Predigt im NachtEulenGottesdienst
- 23.11.2025 , Ewigkeitssonntag
- Prädikantin Dr. Almuth Märker
„Heile Du mich Herr, so werde ich heil.
Hilf Du mir, so ist mir geholfen.“ (Jer. 17, 14)
Liebe Gemeinde,
ich kann nicht mehr. Ich bin am Ende. Ich fühle mich vollkommen erschöpft. Alles tut weh. Nachts kann ich nicht schlafen. Ich löse mich in Tränen auf. Diese Schmerzen! Das darf doch nicht wahr sein. Es ist die Hölle. Wie nur kann ich das noch länger ertragen?
„Hilfe!“
In diesen Schrei lasse ich das Gedankenkarussel des Predigteinstiegs münden. „Hilfe!“
Mit den Worten eines Psalms haben wir diesen Schrei zu Beginn des Gottesdienstes schon gebetet: „Woher kommt mir Hilfe?“ Und förmlich im selben Atemzug hieß es dann in Psalm 121: „Meine Hilfe kommt von dem Herrn.“ Ist das so einfach? Ich schreie um Hilfe, bin am Ende, ich kann nicht mehr. Und im selben Augenblick erfüllt mich die Gewissheit, dass Gott mir helfen wird, dass sie mir beisteht. Ist es so einfach?
Ich glaube, dass dieser Psalm eine Art Kondensat von Lebens- und Glaubenserfahrung ist. Dass er aufgeschrieben wurde nicht in einer unmittelbaren Situation der Not, des Schmerzes, des Abgrunds. Sondern dass er mit zeitlichem Abstand in die Form eines gesungenen Gedichts die Erfahrungen gießt, die das gläubige Herz mit Gott gemacht hat.
Doch ich? Hier? Heute? In unserer zerrissenen Welt, die voller Unheil ist. Ich in meinem zerklüfteten Leben, so voll von Brüchen und voller Narben?
Ich dichte keine Psalmen. (Ich kann sie höchstens beten. Und ja – das ist meine Erfahrung – manchmal helfen sie. Weil sie mich abholen in meiner Verzweiflung, in meiner Wut und in meinem Sinnen auf Rache.) Doch Heilung? Wie geschieht Heilung?
Der Vers aus dem Prophetenbuch Jeremia legt die volle Verantwortung fürs Heilen Gott bei:
„Heile mich, Herr.“ – Das ist ein Imperativ; ich kann ihn lesen als Befehl oder als Bitte.
Ein kleines Wörtchen lässt spüren, dass es eine Bitte ist: Du!
„Heile Du mich, Herr.“
Mit diesem Du übergibt die unheile Person den Heilungsprozess vertrauensvoll an das Gegenüber, das im Gebet angesprochen wird: an Gott – an Dich, Gott. Stehen hier Kranker und Heiler, stehen hier die Person mit all ihren Gebrechen und die Person, der die Aufgabe zu heilen und heilzumachen anvertraut wird, … stehen hier beide auf Du und Du? So scheint es aus dem Text auf: Heile Du mich Gott.
Dieses Du lässt Rückschlüsse zu. Womöglich, ja offensichtlich hatte es davor andere Heilungsversuche gegeben. Solche ohne Erfolg. Solche mit leerem Ausgang. Oder mit noch schlimmeren Schmerzen als Folge. (Einige solcher hilflosen Heilungsversuche haben wir im Anspiel gesehen.) Es geht mir schlecht. So viele Heiler-Adressen habe ich durchprobiert. Jetzt. Bitte. Übernimm Du. Du Gott.
Doch Heilung? Wie geschieht Heilung? So frage ich noch einmal.
Mit einer Episode möchte ich zeigen, dass das Thema Heilung mit der Aufforderung, die Heilung an Gott zu übertragen, auch gefährlich sein kann:
Eine junge Frau in meinem näheren Umfeld litt seit Beginn der Pubertät an Epilepsie. Ihr Leben war von da an stark von der Krankheit bestimmt, ja eingeschränkt. In ihrem Bibelkreis ergriff einer die Initiative und betete um Heilung für sie. Da war sie 17 Jahre alt. Nichts geschah. Die Epilepsie hatte sie fest im Griff. Trotz Medikamenten kamen immer wieder Krampfanfälle. Nach der scheinbar vergeblich geäußerten Bitte um Heilung im Gebetskreis fühlte sie sich noch schlechter, ja mies. Wie gefährlich war diese Situation im Gebetskreis für sie! – Inzwischen sind 30 Jahre vergangen. Die Krankheit ist austherapiert, die Medikamente wurden abgesetzt. Die Frau hat trotz Krankheit Kinder bekommen und lebt einen erfüllten Alltag, auch beruflich.
Gott lässt sich nicht zwingen, nicht befehlen mit Datum und Uhrzeit. Gott lässt sich bitten. Das Zeitmaß liegt bei Gott.
Doch Heilung? Wie geschieht Heilung? frage ich ein drittes Mal.
Wenn wir das Heilen Gott übergeben – „Heile Du mich, Gott“ –, wie werden wir dann heil?
Gott macht es möglich, dass die guten Kräfte Zugang zu uns finden.
Gott lässt aufbrechen, was verschüttet war.
Gott lässt aufblühen, was verborgen war.
Gott bringt Saiten in uns zum Klingen, die verstummt waren.
Gott weckt in uns auf, was im Schlummer des Todes versunken war.
Gott haucht dort wieder Odem ein, wo Schwefel und Fäulnis waren.
Gott berührt uns.
Dann fließen die Tränen.
Dann heilen die Wunden.
Gott berührt uns.
Erinnern Sie sich daran, wann Sie zuletzt berührt waren?
Und wodurch?
Und die Schönheit und die Vollkommenheit Gottes, die höher ist als unsere Medizin, heile unsere Herzen. Amen
Lasst und singen: EG 383 „Herr, Du hast mich angerührt. / Lange lag ich krank darnieder. Aber nun die Seele spürt: / Alte Kräfte kehren