Predigt über Hebr 13,12-14

  • 22.03.2026 , 5. Sonntag der Passionszeit - Judika
  • Superintendent Sebastian Feydt

PDF zur Predigt HIER

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! In der Stille bitten wir Gott um seinen Segen für sein Wort und unser Hören und Verstehen.

Grundlage der Predigt: Hebr-Brief 13,12-14:

Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.  So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Liebe Gemeinde!

Dieser Moment hatte sich mir eingeprägt. Anfang des Jahres waren Jontes Eltern zum Taufgespräch zu mir gekommen.

Jonte saß bei seinem Vater auf dem Schoß.

Die große väterlicher Hand hielt ihn, und er schaute mich mit großen Augen an.

Keine drei Monate waren seit seiner Geburt vergangen.

Und in diesem Kind eröffnete sich eine ganze neue Welt.

Mehr braucht es nicht, um zu spüren, was gottgeschenkte Zukunft ist. Mehr braucht es nicht um die eigene sorgenvolle Angst vor dem Morgen für einen Moment hinter sich lassen zu können.

Beim Anblick eines kleinen Erdenbürgers verändert sich meine Sicht. Und es verschiebt sich der Horizont. Was lässt sich nicht alles in den Augen eines kleinen Kindes lesen…Zuversicht, Hoffnung…

Ich erinnere, dass ich an dem Tag unmittelbar vor der Begegnung mit dem Täufling und seinen Eltern Nachrichten aus unserer Partnerstadt Minneapolis bekommen hatte.

Was für ein Kontratsprogramm.

Die lutherischen Gemeinden hier in Leipzig haben pflegen eine Partnerschaft mit der lutherischen Kirche in Minneapolis.

Noch im September letzten Jahres waren die neu gewählte Bischöfin, Geistliche und Gemeindeglieder hier in Leipzig zu Gast.

Jetzt berichteten eben sie hautnah von der angespannten Situation in Minneapolis, von dem Vorgehen der Einwanderungsbehörde.

Die Lyrikerin Reneè Good war ermordet worden, nach ihr weitere Personen. Die Menschen in Minneapolis litten unter der unerträglichen Gewalt auf ihren Straßen, die damit verbundene Wut, Ohnmacht und Angst.

Nicht wenige von ihnen traten bei klirrender Kälte vor die Tore ihre Häuser und stellten sich in friedlichem Protest der Gewalt entgegen. Und sie stellten sich neben ihre Nachbarn. Menschen, die sie persönlich zum Teil noch gar nicht kannten.

Jesus hat ... gelitten draußen vor dem Tor.

Lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.

Liebe Gemeinde, es ist klar: diese Verse aus dem Hebräer-Brief im Neuen Testament sprechen vom Kreuz. Vom Kreuz Jesu Christi.

Das heißt: Es geht um das Leiden und um den gewaltsamen Tod. Den Tod des einen Menschen Jesus von Nazareth. Und den der Vielen, die vor und mit und nach ihm leiden - und gewaltsam sterben.

Wir erinnern mit diesen biblischen Versen heute nicht allein ein grausames Geschehen vor 2000 Jahren.

Der Verfasser dieses Briefes holte schon damals das Kreuz Jesu ins Hier und Jetzt. Seine Worte stellen uns heute vor Augen, wie Jesus unter der Gewalt gelitten hat.

Und als ob dieses Sichtbarmachen nicht genügt; als ob wir noch nicht sensibel und aufmerksam genug sind, wird hinzugefügt: Lasst uns zu ihm hinausgehen und seine Schmach tragen.

Das ist eine besondere Form „nachzufolgen“.

Es ist die Aufforderung zum Leid, zur Gewalt, zum Sterben eines Menschen hinzuzutreten; hinzusehen, sich auseinandersetzen mit dem Leiden.

Unsere Tendenz ist oft eine andere. Wir machen einen Bogen um Orte, an denen Menschen leiden. Viele machen auch einen Bogen, um Orte, an denen Menschen sterben. Weil wir dem Leid und dem Sterben anderer aus dem Weg gehen wollen.

Weil es uns „nichts angeht“, wie wir meinen sagen zu dürfen.

Hier, in den biblischen Versen, ist eine ganz andere Herangehensweise ausgesprochen.

Lasst uns hinausgehen zum Kreuz.

Anders geht es auch gar nicht.

Denn das Kreuz steht eben nicht im Tempel. Es steht draußen, vor den Toren der Stadt.

Das Kreuz steht mitten in der Welt.

Dort hat das Kreuz seinen Platz: in der Welt. Und genau dorthin orientiert der Hebräerbrief die frommen Judenchristen seiner Zeit:

Raus aus ihren bequemen, religiösen Nischen und Behausungen  - hinein in die kalte Wirklichkeit der sie umgebenden Welt.

Wir sind heute schon irritiert, wenn uns einmal ein Kruzifix außerhalb eines Kirchenraums oder eines Friedhofs begegnet. Das ist dann an einer Kreuzung, wie wir sagen, oder am Straßenrand und verweist auf einen tödlichen Unfall.

Aber sonst gehört das Kreuz für Viele eigentlich in die Kirche und dort, also hier, haben wir uns daran gewöhnt es zu sehen.

Mir scheint, als hätten wir unseren Frieden mit dem Kreuz gemacht, so wie es auf jedem Alter dazugehört.

Löst der Anblick des Kreuzes überhaupt noch etwas in mir aus? Bewegt uns der Blick auf das Kreuz? Erschrecke ich, spüre ich Mitleid? Stellen sich mir Fragen? Empfinde ich eine Wut in mir?

Gibt es eine eigene Reaktion auf das Kreuz? Genau darum geht es dem Verfasser des Hebräerbriefes. Er will uns Menschen erreichen, will uns berühren und uns angesichts des Leids, das Menschen auszuhalten haben, innerlich und äußerlich bewegen.

Wer das Kreuz Jesu vor Augen hat, der kann nicht bleiben, wie er ist.

Wer das Kreuz so vor Augen hat, die kann nicht davon ausgehen, dass alles so bleibt, wie es ist, sondern möge hinausgehen.

Aus sich hinausgehen, sich in Bewegung setzen. Lasst uns zu ihm hinausgehen.

Wo würde uns unser Weg denn hinführen, wenn wir uns aufmachen und die Schmach des Kreuzes, des erlittenen Leids mit zu tragen?

Liebe Gemeinde, bevor wir allzuschnell eine Antwort auf diese Frage geben, lohnt es den folgenden Hinweis im biblischen Text noch genau zu hören. Der Aufforderung hinauszugehen in die Welt, in die Welt des Leids und der Gewalt, in die Welt des Sterbens - dieser Aufforderung wird eine Begründung hinzugefügt:

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Das Sich-in-Bewegung-setzen, das auf Menschen zugehen, das Rausgehen aus der eigenen Komfortzone, eben auch aus der religiösen Komfortzone – es führt zuerst ins Suchen.

Wie wir gemeinsam leben wollen, wie die Zukunft sich gestaltet, wie die zukünftige Stadt, die gemeinsame Lebensform aussieht - das ist bewusst offengehalten.

Nichts ist vorfestgelegt.

Fest steht nur:

Es bleibt nicht so, wie wir es ggw. erleben.

Es bleibt nicht so, wie es ist.

Veränderung ist immer Teil unseres Lebens und unseres Lebensweges.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige, suchen wir.

Auch im geistlichen Leben, in meiner Beziehung zu Gott, bleibt nichts immer wie es ist.

Ich bin auf Bewegung orientiert.

Gott, den mitleidenden Gott,

den menschlichen Gott, der sich ans Kreuz begibt, diesen meinen Gott, finde ich nicht in den engen Grenzen, die ich mir für meinen geistliches Leben vielleicht selbst gesteckt habe.

Gott finden wir nicht allein in den schönen Gottesdiensten des Herrn, nicht allein in der wunderbaren Kirchenmusik, auch nicht im neuen letzten Hörbuch oder Podcast, mit dem ich mich, mit den Kopfhörern über den Ohren, aus der Welt zurückziehe und abschotten.

Wenn wir danach suchen, wie wir zusammen-leben und dabei berücksichtigen, wie leidvoll und brutal die Welt um uns ist, dann ist doch zuerst unsere Kreativität gefragt.

Dann braucht es meine Ideen, neue Vorstellungen, wie es gelingt, in meiner unmittelbaren Nachbarschaft, in der Straße, im Stadtteil der Ich-Bezogenheit zu begegnen, der Gewalt zu begegnen, Leid wahrzunehmen, Menschen zu trösten, für andere da zu sein.

Menschen neben uns mit ihren Sorgen und Nöten ernsthaft wahrzunehmen. Eine neue Achtsamkeit für einander zu entwickeln.

Mehr Mitmenschlichkeit von mir, der ich mich nicht wie ein Unmensch fühlt – und der ich dennoch oft Not übersehe, mich zurückziehen will, vorbeigehe, statt hinzusehen und stehen zu bleiben, der ich mich mit Wenigem schon zufrieden geben...

Mir selbst hat Mut gemacht, dass ich vor einigen Tagen lesen konnte, wie in Minneapolis mit etwas Abstand auf die Zeit Anfang des Jahres geschaut wird.

An der unmissverständlich klaren Absage des rechtswidrigen Vorgehens staatlicher Behörden hat sich nichts geändert.

Sie sind eher noch klarer geworden.

Nach wie vor werden viele Menschen vermisst, suchen Kinder nach ihren Eltern, Familien nach ihren Angehörigen, vermutet man Menschen in Lagern im Süden des Landes.

Aber gleichzeitig hat sich das Zusammenleben in den Straßenzügen mit einem hohen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund gravierend verändert.  

Nachbarn treten aus ihrem privaten Umfeld heraus, um anderen zu helfen. Mütter spenden Muttermilch für fremde Mütter.

Väter und Mütter begleiten Kinder auf dem Weg in die Schule, obwohl sie nicht mal ihren Eltern genau kennen.

Andere heben Geld vom Konto und helfen Inhabern kleinen Geschäften, die schließen mussten.

Eine Überzeugung hat sich ausgebreitet:

Ich bin der Hüter meines Nachbarn, wer auch immer das ist, wo er oder sie auch immer hergekommen ist.

Stark, wie eine tiefe Krise eine vermeintlich gespaltene Gesellschaft zusammenbringt.

Es in all den vielen belastenden Nachrichten gibt es immer auch gute.

Und nicht nur in Minneapolis.

Wir alle brauchen diese Gute Nachrichte, diese Gute Botschaften dieses Evangelium der Menschlichkeit, das Jesus von Nazareth bis ans Kreuz und bis in seinen Tod vorgelebt hat.

Um eine Schmach in Würde zu ertragen.

Um für seine Überzeugung einzustehen.

Um die Menschlichkeit Gottes zu erleben.  

Beim Anblick eines Kindes gewinnt es Gestalt.

Der Friede Gottes...