Predigt im Abendgottesdienst zum Gedenken an den 9. November 1938
- 09.11.2025 , Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres
- Pfrarrer i.R. Dr. Matthias Loerbroks
Während Petrus unten im Hof ist, kommt eine der Mägde des Hohenpriesters, sieht Petrus sich wärmen, blickt ihn an und sagt: Auch du warst mit dem Nazarener, dem Jesus. Er aber leugnete und sagte: Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst. Und er ging hinaus in den Vorhof. Und der Hahn krähte. Aber die Magd sah ihn und fing wieder an, zu denen, die dabeistanden, zu sagen: Der da ist einer von ihnen. Er aber leugnete wieder. Und ein klein wenig später sagten die, die dabeistanden, wieder zu Petrus: Wahrhaftig, du bist einer von ihnen, du bist ja auch ein Galiläer. Er aber fing an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet. Und sofort, zum zweiten Mal, krähte ein Hahn. Und Petrus erinnerte sich des Wortes, das Jesus zu ihm gesprochen hatte: Ehe ein Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er brach in Tränen aus; er weinte.
Er war ihn nachgefolgt – im Unterschied zu allen anderen Jüngern, die bei Jesu Verhaftung sofort geflohen waren. Er war ihm nachgefolgt, wenn auch auf Abstand, nicht vorbehaltlos, etwas distanziert. Doch er tritt die Nachfolge an, folgt Jesus bis hinein in den Hof des Hohenpriesters. Wer mir nachfolgt, hatte Jesus gesagt, verleugne sich selbst. Petrus aber verleugnet seinen Herrn, seinen Freund. Immer wieder.
Im Hof brennt ein Feuer. Schon bei diesem Wort zucken wir zusammen an diesem Tag, an diesem Abend. Die brennenden Synagogen – sie verbrennen alle Gotteshäuser im Land! –, das waren Freudenfeuer der nationalsozialistischen Bewegung, die an diesem Abend des Marschs zur Münchner Feldherrenhalle am 9. November 1923 gedachte – des Versuchs, nach fünf Jahren die Revolution, den hinterhältigen Dolchstoß in den Rücken des im Felde unbesiegten Heers, rückgängig zu machen; die jüdische Republik, das System der Novemberverbrecher abzuschaffen. Die Partei, die Bewegung feierte, dass aus diesem kläglich gescheiterten Putschversuch nach nicht einmal zehn Jahren ein gewaltiger Erfolg geworden war, ein Sieg. Die Feuer jener Nacht waren die Lagerfeuer dessen, was inzwischen die Volksgemeinschaft hieß.
Petrus sitzt am Feuer und wärmt sich; er sitzt zusammen mit den Amtsdienern, den Beamten, wärmt sich auch an der Gemeinschaft. Eine Magd sieht ihn sich wärmen, blickt ihn genau an, spricht ihn dann an: auch du warst mit ihm, mit dem Nazarener, mit Jesus. Petrus leugnet – mit den vagen, auch etwas überraschenden Worten: Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst. Er weiß ja und versteht genau, was sie sagt. Doch er will nicht angesprochen werden auf seine Gemeinschaft mit dem, der da gerade geschlagen, angespuckt, verhöhnt wird. Und es geht um eine innige Gemeinschaft: du warst mit ihm.
Viele evangelische Christen wärmten sich in dieser Nacht, in diesen Jahren an der Volksgemeinschaft, feierten das, was sie als Auferstehung und Auferweckung des darniederliegenden deutschen Volkes erlebten. Die religiöse Sprache der Nationalsozialisten erwärmte ihre Herzen: das dritte Reich des Joachim von Fiore; das tausendjährige Reich der Apokalypse. Manche freuten sich auch an dem Gedanken, dass diese Feuer am Vorabend von Luthers Geburtstag brannten, der ein großer Theologe war, ein herzerwärmender Prediger und zugleich ein schrecklicher Judenhasser, der das Verbrennen von Synagogen und jüdischen Schriften propagiert hatte. Sie wollten nicht angesprochen werden auf eine ganz andere Volksgemeinschaft: ihre geistige und geistliche Gemeinschaft mit dem jüdischen Volk durch ihren Glauben an den Juden Jesus, ihre Bindung an den Gott Israels, den Gott eines anderen Volkes. Sie hatten diese Gemeinschaft und Bindung längst geleugnet, verdrängt.
Petrus ist durch die Anrede der Magd erkennbar alarmiert. Er verlässt die Runde am Lagerfeuer, verlässt auch den Hof, wechselt in den Vorhof, vergrößert damit aber auch die Distanz zu Jesus. Auch er scheint seine Bindung an ihn nicht nur geleugnet, sondern bereits verdrängt zu haben. Denn dass da bereits ein Hahn kräht, muss er zwar registriert haben – er erkennt ja beim zweiten Mal, dass es das zweite Mal ist –, beachtet diesen Hahnenschrei aber nicht als Mahnung und Warnung. Doch der Ortswechsel hat ihm nichts genützt. Auch da taucht wieder die Magd auf. Sie spricht jetzt nicht mehr Petrus an, sondern die, die dabeistehen: der da ist einer von ihnen.
Das hat nun einen anderen Ton. Sie schwärzt ihn an, stellt ihn bloß, bringt ihn in Verruf: der da. Und von Jesus – du warst mit ihm – ist nun keine Rede mehr, sondern von ihnen, von denen, von den anderen. Da hören wir das Motiv dafür, dass sich die christliche Kirche fast von Anfang an von den Juden distanziert, sich durch Abgrenzung von ihnen selbst definiert hat: wir gehören nicht zu denen. Wir sind ganz was anderes. Christlich ist, was nicht jüdisch ist; Evangelium ist, was nicht Gesetz ist.
Petrus leugnet wieder, doch kurz darauf stimmen auch die ein, die die Magd auf den da aufmerksam gemacht hatte. Im Chor reden sie nun Petrus an: wahrhaftig, du bist einer von ihnen. Petrus wird nun deutlicher. Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet. Wir hören da mit, wie Menschen nach 1933 ihre Mitmenschen auf einmal nicht mehr kennen. Schulkinder ihre Klassenkameraden, Freunde ihre Freunde, Nachbarn ihre Nachbarn, Kollegen ihre Kollegen, Patienten ihren Arzt, Kunden die Ladenbesitzer. Wie arglos, wie naiv kling angesichts dieser schlagartigen Veränderung die Empfehlung, es helfe gegen Antisemitismus, wenn Nichtjuden Juden persönlich kennenlernen. An Bekanntschaften zwischen Juden und Nichtjuden hat es vor 1933 nicht gefehlt. Und wir werden auch daran erinnert, wie allein, gemieden und beschwiegen Juden und Jüdinnen in diesem Land nach dem 7. Oktober 2023 auf einmal wurden. Freunde meldeten sich nicht mehr, erkundigten sich nicht, nahmen nicht Anteil. Ich kenne diesen Menschen nicht.
Noch etwas fällt auf: die Magd redet von Jesus als dem Nazarener, der Chor im Vorhof von Petrus als einem Galiläer. Da klingt an, dass es sich bei dieser ganzen Jesusgeschichte um etwas arg Provinzielles handelt, eine Geschichte der Schmuddelkinder, deutlich unter dem eigenen Niveau. Auch da zeigt sich ein Motiv der eiligen und eilfertigen Distanzierung der Christen von den Juden und vom Judentum. Die Kirche fand nämlich ihre eigene Herkunft, ihre Bibel, diese sehr besondere, weltgeschichtlich aber auch sehr kleine und marginale Israelgeschichte selbst als etwas provinziell. Sie wollte weltläufig sein, universell, sich auf dem Forum der Weltvernunft ausweisen, darum allgemeiner von Gott und Welt und Mensch reden. Und das tat sie dann auch, tut es bis heute. Freilich wurde dabei der Gott Israels, der Gott der Bibel blass und farblos, ein Gott ohne Eigenschaften, ohne Ziele, ohne Vorlieben und Abneigungen, ohne Charakter.
Der evangelische Theologe Hans Joachim Iwand schrieb 1951:
„Wir haben nicht so sehr versagt aus Angst als vielmehr aus Blindheit. Diese Blindheit liegt darin, daß wir über den inneren Zusammenhang zwischen der Kirche Jesu Christi und dem Volke Israel zu wenig biblische Erkenntnis hatten. Es sind vor allem Melanchthon und Schleiermacher, die beiden großen Lehrer unserer Kirche, die uns hier falsch geleitet haben. Denn sie haben den Zusammenhang der Kirche Christi mit dem jüdischen Volke nicht beachtet. Sie operieren beide mit dem Begriff der universalen Menschheit. Nun besteht aber nach der Schrift die Menschheit aus Heiden und Juden. Die Juden sind immer noch die von Gott gesetzte Grenze gegen das Heidentum. Und das Gesetz, das Gott Mose am Sinai gab, ist etwas anderes als das allen Menschen eingeborene Naturgesetz. Es ist in gleicher Weise Offenbarung wie das Evangelium und gehört in den Bundesschluss. Weil wir die Moseoffenbarung in ihrer bleibenden Bedeutung für die Kirche Jesu Christi nicht beachtet haben, sind wir dem Antisemitismus erlegen. Wenn wir nicht lernen, dass die christliche Kirche und dieses Volk zusammengehören und nach Gottes Ratschluss ein Ganzes sind, dann werden wir das Geheimnis der göttlichen Erwählung nicht verstehen und statt der auf dieser Erwählung ruhenden Universalkirche ethnisierende Volkskirchen schaffen.“
Blindheit, jahrhundertelang ein christlicher Vorwurf gegen Juden, die bescheinigt Iwand der Kirche. Und gerade das israelvergessene Bemühen, universal zu sein, führt zu ethnisierenden Volkskirchen – eine wirklich weltweite Kirche, eine Kirche der Völker, hingegen beruht auf der Erwählung Israels. Beim Verhältnis der Christen zu den Juden handelt es sich nicht um eine der vielen Beziehungen der Kirche nach außen, sondern um den Kern des christlichen Selbstverständnisses.
Und schon 1945 schrieb Iwand in Anspielung auf unseren Text:
„Gerade von den Heiden her, von dem modernen antichristlichen Ethnizismus her, wurde die Kirche angesprochen auf diese ihre Verwandtschaft mit dem Volk Israel. Und die Kirche schämte sich dessen, sie schämte sich des Alten Testaments, sie schämte sich der Apostel, ja im Grunde genommen schämte sie sich des Davidsohnes selbst. Sie hätte sich am liebsten in die christliche Idee geflüchtet, in einen zeitlosen Mythos, in dem Christus nur noch als Gestalt, als Träger dieser Heilands- und Erlöseridee figurierte.“
Wer sich meiner und meiner Worte schämt, auch das hatte Jesus zuvor gesagt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommt in der Herrlichkeit seines Vaters. Gehören wir zu denen, derer er sich schämen wird; die er kaum, jedenfalls nur beschämt, seinem Vater als seine Geschwister präsentieren kann? Wir hören diesen Text ja nicht nur am 87. Jahrestag der Pogrome von 1938. Wir hören ihn zwei Jahre nach dem Überfall der Hamas auf Israel, dem bestialischen Massenmord, mit dem eine sturzflutartige Welle von Judenhass losbrach, die bis heute nicht abgeebbt ist, sondern noch immer anschwillt, in vielen Ländern, auch in unserem Land. Juden werden nicht nur gemieden, sie werden beschimpft, bekämpft, bedroht, boykottiert und ausgeladen. Weil sie Juden sind. Und wir? Nein, wir leugnen nicht unsere Bindung an den Gott Israels und an sein Volk, schwören ihr nicht ab. Aber stehen wir zu ihr, bewähren wir sie? Oder weichen wir aus, schweigen wir, wo wir reden, widersprechen, widerstehen müssten – aus Konfliktscheu, Bequemlichkeit, Feigheit vor dem Freund? Die Situation zeigt: wir haben nicht genug getan. Unsere Rat- und Hilflosigkeit ist nicht unsere Entschuldigung, sondern unsere Schuld.
Als der Hahn zum zweiten Mal kräht, schämt sich Petrus, sich geschämt zu haben. Er bricht in Tränen aus; er weint. Und in dieser Kirche ist es gut, an die ergreifende Arie zu erinnern, mit der Johann Sebastian Bach in seiner Matthäuspassion dieses Weinen kommentiert: Erbarme dich, mein Gott.
Wie gut, dass diese Geschichte in der Bibel steht: das dreimalige Leugnen und die Reue, die Verzweiflung, das Weinen. Unsere Väter und Mütter, die den Kanon zusammenstellten, haben die Kirche nicht geschont und nicht geschönt. Sondern bezeugt, dass Petrus, der Fels, auf den Jesus seine Gemeinde baut, ein schwankendes, unzuverlässiges Fundament ist. Und es ist doch wiederum zum Heulen, wie wenig diese Geschichte bewirkt hat. Wir stimmen ein in die flehentliche Bitte: Erbarme dich. Mach auch uns wankende und schwankende Gestalten zu treuen und verlässlichen Bundesgenossen deines Volkes. Und wir pflichten auch, kleinlaut und schuldbewusst, dem Appell Israels bei, den wir im 74. Psalm hörten: Nimm deine Rechte aus dem Gewand und mach ein Ende – mit der tief eingefleischten Judenfeindschaft in Gedanken, Gefühlen, Worten und Taten.
Amen.