Predigt am 2. Advent über Lukas 21, 25-33

  • 07.12.2025 , 2. Advent
  • Pfarrer Dr. Janning Hoenen

PDF zur Predigt am 2. Advent HIER

25Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, 26und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. 27Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. 28Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

29Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: 30wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. 31So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.

32Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. 33Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.

Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre.

Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt. [1]

So haben wir gerade gehört. Es ist ein mutiger Mensch des 20. Jahrhunderts, der dies aufgeschrieben hat. Ein mutmachendes Zeugnis. Es passieren so viele Dinge, die uns zweifeln lassen, die uns still und nachdenklich machen, die es manchmal so schwer erscheinen lässt, anderen zu erklären, warum wir hier in der Kirche sind, warum wir Gott loben und danken, und warum wir glauben, dass er unser Gott und Heiland ist.

Wenn hier einer bekennt, dass er glaubt, trotz allem, dann berührt mich das tief und es gibt mir neue Kraft. Es gibt mir neuen Mut.

II

Der 2. Advent, liebe Gemeinde, ist von seinen Texten her nachdenklich, auf den ersten Blick finster und bedrohlich, eigentlich eine Zumutung. Die äußerlich unbeschwerte Besinnlichkeit des Advents bekommt einen Dämpfer, die Erwartung einen verstörenden Ernst. Ich finde, dass die Entfernung zwischen Weihnachtsmarkt und Adventsbotschaft heute besonders groß ist.

Die drei Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas berichten von einer Rede Jesu, die von der Endzeit handelt, dem Ende der Welt. Evangelium und Predigttext für den 2. Advent ist Teil dieser Endzeitrede.

Wir vermuten, dass in dieser Rede die schrecklichen Erfahrungen des jüdischen Krieges verarbeitet wurden, jener Auseinandersetzung zwischen den Römer und den Judäern, die mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem endete. Dies war eine höchst traumatische Erfahrung für alle Jüdinnen und Juden, auch für die gerade entstehende christliche Kirche.

Diese Rede greift zurück auf Stilmittel und Anschauungen der Apokalyptik, jener Strömung in den jüngeren Schriften des Alten Testaments und im Judentum der Zeitenwende, in der politische Ereignisse als Auseinandersetzungen in den himmlischen Sphären gedeutet wurden. Das waren große sprachliche Gemälde, lebhaft und gewaltig ausgemalt. Jesus und seinen Zeitgenossen war diese Redeweise vertraut, sie dachten in diesen Bildern und wurden verstanden.

Heute werden Apokalypsen als Katastrophenfilme in Hollywood inszeniert. Es geht um Untergang, Zerstörung, vielleicht ein heldenhaftes Eingreifen eines Superheros.

Aber das verfehlt aber die ursprüngliche Intention dieser Erzählungen. Eigentlich wird auf dem Hintergrund der Schilderung endzeitlicher Ereignisse Gottes erlösendes und befreiendes Handeln beschrieben: aber nicht nur beschrieben, sondern ausgedeutet und als Hoffnungsbild in schlimmen Zeiten verkündet – das war der Sinn und Zweck dieser Texte, nicht die Verherrlichung von Zerstörung und Angst und Schrecken.

ἀποκάλυψις im Griechischen bedeutet nicht Untergang, Katastrophe, oder Weltende, sondern Aufdeckung – Aufdeckung der göttlichen Pläne. Das, was vorher im Verborgenen war, wird aufgedeckt, die Wahrheit kommt ans Licht. Und die Wahrheit ist Leben und Freiheit und Liebe. Die Wahrheit ist Gott.

Besonders beim Evangelisten Lukas wird diese Dimension deutlich: Nur hier in den Evangelien kommt das Wort „Erlösung“ vor. Es geht also wirklich nicht um Vernichtung, sondern um Befreiung und ein Ende von Unheil und Gewalt.

Erlösung wird angesagt, nicht Untergang.

Seht auf und erhebt Eure Häupter, weil Eure Erlösung naht.

III

Das ist leichter gesagt als getan.

Was tun Sie, wenn es plötzlich auf der Straße einen großen Knall gibt. Eine Fehlzündung in einem der lustig getunten Autos?

Sie ducken sich. Klar. Ganz unwillkürlich.

Wenn ich Zeuge eines schrecklichen Vorfalls werde, dann mache ich mich klein. Das liegt uns in den Genen. Ich versuche, unauffällig weiterzugehen, oder lieber noch wegzurennen. Ich denke erschrocken: Bin ich in Gefahr? Muss ich etwas tun? Wie kann ich überleben? Ich mache mich klein und möglichst unsichtbar.

Der Evangelist Lukas zitiert Jesus und fordert dazu auf, das genaue Gegenteil zu tun: Seht auf und erhebt Eure Häupter.

Und es gibt eine Begründung: Weil sich Eure Erlösung naht.

Ist das die Alternative? Wegducken, klein machen oder Aufsehen, den Kopf heben, und glauben?

IV

Der 2. Advent ist einer der vier Sonntage, die dem Weihnachtsfest vorangehen, also auf das Kommen Jesu in diese Welt im Stall von Bethlehem hinführen.

Am 2. Advent blicken wir gleichzeitig hinaus in die Zukunft. auf das, was die Alten die Wiederkunft Christi nennen.

Was haben wir eben gemeinsam gesprochen?

Ich glaube an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn. … aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des Vaters. Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Das haben wir im Glaubensbekenntnis gesprochen. Sind wir uns dessen bewusst? Es geht um die Vorstellung, dass Jesus am Jüngsten Tag wiederkommt, so wie er an Himmelfahrt zu seinem Vater aufgenommen wurde.

Die Christen der ersten Generationen warteten sehnsüchtig auf Jesu erneutes Kommen, bei Paulus lesen wir von der Erwartung, dass dies zu seinen Lebzeiten passiert.

Aber die Zeiten der Naherwartung sind vergangen, schon in biblischen Zeiten wurde dies beklagt. Kommt er nicht mehr? Haben wir etwas falsch verstanden? Oder sind die Zeitdimensionen für Gott einfach ganz anders als für uns?

V

Warum muss Jesus überhaupt wiederkommen? Wie kommt man darauf?

Für mich gibt es drei Gründe:

1. Jesus wird sehnsüchtig vermisst. Er ist hier auf dieser Erde unterwegs gewesen, hat Menschen angerührt, für sich und Gott begeistert, hat Menschen geheilt, hat gelehrt und sich selbst hingegeben für die Menschheit. Er fehlt hier bei uns. Da liegt es auf der Hand, dass wir ihn wiedersehen wollen.

2. Dem Unrecht muss ein Ende gemacht werden. Es kann nicht sein, dass Diktatoren und Gewaltherrscher gewinnen, dass das Gesetz des Stärkeren sich durchsetzt, dass es immer weiter geht mit Unterdrückung und Ausbeutung und Kleinmachen des Anderen. Es ist mein Bedürfnis, dass es ein Gericht gibt, am Ende der Zeit. Es muss einen wirklich gerechten Richter geben, der die Dinge zu guter Letzt gut macht.

Und schließlich 3.: Gott muss sich, am Ende, durchsetzen, gegen alle lebensfeindlichen Kräfte, gegen Tod und Teufel. Wie kann ich sonst an einen handlungsfähigen Gott glauben, wenn das nicht sicher ist. Ich brauche diese Hoffnung, dass Er am Ende der Sieger ist.

Darum diese Sehnsucht nach Jesu Wiederkunft, ich teile sie mit den biblischen Zeugen. Er, der Menschensohn muss einfach wiederkommen, sonst ist die Sache nicht vollständig.

Und es gibt Hoffnung, denn unser Predigttext kündigt so etwas an. Kommt er also wieder, so wie die Apokalyptik sagt, auf einer Wolke, oder ist das ein Bild, was heute anders gemalt werden muss?

VI

Im Advent sind wir dieser Ambivalenz ausgesetzt:

Wir sind ungeduldig. Wir warten auf Gottes Kommen. Es ist höchste Zeit. Wir können es kaum aushalten. Wir drängeln und schieben. Die Zeit bleibt stehen. Die Erwartung schmerzt.

Wir wollen Gerechtigkeit. Wir wollen Frieden. Wir wollen Leben. Gott hat uns das alles versprochen.

Aber um uns herum gehen die Dinge weiter. Die Mächtigen lachen sich kaputt. Die Kirchen schrumpfen. Man sägt an unserer Gesellschaft, an unserer Demokratie, an unserem Grundkonsens. Die Pole schmelzen und die Regenwälder schwinden. Bomben und Drohnen töten Menschen. Manche spielen Golf, andere schlafen unter Brücken. Nichts geht voran.

Und gleichzeitig:

Die Propheten prophezeien. Die Apostel flüstern von Erlösung. Die Pfarrerinnen und Pfarrer predigten von der Ankunft Christi.

Die Nacht ist dunkel, aber der Sternenhimmel spricht vom Morgen. Die Nacht ist finster, aber immer mehr Kerzen leuchten. Die Nacht ist kohlrabenschwarz, aber freundliche Augen schauen mich an und wärmen meine Seele. Mitten im Dunkel der Nacht sitzt Jesus mit mir in der Runde, er teilt Brot und Wein.

VII

Liebe Gemeinde,

der 2. Advent verdeutlich für mich vor allem den Ernst der Sache. Advent ist keine Zeit für selbstgefälliges Wohlfühlen, für christliche Selbstbestätigungs-Bubbles, für Jingle Bells und rote Weihnachtshüte. Es geht nicht um alternative Wahrheiten oder das Wegsehen von den Abstrusitäten dieser Welt.

Advent kann es nur geben, wenn die Welt in ihrer Gänze mitgenommen wird. Gott kommt nicht nur zu uns in der Thomaskirche, wo es schön warm ist und die Probleme draußen bleiben.

Wenn Gott kommt, dann kommt er gewaltig – mit den Wolken, in der Krippe, im Mitmenschen, im Wort und Sakrament.

Diese Botschaft ist wirklich eine Zumutung. Sie fordert heraus, aber sie verleiht auch Mut. Es ist eine echte Zu-Mutung. Zu-Mutung.

VIII

Wird Jesus wiederkommen?

Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.

Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre.

Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.

Der Feigenbaum schlägt aus, er lässt sich nicht beirren. Er kennt die Zeit, weiß, wann der Frühling kommt.

Seht auf und erhebt Eure Häupter!

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 


[1] Inschrift auf einer Kellerwand in Köln, wo sich während des 2. Weltkrieges einige Juden versteckt hielten. Text der in der Motette dargebotenen Chorstücks von Kim André Arnesen.