Predigt Karfreitag
- 03.04.2026 , Karfreitag
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
Liebe Gemeinde,
Wohin sollen wir schauen an diesem Karfreitag?
In die Ukraine? Das Heilige Land? Die USA? Unsere Städte? Die schmelzenden Pole? Den sterbenden Wal in der Ostsee? In unsere Familien? In unsere Büros und Schulen?
Wir stehen unterm Kreuz und hören Jesu Stimme. Kann sie uns helfen?
I
Sieben letzte Worte Jesu Christ am Kreuz werden überliefert – drei davon haben wir im Evangelium nach Johannes gehört:
Frau, siehe, das ist dein Sohn – siehe, das ist deine Mutter!
Mich dürstet.
Es ist vollbracht.
Drei letzte Worte, die der Evangelist Johannes überliefert.
Mit dem ersten Doppelwort verweist Jesus seine Mutter und seinen Lieblingsjünger aufeinander. Nehmt einander an. Kümmert Euch umeinander, wenn ich nicht mehr da bin. Frau, siehe, das ist dein Sohn! Siehe, das ist deine Mutter!
Das zweite Wort Jesu beschreibt seine Not. Mich dürstet. Unendlicher Durst. Ist es tatsächlich Durst nach Flüssigkeit, nach Wasser? Oder ist es der Durst nach Leben, nach Rettung?
Das letzte Wort Jesu beschreibt seinen Auftrag, die Erfüllung, gesprochen in unendlicher Erschöpfung, im Übergang zum Tod. Es ist vollbracht.
Im Moment seines Sterbens kümmert sich Jesus um diejenigen, die Zurückbleiben. Er benennt seine eigene Not. Und er zieht die Bilanz dessen, was er im Auftrag seines Vaters leisten sollte.
II
Warum geschieht das alles? Warum feiern wir jedes Jahr den Karfreitag, lesen diese schreckliche Geschichte, singen diese traurigen Lieder, so schön sie auch sind, wenn die Thomaner sie für uns singen…?
Wie kommt es, dass dieser Foltertod vor den Toren Jerusalems zum zentralen Symbol unseres christlichen Glaubens geworden ist? Dass das Kruzifix mit dem entstellten Körper Jesu in den Kirchen hängt?
Dieses Bild passt so gar nicht in unsere moderne Welt, wo es schön und sauber, gesund und fröhlich sein soll. Es steht quer zu dem, was wir erstreben, was wir gut finden, wo unsere Seelen entspannen können.
Die Bilder, die uns aus den Kriegsgebieten erreichen, verstören uns. Die Gesichter der leidenden Menschen – sie sehen dem Gesicht Jesu am Kreuz so ähnlich. Unsere Zeitgenossen wollen damit nichts mehr zu tun haben, das ist offensichtlich. Wenn das je anders gewesen ist.
Aber gehören diese Bilder dann nicht umso mehr dazu? Sie plagen uns doch.
III
Neben die Worte am Kreuz aus dem Johannesevangelium stellen wir heute das Wort der Versöhnung.
Ich lese aus dem 2. Korintherbrief im 5. Kapitel:
Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
Am Karfreitag geht es um Versöhnung. Jesu Tod am Kreuz ist das Wort von der Versöhnung. Sein Tod ist die Grundlage der Versöhnung.
Wie kann das sein? Was bedeutet es?
Manche meinen, Jesus musste sterben, um Gottes Zorn zu stillen, um Gott mit dem Menschen zu versöhnen. Ein Menschenopfer. Das haben Menschen immer schon so praktiziert, in vielen Religionen. Der Mensch muss opfern, um Gott milde zu stimmen.
Am Karfreitag ist aber andersherum: Gott wird Mensch, und im Kreuz versöhnt er die Welt mit sich selber. Gott will sich versöhnen. Und Paulus ruft uns zu: Lasst Euch versöhnen mit Gott! Nehmt es an, lasst es geschehen.
Laut einer Definition ist Versöhnung der Prozess der Wiederherstellung einer gestörten Beziehung, bei dem Vertrauen neu aufgebaut und ein friedliches Miteinander ermöglicht wird Versöhnung ist ein aktiver Neuanfang.
Und so ist es auch hier: Gott kommt auf uns zu. Er kommt uns nahe. Er mischt sich unter uns. Er gibt seinen Sicherheitsabstand auf.
Warum?
Es ist anscheinend so, dass wir Menschen diese Nähe zu Gott nicht selbst herstellen können.
Ich glaube nicht, dass das daran liegt, dass wir so böse wären.
Wir alle sind gut und böse, mutig und feige, aufrichtig und hinterhältig. Mal das eine mehr, mal das andere mehr. Irgendwie verwickeln wir uns aber immer wieder in diesem Mischmasch, machen mit, lassen uns von unseren Gefühlen mitreißen, sind auch mal richtig gemein, sind auch mal echt boshaft, fühlen uns auch mal richtig herausgefordert, werden wütend und nachtragend und rachsüchtig – und im Nachhinein verstehen wir das gar nicht mehr so richtig. Je mehr Einfluss und Verantwortung wir in dieser Welt und unserer Gesellschaft – als auch im Privaten – haben, desto mehr Auswirkung hat das. Und manchmal erschrecken wir später über uns selbst. Manchmal auch nicht.
Aber wir schaffen es nicht, in eine reine Beziehung zu Gott zu kommen. Es geht einfach nicht. Wir probieren es und scheitern, und dann tun wir so als ob es geklappt hätte, tun fromm und gehen in die Kirche. Und merken, dass wir uns gerade selbst belügen. Und so weiter.
Nennt man das Sünde?
Deshalb kommt Gott. Er, der Allmächtige und Ewige, fasst den Entschluss, Mensch zu werden und so die Kluft zwischen ihm und uns zu überwinden, uns ganz nahe zu kommen.
Als Mensch wird er geboren. Aber warum muss er sterben, auf diese Weise?
Mensch kann man nur sein, wenn man sterblicher Mensch ist. Nur dann ist es echt und wirklich und wahr. Das gilt für uns: Wir müssen unsere Sterblichkeit akzeptieren, mit unseren Grenzen umgehen, mit Angst und Schmerz und Scham – es ist Teil von uns selbst.
Und Gott wählt diesen Weg: Er ist konsequent, er will dem Menschen so nahe kommen, dass er in diese tiefen Abgründe hineingeht – und der tiefste Abgrund ist der unschuldige Tod durch Gewalt und Terror, von allen verlassen, einsam und verzweifelt.
Gott geht diesen Weg. Und in diesem Sterben und Auferstehen entsteht eine neue, eine versöhnte Gemeinschaft von Gott und Mensch.
Weil er wirklich so ist wie wir.
IV
An den Worten am Kreuz des Johannesevangeliums kann deutlich werden, was Gott in Jesus Christus tut, wenn er durch seinen Kreuzestod Versöhnung stiftet.
Jesus sagt: Mich dürstet.
Das ist Durst nach Gerechtigkeit, nach einem erfüllten Leben, nach Sinnhaftigkeit, nach Anerkennung, nach Liebe. Diese Bedürfnisse haben ihr Recht. Wir dürfen sie haben, sie sind reell, sie gehören zu uns.
Gott lädt ein zur Versöhnung mit mir selbst – ja, Versöhnung findet erst einmal in mir selber statt, mit meiner Überforderung, meinem Minderwertigkeitsgefühl, meiner zehrenden Unzufriedenheit, meinen Schuldgefühlen. Weil Gott es ist, der einlädt, schließt sich diese Kluft in mir. Ich kann nun mit mir selber leben, kann mir trauen, kann mich an mir freuen. Und der Durst wird gestillt.
Jesus sagt: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Siehe, das ist deine Mutter!
Gott schenkt Gemeinschaft. Versöhnung findet unter Menschen statt, wenn Gott in die Zwischenräume geht. Versöhnung ist schwierig, eine Aufgabe, die Mut und Zuversicht erfordert. Versöhnung ist einfacher, wenn sich Menschen darum bemühen, die ihre eigenen Abgründe kennen.
Da begegnen sich dann Verlorene neu und machen sich auf den Weg. Da erkennen Feinde, dass sie Menschen sind, und vergeben einander. Da finden der Täter und das Opfer beim Mobbing am Schulhof einen Weg aus der Spirale der Verletzungen. Da treffen sich Zerstrittene Geschwister am Grab der Mutter und schweigen gemeinsam.
Jesus sagt: Es ist vollbracht.
Gott macht keine halben Sachen, er geht aufs Ganze. Und er versöhnt das Ganze. Die Schöpfung, den Erdkreis, alle Menschen, egal welchen Glaubens.
Das ist die Vision von Karfreitag: Versöhnung der Welt, im ganz Großen und ganz Kleinen. Ende der Kriege zwischen den Staaten, im Büro und in der Familie. Zusammenkommen der Generationen, die zusammen weiterleben wollen. Gemeinsamer Bau an der Gesellschaft, im offenen Diskurs und mit vollem Respekt vor der anderen Meinung. Heilung der Erde und auch die Rettung der Wale.
Wir sind immer auf dem Weg.
Amen.
Fürbitten
Herr, unser Gott,
das Sterben Deines Sohnes Jesus Christus öffnet den Weg für die Versöhnung – Du machst Dich auf den Weg zu uns.
Hilf uns, dass wir Dich annehmen, Dich und Dein Entgegenkommen.
Wir danken Dir, dass Du keine Grenzen kanntest und so alle Grenzen fortgeräumt hast. Wir danken Dir, dass Du keine Schmerzen scheutest und so unsere Schmerzen auf Dich nimmst. Wir danken Dir, dass Du die Schwere der Sünde auf Dich nahmst und uns so leicht und frei gemacht hast.
Nun gib uns den Mut, unsere Begrenzungen anzuerkennen und Dir anzuvertrauen. Gib uns Kraft, unsere Sehnsucht zuzulassen und uns nach Dir zu strecken. Gib uns Hoffnung, dass Versöhnung möglich ist.
Lass uns auf andere zugehen, alle, die wir nicht leiden können, die uns wehgetan haben, die wir beleidigt haben, die aus der Spur gelaufen sind, die nichts von uns wissen wollen. Gib uns Zutrauen und Durchhaltevermögen. Gib uns Hoffnung, dass Versöhnung möglich ist.
Allmächtiger Gott – die wirkliche Versöhnung ist Dein Werk, und sie umfasst die ganze Schöpfung. Versöhne Mensch und Natur. Schenke Versöhnung zwischen erbitterten Feinden. Gib Mut zur Vergebung. Schenke offene Ohren, offene Arme und offene Herzen, einander zuzuhören, aufeinander zuzugehen, füreinander einzustehen.
Schenke Frieden.
Das bitten wir durch Jesus Christus, Deinen lieben Sohn, der starb und auferstand und mit uns lebt.
Amen.