Predigt am Karfreitag im Online-Gottesdienst

  • 02.04.2021 , Karfreitag
  • Prof. Dr. Andreas Schüle

Liebe Gemeinde,
heute, am Karfreitag, steht das Kreuz Christi im Mittelpunkt. Kein bequemes Symbol, keine schöne Geschichte. Und eine Botschaft, die einen mit großen Fragezeichen in den Augen zurücklässt: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, auf dass alle, die an ihn glauben nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben“.
Es mag heute seltsam klingen, aber das Christentum hat sich schwer getan mit dem Kreuz. Es war Symbol von Schmach und Schande. So etwas wollte man nicht sehen und schon gar nicht zeigen. Das Kreuz fehlt in den Kirchen des frühen Christentums. Es brauchte viele Jahrhunderte, bis man sich daran wagte, den Gekreuzigten darzustellen. Und auch das erst nur verhalten:
Da sieht man Jesus mit ausgetreckten Armen, so als würde er segnen – und erst nach und nach wurde dahinter dann auch das Kreuz sichtbar.
Wer will schon ein Symbol des Scheiterns im Zentrum seines Glaubens haben? Und wer will einen Gott, der so etwas geschehen lässt – einen Gott, der nicht vor Leid rettet, sondern den Gewaltexzess eines Karfreitag hinnimmt. Ein Gott, der seinen Namen verdient, sollte die Kreuze in der Welt doch zerbrechen, nicht aufstellen!
So würde man jedenfalls meinen und so hätte man es gerne. Aber so einfach ist die Welt eben nicht gestrickt – weder damals noch heute. Die Passionsgeschichte enthält im Grund nichts anderes als verdichtete Realität. Was da geschieht und auf diesen einen Menschen, Jesus von Nazareth, konzentriert wird, das spielt sich jeden Tag unzählige Male irgendwo auf der Welt ab. Die Passion Jesu ist eine Geschichte von existenzieller Angst angesichts bevorstehenden Leids. Sie ist auch eine Geschichte kollektiven Versagens: Der römische Rechtsstaat wäscht seine Hände in Unschuld, die religiösen Anführer denunzieren einen, der anders glaubt als sie selbst; und das Volk geilt sich daran auf, dabei sein zu dürfen, wie da ein Mensch vernichtet wird. Das „Kreuzige ihn!“ kommt aus allen Richtungen. Heute würde man sagen, dass sich da ein einziger großer Shitstorm über Jesus ausschüttet. Dieser Jesus wird durchgereicht. Nichts stellt sich dem grausamen Treiben in den Weg. Alles geht seinen Gang und endet am Kreuz. Und Gott greift nicht ein, wie er so häufig nicht einzugreifen scheint, wenn Menschen – damals wie heute – ihr Kreuz tragen. Golgatha ist nicht nur der Ort außerhalb der Stadttore von Jerusalem, wo die Römer ihre Todesurteile vollstreckten.
Golgatha ist überall dort, wo Menschen am Ende sind oder an ihr Ende gebracht werden.
Nun hätte man gerne einen Gott, der das alles beendet, der mit Macht dazwischen geht, der Himmel und Hölle gegen solches Unrecht in Bewegung setzt. Aber das geschieht in der Passionserzählung genauso wenig, wie es in unserer Welt geschieht. Wer sich Gott als den sprichwörtlichen ‚starken Mann‘ vorstellt, wird auf Golgatha, wo auch immer das für Sie, für mich sein mag, vom
Glauben abfallen. So wie auch die Jünger! Selbst ein Petrus will es und kann es
nicht fassen, dass der Mensch, an den er glaubte, nun so endet und Gott nichts
tut.
Wenn ich mir Gott in der Passionsgeschichte vorstelle, dann so, dass er
unerkannt und unbeachtet hinter dem Kreuz herläuft. Gott geht mit und leidet
mit. Das ist vielleicht nicht, wie und als wen wir uns Gott wünschen, aber einen
anderen gibt es an Karfreitag nicht. Denn nur so, im Dasein, Mitgehen und
Mitleiden kommt Gottes Liebe wirklich an den dunkelsten, verlassensten Ecken
unserer Existenz an. Und nur so ist Gottes Liebe glaubhaft auch in unserer
Welt. Wir wissen alle – und erleben es ja in diesen Tagen mehr als genug --,
dass es Passionen gibt, an denen man nicht vorbeikommt, sondern durch die
man hindurchgehen muss. Aber wer wäre Gott, wenn er nicht auch dann
mitgehen könnte.
Liebe Gemeinde, ich hatte es schon gesagt: Das Christentum hat es sich
nie leicht gemacht mit diesem grausamen Symbol des Kreuzes. Und so ist es
vielleicht kein Zufall, dass im Lauf der Christentumsgeschichte noch ein anderes
Karfreitagsbild entstand. Es ist das Bild der Pieta – der Maria, die ihren Sohn in
den Armen hält, der gerade vom Kreuz abgenommen wurde. Hier ein Beispiel
vom Leipziger Südfriedhof.
Das ist kein biblisches Bild, die Passionserzählung berichtet davon nicht. Aber
die Pieta ist ein genuines Bild des Glaubens, weil es Gottes Liebe sichtbar
macht – in Gestalt der Mutter, die ihren toten Sohn umfängt. Da geht es nicht
um Protest oder eine Demonstration göttlicher Macht gegen die Mächte der
Welt. Es geht darum, wie Gottes Liebe dort ankommt, wo sie am nötigsten und
am menschlichsten ist. Und da brauchen wir sie auch heute – auf den
Intensivstationen, in den Pflegeheimen, in einsamen oder überfüllten
Wohnzimmern; dort, wo Menschen nun ihre Existenz an den Nagel hängen
müssen oder einfach mit ihren Kräften und Nerven am Ende sind.
Es ist Karfreitag. Natürlich wissen wir, dass die Geschichte hier nicht
endet. Wir sind auf dem Weg zum Ostermorgen und der Botschaft der Engel
am Grab: „Er ist auferstanden!“. Aber gehen wir nicht zu schnell weiter.
Nehmen wir uns die Zeit, um es auch für uns wahr werden zu lassen, dass hier
– unter dem Kreuz – die Liebe Gottes beginnt.
Amen.