Predigt über 1. Petrus 2,2-10.
- 27.07.2025 , 6. Sonntag nach Trinitatis
- Pfarrer Dr. Gregor Heidbrink
Liebe Geschwister,
ich erspare ihnen an dieser Stelle meinen Gesang, aber wenn Sie mögen, werfen Sie das Kopfkino an, und dann hören Sie das schöne Lied, It must have been love, but it’s over now.
Dazu blenden Sie dann langsam die Kanzel aus... Und New York ein, die innere Kamera schwenkt zu Richard Gere und Julia Roberts. Er, der reiche Geschäftsmann, sie die Prostituierte.
Er, Zuhause bei den oberen Zehntausend, sie weiß nicht mal, wie man in einem edlen Restaurant die verschiedenen Besteckteile verwendet! Und ihre Kleidung, wie unangemessen respektlos!
Aber ihr Lächeln!
Und dann die Konflikte: Erst soll er sie bezahlen, dann ist sie beleidigt, als er es immer noch tut.
Kann so eine Beziehung gelingen? Oder geht der Traum von Liebe vorbei.
Am Ende hat auch er etwas gelernt, aber sie ist gerettet.
Der reiche Mann als Erlöser der armen Frau, das ist ein klassisches literarisches Motiv: Aschenputtel, la Traviata, my Fair lady. Standesunterschiede sind die Hölle! Da müssen Stolz und Vorurteil überwunden werden.
Aus feministischer Sicht gibt es möglicherweise Anfragen an dieses Motiv. Aber wir dürfen schon fragen: Ob Hingabe, Bereitschaft zur Verantwortung, Leidenschaft und Wille zur Erlösung, ob das wirklich schon die schlechtesten männlichen Eigenschaften wären, die man zuerst zu bekämpfen hätte.
Jedenfalls ist es auch ein biblisches Motiv, und es kommt hier vor, im 1. Petrusbrief. (Sehen Sie auf den letzten Vers:)
Ihr seid es! Vormals lautet euer Name: „Nicht mein Volk“ – und jetzt heißt ihr: „Gottes Volk“, einst hießt ihr: „Unbegnadet“ jetzt lautet euer Name: Gnade.
Diese Zusammenstellung, Gnade, Volk, das ruft eine alte Geschichte auf. Hier fällt tatsächlich Gott die Rolle von Richard Gere zu. Und stellvertretend für Gott: Dem Prophet Hosea. Den dorther ist die Wendung zitiert.
Es ist die Geschichte von Hosea, dem Propheten, seiner Frau Gomer, der Hure, und ihren Kindern.
Neutrale, aufwertende Begriffe, wie Sexarbeiter:in gab es noch nicht. Wahrscheinlich geht es auch weniger um ihren Job, als vielmehr um ihre Promiskuität und Beziehungsunfähigkeit.
Gott hat den Propheten spüren lassen, wie es ihm geht in Bezug auf Israel. Enttäuschte Liebe, aber auch Hingabe und Hoffnung auf Neuanfang.
Die Kinder von Hosea und Gomer bekommen zunächst Namen, wo man schon sieht, mit so einem Namen wird es später schwer auf dem Arbeitsmarkt: Eine Tochter heißt: Unbegnadet. Gnadenlos. Und ein Sohn heißt: „Nicht mein Volk.“
Die Beziehung von Hosea und Gomer ist leidenschaftlich. Hosea haut Sätze raus, in Gottes Namen, wie es nur verzweifelte, enttäuschte Liebhaber können, Beschuldigungen. Drohungen. Bettelei. Rachephantasien. Es tobt im Herzen, bei Hosea – und bei Gott.
Gomer, die sogenannte Hure, hat selbst Untreue erfahren. (Ihre Mutter heißt: Diblajim, zu deutsch: Eine, die für zwei Feigenkuchen zu haben ist. Ihr Vater wird nicht erwähnt. Gomer selbst ist ein Vieldeutiger Name. Der Wunsch nach Erfüllung und Befriedigung kann darin stecken, die Hoffnung auf Vollendung. Vielleicht heißt es aber auch einfach nur: „Scheiße, schon wieder ein Mädchen“). Gomer hat oft gefühlt: Ausweglosigkeit, Zurückweisung, Ausgrenzung. Da ist eine Spirale aus Ablehnung und Angst vor Ablehnung.
Aber es gibt einen gewissen Stolz, der hält dich am Leben. Dieser Stolz, der sagt dir: Du reichst nicht einfach jedem die Hand, der dir angeblich helfen will. Sondern du bist jemand, der allein klar kommt, selbst wenn es anderen erbärmlich scheint. Du willst mehr als Opfer sein.
Ganze Milieus bilden sich so mit eigenen Gesetzen und eigener Ästhetik. Sie markieren ihre Kinder mit Namen, wo die Personalchefin grinsen muss. Autoaggressiver Körperschmuck zeigt die Zerrissenheit. Aber sie folgen ihrer Logik, ihrem Stolz. Bis heute, wo man sich fragt: Weshalb machen das Menschen so?
Aber wie hilft man?
Zwecklos ist der Apell, dass Deutschland einfach wieder mehr arbeiten muss; „Allen einen Besen in die Hand!“
Es hilft auch keine sozialpolitische Scheckbuchdiplomatie.
Es braucht mehr als Geld, es braucht Heilung, Ermutigung, eine andere Perspektive. Wo es nie eine sichere Bindung gab, sondern immer nur Stress: Da sind es lange Wege. Es wäre schön, wenn die Kirche Teil der Lösung sein könnte, aber wir müssen viel lernen. Wie vermitteln wir das Gefühl von Willkommen: Wenn Gott alias Richard Gere seine Pretty Woman mit zum Gottesdienst bringt?
Unsere Sozialpädagoginnen und Erzieher in der Diakonie, sie sind darauf eingestellt: Mit Empathie und positiver Motivation Menschen zu kleinen Schritten zu verhelfen. Sie halten es aus, wenn die Schritte lange Zeit geradezu winzig sind. Und manchmal klappt es ja, und es gelingen unwahrscheinliche Karrieren.
Ein Beispiel ist eine Person, über die man in der Kirche oft kritisches hört, aber heute will ich ihn mal als Person anschauen, JD Vance, der US Vizepräsident.
JD Vance stammt, das würden unsere Sozialpädagogen sicher anders sagen, aber auf gut deutsch, er stammt aus einer Asi-Familie. (White Trash. Hillbilly.)
Vance hat ein berührendes Buch geschrieben. Memoiren, fragt man sich, kurz nach der Uni?
Aber im Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten war das ein Wunder: Einer wie er schließt ein Studium ab. Mit schmuddeligen, fluchenden Großeltern, die immerhin da sind, und einer Mutter, die wegen Drogen und wechselnden Liebhabern ständig abwesend ist, der Erzeuger sowieso.
Er schreibt offen darüber, wie schwer es ist, eine Ehe zu führen, wenn man selbst keine Vorbilder hatte, wo keine richtige, sichere Bindung möglich war. Wo es keine Kommunikation gab, sondern nur Kampf oder Flucht.
Sein Leben ist die feministische Umkehrung von Pretty Woman.
Ohne eine emotional gesunde Partnerin, ohne eine Professorin, die ihn fördert – der säße heute vor der Oase.
Lesen Sie das ruhig. Und sagen nicht: Igitt, nur weil er jetzt eben steht, wo er steht.
Vielleicht wären wir sogar dem Frieden schon näher, wenn der ukrainische Präsident Selenski dieses Buch gelesen hätte.
Sicher erinnern Sie sich an die Szene: Selenski sitzt mit Trump und Vizepräsident Vance vor dem Kamin im weißen Haus. Selenski, ein reicher Professorensohn, er trägt wie immer symbolisch sein militärisches Outfit. Eine Botschaft, die überall auf der Welt verstanden wird. Er ist ein Präsident im Krieg, er ist Teil einer entschlossenen Bewegung…
Wer die Botschaft nicht versteht, das ist JD Vance. Er kann gar nicht verstehen, weil er eine völlig andere Geschichte hat. Seine Lerngeschichte beinhaltet Dinge wie: Die da oben leben in einer anderen Welt, sie nutzen im Restaurant verschiedenes Besteck für verschiedene Gänge. Du musst lernen, dich zu verhalten, wie die Menschen, von denen du etwas willst! Du musst ihre gesellschaftlichen Codes beherrschen.
Eine Schlüsselerfahrung von JD Vance lautet: Deine alten Militär-Klamotten im Vorstellungsgespräch zu tragen, das wirkt respektlos und das war der Grund, warum du keinen Job bekommen hast.
Das musst du ja erstmal raffen als Asi.
Jedenfalls, er hält Selenski für respektlos.
Selenski seinerseits kann nicht aus seiner Haut, er keilt zurück. Alle denken, sie hätten recht.
Zack, Konfliktstufe: Gemeinsam in den Abgrund. Und die Welt balanciert am Rande des Abgrunds.
Sie schimpfen, sie schmeißen ihn raus. Es gibt Missverständnisse zwischen Milieus, die führen die ganze Menschheit in ein Drama. Schuld, Scham, verletzter Stolz und mangelndes Vertrauen; das gibt eine klebrige, toxische Mischung. Die breitet sich aus. Es gibt ein sündhaftes Verhängnis, aus dem findest du nicht selbst raus. Da geht tiefer als nur ein konkretes moralisches Versagen (ein Ehebruch z.B.)
Wir sind in einem Kreislauf, wir tragen die Last vergangener Generationen. Wir messen einander mit unserem eigenen Gefühl für Gerechtigkeit
Bei Hosea, da war das so: Hosea muss seine Kränkung, seine Erwartungen, seinen Wunsch nach Genugtuung und Gerechtigkeit vergessen. Er muss sein Herz sprechen lassen. Hosea gewinnt Gomer für sich. Die Kinder bekommen richtige Namen. Gnade. Und: Du gehörst zu mir. Mein Volk. Und wie Hoseas Liebesgeschichte gut ausgeht, so wird Gottes Geschichte mit Israel gut ausgehen.
Dafür muss Gott selbst sich verändern, sein Herz ändern
Zorn überwinden Sich selbst aufgeben, damit die anderen leben können. Es muss diesen Moment geben, an dem eine Seite bereit ist, aus dem Konflikt rauszugehen. Es dürfen nicht alle in den Abgrund stürzen.
Im Christentum feiern wir diesen Moment am Kreuz. Der geliebte, der unschuldige Sohn wird hingerichtet. Aber der Vater verzichtet auf Rache. Engelslegionen stehen bereit. Aber es kommt kein Befehl. Der Kreislauf aus Gewalt, Rache und Sündenverhängnis wird durchbrochen und zwar an der für Gott schmerzhaftesten Stelle, als er selbst zum Opfer wird.
Und es hinnimmt.
Für andere sieht es aus, als hätte Gott ihn verworfen. Dabei hat er ihn zum Eckstein gemacht.
Die Taufe feiern wir als den Moment, wo wir eintauchen in die Geschichte. Unsere Berufung. Unsere Wiedergeburt.
Die Taufe stellt dich in die Reihe derer, die Gottes verzweifelte Liebe anspricht. Es gibt eine Hoffnung für dich, die ist größer als dein Verhängnis oder dein Versagen jemals werden können.
Gott sieht seine Kinder, die noch keine sichere Bindung haben, deren Vertrauen erschüttert wurde. Er sieht seine Kinder, die dachten, die müssten sich selbst helfen. Und er sagt: Sei begierig nach der vernünftigen und reinen Milch; kein Milchersatzprodukt, sondern die Muttermilch Gottes. Gott nimmt dich an die Brust, bis du rosige Haut bekommst und Speckfalten. Gott freut sich über Babyspeck an deiner Seele. Du wirst ihn brauchen.
Und jetzt lautet sein Ruf: Komm! Gerade du mit deinem Leben und deinen Verletzungen, du mit deinem bisschen Stolz, der dich bisher aufrecht gehalten hat: Du bist berufen von den Wohltaten Gottes zu reden! Du bist heilig, du bist auserwählt. Gnadenlosigkeit hast du erfahren, bis du dachtest, das wäre dein Name, dein Schicksal. Aber dein Name ist Gnade. Du hast gedacht, dein Name lautet: Der, der nicht dazu gehört. Aber dein Name lautet: Du gehörst dazu. Du bist königlich. Die Menschen um dich rum sehen es nicht, du siehst es selbst vielleicht noch nicht. Aber Gott sieht dich so. Du musst nicht kriechen. Du musst dich nicht demütigen, um Hilfe betteln oder dich in eine Abhängigkeit begeben. Du bist getauft. Und jetzt ist die Zeit zuzunehmen und zu wachsen in der Freude.