Predigt über Johannes 14,1-6
- 01.01.2026 , Neujahr
- Pfarrer i.R. Christian Wolff
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.
Vielleicht sind der eine oder die andere ihm schon einmal im Rosental begegnet: dem barttragenden, hageren Mann, dessen Alter schwer einzuschätzen ist. Er sitzt meist auf einer der Bänke oder spaziert durch den Auwald und spricht die Leute ungefragt mit eindringlich, fast drohender Stimme an:
Wenn Du nicht in die Hölle kommen willst, dann bekenne dich jetzt zu Jesus Christus. Er wird dich vor Qualen und ewiger Verdammnis retten.
und dann folgt ein Redeschwall hitzig-religiöser Drohbotschaften im Namen des Mannes, an dessen Worte auch wir uns zu orientieren versuchen: Jesus von Nazareth. Ich gebe zu: Mir sind solche Begegnungen eher peinlich. Denn mit dieser Art von fundamentalistischer Holzhammer-Verkündigung möchte ich nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Gleichzeitig aber versuche ich zu verstehen, wie ein Mensch – und er steht damit nicht allein - auf so krude, aggressive Weise die Botschaft Jesu verdrehen kann. Dennoch ärgert es mich maßlos, dass solche Leute oder auch evangelikal-fundamentalistische Gruppierungen Grundlagen des christlichen Glaubens in Verruf bringen und antireligiöse Vorurteile nur bestätigen.
Das alles ging mir durch den Kopf, als ich den Predigttext aus dem Johannesevangelium für diesen Neujahrstag las – eine besondere Rede Jesu, nicht irgendwo gehalten, sondern an seine Anhängerinnen und Anhänger gerichtet, die sich um ihn geschart hatten:
Euer Herz erschrecke nicht!
Glaubt an Gott und glaubt an mich.
In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.
Stünde es anders: Ich wäre ein Lügner.
Doch ich weiß, was ich sage.
Denn ich gehe hin, unter die Himmel,
und sorge dafür,
dass ihr eine Heimat habt, dort,
ein Zuhause.
Schon gehe ich fort,
um euch eine Wohnstatt zu schaffen,
doch ich komme zurück,
dann seid ihr meine Gäste,
und wo ich bin, da seid auch ihr:
geborgen und ohne Furcht.
Ihr kennt meinen Weg:
Ich will ihn gehen.“
Da sagte Thomas zu ihm:
„Wie können wir den Weg kennen,
da wir nicht wissen, wohin du gehst?“
„Ich bin der Weg“,
antwortete Jesus,
„ich bin Wahrheit,
und ich bin Leben.
Nur durch mich kommt ihr zum Vater.“
Johannes 14,1-6 - nach der Übersetzung von Walter Jens
Was sofort auffällt: Jesu Worte enthalten keine Drohungen. Es werden keine Ängste geschürt. Jesus übt auch keinen Druck auf seine Anhänger:innen aus. Vielmehr versucht er, die Menschen erst einmal zu beruhigen:
ich … sorge dafür,
dass ihr eine Heimat habt
Unruhe, Verunsicherung, das Gefühl von Heimatlosigkeit hatten sich unter den Jüngern breitgemacht. Denn Jesus sprach über seinen Abschied, über das Ende seines irdischen Wirkens, über seinen bevorstehenden Tod. Doch für die Jünger, insbesondere für Petrus und Thomas, lag all das, was Jesus da ankündigte, sehr im Ungewissen. Sie konnten sich nicht vorstellen, was Jesus an Leiden, an menschlicher Niedertracht, an Enttäuschung erwartet. Deswegen beginnt Jesus seine Rede mit der Aufforderung:
Euer Herz erschrecke nicht!
Glaubt an Gott und glaubt an mich!
Was für eine wohltuende Botschaft zu Beginn des neuen Jahres – und das in einer Krisenzeit! Bei allem Unwägbaren, dem unser persönliches, gesellschaftliches, kirchliches Leben unterworfen ist: Nicht die Dinge, die Erschrecken auslösen, sollen uns beherrschen. Schon gar nicht sollen wir Verunsicherungen religiös ausnutzen, um den Menschen Angst einzutreiben. Vielmehr soll der Glaube zur gestalterischen Kraft für unser Leben werden. Denn der Glaube befreit uns von Ängsten - vor allem von der Angst, in den Problemen, von denen wir umgeben sind, zu ertrinken. Der Glaube ermöglicht uns, die Probleme unter uns zu lassen, auf ihnen zu gehen, so wie Jesus auf dem Wasser wandeln konnte. Der Glaube, also das Vertrauen darauf, dass uns Heimat, Wohnung verheißen ist, lässt uns zielbewusst und darum hoffnungsvoll leben. Er eröffnet uns eine neue Perspektive für die Zukunft unseres Lebens, unserer Kirche, unserer Welt – ganz im Sinn der Jahreslosung 2026 „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.“ (Offenbarung 21,5) Wir sind nicht schicksalshaft dem gegenwärtigen Zustand ausgeliefert. Vielmehr öffnet der Glaube das Fenster zur neuen Welt Gottes, durch das wir „geborgen und ohne Furcht“ blicken können.
Wenn Jesus in vielen Heilungsgeschichten zu den gesundeten Menschen sagt: „Dein Glaube hat dir geholfen“, dann bedeutet dies: Unterschätze nicht die Kraft deines Glaubens im Prozess der Heilung. Unterschätze nicht die Hilfe des Glaubens, wenn es um Erneuerung des Lebens und der Kirche geht. Unterschätze nicht die Wirkung des Vertrauens darauf, dass Jesus Christus bei uns Menschen ist an allen Tagen. Nutze den Glauben, um dir mit ihm die Wirklichkeit neu zu erschließen und um deine Kleingläubigkeit, deine Hoffnungslosigkeit zu überwinden.
Aber nun wissen wir: Glaube ist nicht gleich Glaube, weil Mensch nicht gleich Mensch ist. Wir wissen, wie schwer das ist, Glauben in seiner Unterschiedlichkeit zu beurteilen. Denn der Glaube des Anderen ist immer auch ein anderer Glaube. Wir wissen, wie verschieden wir aus unserer jeweiligen Glaubenshaltung die Kirche, die Welt und ihre Probleme sehen. Und doch ist es notwendig, unseren Glauben auch als gemeinsamen zu erfahren, die Verschiedenheit unter einem gemeinsamen Dach zu erleben.
In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.
sagt Jesus relativ unvermittelt zu seinen Jüngern. Dieses Wort Jesu gehört für mich zu den schönsten und wichtigsten Botschaften, die wir Jesus verdanken. Es ist die Basis dafür, dass wir Menschen, die sehr unterschiedliche religiöse und kulturelle Beheimatungen haben, in Frieden zusammenleben können.
In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.
Damit befreit uns Jesus von allen Engführungen. Das Haus Gottes, das Haus des Glaubens, ist kein öder Plattenbau, in der jede Wohnung gleichen Zuschnitt und gleiche Ausstattung hat. Glaube an Gott, Glaube an Jesus Christus, ist so vielfältig, wie es die Wohnungen in unterschiedlich gestalteten Häusern in einer über Jahrhunderte gewachsenen Stadt sind. Nun brauchen wir ja nur auf unserem geistigen Bildschirm all die Wohnungen Revue passieren zu lassen, die wir kennen: die frisch sanierte und modern eingerichtete Belle Etage im Gründerzeithaus des Waldstraßenviertels; die spartanisch eingerichtete Ein-Raum-Wohnung im 12. Stock eines Grünauer Plattenbau-Hochhauses; die mit Nippeskram messihaft gefüllte Zwei-Raum-Wohnung am Johannisplatz, der eine Entrümpelung gut tun würde; die überheizte Neubauwohnung mit Isolierverglasung, in der dringend die Fenster geöffnet werden müssen, damit der Mief entweicht; und ... und ... und ...
Alle Wohnungen sind Bilder für unseren Glauben: entschlackt, traditionell, vermieft, anheimelnd, modern, konservativ, spießig, hip, cool, offen. Denn jede Wohnung ist nur ein Teil des Hauses, wie auch jedes Zimmer nur ein Teil der ganzen Wohnung ist. So wie wir uns nie nur in einem Zimmer aufhalten, so ziehen wir auch während unseres Lebens um in eine andere Stadt, in ein anderes Haus, in eine andere Wohnung oder mieten uns im Urlaub in eine Ferienwohnung ein. Auch das gehört zum Glaubensleben: immer neue Entdeckungen machen im Hause Gottes, im Gebäude des Glaubens; sich neu einrichten, ab und zu einen Tapetenwechsel vornehmen und oft genug lüften. Mancher hat es auch nötig, einmal ohne Dach über dem Kopf zu leben, auf Wanderschaft zu gehen – also aus der Kirche auszutreten, religiös anderweitig unterwegs zu sein, ohne in einem neuen Hafen vor Anker zu gehen; irgendwann wieder in die katholische Kirche einzutreten, um dann evangelisch beerdigt zu werden.
Wie tröstlich, dass Jesus uns auf diese Vielfalt des Glaubens hinweist:
In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.
Wir lernen im neuen Jahr hoffentlich viele neue Wohnungen kennen. Und hoffentlich verlässt unsere Landeskirche in Sachen Struktur ihre Plattenbau-Ideologie: Alles muss gleich und von Oben verwaltet, gesteuert sein. Wir brauchen eine neue Offenheit und Mut zur Vielfalt. Denn nur so werden wir auch den so unterschiedlich denkenden, glaubenden, fühlenden Menschen nahekommen. Ja, wenn wir in einer anderen Wohnung zu Besuch und im ersten Moment über die Einrichtung befremdet sind, sollten wir uns eingestehen: Auch so können Menschen leben und glauben und glücklich sein.
Aber - so höre ich schon die kritischen Einwände: Öffnet diese Deutung des Bildes von den vielen Wohnungen nicht der Beliebigkeit Tür und Tor – vor allem wenn wir dieses Bild noch ausweiten auf andere Religionen, auf das Haus Europas, auf das globale Zusammenleben? Gibt es nicht auch Bruchbuden, Räuberhöhlen, Spelunken, die wir nicht als Teil des Hauses Gottes ansehen dürfen? Was ist, wenn sich in unseren Städten neben Kirchtürmen Minarette über den Häusern erheben? Wenn immer mehr freie Anbieter in unser einstmaliges Kerngeschäft der sog. Kasualien eingreifen: Lebenswendefeiern in der Disco, Trauungen im Park eines Nobelhotels, Bestattungen im Wald, alles ohne Pfarrerin oder Pfarrer, ohne kirchlich-bürokratische Formalien wie Dimissoriale oder päpstliche Erlaubnis, als Geschiedener doch noch einmal heiraten zu dürfen? Auch das sind Fragen, mit denen wir uns verstärkt auseinandersetzen müssen – aber eben nicht angstbesetzt.
Thomas, der Zweifler unter den Jüngern, fragt Jesus:
Wie können wir den Weg kennen,
da wir nicht wissen, wohin du gehst?
Wie können wir das Haus Gottes erkennen unter den vielen, so unterschiedlichen Gebäuden in unserer Stadt? Woher können wir wissen, wo Gott wirklich wohnt, wenn Jesus von uns geht, ohne zu sagen wohin? Jesus antwortet auf die Frage des Thomas mit einem sehr vertrauten Wort:
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.
so Luthers Übersetzung. Ist das nicht ein radikaler Widerspruch zum Bild von den vielen verschiedenen Wohnungen? Plädiert Jesus hier nicht für einen Einheitsglauben, eine Einheitswohnung? Ergibt sich aus dieser Selbstaussage Jesu nicht zwingend ein Absolutheitsanspruch des Christentums als der einzig wahren Religion? Kann sich der einsame Rufer im Rosental nicht darauf berufen? Ja, so wurde und so wird dieses Wort Jesu immer wieder ausgelegt. Ich halte dieses Verständnis für höchst problematisch. Denn es bleibt ja nicht nur beim Absolutheitsanspruch der einen Religion. Innerhalb dieser Religionsgemeinschaft behaupten dann wieder einzelne Gruppen, sie allein wissen um den einzig wahren und richtigen Weg. Leider hat diese Art von Glaubensfundamentalismus auch im Christentum eine schreckliche Blutspur hinter sich hergezogen. Denken wir nur an den über Jahrhunderte kirchlich gepushten Judenhass mit seinen vernichtenden Gewaltexzessen seit dem frühen Mittelalter. Bis heute wirkt er im elenden Antisemitismus nach. Oder denken wir an die kriegerisch ausgetragenen Konfessionskonflikte nach der Reformation, Ausfluss eines herrischen Richtigkeitswahns – bis hin zum russisch-orthodoxen Metropoliten Kyrill, der Putins in der Ukraine brutal inszenierten Imperialismus als notwendigen militärischen Kampf gegen den „Antichristen“ und den „verrotteten Westen“ rechtfertigt.
Die Zugänge zu Jesus, zum Glauben aber sind sehr unterschiedlich. Das sollten wir nicht bedauern, sondern als einen Vorteil, einen Gewinn betrachten. Denn …
- nicht wir sind der Weg, sondern wir verfügen über das Privileg, auf unseren Lebenswegen in der Spur Jesu wandeln und viele mitnehmen zu können.
- Nicht wir sind die Wahrheit, sondern wir können uns in der notwendigen Auseinandersetzung um Wahrheit an der Botschaft Jesu und seinen Maßstäben orientieren.
- Nicht wir sind das Leben, sondern wir können an Jesu Wirken, Leiden, Auferstehen teilhaben und darum sehr viel zum sinnerfüllten Leben beitragen.
Nur wenn wir uns so auf Jesus und seine Botschaft beziehen und dabei deutlich unterscheiden zwischen Jesus und uns, zwischen Christus und der Kirche, gelangen wir in eine der Wohnungen im Hause Gottes und können gleichzeitig ertragen, dass dort auch andere Menschen in alternativ eingerichteten Wohnungen leben, die auf ihre Weise zum Vater gekommen sind – zumal ich Gott nicht anders denken kann als den, der Zugänge zu ihm zulässt, die mir selbst verschlossen bleiben.
Auch im neuen Jahr werden wir kirchlich wie gesellschaftlich um den Wert dieser Pluralität ringen müssen: Vielfalt der Lebensentwürfe und des Glaubens – vor allem im Blick auf das interreligiöse, interkulturelle Zusammenleben, aber auch im Blick auf den Erhalt unserer offenen Gesellschaft und ihrer demokratischen Gestalt. Entscheidend wird dabei zweierlei sein:
- dass wir Christ:innen uns des eigenen Glaubens gewiss werden, also unsere religiöse Identität, unsere Beheimatung kennen, ohne einen Alleinvertretungsanspruch zu erheben;
- dass wir den Glauben anderer respektieren und diesem angstfrei und neugierig begegnen – also die anderen Wohnungen (wie zum Beispiel eine Moschee oder einen buddhistischen Tempel) nicht nur betreten, sondern ihren Bau genauso befürworten wie für deren freie Religionsausübung eintreten.
Das ist ein durchaus mühsamer Prozess – insbesondere im Blick darauf, dass wir uns auch auf eine Hausordnung zu verständigen haben. Wie schwierig, aber auch wie notwendig dieser Prozess ist, zeigen Christenverfolgungen in islamisch geprägten Ländern wie religiös motivierte Terroranschläge, die bei uns so viel Leid und Erschrecken auslösen. Trotz aller fundamentalistischen Gewalt müssen wir weiter und immer von neuem versuchen, unser Herz nicht erschrecken, versteinern zu lassen. Denn irgendwann gilt es, Mietverträge zu schließen, also Zug um Zug die Wirklichkeit eines vielfältigen Zusammenlebens anzuerkennen. Das gilt auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht. Da mögen doch bitte gerade in hiesigen Regionen mehr Menschen erkennen, dass das unselige Treiben der Rechtsnationalisten und der christlich-fundamentalistischen Angsthasen, ihr Antipluralismus, ihr Rassismus, ihre Nationalisierung der Politik, ihr zweifelhaftes Bestreben nach Homogenität nichts anderes bedeuten, als die Menschen in die Gleichförmigkeit eines Plattenbaus zu zwängen und diesen mit einem großen Zaun und einer hohen Mauer abzusichern. Vor einem solchen Szenario möge uns auch im neuen Jahr die Zusage Jesu bewahren: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich bahne euch den Weg zu dem Gott, in dessen Haus Platz für viele ist. In dieser Gewissheit können wir dem
Frieden Gottes vertrauen. Dieser ist höher als all unsere Vernunft. Dieser bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Christian Wolff, Pfarrer i.R.