Predigt im NachtEulenGottesdienst

  • 01.02.2026 , 3. Sonntag vor der Passionszeit - Septuagesimae
  • Prädikantin Dr. Almuth Märker

PDF zur Ansprache HIER

Die kurze Predigt setzt die Begegnung von Jesus und der samaritischen Frau am Jakobsbrunnen voraus (Joh. 4, 5-30), die vom Team des Nachteulengottesdienstes szenisch ins Spiel gebracht wurde.

Die Frau, im Evangelium ohne Namen, erkennt im Gespräch mit Jesus über die Quelle lebendigen Wassers, die nie wieder dürsten lässt, dass dieser der verheißene Messias ist. Sie lässt alles stehen und liegen und bricht auf in den Ort. „Alle sollen es erfahren!“, ist der letzte Satz des Anspiels, gesprochen von der Frau aus Samarien.

Liebe Nachteulen, liebe Gemeinde hier am Abend in der Thomaskirche,

habt Ihr es noch im Ohr?

„Alle sollen es erfahren!“

… sagte die Frau, die Jesus am Brunnen begegnet war. Sie war ganz aufgeregt. Alle sollen es erfahren. Und sie läuft los.

Wir werden unsere Aufmerksamkeit gleich dorthin lenken, wo sie hinläuft: hinunter in den Ort. Zu den Leuten. Ich bin selbst gespannt, wie die Menschen, denen sie von der Jesusbegegnung, denen sie vom lebendigen Wasser erzählen wird, reagieren.

Doch zuvor lausche ich einem verblüffenden Satz nach, den die Frau zu Beginn des Gesprächs mit Jesus gesagt hatte:

„Ich habe keinen Mann.“ (V.17), sagt die Frau.

Jesus bestätigt die Richtigkeit ihrer Aussage. Sie habe fünf Männer gehabt. Und der Mann, mit dem sie jetzt zusammenlebe, sei nicht ihr Mann. (Womöglich handelt es sich hier um einen sehr frühen Beleg, noch dazu um einen biblischen Beleg für das, was wir heute eine “offene Beziehung“ nennen.)

„Ich habe keinen Mann.“ So sagt die Frau. Hier verweile einen Moment. Und gerate dabei in einen Zeitstrudel.

1.) Ich habe keinen Mann.

Die junge Frau steht am Band an der Kasse. Sie flüstert diesen Satz ganz plötzlich vor sich hin. Im Wagen sitzt ihr zweijähriges Kind. Ich habe keinen Mann. Und Stolz und Verzweiflung, beides schwingt darin mit. ‚Ich schaffe das alles alleine; das Kind, das Studium, den Job an der Uni.‘ – Und: ‚Ich bin nur noch müde. Müde müde müde. Sieht denn gar niemand, was ich hier stemme?!‘

Sie streicht dem Kind über den Kopf, hebt das Spielzeug auf. Nun legt sie die Sachen – Brot, Milch, vegane Wurst, Äpfel – aufs Band. Nur, als sie die schweren Wasserflaschen, zum Sechserpack zusammengeschweißt, aufs Band wuchten will, zögert sie. Nein, Wasser muss ich eigentlich nicht kaufen. Das kommt aus der Leitung. Da kann ich an unserm Wochenbudget sparen. Sie stellt das Wasser zurück.

Und weiter geht es in dem Zeitstrudel.

2.) Ich habe keinen Mann.

Die Frau kniet vor der Toilette. Sie schaut dem Wasserstrudel hinterher. Kurz blickt sie ins Leere und denkt an einen der schwerelosen, glücklichen Momente vor der Krebsdiagnose. Doch schon hebt es sie wieder, sie würgt und erbricht all die Übelkeit in die Kloschüssel. ‚Hätte mir irgendjemand vorher gesagt, was eine Chemotherapie bedeutet, ich hätte es mir überlegt.‘ Sie bleibt noch einen Moment auf dem kalten Badfußboden sitzen. ‚Warum? Warum ich? Warum gerade jetzt?‘

Und weiter geht es in dem Zeitstrudel.

3.) Ich habe keinen Mann.

‚Doch doch, ich habe einen Mann‘, denkt die Frau in der Schlange am Tankwagen. ‚Aber im Grunde habe ich keinen Mann. Er ist im Krieg, an der Front. An seltenen Wochenenden kommt er nach Hause. Hier stehe ich allein.‘

Wie die anderen in der Schlange wartet die Frau, um Wasser zu holen. Seit Monaten gibt es nur zu bestimmten Zeiten Strom. Und in den letzten Wochen ist die Stromversorgung so begrenzt, dass die Pumpen, die das Wasserpumpen in dem Zehngeschosser, in dem sie lebt, außer Betrieb sind.

Sie steht hier. Ohne Mann. Im Krieg. Wartet auf Wasser.

Und wieder gerate ich in den Zeitstrudel, diesmal zurück zu unserer Frau am Jakobsbrunnen.

Sie war von der Begegnung mit Jesus durch und durch inspiriert, sie war richtig begeistert. „Gott ist Geist.“ (V. 24) hatte sie da gehört. Sie hat es richtig gespürt: Jetzt fängt etwas Neues an. Jetzt kommt Veränderung.

„Alle sollen es erfahren!“ (letzter Satz des Anspiels)

Und da ist sie. Ich sehe sie in der Mitte des kleinen Ortes in Samarien, in dem sie lebt. Sie hat sich auf einen Stein gestellt. Und erzählt. Und gestikuliert. Und lacht.

1.) Unter den Leuten kann ich die junge Frau mit dem 2jährigen Kind an der Hand erkennen. Sie hat den Rucksack mit dem schweren Einkauf aus dem Supermarkt geschultert, neben sich den Buggy. Sie hört zu. Das Kind quietscht vor Vergnügen, wedelt mit den Armen und läuft los, nach vorn zu der Frau, die auf dem Stein steht. Die junge Frau, auch sie macht einen Schritt nach vorn, dem Kind hinterher. Läuft los.

2.) Unter den Leuten kann ich auch die Frau erkennen, die eben noch am Tankwagen stand, die auf Wasser wartete. Im Krieg. Ich sehe ihrem Gesicht an, wie aufmerksam sie zuhört. Sie steht da wie angewurzelt. Aber etwas ist … Irgendetwas bewegt sie stark. Während die Frau vorn auf dem Stein vom lebendigen Wasser und von der Kraft des Heiligen Geistes erzählt, blicke ich in das Gesicht der Frau aus dem Kriegsgebiet. Schwere Tränen rollen ihr über die Wangen.

3.) Mit blassem Gesicht und mit kurz geschorenen Haar sehe ich in der Menschengruppe auch die Frau, der die Torturen der Chemotherapie anzusehen sind. Auch sie hört aufmerksam zu. Sie hat das Kinn in den Ellenbogen gestützt, sie nimmt auf, was sie hört. Manchmal schüttelt sie den Kopf. Manchmal nickt sie. Nach einer Weile nimmt sie die Hand ihrer Partnerin, dreht sich um und sagt. „Komm, wir gehen.“

„Alle sollen es erfahren!“ (vgl. Vv. 28-29), sagt die Frau aus Samarien zu Jesus. – Alle sollen es erfahren. Wir auch.

Und der Friede Gottes, der wie eine lebendige Quelle in uns ströme, erfülle unsere Herzen und unser Beginnen. Amen.