Predigt am 16. Sonntag nach Trintitatis

  • 20.09.2026 , 16. Sonntag nach Trinitatis
  • Pfarrer Dr. Janning Hoenen

Liebe Gemeinde,

der Geist der Furcht – hat er uns endgültig erfasst?

Der Fokus der öffentlichen Meinung liegt auf der Sorge um Frieden und Sicherheit in Europa, um die Aushöhlung von Demokratie und Achtung der Menschenwürde. Die einen haben Angst vor sogenannter Überfremdung, die anderen vor den Folgen des Klimawandels. Wir sorgen uns um die Probleme der Bundesregierung, die seltsamen Anwandlungen von Präsidenten anderer Staaten, und die Wahlergebnisse, die heute Abend vorkündet werde. Gehandelt wird aus Sorge und aus Angst. 25 Jahre ist es her, dass am 11. September in den USA vier Flugzeuge entführt wurden. Die Bilder von den einstürzenden Hochhäusern des World Trade Center, des beschädigten Pentagons, des Wracks der Maschine in Pennsylvania sind uns allen im kollektiven Gedächtnis. Für mich – und ich glaube, dass ich da nicht alleine bin – war dieser Tag, den ich den USA erlebte, eine Zeitenwende. Es war das Ende einer Phase des Optimismus, zumindest in Deutschland. Seit den Ereignissen von 1989/90, hier in Leipzig und anderswo in der damaligen DDR, dachten wir, die Menschheit hätte gelernt, dass es friedlich und gemeinschaftlich und konstruktiv funktionieren kann, dass die Welt verbessert werden kann, dass alte Konflikte überwunden werden können. Die neunziger Jahre waren Zeiten des Aufbruchs, im Westen wie im Osten Deutschlands, und auch in Europa beiderseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Was ist mit uns geschehen seitdem? Warum sind wir so frustriert, desillusioniert, mutlos geworden? Regiert der Geist der Furcht?
Warum – fragt Hiob, und Brahms vertont es so eindrucksvoll – warum ist es Mühsal und Betrübnis. Warum ist es Furcht und Angst.

Der Predigttext, den wir schon gehört haben, entstammt dem 2. Timotheusbrief. Dieser Brief erscheint als eine Art Testament des Paulus. Paulus ist in Rom gefangen, ihm droht die Hinrichtung, und so gibt er, quasi als Vermächtnis, Hinweise und Lehren an seinen engen Mitarbeiter Timotheus weiter. Gleich zu Beginn liefert der Autor die Grundlage für all die einzelnen Ratschläge, und diese bestehen vor allen Dingen in zwei Sätzen, die berühmt sind und die ich deswegen noch einmal lese: Da heißt es zum Einen:  Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Und zum Anderen: Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium. Der Autor des 2. Timotheusbriefes beschwört den Geist, in dem wir leben und handeln sollen und er begründet diese Zuversicht mit Christi Tod und Auferstehung, die dem Tod die Macht genommen haben.

Zum Einen: Der Geist der Kraft, der Liebe, der Besonnenheit. Es ist eine besondere Trias: Kraft. Liebe. Besonnenheit. Alles drei zusammen, das macht unser Leben als Christen aus, das prägt, das treibt uns an. Fangen wir von hinten an. Besonnenheit. Besonnenheit ist eine leise Eigenschaft. Wer besonnen ist, überlegt, bevor er handelt. Er stellt sich nicht in den Vordergrund. Er prüft die Meinungen anderer, die Ideen anderer, die berechtigten Einwände der anderen. Besonnenheit hat etwas mit Erfahrung zu tun. Mit Gelassenheit. Mit Abwägung. Liebe. Liebe ist selbstlos, immer auf den anderen bezogen. Liebe braucht keine Begründung, sie ist einfach da. Liebe kann sich erneuern, immer wieder erneuern. Liebe verbindet die Menschen. Liebe ist ein Gefühl und eine Haltung. Liebe ist verwundbar. Liebe kann ganz zart sein und ganz heftig. Kraft. Die Energie, die hinter unserem Leben steht. Durchsetzungsfähigkeit. Beständigkeit. Widerstandsfähigkeit. Standhaftigkeit. Kraft braucht Training, Nahrung und einen Angelpunkt. Etwas, woran man sich festmachen kann. Unser Leben, so sagt es der 2. Timotheusbrief, wird von allen dreien gespeist. Ohne Kraft wäre Liebe und Besonnenheit zahnlos, wir würden nicht weiterkommen, würden an harmlosen Widerständen scheitern. Ohne Liebe wären Kraft und Besonnenheit selbstsüchtig und kalt, gefühlsarm einem rational gewählten Ziel gewidmet. Ohne Besonnenheit wären Kraft und Liebe wild und zügellos, taumelnd und impulsgesteuert. Alle drei zusammen, so soll unser Leben geleitet sein: Kraft. Liebe. Besonnenheit.

Die Grundlage für alle drei: Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen. Das ist die Grundlegung. Unser Weg heraus aus der Angst und der Sorge vor unserem Scheitern. Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen. Tod und Auferstehung Jesu Christi sind ein Ereignis, auf das wir uns in unserem Leben berufen können. Es hat etwas verändert: der Tod hat nicht da letzte Wort. Es gibt ihn noch, er wütet noch, er ist noch schrecklich, bleckt uns die vergilbten Zähne entgegen – aber er gewinnt nicht. Nicht am Ende. Nicht in Summe. Nicht in Ewigkeit. Die christliche Grundüberzeugung, dass das Leben, das von Gott kommt, stärker ist als der Tod, den wir auf dieser Erde bitter erfahren, kann unser Dasein verändern. Kann die Vorzeichen umkehren, unter denen wir leben. So wie Paulus das in unserem Predigttext an seinen Freund und Bruder Timotheus schreibt, wie er ihn daran erinnert, dass dies die Grundlage ist --- so müssen wir uns gegenseitig erinnern, immer wieder, müssen uns das zurufen: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Das Leben, das Gott uns schenkt, das gewinnt. Wenn wir es uns nicht mehr gegenseitig sagen, zurufen, zusingen, dann vergessen wir es. Dann ergreift uns diese Depression. Dann machen wir mit bei der Jammerei der anderen, dann vergehen wir in Klage und Schwarzmalerei. Dann regiert der Geist der Furcht. Auch in der Kirche. Aber dagegen stemmen wir uns. Als Gemeinde. Als Gemeinschaft der Singenden. Als Predigende und Hörende. Wenn wir im Frieden das Heilige Abendmahl feiern. Wir begehen das jeden Sonntag, diese Erinnerung. Jeder Sonntag ist ein kleines Ostern, eine Auferstehungsfeier.

Liebe Tauffamilien,

das gilt auch für Euch. Eigentlich sind diese Reden vom Tod, von der Auferstehung, von der Umkehrung der Machtverhältnisse wenig kindgerecht. Sie erscheinen erst einmal weit weg von dem, was uns für die Kinder wichtig ist. Das scheint aber nur so. In Wahrheit ist diese Ermutigung zum Leben, die die Nachricht von der Überwindung des Todes durch Jesu Kreuz und Auferstehung mit sich bringt, auch Dreh- und Angelpunkt der Taufe. In der Taufe, symbolisch und wahrhaftig, verliert der Tod seine Kraft. Alles, was uns von Gott trennt, ertrinkt im Wasser der Taufe. Das ist ein heftiges Bild und dadurch wirksam und kraftvoll. Der Grund für ein Leben mit Jesus Christus, ein Leben als getaufter Christ, liegt in dieser Botschaft – der Tod hat nicht das letzte Wort. Ihr könnt getrost leben, freudig und zuversichtlich. Euch kann nichts aus der Spur bringen. Für Euch liegt ein Leben bereit, geprägt von Kraft, Liebe und Besonnenheit.

Liebe Gemeinde, was macht das mit uns? Wohin führt uns das? Eigentlich ist es offensichtlich – mit guter Begründung lassen wir uns ein auf diese Zusage: Leben ohne Furcht. Leben in Kraft, Liebe und Besonnenheit. Wir können unser Leben neu beginnen, neu und stürmisch, und voller Hoffnung auf die Zukunft. Voller Tatendrang. Voller Neugier. Wir können uns auf die anderen Menschen einlassen, offen auf alle zugehen, uns mit ihnen verbünden für grandiose Unternehmungen. Wir können Pläne schmieden für Kirche und Gesellschaft, Projekte entwerfen, Träume verwirklichen. Immer neu anfangen. Immer weitermachen. Voll Kraft, voll Liebe, voll Besonnenheit. Wir können uns mit denen auseinandersetzen, die anderer Meinung sind. Können streiten, voll überzeugt von dem, was uns wichtig ist, und gleichzeitig hörend und mitfühlend und nachdenkend. Wir können diese Stadt und dieses Land gestalten, können uns für Demokratie und Meinungsfreiheit einsetzen, für kulturelle Vielfalt und die Bewahrung der Schöpfung und den Frieden zwischen allen Menschen.

Voll Kraft, voll Liebe, voll Besonnenheit. Wir können uns denen widmen, die nicht kraftvoll sind, die voll Hass sind, die nicht klar danken können. Wir können sie bei der Hand nehmen und mit ihnen vorangehen. Und wenn die Menschen uns fragen – warum seid ihr so naiv? Warum glaubt Ihr, dass das zum Erfolg führt? Seht Ihr nicht, wie die Welt tickt? Dann singen und sagen wir, so wie Paulus dem Timotheus es geschrieben hat: Gott hat dem Tod die Macht genommen – darum sind wir voller Hoffnung unterwegs, voller Mut und Tatendrang. Kraftvoll. Besonnen. Voller Liebe.

Das prägt uns, macht uns aus.
Getrost ist mir mein Herz und Sinn, sanft und stille.

Amen.


Fürbitten

Lasst uns beten:

Gott, du hältst uns in Deiner Hand, in diesem Leben und darüber hinaus. Dafür danken wir Dir.
Sei Du mit uns jeden Tag, in den Tagen der Freude und den Nächten des Schmerzes.
Sei Du bei uns und bei allen, die Dich vielleicht noch nötiger haben als wir.
Wir danken für die Musik, die uns erfüllt und mit Ruhe und Frieden beschenkt.
Lass etwas von dem, was wir hier erfahren und genießen dürfen, auch draußen Wirkung zeigen, in den Häusern, den Straßen und Plätzen dieser Stadt.
Gib unserer Kirche, unserer Stadt, unserer Welt Kraft, Liebe und Besonnenheit:
Kraft, sich den lebensfeindlichen Kräften der Gesellschaft entgegenzustellen.
Liebe, auch dem ganz anderen Mitmenschen mit Respekt und Zuwendung entgegenzugehen.
Besonnenheit, die Probleme dieser Welt mit Geduld, Weisheit und Konsequenz anzugehen.
Sei mit allen Sterbenden. Sei mit allen Trauernden. Allen von Krieg und Vertreibung, Hunger und Krankheit Heimgesuchten.
Erneuere unsere Gewissheit, dass durch Tod und Auferstehung Jesu Christi der Tod besiegt sind und für uns alle das Leben bei Dir bereitet ist. Amen.