Predigt über Jeremia 29,1.4–7(8–9)10–14
- 25.10.2026 , 21. Sonntag nach Trinitatis
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
haben Sie momentan auch manchmal das Gefühl, im falschen Film zu sitzen? Anfang der Woche saß ich mit zwei Schulfreundinnen in Nürnberg zusammen und wir erinnerten uns – wie soll es anders sein? – an alte Tage. Und ziemlich schnell waren wir bei den Träumen und Hoffnungen, die wir damals hatten. Wir haben 1989 Abitur gemacht, in diesem Jahr, als für Sie hier im Osten Deutschlands Gebete und Kerzen dafür sorgten, dass ein staatliches System zusammenbrach und die Grenzen aufgingen – ohne Gewalt. Wir im Westen haben damals ungläubig zugesehen und staunten darüber, dass alte Feindschaften vorbei zu sein schienen, dass Abrüstung und Begegnung und Gemeinschaft möglich wurden. Frieden zwischen Feinden schien plötzlich möglich. Und wir damals jungen Menschen starteten hoffnungsfroh in unser Leben als Erwachsene, die Verantwortung übernehmen wollten. Wo sind wir heute damit? Wohin ist die Aufbruchstimmung verflogen? Wohin ist das Vertrauen in das Gute im Menschen und die Chancen friedlichen Zusammenlebens verschwunden. Wenn wir die politischen Entwicklungen in unserem Land ansehen, dann reiben wir uns die Augen und denken – das hatten wir nicht für möglich gehalten. Umgangsformen, Respekt vor allen Menschen, Vertrauen auf demokratische Vollzüge – all das hielten wir noch bis vor kurzem für selbstverständlich. Haben wir uns zu wenig gekümmert? Haben wir geschlafen? Es gab Zeiten, da sind Menschen, die sich nicht mehr sicher in Deutschland fühlten, ins Exil gegangen – jene die es finanzieren konnten und die sich rechtzeitig entschieden. In die Schweiz, in die USA, oder ganz woanders hin. Andere haben sich zurückgezogen, haben sich enthalten, haben so getan, als ob sie nichts sähen und nichts tun könnten. Innere Emigration nennt man das. Das ist eine Möglichkeit. Wegsehen. Weggehen. Sich distanzieren. In Depression verfallen.
Der Predigttext stammt aus dem Buch des Propheten Jeremia. Es handelt sich um einen Brief von Jeremia an all die Landsleute, die von den Babyloniern unter Nebukadnezar nach Babylon deportiert wurden waren und dort leben mussten. Das war im 6. Jahrhundert vor Christus, also vor gut 2500 Jahren. Die Deportierten wurden damals nicht gefragt, es war ein riesiger Einschnitt in der Geschichte Israels, ein traumatisches Erlebnis, das letztlich mit der Zerstörung Jerusalems endete. Hören wir auf Jeremias Brief an:
1Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte:
4So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: 5Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. 7Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.
10Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. 11Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. 12Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. 13Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, 14so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der Herr, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.
Soweit Jeremia.
Der Prophet ermutigt die Deportierten. Er gibt ihnen Hoffnung auf Heimkehr. Aber vor allem rät er ihnen, sich erst einmal mit den Gegebenheiten abzufinden, sich darauf einzustellen, dass es länger dauern wird, bis das Exil zu Ende geht. 70 Jahre wird es dauern, so kündet er an! Lass Sie sich das auf der Zunge zergehen: Das ist knapp die Zeit, die uns vom 2. Weltkrieg trennt. 70 Jahre lang sollt Ihr euch mit der grundsätzlichen Lage abfinden und – jetzt kommt es – Euch dort in der Fremde engagieren. Häuser sollen sie bauen und Gärten pflanzen, Familien gründen und sich für die große und fremde Stadt einzubringen. Man könnte dort ja auch Widerstand leisten, Attentate planen, subversiv gegen die Stadtregierung vorgehen, sich zu revolutionären Zellen zusammentun. Nein, sagt Jeremia: Suchet der Stadt Bestes. Setzt Euch ein für diese fremde, diese ungeliebte Stadt, die Stadt, in der die Feinde die Oberhand haben. Wenn es dieser Stadt gut geht, dann geht es auch euch gut.
Hilft uns dieser Rat, in unserer Stadt Leipzig, in unserem Land Deutschland, in unserem Jahr 2026? Übertragen heißt das doch: Bitte zieht Euch nicht zurück, auch wenn Euch das politische Treiben missfällt oder anekelt. Haltet Euch nicht vornehm heraus. Verlasst das Land nicht, weder innerlich noch äußerlich, verlasst die Stadt und den politischen Diskurs nicht, auch wenn sich alles fremd anfühlt. Auch wenn es Ärger und Frust und Trauer auslöst, was da vor unseren Augen abgeht. Verschließt nicht die Augen, tut nicht so, als ob nichts wäre. Und wartet auch nicht ewig in der Hoffnung, es könnte von selber wieder heilen. Schaut, wie Ihr Euch engagieren und einbringen könnt. Nutzt Eure Möglichkeiten, Euren Einfluss, macht das Beste daraus.
Liebe Gemeinde, jetzt mal im ganz privaten Leben, haben Sie da auch manchmal das Gefühl, im falschen Film zu sitzen?
Da führt man ein ganz normales Gespräch und irgendeine Bemerkung triggert bei dem Gesprächspartner die Emotionen, das Gespräch wird lauter, die Argumente schärfer und dann irrationaler, und daraus wird in Minuten ein Streit – der zum Abbruch von Beziehung führt und Jahre braucht, um zu heilen. Und dann denke ich: Wie ist das jetzt passiert? Ich wollte das nicht und mein Gegenüber auch nicht. Können wir bitte nochmal von vorn anfangen? Nein, es ist geschehen. Ich muss damit zurechtkommen. Oder dieser surreale Moment: Ich fahre mit dem Auto zum Supermarkt, weil mal die Speisekammer mal wieder völlig leer ist, und ich kaufe ein und fahre zurück und die Ampel springt auf Rot und warum auch immer fahre ich dem Vordermann, der regulär gebremst hat, hinten rein. Tiefer Seufzer. Und der Gedanke: Kann ich mal bitte nochmal 1 Minute zurück in meinem Leben. Kann ich es bitte ungeschehen machen? Leider nein. Im falschen Film. In solchen Situationen sehe ich mich von außen, mir passiert etwas, was ich nicht will, was ich aber auch nicht mehr ändern kann. Da möchte ich weg. Im Boden versinken. Möchte in mein Bett. Möchte mit der Situation nichts zu tun haben. Aber ich muss mich der Lage stellen. Ich bin erwachsen. So tun, als ob mich das nichts anginge, funktioniert nicht. Die dumme Situation, in die ich mich gebracht habe, muss ich bearbeiten, muss das Beste daraus machen. Für mich und die anderen.
Liebe Tauffamilien,
wenn man ein Kind bekommt, dann setzt die normale Zeitrechnung aus. Dinge laufen automatisch. Vieles zieht wie ein Film an uns vorüber. Die Realität verschiebt sich. Plötzlich bist du Mutter oder Vater. Du hast die Verantwortung für den kleinen Wurm, eine Verantwortung, die du nie wieder loswirst. Du schickst ein Kind in die Welt hinein, und du weißt weder, was aus der Welt wird, noch was dein Kind alles erleben wird. Es ist ein Wagnis, ein Abenteuer, ein Spiel mit dem Leben. Es ist nichts Idyllisches, nichts Angenehmes, nichts zum Ausruhen. Und es ist gleichzeitig das Schönste, was es gibt. Glück und Gottesgeschenk. Ein fantastischer Raum der Liebe und der Sorge. Sie, liebe Tauffamilien, haben sich dafür entschieden, den Dingen nicht einfach ihren Lauf zu lassen. Oder einfach nur zu hoffen, dass alles gut wird. Sondern: Sie sind hierhergekommen, um ihr Kind Gott anzuvertrauen – dem Gott, der die beiden Mädchen sowieso hält und trägt und ihnen den Lebensatem schenkt. Sie suchen das Beste für ihre Tochter. Und da ist die Taufe das Beste, was geschehen kann. Anstatt dem Leben hilflos zuzusehen, möchten Sie dieses Leben mit Gott beginnen lassen.
Mit diesem Gott, der in den Worten des Jeremia sagt:
Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe […]: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. 12Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. 13Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, 14so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.
Diesen Gott habt Ihr durch die Taufe mit Euren Kindern verbunden, verknüpft, zugesprochen, anvertraut: Ein Gott des Friedens, der Zukunft, der Hoffnung. Ein Gott, der hört, der sich finden lässt, der da ist und durchs Leben führt.
Das ist die Hoffnung in allen diesen Momenten, wenn der falsche Film, in dem ich sitze, fremd und bedrohlich und angsteinflößend wird, wenn es zu schnell geht, ich die Beherrschung verliere über mich und über das, was um mich geschieht. Weltweit, hier in dieser Stadt, und im ganz persönlichen Leben. Gott ist dabei. Wir wissen nicht, warum wir es nicht öfters spüren, warum es uns Gott nicht manchmal deutlicher und lauter zuruft. Und warum wir immer wieder zweifeln, ob es ihn überhaupt gibt. Jeremia hat es den Deportierten im fernen Babylon zugerufen: Gott kümmert sich, er schafft Frieden, er ist die Zukunft und die Hoffnung. Er erhört Dich und mich und unsere Taufkinder.
Liebe Gemeinde, Jeremia predigt einen gesunden und verantwortungsvollen Realismus. Das heißt: Kümmert Euch um das, was in der Stadt, in der Familie, in Eurem ganz besonderen eigenen Leben ansteht. Habt einen langen Atem. Es wird nicht gleich morgen besser werden. Es geht schrittweise, oftmals zwei vor und einen zurück. Und lasst euch von niemandem verführen, der einfache und schnelle Lösungen anbietet, laut und dreist, und in Wirklichkeit nur Profit und Macht erstrebt, auf Kosten der Schwachen, der Stillen, der Fremden. Die Vision, die für uns gilt, reicht über unsere Beschränkungen hinaus. Sie malt unser Leben in einer Stadt, in einem Land, wo Frieden, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Liebe herrschen. Noch einmal Jeremia: Eure Gefangenschaft will ich wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der Herr, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen. Dieser Ort, dem unsere Sehnsucht gilt, ist die Geborgenheit, der freundliche Blick Gottes, unsere Gemeinschaft. In Liebe. Im Frieden. In Seiner Hand.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Fürbitten
Gott, wir danken Dir, dass Du uns hörst, dass Du dich von uns finden lässt, dass du uns in und durch unser Leben führst. Wir bitten dich um Frieden: zwischen den Staaten, zwischen den gesellschaftlichen Gruppen, in den Städten und Dörfern, in den Familien, in uns selbst. Lass uns mittun, Verantwortung übernehmen, die kleinen Schritte mitgehen, unsere Möglichkeiten nutzen, und auch Zeiten der Ruhe für uns finden. Wir bitten dich um Zukunft: für unsere geschundene Erde, für die Demokratie in unserem Land, für die Jugend, für unsere Täuflinge. Lass uns daran arbeiten, das Leben in den Städten wieder für alle bezahlbar zu machen, Auseinandersetzungen ohne Gewalt zu führen, Ehrlichkeit, Transparenz und Respekt wieder zu Tugenden werden zu lassen.
Wir bitten dich um Hoffnung: für alle, die nicht weiterwissen, für die Abgehängten, für die Vertriebenen und Hungernden, für die, die an ihrer Schuld leiden, für die Kranken und Sterbenden, für uns alle.
Lass uns aus Deinem Wort Kraft schöpfen, aus den Geschichten, die von Dir erzählt werden, aus den Erlebnissen der Menschen mit Dir, aus der Musik und der Kunst, und aus der Liebe, die uns jeden Tag geschenkt wird.
Gott, wir danken Dir, dass Du uns hörst, dass Du dich von uns finden lässt, dass du uns in und durch unser Leben führst.
Amen.