Predigt über Jeremia 31,31-34
- 17.05.2026 , 6. Sonntag nach Ostern – Exaudi
- Kirchenrat Lüder Laskowski
Ganz unterschiedlich gehen Menschen mit der außergewöhnlichen Situation um, die wir erleben. Die Welt, wie wir sie kennen, scheint zu zerfallen. Als ob sich die sichere Verbindung mit der Realität löst. Und wir sind live dabei. Früher genügte es, aller paar Tage einmal die Zeitung zu lesen. Heute werden jeden Tag Gewissheiten in Frage gestellt, lösen sich auf, werden mutwillig zertrümmert. Und während es lange so aussah, als ob wir uns fein herausnehmen könnten, weil die Erschütterungen in der Welt nur vielfach gebrochen und abgeschwächt hier ankamen, habe ich zumindest das Gefühl, dass wir uns nun mittendrin wiederfinden. Ohnmacht greift um sich. Sie ist schwer erträglich. Wie geht man damit um?
Die Unruhige muss irgendwo hin mit dem Gefühl, dass alles weniger wird. Sie sagt jedem, man dürfe doch nichts mehr sagen. Und dann schüttet sie in einem langen Monolog all die Erklärungsversuche aus, die sich in ihr angesammelt haben. Die offiziellen Nachrichten sind ihr Fakenews. Sie sehnt sich zurück in eine Vergangeneit, in der die Zukunftsversprechen noch galten. Diese Dynamik, die ihrem Leben Sinn gab. Weil sie viel auf ihre Tatkraft hält, sucht sie die Schuld bei Anderen. Es finden sich immer welche. Es fällt ihr schwer zu akzeptieren, dass sie das Leben – auch ihres – nicht im Griff hat. Und ihre Konsequenz ist, etwas tun zu müssen. Im Tun liegt Freiheit. Und wenn das bedeutet, immer dagegen zu sein.
Der ängstliche Typ sucht nach Wegen, die ständig kreisenden Gedanken darum, was alles noch Schlimmeres passieren könnte, in den Griff zu bekommen. Er wartet jede Stunde, jeden Tag darauf, dass sich seine Befürchtungen bestätigen. Er zieht sich zurück, begegnet der Welt mit Mißtrauen. Den Nachrichten glaubt er schon lange nichts mehr. Weil es viel schlimmer ist und die einen doch nur beruhigen wollen, damit hier nicht alles auseinanderfliegt. Dadurch wird er einsamer. Er kennt das Problem, aber wohin mit der Angst? Seine Konsequenz ist, sich übervorsichtig zu bewegen. Sich vorzubereiten. Aber es tut ihm nicht gut. Seine Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit geht ins Leere.
Der Gleichgültige lässt sich treiben. Widerstand ist eh zwecklos. Ihn haben die Kräfte verlassen. Er bleibt im Bett liegen oder betäubt sich mit endlosen Nächten bei Netflix. Vielleicht hatte er ein kleines Geschäft, mit dem er nun pleite zu gehen droht. Vielleicht hat die Firma, in der er arbeitete, ihm gekündigt, weil KI es besser macht. Oder alle seine Freunde sind weggezogen, der Arbeit oder ihren Frauen hinterher. Eigentlich müsste er sich nun fragen, wie es mit ihm weitergehen soll. Aber das hat doch eh keinen Sinn. Er zuckt mit den Schultern.
Zugespitzt zwar. Aber das sind drei nicht seltene Reaktionen auf die unsichere Lage. Alle drei sind sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie schauen zuerst in sich hinein und von dort kommt ihnen keine Hilfe. Freiheit und Sicherheit und Klarheit verflüchtigen sich zugleich. Ohnmacht aushalten. Nicht wissen, wie es weitergeht. Das ist schwer. Ein Ziel, ein Plan das würde allen nützen. Eine Perspektive, damit die Energie nicht ins Leere geht. Eine Energie, die ansonsten zerstörerische Kräfte freisetzt.
Ohnmacht ist etwas, das nicht zu uns passt. Moderne Menschen gestalten ihr Leben aktiv. Wenn ihnen etwas fehlt, dann besorgen sie es sich. Sie wissen, dass von nichts nichts kommt. Wenn dieses Konzept in Frage gestellt wird, ist das eine echte Prüfung. Damit umzugehen fällt schwer. Aber es ist keine Lage, in die wir in dieser Krise ganz neu gekommen sind. Das hören wir heute in den biblischen Texten. Sie spiegelt sich in den Ereignissen, an die wir in dieser Zeit des Kirchenjahres erinnern und zu denen wir uns in Bezug setzen.
Die Kirche feiert den Sonntag Exaudi mit eben dem Blick auf diejenigen, die nun irgendwo zwischen Baum und Borke hängen. Exaudi nimmt liturgisch eine seltsam spannungsvolle Zwischenzeit in den Blick. Wir kommen von Christi Himmelfahrt her. Der auferstandene Christus ist nicht mehr greifbar. Die Erfahrung der Himmelfahrt lässt Jesu Freundinnen und Freunde, seine Anhängern im Unklaren zurück. Das große Versprechen auf eine neue Welt steht ihnen noch vor Augen. Dann die harte Landung und alle Hoffnungen zerstieben. Aber es gibt auch die neue Perspektive, die sie mit der Auferstehung bekommen. Und nun? Das ist die Erfahrung des heutigen Sonntags Exaudi: eine allseits unklare Lage.
Die Jünger können Jesus nicht mehr sehen und auch wir spüren ihn oft nicht. Wir leben – wie die Jünger – in einer Zwischenzeit. Auf der einen Seite ist Jesus nicht mehr greifbar, er entzieht sich uns, er ist weg. Auf der anderen Seite wissen wir noch nichts von der Kraft des Heiligen Geistes, von der Macht von Pfingsten. Auf der einen Seite hat sich viel von den Versprechen der Vergangenheit verflüchtigt. Auf der anderen Seite haben wir noch keine Ahnung, was uns nun erwartet, wohin sich die Welt entwickeln wird.
Die wenigen Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten werden damit zum Zeichen. Für Lebenslagen, wie der, in der wir uns gerade befinden. Schwankend zwischen der Lebensweise, die wir kennen und in der wir uns ganz gut eingerichtet hatten und dem starken Gefühl, dass solche „Normalität“ nicht nur nicht wiederkommt, sondern dass sie uns auch gar nicht unbedingt guttun würde – weil an ihr etwas Zerstörerisches war. Weil diese „Normalität“ etwas hatte, das aufzehrt – seelisch, ökologisch, politisch, sozial.
Ja, wir ahnen es nicht nur, wir wissen es eigentlich. Jetzt muss etwas Neues wachsen, das wir noch nicht kennen, von dem wir nur ahnen, wie es vielleicht aussehen könnte. Vor dem Hintergrund der Spannung zwischen Himmelfahrt und Pfingsten würden wir dann sagen können: diese Tage sind Zeichen für unseren eigenen Glauben zwischen Sehnsucht und Erfüllung.
Wenn das Alte vergangen ist und das andere Neue noch nicht da, kommt unser Koordinatensystem durcheinander. Unsere Handlungsfähigkeit steht in Frage. Jetzt muss doch endlich was passieren, es muss sich was ändern. Wut, Angst, Unruhe. Das kann sehr bedrohlich sein. Wir erinnern uns an die unterschiedlichen – zugespitzt beschriebenen – Verhaltensweisen, mit denen Menschen auf solche ungewissen Zwischenzeiten reagieren.
Gefühle, die sich stauen und zerstörerische Kräfte entwickeln, kommen wieder in Fluss, wenn wir uns bewusst machen, wie sich unsere Lage ausnimmt im Horizont der Geschichte Gottes mit den Menschen. Es ist wieder möglich in Kontakt zu gehen, mit sich selbst und der Welt, wie sie eben jetzt ist – bewusst, klar, in Hoffnung. Ohne auf die Rückkehr einer „Normalität“ zu bestehen, die so „normal“ hätte nie sein dürfen. Und ohne den irrationalen Aufruhr nach vorn, der mit allem bricht, was mühsam aufgebaut worden ist.
Und hier nun werden die Worte bedeutsam, die Jeremia vor Jahrhunderten dem Volk Israel zugerufen hat und die zur Orientierung geworden sind immer dann, wenn dieses Volk in eine solche Zwischenzeit geraten ist. Zeiten, in denen die Gefahr wuchs, sich im Strudel der Gefühle zu verlieren, die eben mit der empfundenen Machtlosigkeit, der Ohnmacht verbunden sind. Und dem wir uns als Christinnen und Christen angeschlossen haben, indem wir die Begegnung mit Jesus Christus der Bewegung zugeordnet haben, in der Jeremia sein Volk sieht. „Siehe es kommt die Zeit.“, sagt Jeremia nämlich, da wird ein neuer Bund geschlossen.
Das ist kein Vertragswerk auf der Basis beiderseitigen Einverständnisses, von dem er hier spricht. Gott entscheidet sich. Die Menschen haben ihn nicht gerufen. Aber er handelt. Sie können jetzt seine Bedingungen nur akzeptieren. Es ist ähnlich der Weltlage, die ich eingangs heraufgerufen habe. Sie kommt von außen auf uns zu. An uns ist es damit umzugehen. Viel mehr bleibt uns auch nicht. Weil uns ja bewusst ist, wie sehr wir Teil der Verwerfungen sind, unter denen wir nun leiden. Unsere Lebensweise, unsere Gedankenlosigkeit, Empathielosigkeit oder einfach nur Bequemlichkeit.
Wie leichtfertig Gott doch verabschiedet wurde. Aber lässt sich nicht verabscieden. Indem er nun den neuen Bund verordnet, schränkt er zwar die Freiheit des Volkes Israel ein. Doch zugleich öffnet er genau damit einen Ausweg. Nicht der Blick auf sich selbst, die Nabelschau des Einzelnen, löst aus dem Verhängnis. Sondern der Ruf Gottes. Und die Besinnung auf das, was dieser bereits in die Herzen der Menschen geschrieben hat. Ohnmacht wächst, wenn der Mensch sich nur auf sich selbst verlässt. Neues wächst, wenn der Mensch sich auf das besinnt, was Gott ihm ins Herz geschrieben hat. Er ist bei uns, wenn wir uns daran machen, aus der Schockstarre wieder in Bewegung zu kommen.
Das Alte ist vergangen, Neues ist noch nicht geworden. In diese Übergangszeit spricht Gott seine Verheißung. Nicht damals, sondern heute mitten hinein in unsere Ohnmacht. Er hat seinen Bund erneuert. Er wird auch seinen Geist schenken. Siehe, es kommt die Zeit, sie bricht schon an.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.