Predigt am Buß- und Bettag über Römer 2,1-11
- 19.11.2025 , Buß- und Bettag
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Am 9. November 1970 antwortete Charles M. Schulz, der Autor und Zeichner von Charlie Brown und auch dem Hund Snoopy, einem 10jährigen Fan, der geschrieben und gefragt hatte: „Was macht einen guten Bürger aus?“ Es war die Zeit der Präsidentschaft Richard Nixons, die u.a durch die Großdemonstrationen gegen den Vietnamkrieg geprägt waren und mit dem Rücktritt des Präsidenten nach der Watergate-Affäre endete.
Was macht einen guten Bürger aus.
Charles M. Schulz schrieb folgendes:
Zitat
„Lieber Joel,
ich denke, es ist heutzutage schwieriger zu definieren, was einen guten Bürger ausmacht, als je zuvor. Sicherlich kann jeder von uns nur seinem eigenen Gewissen folgen und den Glauben an unsere Demokratie behalten. Manchmal sind es genau die Menschen, die am lautesten dafür schreien, wieder zu den „amerikanischen Tugenden“ zurückzukehren, denen dieses Vertrauen in unser Land fehlt. Ich glaube, dass unsere größte Stärke immer im Schutz unserer kleinsten Minderheiten liegt.“
Zitat Ende.
Schulz beschreibt dieses seltsame Phänomen, dass manche, die sich beklagen, dass bestimmte Werte nicht mehr gepflegt werden, diesen Werten am wenigsten treu sind. Auf unser Land und unsere Situation übertragen: Diejenigen, die am lautesten den Niedergang politischer Kultur beklagen, sind oft eigentlich die, die diese mit Füßen treten. Diejenigen, die das Ende des christlichen Abendlandes bejammern und Gegenmaßnahen fordern, sind die, die sich am weitesten von den Werten des Christentums entfernt haben.
Richtet nicht, auf dass Ihr nicht gerichtet werdet. So fordert es Paulus im Römerbrief.
II
Gehen wir direkt zum Predigttext Römer 2.
Eigentlich geht es Paulus dort nicht um Politik, und nicht zuerst um die Bewertung von ethischem Handeln. Eigentlich geht es Paulus um Religion.
Paulus diskutiert in diesem Abschnitt des Römerbriefes eine abschätzige Haltung der Judenchristen gegenüber den Heidenchristen. Diejenigen, die Juden waren, bevor sie Christen wurden, waren überzeugt, dass sie besser waren als diejenigen, die Heiden waren, bevor sie Christen wurden. Die Gemeinde in Rom, an die der Brief des Paulus geschrieben wurde, war eine gemischte Gemeinde – eben aus Judenchristen und Heidenchristen, eine damals ganz entscheidende Kategorie, deren Bedeutung wir heute nur noch mühsam beikommen können.
Die Judenchristen – also diejenigen, die schon Juden waren, als sie zum Christentum gelangten, pflegten bestimmte Regelungen, Reinheitsvorschriften zum Beispiel. Sie verzichteten auf bestimmte Speisen, hielten die jüdischen Feiertage, kannten die Thora und die Propheten. Vor allem aber verehrten sie schon lange ihren einen Gott.
Dagegen kamen die Heidenchristen von allerlei religiösem Hintergrund hin zum christlichen Glauben, kannten sich nicht aus mit den jüdischen Geboten und erschienen deshalb ungehobelt und unzüchtig.
Paulus selbst kritisiert die Heiden ausführlich und harsch dafür, dass sie Gott nicht verehrt haben, obwohl sie ihn aus der Schöpfung hätten erkennen müssen. Sie haben keine Entschuldigung und Gott straft ihre fehlende Gotteserkenntnis dadurch, dass sie zu unzüchtigem Verhalten übergegangen sind und den Zorn Gottes verdienen.
Aber anschließend – und das ist der Predigttext – mahnt er die sich über die anderen zu erheben.
Richtet nicht, auf dass Ihr nicht gerichtet werdet.
Es geht Paulus also darum, diejenigen in Schranken zu weisen, die sich für erfahrener, gesetzestreuer, eben besser halten, und es doch nicht sind. Er kritisiert Selbstgerechtigkeit, Selbstherrlichkeit, Selbstüberhebung.
III
Es ist ein seltsamer circulus vitiosus. Die Mahnung, nicht zu richten, kann eigentlich an niemanden ausgesprochen werden. Denn indem ich jemanden dafür verurteile zu richten, richte ich selbst und verurteile mich damit selbst. Das sollten wir immer im Hinterkopf haben.
Aber heißt das, dass keine Kritik erlaubt ist? Im Gegenteil. Das griechische Wort κρίνειν meint eigentlich scheiden, unterscheiden, verschiedenen Sphären zuordnen. Unterschiede feststellen.
Wir unterscheiden heute Kritik und Richten.
Kritik ist ein offener Prozess, der für demokratische Staatsgebilde ebenso wie für moderne Institutionen wie die evangelische Kirche essentiell ist – nur so entsteht durch These und kritische Antithese ein Prozess der Entwicklung, im besten Falle hin zum Besseren. Wir sind darauf angewiesen, dass uns widersprochen wird. So entsteht ein Ringen um die beste Möglichkeit, eine Suche nach der besten Idee. Ohne Kritik kein Diskurs, keine Meinungsbildung, keine verantwortliche Entscheidung. Das ist die Grunderkenntnis, auf die jedes demokratische System beruht.
Richten dagegen ist ein Akt des Urteilens, des Bewertens und einer persönlichen Aufrechnung von Schuld. Richten dürfen nur Richterinnen und Richter, d.h. Personen, die auf formale Weise dazu ernannt worden sind. Richter heutzutage sprechen im Namen des Volkes, sind also von der Gesellschaft dazu bevollmächtigt worden, Recht zu sprechen. Etwas zu tun, was sonst keinem Menschen zukommt.
„Die Rache ist mein – spricht der Herr“ (Dtn 32,35, Röm 12,19) wird Paulus später im Römerbrief aus dem Alten Testament zitieren. Gott allein steht es zu, das endgültige Urteil über einen Menschen zu sprechen. Das Jüngste Gericht, das wir in diesen Tagen vor Augen haben, wenn es um Tod und Sterben und ewiges Leben geht, ist Gottes Gericht: Gottes entscheidende Maßnahme, all das Böse und Menschenverachtende und Brutale, das unsere Welt regiert und tyrannisiert, zu verurteilen, in seiner Wirkung aufzuheben und so für immer auszulöschen. Und stattdessen Recht und Gerechtigkeit in Kraft zu setzen. Gott tut dies, nicht der Mensch.
Menschliches Richten ist Abrechnen. Das hat etwas zu tun mit einer Feststellung von Wert, meist einer Minderung, mit Herabsetzung. Mit einer Beurteilung des gesamten Lebens eines anderen. Jemand, der richtet, ohne dazu bevollmächtigt zu sein, schwingt sich zum Richter auf und überschreitet damit seine Kompetenz.
IV
Paulus klagt an – alle, die meinen, besser zu sein. Besser zu glauben. Besser zu handeln. Besser zu denken, Besser zu musizieren, besser zu predigen – und sich in dieser Überzeugung, besser zu sein, über andere zu erheben. Das sind die Diktatoren aller Zeiten, damals wie heute, die vermögenden und hochgebildeten Oberen Zehntausend, die sich nicht mit dem gemeinen Volk abgeben wollen. Die Professorinnen und Professoren, die sich über die Pragmatiker des Alltags lustig machen. Das sind die Hochkulturschaffenden, die der Populärkultur, der Straßenmusik, der Grundschulmusik milde lächelnd gegenübertreten. Das sind die Bischöfe, Fernseh- und Thomaspfarrer, die auf die gewöhnlichen Landpfarrer hinabschauen und diese für ihre gewöhnlichen Dienste bemitleiden. Ach Paulus, wenn Du wüstest.
Und das geht natürlich auch andersherum: die Landpfarrer, die nach St Thomas schauen und erklären, dass hier die wirklichen Probleme vor lauter Bachpflege ausgeklammert werden. Die Jazzmusiker, die wütend sind, weil alles Geld in die Opernhäuser der Republik fließt. Die Studierenden, die den Professoren Weltfremdheit vorwerfen. Die hardcore Fußballfans, die den wahren Feind in Polizei und Politik zu erkennen meinen, weil diese die öffentliche Sicherheit verteidigen wollen.
Paulus warnt vor dieser Selbstgerechtigkeit auf allen Seiten. Die Methode der Selbstimmunisierung, wodurch der andere schlechtgemacht, man selbst aber emporgehoben wird – obwohl man doch weiß, dass man selbst auch nur mit Wasser kocht, und vor lauter Selbstzweifel zum Jammerlappen geworden ist, und klagt, wie viel man arbeitet und wie wenig wirklich gelingt. Ach Paulus…
V
Es ist Buß- und Bettag. Ein Tag der Reflexion über unser Verhalten. Ein Tag, an dem Umkehr, eine mögliche Veränderung des Weges, ein Nachdenken, vielleicht auch ein Wort der Entschuldigung angesagt sein kann.
Dafür gibt es den Buß- und Bettag. Für diese Erkenntnis.
Wir sind nicht so toll, wie wir uns einreden. Eigentlich wissen wir das ja, und wir machen uns nur groß und wichtig und unentbehrlich, um diese Mittelmäßigkeit zu verbergen. Wir machen den anderen schlecht, um besser dazustehen.
Stopp – jetzt muss ich mir ins Wort fallen: Ist das denn wirklich wahr?
Muss ich, wenn ich schon den anderen nicht richten darf, mich selbst richten? Verurteilen? Klein machen?
Ist das wirklich Gottes Ziel mit uns?
Darf ich auch etwas können. Darf ich in etwas richtig gut sein? Darf ich toll Orgel spielen, neue Bachkompositionen finden, gut in der Schule sein, eine wunderbare Lehrerin sein, ein erfolgreicher Fundraiser, eine einfühlsame Erzieherin, ein patenter Hausmeister, ein engagierter Rechtsanwalt, ein anständiger Pfarrer und so weiter und so weiter.
Ja natürlich – das dürfen wir. Wir dürfen es mit Stolz, mit Freude, mit Selbstbewusstsein.
Paulus in seinem Römerbrief braucht noch eine ganze Zeit, um dahin zu kommen. Unser Predigttext stammt aus dem 2. Kapitel, da sieht alles nach Mahnung und Verurteilung aus. Erst Ende des dritten Kapitels kommt Paulus mit seiner Argumentation da an, wo er hinwill. Vom Buß- und Bettag hin zum immerwährenden Reformationstag.
Es wird nochmal reformatorisch: Weil Gott uns anerkennt und liebt, wie wir sind, können wir auch zu Höchstleistungen aufdrehen. Weil es vor Gott nicht auf unsere Leistung ankommt, können wir frei von Angst und Sorge alle Kraft dazu aufwenden, das Beste zu tun.
In Paulus Worten: Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße treibt: Gottes Güte nicht Gottes Zorn.
VI
Was tue ich also, um ein guter Bürger zu sein? Das war die Frage des jungen Charlie-Brown-Fans. Charles M. Schulz empfiehlt die Nutzung des eigenen Gewissens und das Zutrauen in die Demokratie. Beides darf niemand aus Selbstgerechtigkeit lächerlich machen. Vor allem verweist Schulz aber auf die Achtung der kleinsten Minderheiten. Wenn man nämlich diese ernst nimmt, wertschätzt, unterstützt und hochhält, dann erliegt man nicht der Versuchung der Abwertung, des Vergleichens und des Fingerzeigens.
Es ist kein Ansehen der Person vor Gott, schreibt Paulus.
Wie schön, dass Sie, liebe Gemeinde, hier sind, jeder und jede von Ihnen eine geliebte, hochgeschätzte, einzigartige Schöpfung, ein lebendiges Ebenbild unseres Gottes.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.