Predigt Ostersonntag Johannes 20,11–18
- 20.04.2025 , Ostersonntag
- Prof. Dr. Dr. Andreas Schüle
Liebe Gemeinde,
als ich damit begann, mich mit der Ostergeschichte zu beschäftigen, wie sie das Johannesevangelium erzählt, kam mir eine Erinnerung zurück, die eigentlich gar nichts mit Ostern zu tun hat. Ich war Soldat bei der Bundeswehr. Es ist also schon ein bisschen her. Bevor man am Freitagmittag die Kaserne verlassen und fürs Wochenende nach Hause fahren durfte, musste die Stube aufgeräumt werden. Stellen Sie sich einfach vor, wie das wohl aussieht, wenn acht Neunzehnjährige eine Woche zusammen auf 30 Quadratmetern hausen … Wenn dann die Überreste von Chipstüten und Colaflaschen beseitigt waren, mussten die Betten abgezogen, die Decken eingerollt und ans Fußende gelegt werden. Zum Schluss kam noch das Kopfkissen obendrauf. Wenn das alles gemacht war, sah die Stube auf einmal ganz leer und verlassen aus. So als wäre jemand gegangen und würde nicht mehr zurückkommen. Fast ein bisschen melancholisch, aber für uns war das damals ein gutes Bild, weil es bedeutete, dass wir jetzt gehen konnten.
Dieses Bild einer leeren, aufgeräumten Stube kommt mir in den Sinn, wenn die ich Ostererzählung lese. Was uns da gezeigt wird, ist eine Kammer mit einer Nische, wo jemand gelegen hat. Tücher und Leinenbinden sind sorgfältig zusammengerollt und aufgeräumt – so, als hätte jemand sein Bett gemacht und wäre gegangen. Alles ist ruhig und ordentlich.
Nun ist das aber eben keine Stube in einer Kaserne und auch kein Hotelzimmer für eine Nacht, sondern eine Grabkammer. Wer hierher gelegt wird, steht nicht mehr auf. Wer hier untergebracht wird, packt seine Sachen nicht mehr zusammen und geht. Aber genau das ist hier geschehen. Da war jemand, der aufgestanden ist; da war jemand, für den das Grab nicht der Ort war, an dem er bleiben sollte; da war einer, der sich aufgemacht hat, vom Tod ins Leben.
Die Auferstehung Jesu ist kein Spektakel, kein Triumphzug und kein Weltbeben. Sie geschieht still und unaufgeregt. In der Nacht, als andere noch schliefen, stand Christus auf – vom Tod, vom Grab. Und es hat eine fast unheimliche Souveränität, dass dieser Christus alles ordentlich und aufgeräumt hinterlässt.
In dieser Souveränität liegt das Tröstliche. Der Tod war für Christus ein Ort nur für kurze Zeit – ein Wartezimmer, eine Durchgangsstation auf dem Weg zurück zu dem, der ihn auf die Reise geschickt hatte. So hatten es sich die, die Christus umbrachten, freilich nicht gedacht. Sie wollten ihn beseitigen, unter die Erde bringen, dafür sorgen, dass man den Toten auch wirklich nur noch bei den Toten suchen würde. Aber nun kam der Ostermorgen und mit ihm etwas, das in den Ohren aller Gewaltherrscher, aller Ideologen, aller Todbringer wie ein Albtraum klingen muss: Christus war aufgestanden. Die Leichenbinden waren aufgerollt, das Grab war leer. Eine furchtbare Nachricht für alle – damals und heute –, die Gräber nur mögen, wenn man jemanden hineinlegen kann.
Und doch ist es nicht Christus allein, den die Erzählung vom leeren Grab ins Zentrum stellt, sondern eine Frau, eine Jüngerin, namens Maria Magdalena. Sie ist eine der geheimnisvollsten Gestalten des Neuen Testaments. Immer wieder wird sie in den Evangelien erwähnt. Ihr Name besagt, dass sie aus dem winzigen Ort Magdala am See Genezareth stammte, also der gleichen Gegend, in der auch Jesus lebte. Vermutlich war sie unverheiratet oder hatte ihren Mann früh verloren. Für eine alleinstehende Frau war es mutig, dass sie sich entschloss, diesem Jesus zu folgen. Immer wieder begegnet sie uns in seinem Umfeld, aber eher in der zweiten Reihe, hinter den Männeraposteln. Aber vielleicht stand sie Jesus auch sehr viel näher, als die Evangelien zugeben.
Im Johannesevangelium ist sie die erste Zeugin der Auferstehung. Sie macht sich früh zum Grab auf. Was sie dort wollte? Vielleicht einfach nur demjenigen nahe sein, den sie vermisste – ganz so, wie es auch uns manchmal zu den Gräbern geliebter Menschen zieht. Dort angekommen wird sie von Panik ergriffen. Der Stein vor dem Grab ist weggerollt. Das konnte nur eins bedeuten: Irgendjemand hatte Jesus aus dem Grab genommen und woanders hingelegt. Oder hatte man den Leichnam gar gestohlen? Aber wo war er nun?
Maria rennt zurück und alarmiert die Jünger. Petrus und der namentlich unbekannte Lieblingsjünger Jesu springen auf, liefern sich ein kleines Wettrennen zum Grab, schauen hinein und sehen die aufgeräumte Kammer. Aber das alles lässt sie ratlos zurück, und so kehren sie, fast mit einem Achselzucken, wieder um. Was sie sehen, was da geschehen sein mag, sagt ihnen nichts. Es gibt offenbar nichts in ihrem Kopf oder ihrem Herz, das damit umgehen kann. Das Johannesevangelium lässt da wenig Spielraum: Wenn es nach den zwei „großen“ Jüngern, sozusagen den Chefs der Apostel, gegangen wäre, wäre die Auferstehung unentdeckt geblieben. Sie hätten es nicht bemerkt und schon gar nicht verstanden. Ein Auferstandener passt nicht hinein in die Art und Weise, wie wir denken, was wir für möglich oder für wahr halten und was nicht. Und das geht auch den Jüngern nicht anders.
Aber Maria Magdalena bleibt. Sie will sich nicht damit abfinden, dass Jesus einfach fort ist. Dafür muss es einen Grund geben. Sie lässt es zu – das Irrationale, das Gefühlschaos, die eigene Angst und vielleicht auch die Sehnsucht, dass das leere Grab am Ende doch etwas zu bedeuten hat. Und dann wendet sie sich um, und vor ihr steht jemand, den sie für den Gärtner hält. Auf den dringt sie ein: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ Bis zu diesem Moment sucht Maria einen Toten, und erst als dieser Gärtner sie mit Namen anspricht, fällt es ihr wie Schuppen von den Augen, und sie erkennt, dass der Tote, den sie gesucht hatte, aufgestanden war und jetzt, einfach so, vor ihr stand. Es ist schon ein irrer Gedanke: Da ist ein Auferstandener, den man aber schon mal mit dem lokalen Gärtner verwechseln kann.
Und da ist sie wieder – diese fast provozierende Unaufgeregtheit. Jesus hatte es offenbar nicht sonderlich eilig. Er stand auf vom Tod und blieb noch eine Weile da, im Garten zum Sonnenaufgang. Ich sage es mal, wie ich es denke: Noch cooler geht Auferstehung wohl kaum. Der Renaissancemaler Fra Angelico hat diese Szene wunderbar humorvoll auf einem Fresko dargestellt, das man heute in Florenz bewundern kann. Er zeigt den Auferstanden mit Heiligenschein und einer Schaufel in der Hand, die er locker über die Schulter gelegt hat. Noch abgebrühter kann man es nicht mehr zum Ausdruck bringen, dass der Tod hier, auf einem Friedhof, nichts zu suchen hat.
Dieser Jesus macht sein Ding, und nichts, aber wirklich gar nichts kann ihn daran hindern. Das Grab, der Friedhof – nur Durchgangsstationen. Das Johannesevangelium nimmt der Kreuzigung und der Auferstehung jeden Horror, jede Gruseligkeit und jede dramatische Überhöhung. Hier geht der Heiland der Welt seinen Weg – ein Weg zur Welt und zu den Menschen, ein Weg mit Konflikten und Steinen, ein Schmerzensweg, eine Via Dolorosa. Auch dieser Jesus muss sein Kreuz tragen und teilt damit das Schicksal so vieler vor und nach ihm, die an der Gewalt der Welt zugrunde gingen. Aber dieser Jesus steht auf von alle dem und geht weiter.
Für viele war und ist das eine unglaubwürdige Geschichte. Tote bleiben tot, Gräber bleiben voll. So gehört sich das, und alles andere gehört ins Reich der Fantasie. Auch Petrus und der Lieblingsjünger denken so und kehren dem leeren Grab den Rücken. Das hat etwas Tröstliches, liebe Gemeinde, denn wenn sogar diese beiden Superstars der frühen Kirche an der Auferstehung vorbeilaufen, dann ist es in Ordnung, wenn man auch selbst Zweifel hat. Die Ostergeschichten aller vier Evangelien stellen den Ostermorgen ohne Ausnahme als etwas Irritierendes, gar Verstörendes dar. An eine Auferstehung glaubt man nicht einfach so.
Auch Maria Magdalena ist da keine Ausnahme. Und doch ist sie anders, weil sie bleibt, weil sie sich nicht mit dem abfinden will, was sie sieht. Sie lässt nicht locker. Sie fragt, rumpelt in aller Verwirrung und Verzweiflung den vermeintlichen Gärtner an, was hier eigentlich los ist.
Und dann kommt dieser Moment – der Moment, in dem sie versteht, was man nicht verstehen kann; begreift, was mit Logik nichts zu tun hat; glaubt, was nach allen Regeln der Physik und des gesunden Menschenverstands unmöglich ist. Dieser Moment, in dem der Auferstandene ihren Namen sagt, sie und niemand anderen sonst anspricht: „Maria!“
Der Dichter Patrick Roth hat über diese Szene eine kleine Novelle verfasst. Und diesen Moment, in dem Maria den Auferstanden erkennt und dieser zu ihr spricht, nennt er eine „Magdalenensekunde“. Ich finde, dieser Ausdruck – Magdalenensekunde – hat etwas. Maria hat ein Leben lang gesucht, war diesem Jesus gefolgt, um Antworten zu finden, und als eigentlich schon alles vorbei zu sein schien, kommt die Antwort, stellt sich Klarheit ein, von einer Sekunde zur anderen.
Manche Dinge, liebe Gemeinde, brauchen Zeit, viel Zeit, bevor man sie versteht. Manchmal muss man dranbleiben, darf nicht aufgeben. Und dann, auf einmal, macht alles Sinn. So erzählt der Johannesevangelist von der Auferstehung Jesu, und damit wendet er sich auch an uns als seine heutigen Leserinnern und Leser:
‚Es macht nichts‘, sagt er uns, ‚wenn Ostern euch schwerfällt, wenn ihr an Auferstehung glauben wollt, aber vielleicht nicht glauben könnt. Eure Magdalenensekunde wird kommen, wenn ihr das wirklich wollt. Und dann werdet ihr verstehen,
dass der Tod das Leben nicht festhalten kann,
dass diejenigen, die anderen den Tod bringen, nicht gewinnen werden,
dass es Menschen verheißen ist aufzustehen – aus Schmerz und Verzweiflung,
dass hinter alle dem ein liebender Gott steht, der Menschen aufrichtet, wenn sie fallen und liegenbleiben,
und dass uns diese Liebe auch dann halten wird und aufstehen lässt, wenn wir eines Tages unser letztes Bett machen werden, die Decke aufrollen und ans Fußende legen, mit dem Kissen obenauf.‘
‚Und wenn ihr das verstanden habt‘, ruft uns der Johannesevangelist zu, ‚dann werdet ihr auch so leben wollen – mit der Zuversicht, der Leidenschaft und der Freude der Zeugen der Auferstehung im Herzen!‘
Nehmen sie sich einen Moment, liebe Gemeinde, und stellen sich vor, dass sie es sind – sie an Maria Magdalenas Stelle. Sie haben gerade das leere Grab gesehen. Und dann drehen sie sich um, weg von Gruft und Tod, und da steht der Auferstandene im Licht eines neuen Morgens und ruft sie/ruft dich beim Namen. Wenn diese Vorstellung – und wenn auch nur ganz von Ferne – eine Ahnung oder den Funken einer Sehnsucht entfacht, dann ist Ostern angekommen.
Er ist auferstanden, liebe Gemeinde, er ist wahrhaftig auferstanden! Amen.