Predigt über 1. Petr 2,21b–25
- 19.04.2026 , 2. Sonntag nach Ostern - Miserikordias Domini
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
Liebe Gemeinde, liebe Tauffamilie,
wer ist Ihr Vorbild? Und warum?
Ist es ein toller Filmschauspieler, oder ein ein Fußballer, der große Erfolge erzielt hat? Ist es Greta Thunberg, die sich für das Klima einsetzt? Angela Merkel, die erste Bundeskanzlerin, Barack Obama, der erste afroamerikanische US-Präsident? Ist es der Papst, der unbeirrbar zum Frieden aufruft und dafür von selbsternannten Friedensbringern kritisiert wird? Ist es jemand aus der Geschichte, der Maßstäbe gesetzt hat: Albert Schweizer, Albert Einstein, Dietrich Bonhoeffer? Die coole Männerstimme aus der 12, die Frontfrau im Tanzclub? Oder ist es jemand aus dem Bekanntenkreis – der erfolgreiche Onkel, der große Bruder, der eine beeindruckende Karriere gemacht hat, der Vater, die Mutter?
Warum werden Menschen zu Vorbildern erkoren?
Ganz einfach: Wir bewundern sie, feiern ihre Erfolge, wären gerne so wie sie. Ihr Leben inspiriert uns, lässt uns neue Ziele, neue Hoffnung finden, setzt uns in Bewegung.
Für den Autor des 1. Petrusbriefes ist Jesus Christus das Vorbild, und er empfiehlt den Leserinnen und Lesern seines Briefes, diesem Vorbild nachzufolgen, in seine Fußstapfen zu treten. Das ist für einen neutestamentlichen Autor eigentlich selbstverständlich – wen sollte so jemand sonst empfehlen. Jesus Christus ist nun mal beeindruckend in seiner Liebe zu seinen Mitmenschen, seiner Zuwendung zu denen, die Hilfe und Heilung benötigen, in seiner klaren, manchmal radikalen ethischen Haltung.
Und gleichzeitig steckt da eine große Herausforderung. Denn Christus ist für unseren Briefschreiber gerade darin Vorbild, dass er einen vorbildlichen Weg des Leidens gegangen ist.
Ich lese den Predigttext (1. Petr 2,21b–25):
Christus hat für Euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheim-stellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bi-schof eurer Seelen.
Was für ein Vorbild ist das? Wie kann so ein Schicksal erstrebenswert sein für jemanden, den wir gerade getauft haben, für Niklas und Emily und Alexander und Janosch. Wir haben Euch doch gerade in Euer Leben als Christen gesandt, voll Freude und Zuversicht, und haben Eure Taufkerzen entzündet, so dass Christus Euch das Licht des Lebens sei.
II
Liebe Gemeinde, liebe Tauffamilien,
Wichtig ist zunächst: Der Predigttext richtet sich ursprünglich an Sklaven. Sklaven in der römischen Welt waren bekanntermaßen fast völlig rechtlose Menschen, die persönlicher Besitz ihrer Herrinnen und Herren waren. Sie konnten willkürlich bestraft werden, nicht selbst über ihr Leben entscheiden, und wurden oft gedemütigt, misshandelt, gequält.
Es zeigt etwas von der besonderen Ausrichtung des Urchristentums, wenn hier ausdrücklich an Sklaven geschrieben wird: Sklaven waren wichtiger Teil dieser neu entstehenden Glaubensgemeinschaft, sie gehörten fest dazu, fanden eigene Aufmerksamkeit. Für diese Gruppe von Menschen ist der Predigttext geschrieben, und seine Aussage geht in zwei Richtungen.
Zum einen ermahnt der Autor des Petrusbriefes die Sklaven, sich nicht zu wehren, auch wenn ihr Leiden ungerecht ist. So wie Christus sollen die Sklaven das Leid ertragen, das sie ohne Schuld erleiden.
Keine Frage: Diese Aussage hatte in der Geschichte höchst problematische Konsequenzen. Bis ins vergangene Jahrhundert ist mit dieser Argumentation Sklaverei legitimiert worden, so wie auch ungerechte Herrscher als von Gott eingesetzt betrachtet und legitimiert wurden. Aus heutiger Sicht war dies ein großer Fehler, der viel Leid hat geschehen lassen, wo Widerspruch und Eindeutigkeit gefragt gewesen wären. Aber anscheinend haben die neutestamentlichen Autoren diesen Schritt zur Revolution nicht gewagt. Vielleicht wäre das damals einfach unrealistisch gewesen. Ob Jesus, der radikale Prediger, das anders gesehen hätte?
Zum anderen aber bezieht der Predigttext Christi Leiden auf das Schicksal der Sklaven, eine damals unerhörte Behauptung: Sklaven, die ungerecht leiden und sich nicht wehren, sind wie Christus, der ungerecht leidet und sich nicht wehrt. Sie sind in dieser Situation mit Christus eng verbunden, respektiert und gewürdigt.
Diese Behauptung einer Analogie mag zur Festigung der damaligen Verhältnisse beigetragen haben, das Ziel aber ist Trost und Anerkennung für die Sklaven, in einem für die damalige Zeit erstaunlichem Maß. Unser Predigttext ist also ein seelsorglicher Text, kein sozialrevolutionärer.
III
Wie kann man aus dieser Perspektive das Vorbild des leidenden Christus’ besser verstehen und so interpretieren, dass es als Orientierung auch für unser Leben gilt, auch für unsere Kinder und Jugendlichen, die auf ihrem Lebensweg Stärke und Hilfe benötigen?
Ganz deutlich wird: Leid gehört grundsätzlich zum Leben dazu, Leiderfahrungen dürfen nicht verdrängt werden, nicht lächerlich gemacht, kleingeredet oder gar instrumentalisiert werden. Das ist in unserer Kirche viel zu oft geschehen.
Leid umfasst ja nicht nur körperliches Leid, es bezeichnet seelische Verletzung, Missbrauch, Mobbing. Dazu gehören die Angst vor der Zukunft, die Einsamkeit, das Gefühl, anderen ausgeliefert zu sein, minderwertig zu sein, abgehängt zu sein. Aber natürlich auch körperliche Krankheit, Schmerzen, Trauer, Verlust, Ohnmacht.
All diese Aspekte unseres Lebens gehören zu uns dazu und verdienen Beachtung, Bearbeitung, Aufarbeitung. Sie wissen selbst, wo wir überall nachzubessern, aufzuarbeiten, Konsequenzen zu ziehen haben. Das muss als gesellschaftliche und kirchliche Aufgabe verstanden werden, um Mechanismen zu ändern, und es ist eine ganz individuelle Herausforderung, jedem Mitmenschen, jeder Person gegenüber, die wir leiden, hadern, verzweifeln und stumm werden sehen.
Wenn es darum geht anzuerkennen, dass jemand Leid erfährt, spielt die Frage nach der eigenen Schuld erst einmal keine Rolle. Leiden ist etwas, was uns geschieht, ereilt, zugefügt wird. Wenn wir keine Schuld an unserer Situation haben, dann ist das besonders schwer zu ertragen. Aber auch wenn wir Mitverantwortung tragen an dem, wie es uns geht, wertet es uns in unserem Erleben nicht ab. Es schließt uns nicht aus der Gemeinschaft aus, es gibt keine aussichtslosen Fälle.
Christus ist und bleibt bei uns in guten und in schweren Zeiten. Zeiten, die schwer sind, sei es aus Krankheit, Trauer, Einsamkeit, Langeweile, oder auch Schuld, sind keine Zeiten ohne Gott, ohne Christus. Weil er schon dort gewesen ist.
Und mein Leid bleibt nicht allein mein Leid. Es wird von Christus mitgetragen und darum mit hineingenommen in seinen Tod und seine Auferstehung. Alles Leid ist also schon beendet, schon hinfällig. In der Taufe, die mit Christus geschieht, stirbt mit dem Tod auch das Leid. Es ist überwunden, ob Du es spürst oder nicht.
Christus findet sich also eben nicht ab mit dem Leid. Die Empfehlung des Briefschreibers an die Sklaven, sich mit der Situation abzufinden, ist nicht das, was Christus tut. Er überwindet, er nimmt das Leid auf sich und verändert dadurch die Welt. Christus nimmt unser Leid auf sich und erstreitet das Leben.
Das heißt aber auch: Wenn wir schlimme Tage erleben, wenn wir leiden, dann bedeutet das nicht, dass die frohe Botschaft hinfällig wäre, das Ostern vergeblich gewesen wäre, dass wir verloren seien. Nein, Christus nimmt uns hinein in seinen Weg.
Er ist nicht nur Vorbild. Er führt uns selbst aktiv hindurch.
IV
In manchen Ländern werden Christen verfolgt, bedrängt, ausgeschlossen. Unsere Kirche in Deutschland ist nicht in solch einer Situation des Leidens, aber ihr droht eine zunehmende Marginalisierung. Unser Einfluss wird geringer, unsere Finanzkraft geht zurück, unser Selbstbewusstsein ist getroffen.
Aber das heißt nicht, dass die Botschaft hinfällig wäre. In den Anfängen waren die Christen eine kleine Minderheit am Rande der Gesellschaft. Aber sie kümmerten sich um die Sklaven, die Schwachen, die Unterprivilegierten. Sie kümmerten sich um die anderen und nahmen Nachteile für sich selbst auf sich.
Und sie widersprachen auch, ließen sich nicht unterkriegen, vertraten ihre Überzeugungen gegen die damals Mächtigen.
Das sollten wir auch tun: Den Mächtigen, wenn nötig, widersprechen, wenn sie sich überheben und als Messias hinstellen, wenn sie Parteiprogramme verfassen, die der Mitmenschlichkeit widersprechen, wenn sie auf dem Rücken der Schwachen für sich und die Ihren agieren. Dazu muss man nicht einmal Papst sein.
Auch dazu seid Ihr, liebe Täuflinge, liebe Thomaner, liebe Gemeindeglieder aufgerufen.
Ostern ist und bleibt die Feier des Lebens. Sucht Euch Vorbilder des Lebens! Sei es Christus, der mit vollem Einsatz für uns alle gelebt und gelitten hat. Sei es jemand, der näher an Euch dran ist, dem nachzufolgen fürs Erste leichter scheint.
Aber vergesst nie: Er, der vom Tod erstanden ist, ist immer bei Euch, in Freud und Leid, an sonnigen Tagen und in Nächten der Angst. Und er hat das, was uns alle bedrängt, schon überwunden.
Darin ist er unser Hirte, der uns geleitet und schützt und tröstet und immer wieder dorthin führt, wo das wirkliche Leben blüht.
Amen.
Fürbitten
Gott,
in Jesus Christus hast Du Dich für die Schwachen, die Leidenden, die Sterbenden eingesetzt. Du hast das Leid für alle mal überwunden. Dafür danken wir Dir!
Sei Du nun bei uns, wenn wir Deinem Vorbild folgen und das tun, was in unserer Macht steht.
Hilf uns, die Schwachen zu stärken,
die Trauernden zu trösten,
die Kranken zu begleiten,
die Marginalisierten ins Zentrum zu holen,
die Mutlosen zu ermutigen,
den Verzweifelten Zukunft zu schenken,
den Vertriebenen Heimat zu geben.
Gib uns Kraft und Mut, all diejenigen an Dein Vorbild zu erinnern, die Macht haben, die Dinge zu ändern, die Geld haben, den Hunger zu lindern, die schlau sind und ihre Ideen zum Guten einsetzen können.
Wir bitten für alle Kinder und Jugendlichen, insbesondere Emily, Niklas, Alexander und Janosch: Lass sie aufwachsen im Vertrauen auf Dich, gib ihnen die Zuversicht, dass Du in guten und in schweren Zeiten bei ihnen bist, dass Du ihr guter Hirte bist, der sie zum Leben führt.
Wir bitten Dich um Frieden, in den Kriegsgebieten in aller Welt, und bei uns zuhause.
Das bitten wir durch unseren Herrn und Bruder Jesus Christus. Amen.