Predigt über 1 Mose,3
- 22.02.2026 , 1. Sonntag der Passionszeit - Invokavit
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Der Predigttext steht im 1. Buch Mose im 3. Kapitel.
Sie kennen ihn alle.
1Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
6Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
8Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten. 9Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.
14Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. 15Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
16Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
17Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.
[…]
23Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. 24Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.
Predigt
Liebe Gemeinde,
es ist kühl geworden im Garten Eden und Gott geht spazieren. Er sieht sich seine Schöpfung an, die Pflanzen, die Tiere. Einen sieht er nicht, denn der versteckt sich. Adam, wo bist Du?, ruft er.
Adam hat Angst. Er verbirgt sich. Adam schämt sich. Aber warum?
Da steckt Adam, verschreckt, versteckt zwischen den Bäumen, neben ihm die Frau. Sie haben sich Lendenschurze aus Feigenblättern gemacht. Denn sie haben entdeckt – sie sind nackt.
Warum schämt man sich dafür? Sie waren nackt, von Anfang an, so hat Gott sie gemacht. Aber sie wussten es nicht. Gerade haben sie es entdeckt, aneinander.
Es kann schrecklich sein, angeschaut zu werden. Ohne Schutz. Ohne Abstand. Ohne Zwischenraum.
Es geht nicht ums Anschauen, es geht ums angeschaut werden.
Die nackte Wahrheit, sie zeigt sich, ohne dass ich das möchte. Ich will nicht angeschaut werden. Ich möchte selbst bestimmen, was andere von mir sehen.
Nachts kann das gehen, da sind die Umrisse undeutlich. Aber am helllichten Tag?
Andere urteilen. Du bist so, oder so. Andere sehen mich besser als ich selbst. Mich selbst kann ich gar nicht vollständig sehen, wenn ich keinen Spiegel habe – und auch der Spiegel zeigt nur eine Seite von mir. Andere sehen mich besser als ich, und das besonders, wenn ich nackt bin.
Ich bin den anderen ausgeliefert. Sie bestimmen. Sie lachen mich aus. Sie treiben ihren Spott. Ich bin verwundbar, schutzlos.
Adam, wo bist du?, fragt Gott.
2
Wofür schämt sich Adam? Wofür schämt sich der Mensch?
Es kommt nicht von ungefähr, dass die beiden entdecken, dass sie nackt sind. Sie haben gegessen von den Früchten des Baumes in der Mitte des Gartens.
Die Schlange hatte ihnen angekündigt, dass sie wie Gott sein werden, dass sie Gut und Böse unterscheiden können. Das war nicht so vorgesehen. Gott wollte das nicht.
Die Schlange ist listig, so heißt es im Text. Sie kennt die Ambitionen der Menschen. Sie lockt sie heraus, spricht aus, was der Mensch nur heimlich zu denken wagt, vielleicht nicht einmal bewusst.
Sein wie Gott – so nennt es die Schlange. Wissen, klares Wissen über die Realität. Ohne Schutzschirm. Aus der Perspektive der Allmacht.
Wusste Gott, dass die Menschen damit überfordert sein könnten? Dass sie sich ausgeliefert fühlen würden? Dass sie vor der Wahrheit zu Tode erschrecken würden?
Adam schämt sich für das, was er ist. Nackt war er schon vorher, aber jetzt hat er es herausgefunden, hat es gesehen. Sie sind nackt, beide nackt. Sie sind verwundbar. All ihre Makel sind offengelegt.
Und dass sie das sehen, dass sie das wissen, dass das für immer mit sich herumtragen werden, dass ist ihre Schuld.
Gott hat es gut gemeint. Er wollte sie davor bewahren. Iss nicht. Die Verantwortung ist zu schwer. Du wirst dich fürchten. Du wirst Deine Unschuld verlieren.
Adam weiß dies. Er selbst hat es verbockt. Für den Rest aller Zeit. Seine Schuld liegt offen da, unverhüllt und hässlich. Dafür schämt er sich.
Adam, wo bist Du?
3
Liebe Gemeinde,
Die uralten Geschichten am Anfang des Alten Testamentes versuchen Grundzüge menschlichen Lebens zu beschreiben. Nicht systematisch, nicht analytisch, sondern erzählerisch. In kunstvollen Erzählungen werden die Abgründe des menschlichen Daseins beschrieben. Es kommt nicht darauf an, ob es genau so irgendwann passiert ist, sondern was es über den Menschen und seine Beziehung zu Gott aussagt.
Die Geschichte von Adam und Eva, vom Sündenfall, von der Vertreibung aus dem Paradies ist so eine Geschichte. Man kann sie auf vielerlei Weise lesen: Als Begründung für das seltsame Verhältnis von Mann und Frau. Als Warnung vor der Versuchung, wie Gott sein zu wollen. Als Erklärung für Schmerz, Plage, Gefährdung. Manche wollen darin die Befreiung des Menschen von Bevormundung sehen, die Erlangung von Souveränität, das Erwachsenwerden.
Für mich zeigt die Geschichte die Verstrickung des Menschen, das Ineinander von Schuld und Schicksal, die Blöße, die er sich immer wieder gibt: Der Mensch ist wehrlos und handelt doch gleichzeitig. Er trägt Verantwortung und scheitert daran. Er verlässt sich auf andere und wird enttäuscht. Er verlässt sich auf seinen Verstand und wird auch hier enttäuscht.
Manches ist so kompliziert. Ich tue Dinge, die ich eigentlich nicht tun möchte, die ich rückgängig machen würde, wenn ich denn könnte. Ich werde schuldig. Ich hasse mich dafür. Ich habe Angst. Ich mache mich lächerlich. Die anderen lachen mich aus. Ich fühle mich ausgeliefert. Und dass ich das erkannt habe, hilft nicht, sondern macht es noch viel schlimmer.
Da hilft nur eines: Ich verstecke mich. Und Gott fragt mich: Mensch, wo bist Du?
4
Biblische Geschichten bleiben nicht bei der Beschreibung des menschlichen Wesens stehen. Sie geben ihn nicht auf, den Menschen, sie geben mich nicht auf. Sie fragen danach, was Gott dazu meint. Wie Gott den Menschen sieht, wie er mich sieht. Wie Gott reagiert, wenn ich versage, wenn ich mich fürchte, wenn ich mich der Welt ausgeliefert fühle.
Also: Wie reagiert Gott? In dieser Geschichte – heute – hier?
Gott reagiert mit Trauer, mit Mitleid, in Geduld und Liebe.
Gott wendet sich dem Menschen zu, er sucht ihn auf, geht ihm nach. Er lässt ihn nicht versteckt verschreckt im Gebüsch sitzen. Er ruft: Adam wo bist Du?
Gott klärt die Lage auf. Er lässt es nicht im Dunkeln, was passiert ist. Adam muss aus dem Gebüsch heraus, und Eva auch. Gott will, dass Verantwortung übernommen wird. Adam muss sich erklären. Eva muss sich erklären. Sprich für dich selbst. Steht zu dem, was du getan hast.
Gott hört zu. Er lässt den Menschen ausreden. Er hört und fragt weiter.
Und dann handelt er. Angemessen, der Lage entsprechend, schreitet er ein. Er tötet nicht, obwohl er es angedroht hatte. Er nimmt den Mangel auf, geht mit, heilt, mindert den Schaden. Er hat Mitleid.
Gott reagiert. Anders als ursprünglich gedacht, passt er sein Handeln an. Er lernt – ja, Gott lernt. Voll Trauer, voll Liebe.
5
Unsere Geschichte endet mit der Vertreibung aus dem Paradies. Gott schreitet ein und setzt dem Menschen seine Grenze. Das ist die Grenze, die wir alle so gut kennen: Unsere Angst, unser Scheitern, unser Nicht-Genügen. Es ist das Leben mit den Enttäuschungen und Plagen, das ich jeden Tag lebe, im meiner kleinen Welt.
In der Passionszeit begleiten wir Jesus auf seinem Weg in diese Welt des Scheiterns, der Verwundung, ja des Todes. Jesus wird nackt am Kreuz hängen, Gott selbst in aller Blöße.
Und die Frage ist nicht mehr Adam, wo bist Du? sondern Gott, wo bist Du? Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.
Doch das ist nicht das Ende.
Am Ende finden beide Fragen eine Antwort.
Adam, wo bist Du? Hier bin ich.
Gott, wo bist Du? Hier bin ich.
Das ist Auferstehung. Das ist Ostern. Der Paradiesgarten wird der Ort sein, wo wir sind. Ich und Du und Gott selbst.
Das Kreuz wird zum Baum des Lebens, mit üppiger, saftiger, guter Frucht.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir begreifen können, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Fürbitten
Gott, Du siehst uns, in unserer Schönheit, in unserem Mangel, mit unserer Scham, mit unserem Stolz.
Wir bitten dich:
Nimm dich unser an. Nimm uns bei der Hand. Lock uns aus unserem Versteck. Gib uns Augen füreinander. Lass uns über unseren Schatten springen.
Hilf uns, unsere Verantwortung wahrzunehmen, jeder und jede an seinem und ihrem Ort. Den Mächtigen zeige, wie Macht verantwortungsvoll ausgeübt wird. Den Lehrerinnen und Lehrern gibt Weisheit, alle Lernenden zu neuen Erkenntnissen zu führen. Den Pfarrerinnen und Pfarrern und allen, die in den Gemeinden arbeiten, gib Fürsorge und Tiefe, um die Menschen Licht und Linderung und Wegweisung finden zu lassen.
Wehre allen, die Gewalt, Krieg, Manipulation, Selbstbereicherung und Selbstüberschätzung kultivieren. Hilf uns und allen Menschen dieser Welt zu Frieden und Gerechtigkeit.
Sei mit den Trauernden, den Kranken, den Sterbenden. Sende Menschen, die richtige Worte und segnende Gesten finden.
Sei mit Emanuel und seiner Familie. Lass ihn, den neu Getauften, zum eigenständigen mündigen Glauben finden. Stärke seine Eltern, die Familie und Paten in ihrem Dienst für den kleinen Jungen, dass sie ihn hineinführen in einen Glauben, der stark macht, von Liebe und Hoffnung geprägt ist und weiter ausstrahlt.
Wir beten gemeinsam:
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen