Predigt im Abendgottesdienst über Römer 13,8–12
- 30.11.2025 , 1. Advent
- Dr. Annette Weidhas
PDF zur Predigt HIER
»Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!«
Fragt man Chat GPT, welches die Kernbotschaft des Christentums ist, erhält man diese Antwort:
1. Gottes Liebe und Gnade: Gott möchte eine Beziehung zu den Menschen.
2. Jesus Christus: Gott wurde Mensch, lebte, starb am Kreuz und ist auferstanden;
durch seinen Opfertod wird Sündenvergebung möglich.
3. Glaube und Umkehr: Vertrauen auf Jesus und eine lebenslange Ausrichtung auf Gott.
4. Hoffnung auf das Reich Gottes: Ein zukunftsorientiertes Ziel, in dem Gottes Wille
vollkommen geschieht.
Gegen diese Antwort ist erst einmal nichts zu sagen, aber es sind dürre, blutleere Worte. Und sie ist erklärungsbedürftig. Nicht nur, weil dazu seit 2000 Jahren Bibliotheken voller Bücher geschrieben worden sind, die gewiss eine Kleinstadt ergäben. Fest steht jedenfalls, es geht, wenn von Gott geredet wird, irgendwie um Liebe.
Aber: Nervt uns das Gerede von der Liebe nicht oft genug? Zwar reden wir heutzutage nicht mehr bis zum Kitsch romantisierend vom „lieben Jesulein“, dafür aber von Achtsamkeit, safe space und work life balance. Dagegen stehen dann Gangsta-Rap, eine zunehmende Ausbreitung von Gewaltvideos oder digitale Hassbotschaften schon bei Grundschülern. Wir Menschen sind offenbar keine allzu friedliebende Spezies. Auch ich lese Krimis zur Entspannung. Sonderbar. Warum entspannt gerade Spannung? Wir kommen aus unserer Haut nicht heraus. Wir brauchen Hilfe. Darum redet das Christentum so viel von Gottes Gnade. Diese Gnade und Liebe ist jedoch kein Schutzraum, der das Leben fernhält.
Hören wir den Predigttext aus dem Brief des Paulus an die Römer. Ich lese die Verse 8–12 aus dem 13. Kapitel, Textgrundlage ist die BasisBibel:
8 Bleibt niemandem etwas schuldig, außer einander zu lieben!
Denn wer seinen Mitmenschen liebt, hat das Gesetz schon erfüllt.
9 Dort steht:
Du sollst nicht ehebrechen!
Du sollst nicht töten!
Du sollst nicht stehlen!
Du sollst nicht begehren!
Diese und all die anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst:
Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.
10 Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an. Darum wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.
11 Ihr wisst doch, dass jetzt die Stunde schlägt!
Es ist höchste Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen.
Denn unsere Rettung ist näher als damals, als wir zum Glauben kamen.
12 Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.
Lasst uns alles ablegen, was die Finsternis mit sich bringt.
Lasst uns stattdessen die Waffen anlegen, die das Licht uns verleiht.
Der Herr segne an uns sein Wort.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Predigthörer und -hörerinnen – oder einfach: liebe Schwestern und Brüder, ob jung oder alt, die wir gemeinsam dieser Welt ausgeliefert, ihr aber auch in Hoffnung und Liebe verbunden sind – habt Ihr etwas anders gehört als Friede, Freude, alles gut? Hoffentlich.
Denn die Herausforderung beginnt schon damit, dass wir niemandem etwas schuldig bleiben sollen. Finanziell nicht, aber eben auch nicht die Nächstenliebe. Denn: Wer seinen Mitmenschen liebt, hat das Gesetz, genauer die Zehn Gebote, schon erfüllt, sagt unser Predigttext. Das suspendiert die Gebote aber nicht etwa. Gut, keiner von uns wird im strafrechtlichen Sinn andere töten oder bestehlen. Aber natürlich reden wir oft schlecht von anderen und beschädigen sie so. Darum wird Jesus zufolge schon schuldig, wer seinem Bruder zürnt und ihn einen Narren nennt. Und wenn wir auch keine Beutelschneider, also Diebe, im vordergründigen Sinn sind, so neigen Menschen doch dazu, anderen die Ehre abzuschneiden.
Wer Klassenkameraden, Kollegen oder Familienangehörige anschwärzt, um sich selbst in ein besseres Licht zu setzen, übervorteilt sie und stiehlt ihnen Respekt und Anerkennung. Fremdgehen in einer Partnerschaft wird heute oft schon als Kavaliersdelikt gesehen, außer natürlich von den Betroffenen. Und gegen das Begehren dessen, was andere haben, ist emotional kaum ein Kraut gewachsen. Glücklicherweise schaffen es die meisten von uns, vagen Neidgefühlen keine direkte Tat folgen zu lassen. Was unsere Gesellschaft politisch aber nicht daran hindert, mit Lust Neiddebatten und Verteilungskämpfe zu führen. Sollte der wirtschaftliche Niedergang im Land anhalten, dürfte das noch stärker werden.
Langer Rede kurzer Sinn: Ein vages Gefühl der Menschenfreundlichkeit reicht nicht aus für wirkliche Nächstenliebe. Denn das Einhalten der Zehn Gebote ist am Ende überhaupt nicht einfach, ja im Grunde unmöglich. Und doch fordert unser Predigttext genau das. Denn „wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an“. Und übrigens auch nicht sich selbst. Das christliche Gebot der Nächstenliebe ist mit der Selbstliebe verbunden. Das ist gut, denn es gibt sehr viele Arten, sich selbst zu schaden. Hier ist dieselbe Achtsamkeit geboten wie anderen gegenüber. Oft ist das Achtgeben auf sich selbst besonders schwer.
Unsere in Rede stehende Bibelstelle betont die Schwierigkeit der Erfüllung des Liebesgebots geradezu martialisch: Wir sollen die Werke der Finsternis ablegen und die Waffen des Lichts anlegen. Nicht harmlose Nettigkeit ist angesagt, sondern Kampf gegen das Böse. Viele der jungen Christengemeinden verstanden diesen Kampf als eine Art letzten Kampf. Denn sie glaubten, dass die Wiederkunft Christi, also das Ende der Geschichte, nahe bevorstünde. Darum schreibt Paulus: „Ihr wisst doch, dass jetzt die Stunde schlägt! Es ist höchste Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn unsere Rettung ist näher als damals, als wir zum Glauben kamen. Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.“
Doch das Ende der Geschichte kam damals nicht und später auch nicht. Ganz offenbar räumt Gott den Menschen Zeit ein, viel Zeit. Denn er will eine Welt mit Glaube, Hoffnung, Liebe. Aber es bleibt dann eben auch das Böse, wie uns derzeit hinreichend vor Augen steht. Der Fall des Sowjet-Imperiums führte entgegen aller Hoffnungen nicht zum Sieg einer liberalen friedlichen Weltordnung. Gott lässt weiterhin das Unkraut mit dem Korn wachsen und die Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen. Damit wird der Kampf gegen das Böse auf Dauer gestellt. Doch Achtung: Bei Paulus in unserem Predigttext wie auch sonst im Neuen Testament geht es nicht gegen das Böse der anderen, sondern gegen das Böse in uns. Gewiss müssen wir uns auch manchmal gegen andere erwehren, ja sogar in den großen Fragen um Krieg und Frieden Stellung beziehen. Aber gerade dann sind wir gut beraten, auf den Balken im eigenen Auge zu achten und gegen das Böse in uns zu anzugehen.
Christen glauben nicht, dass Menschen diesen Kampf aus eigener Kraft gewinnen können. Gottes Gnadengeschenk tut not: die Geburt Jesu, der wir jedes Jahr in der Adventszeit erinnernd entgegensehen. In Jesus wird Gott Mensch und stellt sich damit an unsere Seite, hofft mit uns, liebt mit uns und leidet mit uns. Schon Jesu Geburt zielt auf Jesu Tod am Kreuz, in dem Mensch und Gott durch Gott versöhnt werden. Deswegen wird schon das Kind in der Krippe Heiland, Retter und Friedefürst genannt.
Zwar bedroht uns das Böse weiter, aber Jesus Christus ist die „Waffe des Lichts“. Seinetwegen dürfen wir hoffen, dass ganz zum Schluss alles gut wird und wir sein werden, was wir in Gottes Augen sind: gerecht, obwohl wir in der Welt Sünder bleiben. Das zu akzeptieren, ist der erste Schritt, dem sog. Doppelgebot der Liebe Raum zu geben. Immer wenn es uns gelingt, auf andere zu achten wie auf uns selbst, gilt: „Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.“ Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus!