Predigt am Ehrenamtssonntag

  • 31.05.2026 , Tag der Dreieinigkeit – Trinitatis
  • Pfarrer Dr. Janning Hoenen

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Liebe Gemeinde,

heute feiern wir den Ehrenamtssonntag. Wir machen uns in diesem Gottesdienst bewusst, dass die evangelische Kirche nicht von Pfarrerinnen und Pfarrern alleine bestimmt und gestaltet wird, auch nicht von den haupt- und nebenamtlichen Beschäftigten, sondern aus der Gemeinschaft von vielen engagierten Gemeindegliedern. Das sind Leute, die Ihre Gaben, ihre Zeit, ihre Kraft in die Gemeinde investieren, weil ihnen das sehr wichtig ist. Weil sie sich verantwortlich fühlen. Weil sie spüren, dass sie gebraucht werden. Hoffentlich auch: weil es Freude macht. Weil es Sinn macht und weil sie dort etwas spüren von dem, was Christsein ausmacht.

Wir alle sind dankbar für diesen Dienst. Ohne die Ehrenamtlichen wäre die Gemeinde leblos, kraftlos und perspektivlos. Was schon immer so ist, wird in unseren Zeiten – wo die finanziellen Mittel weniger werden – noch sichtbarer und noch notwendiger. Die Kirche der Zukunft lebt aus dem starken ehrenamtlichen Engagement.

Christliches ehrenamtliches Engagement ist etwas ganz Besonderes – denn es geschieht in einem besonderen Raum, dem Segensraum Gottes.

Ich lese den Predigttext, er steht im 4. Buch Mose.

22Und der Herr redete mit Mose und sprach: 23Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24Der Herr segne dich und behüte dich; 25der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 27So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

ii

Segen – was ist das? Der Herr segne Dich! Was bedeutet das?

Der bedeutende Alttestamentler Claus Westermann hat Segen als das „stille, stetige, unmerklich fließende Handeln Gottes“[1] definiert. Es geht um Gottes ganz persönliche, ganz aktive Zuwendung. Da werde ich als Individuum angesprochen und gleichzeitig als Teil der Gemeinschaft.  

Gottes Segen umfasst Bewahrung, Hilfe vor Unfall und Unglück, Stärkung für den Alltag. Der Herr behüte Dich.

Die Begegnung mit dem segnenden Gott ist eine Begegnung mit einem freundlich zugewandtem Gegenüber – einem Gegenüber, dem ich vertrauen kann, dem ich mich anvertrauen kann. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir.

Segen bedeutet Gnade: Bewahrung des Lebens, Errettung aus Gefahr und Bedrohung. Die Widrigkeiten unseres Lebens gehören zu unserer Existenz, Gott trägt sie mit, wenn er uns segnet.

Der segnende Gott hebt sein Angesicht über dich – das heißt er schaut dich liebevoll an. Es ist ein Blick, der verrät, dass sich Gott um mich sorgt und kümmert und mich nicht fallen lässt.

Und schließlich ist die Folge dieses Segens Frieden. Ich gebe dir Frieden, wie Luther formuliert, ist nur halb richtig. Ich setze dir Frieden, heißt es wortwörtlich. Gott setzt diesen Frieden fest, legt ihn der Welt auf, regelt das. Frieden meint Ausgleich und Ruhe, der Seele und des Körpers im ganz Persönlichen, und dann darüber hinaus in unseren Lebensgemeinschaften, in der Gesellschaft, auf der Welt. Frieden ist nur dann Frieden, wenn er jeden und jede einzelnen umfasst und auch das Ganze definiert.  

 

Iii

Segnen und gesegnet werden, das ist nichts, was wir uns heute ausgedacht haben, – sondern eine lange Tradition hat, eine Geschichte, die im Alten Testament beginnt und seine Spur bis heute zieht.

Sie erinnern sich: Als Abraham von Gott aufgefordert wird, seine Heimat zu verlassen und sich ins Neue hineinzuwagen, da wird er von Gott gesegnet: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein, sagt Gott zu Abraham. Auf diesem neuen Weg soll er geleitet und behütet sein, und er selbst soll für andere zur Hilfe und zum Hüter werden.

Segen ist seltsam widerständig, beständig, fast materiell. Sie erinnern sich: Als sich Jakob den Segen von seinem Vater Isaak erschlichen hat, da kann der Segen nicht mehr von ihm genommen werden, er bleibt bei ihm, klebt an ihm fest. Esau, seinem Bruder, der eigentlich den Segen verdient hat, bleibt das Nachsehen.

Der Segen ist verbunden mit der Geste der erhobenen Arme: Als die Israeliten im Kampf mit den Amalekitern standen, da waren sie stärker, wenn Mose die Arme erhoben hatte. Und sie waren schwächer, als Mose müde wurde und den Arm sinken ließ. Andere mussten seine Arme stützen.

Wir im christlichen Gottesdienst blicken auf einen segnenden Jesus Christus, dort an der Wand gegenüber der Kanzel, oder dort droben über der Vierung. Er hat die Arme erhoben – während er am Kreuz hängt, dem Symbol unseres christlichen Gottes, der sich uns bis in den Tod gleich macht.

Wir Pfarrerinnen und Pfarrer segnen an den Wendepunkten des Lebens:

Bei der Taufe, bei der Konfirmation:

Schutz und Schirm vor allem Argen,

Stärke und Hilfe zu allem Guten,

dass Du bewahrt bleibest zum ewigen Leben.

 

Wir segnen bei der Trauung und auch zum Lebensende:

Es segne dich Gott, der Vater, der dich nach seinem Ebenbild geschaffen hat.

Es segne dich Gott, der Sohn, der ich durch sein Leiden und Sterben erlöst hat.

Es segne dich Gott, der Heilige Geist, der dich zu seinem Tempel bereitet und geheiligt hat.

 

Ich habe als Pfarrer die wunderbare Aufgabe, zum Ende eines jeden Gottesdienstes den Segen zu sprechen. Dies geschieht an der Schwelle vom Gottesdienst zurück in den Alltag, für den wir Bewahrung und Begleitung Gottes erbitten.

Segen ist also etwas ganz Konkretes. Auf die Person und ihre Umstände bezogen. An besonderen Wendepunkten des Lebens und für alle Momente des Lebens.

 

IV

Liebe Gemeinde heute am Ehrenamtssonntag:

Der Segen Gottes und die Mitarbeit in der Gemeinde gehören fest zusammen:

Beides geschieht in diesem gemeinsamen Raum, dem Lebensraum, den Gott aufmacht und in dem wir aufgehoben sind. Nicht als passive Empfänger, sondern als Mitwirkende, als Hauptpersonen, eben als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Gottes.

Gott bedient sich der Menschen, um auf dieser Welt zu handeln, immer tut er das.

Er bedient sich der Menschen, um zu segnen. Er schenkt uns die Geste, er gibt uns die Worte. Er lässt die Beziehung wachsen. Das eine Du und das andere Du, sie werden zum Wir. Und dieses Wir führt in die Zukunft.

Und ebenso bedient sich Gott der Menschen, um Gemeinde zu bauen. Auch dies tun wir mit Gesten und Worten, und wir packen an und steuern das Unsrige bei. Wir bauen Beziehung. Dein Du und mein ich, wir werden zum Wir. Und dieses Wir führt uns alle in die Zukunft.

Mitarbeit in der Kirche bedeutet, sich in diese Sphäre, in diesen Lebensraum zu begeben, der von Gottes Segen bestimmt ist. Einen Lebensraum, in dem Gottes Zuwendung und unser geschwisterliches Miteinander sich ergänzen und gegenseitig durchdringen.

Unsere Bitte um Hilfe und Bewahrung spiegelt sich in der tätigen Arbeit an Strukturen der Hilfe und Bewahrung.

In der Gemeinde begegne ich freundlichen, zugewandten Gesichtern, die Vertrauen ausstrahlen, und in denen ich Gott sehen kann, in denen ich den Segen spüren kann.

Hier verwirklichen sich gute Möglichkeiten, Möglichkeiten Gottes, aber auch Möglichkeiten unserer Gaben. Hier kann ich mich einbringen. Kann schauen, was gebraucht wird. Kann stolz sein, auf das, mit dem ich gesegnet bin, weil es zum Segen für andere werden kann. Wie Abraham sind wir gesegnet und werden für andere zum Segen.

In der Gemeinde lebt die Sorge umeinander. Wir kümmern uns um die anderen. Es geht nicht darum, meinen Willen durchzusetzen. Wir diskutieren mit dem Ziel, zu einem gemeinsamen Handeln zu kommen, einen Konsens zu finden, unter Gebet und Streit und Erbarmen und Segen. Wir stützen einander, wie dem Mose die Arme gestützt wurden.

Konflikte, Trauer, Foulspiel, die auch in einer Kirchgemeinde vorkommen, werden umfasst von den segnenden Händen Christi, der auch in Leid und Schmerz präsent ist, der auch die Abgründe kennt. Gemeinde ist immer unvollkommen, aber immer auf dem Weg.

Letztendlich geht es immer darum, Frieden zu bauen. Den Frieden, den Gott setzt, Wirklichkeit werden zu lassen. Eine Gemeinde zu gestalten, in der alle leben können, alle ihren Platz finden, alle ihre Ordnung haben, alle in Sicherheit sind.

 

V

Liebe Gemeinde!

Ehrenamtliche bauen die Gemeinde Jesu Christi. Sie leben vom Segen Gottes. Sie leben und wirken als Gesegnete. Und damit sind und werden sie einander und uns allen zum Segen.

Amen.

 


[1] Claus Westermann, Theologie des Alten Testaments in Grundzügen (ATD.E 6), Göttingen 1978, 88.