachsen und Frucht bringen, wenn sie sich in einer nährenden Verbindung mit dem Weinstock befinden. Daraus erwächst neues Leben. So ist es die Aufgabe des Weinstocks, die Frucht mit Energie zu versorgen. Aus sich selbst heraus kann dies die Rebe nicht tun. Darum weist Jesus dem Weingärtner, also Gott, die Aufgabe zu, alle Reben zu entfernen, die keine Frucht bringen.

Dass Rebe und Weinstock aufeinander angewiesen sind, kommt auch darin zum Ausdruck, dass Jesus in seiner Ich-bin-Rede mehrfach die beiden Aspekte seiner Gegenwart hervorhebt: „Bleibt in mir und ich in euch.“ Wer sich als Christ versteht, wer Jesus Christus nachfolgen will, wer die Gegenwart Jesu spürt, der erfährt sehr schnell: Das ist nur möglich, wenn er, wenn sie, wenn wir mit Christus verbunden bleiben; wenn wir uns als Rebe am Weinstock verstehen, wenn Christus in uns wirkt, und wir uns als Teil von ihm sehen. Denn in Christus liegt die Kraft Gottes, die nach Paulus im Schwachen mächtig ist. Darum ruft Paulus im Angesicht der prachtvollen Götterstatuen auf dem Areopag in Athen auch aus: Gott ist nicht zu erkennen „in goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.“ (Apg 17,29) Gott offenbart sich nicht in dem weltlichen Verständnis von Macht, Einfluss, Herrschaft, Triumph. Nein, Gottes Macht und Kraft wird durch die Machtlosigkeit offenbar, die Jesus Christus in seinem Leiden und Sterben an einem anderen Holz, dem Kreuz, gezeigt hat. Auch da ist sein Wunsch, seine Zusage: „Bleibt in mir und ich in euch“. So hat Jesus vom Kreuz herab seine Mutter und Johannes zur Gemeinde berufen. So hat sich Jesus auch dem Mörder gegenüber verhalten, der mit ihm auf Golgatha gekreuzigt wurde. Der Mörder erkannte die Gegenwart des gekreuzigten Jesus von Nazareth und fand einen Zugang zu ihm und damit einen Zugang zu Gott und zu Gottes neuer Welt: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Verspricht Jesus dem Mörder.

Auch diese Szene unterstreicht: Gerade in der Machtlosigkeit Christi offenbart sich die Kraft Gottes, die dieser Welt und jedem von uns neues Leben und neue Energie schenkt. In diesem Sinn erweisen sich das Kreuz Christi, aber auch das Bild vom Weinstock und den Reben als starker Kontrast zu allen pompösen Statuen und Bildern, mit denen gegenwärtige Herrscher ihren schrecklichen Machtphantastereien freien Lauf lassen und das noch religiös verbrämen. Ich denke hier an einen schrecklichen Clip des Kriegsministers der Vereinigten Staaten Pete Hegseth. Da betet er vor Soldaten das „Vater unser“ und untermalt dies mit martialischen Kriegsbildern, beim Amen endend mit dem Dreigestirn Trump, Vance, Hegseth. Was für eine perverse Gotteslästerung! Um es deutlich zu sagen: Hier herrscht keine Verbindung mehr zwischen Rebe und Weinstock. Hier ist nichts mehr zu spüren von der Gegenwart, der Präsens Gottes.

Denn eines sollten wir keinen Augenblick vergessen: Wer in Christus bleiben will, wer sein Leben in ihm verankern will, der darf keinen Augenblick vergessen: In Christus sein bedeutet, in seiner Liebe bleiben. Die Frucht, die am Weinstock gedeiht, ist die Liebe – zu Gott und zum Nächsten. Diese Liebe strebt nicht danach, den anderen zu dominieren. Sie ist eine selbsthingebende Liebe. Sie hat das Ziel, den anderen werden zu lassen – so wie Gott uns durch Jesus Christus werden lässt zu einer neuen Kreatur.

Liebe Schwestern und Brüder, ich komme noch einmal zurück auf meine tiefe Verunsicherung zu Beginn meines Studiums und auf die geschenkte Erkenntnis, dass es die Gegenwart Christi ist, die Neuorientierung ermöglicht und dem Leben neue Kraft verleiht. Ich hoffe und wünsche, dass jede und jeder unter uns diese Gegenwart Christi spürt in den Liedern, in den Gebeten, im Abendmahl, in der Begegnung mit dem Nächsten. Ich hoffe auch, dass jede und jeder aus der Verbindung zum Weinstock neue Kraft schöpft. So möge uns allen das möglich werden, was die Frucht allen Glaubens und allen Hoffens ist: die Liebe. Sie möge in uns bleiben, und wir mögen in ihr unser Leben verankern. Amen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.