Predigt am Ewigkeitssonntag über Mt 25, 1-13
- 23.11.2025 , Ewigkeitssonntag
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde hier in der Thomaskirche,
meine Heimatgemeinde befindet sich in der Nürnberger Nordstadt. St. Matthäus ist eine Betonkirche aus dem Jahr 1960, Ersatz für die im Januar 1945 von Bomben zerstörte alte St. Matthäus-Kirche an dieser Stelle. Dort bin ich konfirmiert worden.
Jeden Sonntag im Gottesdienst schaute ich hinauf auf ein 15 Meter hohes modernes Fresko, welches das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen zeigte. In der Mitte ein segnender Jesus vor einer Stadtarchitektur. Links die fünf klugen Jungfrauen mit den brennenden Öllampen, rechts die fünf törichten. Von Jesus ausgehend ein goldener Segensregen auf die klugen Jungfrauen, die warm erstrahlen. Die törichten hingegen stehen ratlos im düsteren kalten Hof, abgeschoben und ausgeschlossen.
Unser Pfarrer damals hasste dieses Kunstwerk. Er hielt es inhaltlich und auch künstlerisch für verfehlt. Vor allem fragte er uns Jugendliche, wie es sein kann, dass Jesus so harsch dargestellt ist in diesem Gleichnis.
II
Was ist passiert?
Jesus kennzeichnet diese Geschichte als ein Gleichnis für das Himmelreich, für diese neue Art, wie Mensch und Gott zusammen sein können. Beim Evangelisten Matthäus spricht Jesus immer wieder vom Himmelreich, immer neu sagt er: Das Himmelreich ist wie ein Schatz, ein Senfkorn, ein Sauerteig, wie eine Perle. Es ist mitten unter uns, geprägt von Jesu Gegenwart und Liebe, aber irgendwie nicht greifbar. Es entzieht sich unserer Verfügung.
Auch das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfragen soll etwas über das Himmelreich aussagen. Zehn Jungfrauen werden aufgefordert, dem Bräutigam entgegengehen, er ist angekündigt, aber verspätet sich. Die Jungfrauen sollen dem Bräutigam den Weg erleuchten. Die Straßen damals hatten keine Beleuchtung, und der Weg war gefährlich. Licht hilft auf dem Weg.
Nun sind die einen klug, sie haben ihre Lampen mit Öl gefüllt. Sie sind also gut vorbereitet. Die anderen fünf haben zwar ihre Lampen dabei, aber kein Öl.
Was ist da passiert? Haben sie nicht nachgedacht? Haben sie das Öl vergessen? War es ausverkauft? Waren sie halbherzig unterwegs? Haben sie sich leichtsinnigerweise auf die anderen verlassen?
Alle zehn schlafen zunächst ein, weil es sich hinzieht mit der Ankunft des Bräutigams. Aber als er um Mitternacht doch kommt, stehen die einen gut vorbereitet da und können den Weg erleuchten, die andern stellen fest, dass sie kein Öl haben
Auf ihre Bitte zu teilen, bekommen sie eine Absage. Das Öl reicht nicht für doppelt so viele Lampen. Die törichten Frauen werden zum Einkaufen geschickt.
Anscheinend konnte man um Mitternacht durchaus noch Öl kaufen, so ein „Späti“ vielleicht, aber als die törichten Jungfrauen von Einkauf zurück sind, sind die Türen des Festsaals verschlossen, und der Bräutigam lehnt es ab, sie noch hineinzulassen zum Fest. Mehr noch, er sagt: Ich kenne euch nicht.
Das ist brutal.
Die törichten Jungfrauen sind schlecht vorbereitet, klar. Sie haben nicht an das Lampenöl gedacht und so können sie dem Bräutigam, den sie begrüßen wollen, nicht leuchten. Aber reicht das aus für einen solchen Ausschluss vom Fest? Und warum können die klugen Jungfrauen nicht teilen? Warum reicht das Öl nicht für alle?
Diese Fragen haben mich seit meiner Konfirmandenzeit nicht losgelassen. Ich bringe sie heute mit, hier in die Thomaskirche, in diesen Ewigkeitssonntag, am Ende des Kirchenjahres, wo wir uns der Toten erinnern und an das Ewige Leben denken.
Wie könnte es gemeint sein? Können wir etwas tun, um nicht bei den Törichten zu landen, sondern bei den Klugen, und damit bei Jesus und dem Leben bei Gott.
III
Liebe Gemeinde,
im Gleichnis haben die klugen Jungfrauen etwas, was die törichten nicht haben. Es ist der Stoff, der die Lampen zum Brennen bringt. Etwas, das nicht teilbar ist, sondern selbst erworben werden muss.
Was ist nötig, um für etwas zu brennen?
Ist es Begeisterung für die Sache? Vertrauen auf etwas, was man nicht direkt sieht? Hoffnung darauf, dass es sich lohnt? Glauben?
All dies kann man nicht kaufen. Man kann es nicht bestellen und sich liefern lassen. Man kann es sich nicht durch KI erstellen lassen.
Eigentlich kann man sich das nur schenken lassen. Von anderen Menschen ins Ohr flüstern lassen. In Gottesdiensten den Prediger*innen vom Mund ablesen. Bei Forschen in der Bibel finden. In der Bach’schen Musik aufsaugen. Aus der Architektur großer Kirchen aufnehmen.
Es dauert seine Zeit, bis man diese besondere Energie aufgeladen hat. Um für den christlichen Glauben wirklich zu brennen, braucht es viel Zeit, viele liebevolle Menschen, die einem beistehen, raten, unterstützen.
Das geht nicht von eben auf gleich. Und es geht nicht in der Situation, in der ich Glauben, Hoffnung, Liebe so dringend benötige. Da muss ein gewisser Vorrat da sein.
Vielleicht ist es das, was die törichten Jungfrauen verpasst haben. Sich rechtzeitig zu kümmern. Sie haben nicht damit gerechnet, dass sie es wirklich brauchen. Damit sie, wenn es darauf ankommt, bereit sind.
IV
Liebe Gemeinde,
heute denken wir an unsere Verstorbenen.
Wir erinnern uns, was sie für uns waren, und was sie uns noch immer sind. Wir lassen ihr Leben mit den guten und den schlechten Tagen an uns vorbeiziehen, und da sind fröhliche Momente dabei und Momente des Schmerzes und der Verzweiflung.
Ich finde es beeindruckend, wenn in Trauergesprächen erzählt wird, wie Menschen ihren Glauben gelebt haben. Nüchtern, bescheiden, aber fest und gegründet.
Ich höre von denjenigen, die den Kirchbesuch ganz selbstverständlich gefunden haben. Von solchen, die ihre Kinder nicht in den DDR-Kindergarten geschickt haben, weil sie sie nicht der Ideologie überlassen wollten. Von manchen, die mit Kriegsdienstverweigerung und Kirchenmitgliedschaft ihrem Gewissen Vorzug vor der Karriere einräumten. Von jenen, die bei den Montagsdemonstrationen damals mitzogen und mehr auf ihr Gottvertrauen als auf ihre Angst hörten. Von allen, die ihren Kindern und Enkeln von Jesus Christus erzählten, mit ihnen beteten, ihnen mutige und aufrechte Vorbilder waren.
Da war ganz viel Öl in den Lampen. Das ist toll und macht mir Mut. Es füllt meine eigene Lampe, die sich oft erschreckend leer anfühlt.
V
Das Ende des Lebens kommt manchmal lang ersehnt und als Erlösung. Manchmal kommt der Tod überraschend, brutal und rücksichtslos. Wir können es nicht wissen.
So wie der Bräutigam, der erst mal auf sich warten lässt, aber dann ganz plötzlich kommt. So wie das Himmelreich, das mitten unter uns ist und doch verborgen.
Darum diese Aufforderung: Wachet. Seid bereit. Verschlaft es nicht, wenn Gott in Euer Leben kommt. Wenn Advent wird.
Gott kommt unerwartet. Nicht lange angekündigt, sondern wie der Dieb in der Nacht. Plötzlich ist er da. Der Moment, wo es darauf ankommt, dass wir wach sind.
Das gilt immer, wenn das wirkliche Leben passiert, wenn sich etwas auftut im Alltag, was mehr ist als das Übliche. In diesem Moment musst du wach sein, wach und voll Aufmerksamkeit.
Wenn mein Kind in Gefahr ist, von einem Moment zum anderen, dann muss ich wach sein, reagieren, das Kind von der Bahnsteigkante wegreißen.
Wenn die Demokratie in Gefahr ist, dann muss ich mutig das Wort ergreifen, mich vor die Verwundbaren stellen, Recht und Gesetz kennen und furchtlos gegen alle vorgehen, die anderes im Sinn haben.
Und wenn es um das Himmelreich geht --- dann muss ich klar sein und wissen, das es jetzt ums Ganze geht. Dann ist es wichtig, genug Öl in der Lampe zu haben.
VI
Wer kein Öl hat, wer also keine Erfahrungen gemacht hat, von denen er leben kann, Erfahrungen, die Kraft geben für Zupacken, für Entscheidung, für den oder die kann es schwierig sein in solchen Augenblicken. Wer nicht genug Hoffnung, Glaube, Liebe getankt hat, für den oder die kann es hart sein.
Wenn am Ende des Lebens der Zweifel überwiegt, oder die Einsamkeit, oder der Schmerz, dann ist es auch für Angehörige schlimm mitanzusehen. Und dann ist es gut, wenn wir einander beistehen, einander zuhören, einander stützen
Mein Pfarrer aus der Heimatgemeinde hat diese Situationen im Blick gehabt. Die törichten Jungfrauen waren schlecht vorbereitet, ja. Aber kann es wirklich ein zu spät geben? Bei diesem Jesus, der immer auf alle Sünderinnen und Sünder zugegangen ist, der die Kranken im Blick hatte und diejenigen am Rande der Gesellschaft?
So wie er kann ich mir nicht vorstellen, dass die Türe zum Festsaal für immer verschlossen bleibt. Jesus hat mit seinem Gleichnis dringend dafür geworben, sich dem Leben mit Gott zu öffnen, aber dass er jemanden, der guten Willens ist, für immer ausschließt, kann ich nicht glauben.
Und so möchte ich vorschlagen, wie das das Gleichnis weitergesponnen werden könnte. Geschichten sind offene Kunstwerke, die beim Weitererzählen wachsen und neu werden.
Vielleicht geht ja die Tür doch noch einmal auf, weil der Bräutigam selbst noch Öl hat. Er hat es in einem Umzugskarton gefunden. Oder er stellt fest, dass für das Festessen wieder einmal viel zu viel gekocht wurde, und die fünf törichten helfen müssen, alles aufzuessen. Oder es kommt doch endlich die Braut hinzu, von der wir im Gleichnis bisher nicht gehört haben – ohne Braut gibt es doch gar keine Hochzeit. Und ihr dürfen dann die sogenannten törichten Jungfrauen leuchten, und die Braut freut sich und dankt ihnen, dass sie gewartet haben.
Eine dieser Fortsetzungen wird es geben, oder eine ganz andere, die die Tür noch einmal öffnet, weit und einladend. Davon bin ich überzeugt, darauf hoffe ich.
VII
Liebe Gemeinde,
das Himmelreich ist wie ein Fest. Auch das verspricht das Gleichnis. Unsere Verstorbenen sind dort, sie feiern mit Gott, feiern ihr Leben. Gloria wird gesungen, mit Menschen- und mit Engelszungen. Sie tanzen und singen, vermutlich wird Johann Sebastian Bach gespielt, vielleicht auch Mozart und Die Prinzen und sehr guter Jazz. Der Saal ist gut beleuchtet mit den Lampen, die von Hoffnung und Glaube und Liebe gespeist werden.
Jesus ist dort, er wandelt Wasser in Wein. Alle haben genug, alle sind glücklich.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.