Predigt zu Jesaja 66,10-14

  • 15.03.2026 , 4. Sonntag der Passionszeit - Lätare
  • Kirchenrat Lüder Laskowski

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Liebe Gemeinde,

Klack. Die Tür ist zu. Ihre Tochter gegangen. Sie bleibt zurück. Keine Umarmung mehr. Nur eine müde Handbewegung und ein gequältes Lächeln, bevor sie ging. Erst war ihrer Tochter anzusehen, dass sie ihr noch einmal erklären würde, dass sie es leid war. Selbst worum es gehen würde, wusste sie ohne ein Wort. Es war ihr völlig klar, welche Grenzen sie überschritten hatte. Sie würde sich anhören müssen, wie unerträglich anmaßend sie urteile, wenn ihr etwas erzählt wird. Nachdem sie wieder nicht an sich halten konnte und ungefragt altkluge Tipps zur Jobsuche und dem komischen Männergeschmack geben musste. Aber sie konnte nicht anders, es musste einfach gesagt werden. Dabei wollte sie sie nur beschützen. Wie früher schon. Diesmal aber kam es anders. Die Tochter brach ihren Versuch ab. Und ist einfach gegangen. Ließ sie einfach stehen und ging. Das tut weh.

Müde schlurft sie in die Küche und fällt schwer auf den Stuhl. Ihre Gedanken gehen zurück. An den Anfang. Nach der Geburt des Sohnes wie der Tochter war ihre Faszination ähnlich gewesen für die kleinen Wesen. Sie blickt hinab auf ihr Dekolleté und sah sie vor ihren Augen, die frisch geschlüpften Babys. Wie sie wild an die Brust patschten, wenn sie sie anlegen wollte. Den Kopf panisch hin- und herwarfen, um an die Quelle zu kommen. Und dann wild saugten. Oft so hektisch, dass sie die Brustwarze wieder verloren. Dann aber, wenn sie satt waren, ploppte die einfach aus den kleinen Mündern. Die reine Zufriedenheit. Und sie war voller Liebe, ist es bis heute.

Unmittelbar sprang ihre Erinnerung einige Jahre weiter. Ihre Tochter ist eigentlich freundlich gewesen in der Pubertät. Der Sohn war da viel schwieriger. Der Zorn, wenn das Kind wieder einmal nicht rechtzeitig nach Hause gekommen war, schmerzt sie heute noch. Was bitte war an ihren Absprachen nicht zu verstehen? Warum nur konnte er nicht daran denken, welche Sorgen sie sich machen würde. Der unbeherrschte Ärger, wenn er schließlich vor der Tür stand. Sie hat da Dinge gesagt, die schlecht waren für sie beide. Aber es ging nicht anders. Ähnlich später die brennende Eifersucht, als er seine erste Freundin mit nach Hause gebracht hatte. Sie dachte: er will weg … sie verlassen … von diesen Gedanken kam sie nicht los.

Nun sitzt sie hier am Küchentisch und starrt auf die Tür am Ende des Flures. Es klingelt nicht. Die Tochter kommt nicht zurück. Und sie selbst wird alt. Ohne Zweifel. Und störrischer. Wo sie schon früher an ihre Grenzen kam, fällt ihr die Beherrschung jetzt noch schwerer. Den Impuls, das Telefon zu nehmen und ihre Tochter anzurufen, unterdrückt sie. Diesmal nicht aus Trotz. Was war es dann. Sie horcht eine Weile in sich hinein, bis sie weiß, worum es geht. Sie hat Angst. Die Scheu abgelehnt zu werden, hält sie zurück.

Verlassen wir die Küche. Das große Herz, die endlose Geduld, aber auch Macken, unausweichliche Gewohnheiten … all diese vielen emotionalen Schattierungen, mit denen die Kinder nie fertig werden. Sie sind seit Menschengedenken verbunden mit der Mutter. Töchter und Söhne ringen mit ihnen ihr Leben lang. Behalten wir das vor Augen, wenn wir uns nun dem Text widmen, über den wir heute in der Predigt nachdenken.

Jesaja 66,10-14

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Was für ein positiver Text mitten in der Passionszeit. Wirklich inmitten, denn heute, am Sonntag Lätare, ist sie zur Hälfte vorbei. Wohin führt uns diese Zeit? Unsicher tasten wir uns voran, kurz aufatmend, weil wir umarmt werden von dem tröstenden Bild.

Werfen wir einen Blick ins Alte Testament und den Zusammenhang, in dem der Text steht. Da wird schnell deutlich: auch er steht „dazwischen“, ist nicht eindeutig. Am Ende des Buches des Propheten Jesaja setzt Gott zu einer Schlussrede an. Jesaja fasst zusammen, wie Gott auf das Volk Israel, auf sein Volk blickt. Ein Rest, so ist er sich sicher, wird nach vielen Schicksalswendungen zurückkehren in das Land, in die Stadt, in deren Mitte sich der Berg erhebt, in dem er selbst schon sehnsüchtig auf die Rückkehr wartet. Das ist nicht glatt. Es gibt einen doppelten Ausgang. Die ihre Herkunft vergessen, werden untergehen. Hier aber lesen wir, was mit den treuen Herzen geschieht.

Und es gibt noch eine weitere Schwierigkeit, die sich nicht auf den ersten Blick erschließt. „Siehe, ich breite aus … den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach.“ Das klingt schön. Vor allem, wenn man in Betracht zieht, dass das Volk Israel fast immer der Underdog gewesen ist, umzingelt von Großreichen, verdammt zu Tribut oder Untergang. Aber wenn hier vom zufließenden Reichtum der Völker die Rede ist, dann meint das nichts anderes als fette Beute aus Eroberung und Raub. Das Schicksal wird sich wenden und Israel werden nun Abgaben zuströmen. Das klingt nicht nur schrecklich, das ist es auch bis heute, wenn sich radikale Kräfte auf solche alten Texte berufen. Und schließlich ist in den letzten Worten der Passage vom „Zorn an den Feinden“ die Rede.

Doch Jesaja ist sich sicher: ebendarin erfahren wir etwas über die Liebe Gottes. Denn nicht nur der Tempelberg wird mit der „Mutter“ identifiziert, nein Gott selbst: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Aus Gott, die wie eine Mutter klagt, die von ihren Kindern verlassen worden ist, wird wieder die Mutter, die die Kinder nährt. Damals im alten Orient noch mehr als heute überlebenswichtig für die Kleinen. Nun wird Wirklichkeit, was einige Kapitel zuvor in die Zukunft verwies: „Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen.“ (Jes 49,15)

Ganz selbstverständlich wechselt Jesaja zwischen Gott als Vater und Gott als Mutter. Sie führt aus dem Leid in die Freude. Sie schenkt Hoffnung in dunkler Zeit. Aber sie ist auch zornig und eifersüchtig, oft unverständlich, auch scheu, in Sorge, abgelehnt oder vergessen zu werden. Doch wenn wir von ihr aus auf uns blicken wird klar. Sie kennt uns, noch bevor wir den ersten Atemzug getan haben. Sie weiß um alles, was uns glücklich und unglücklich macht. Niemand versteht besser unsere Grenzen, die dunklen Flecken auf unserer Seele. Sie ist nicht kalt, sie lässt nicht kalt. Wenn ihr etwas gegen den Strich geht, greift sie leidenschaftlich ein. Sie kann nicht anders. Welch ein Gottesgeschenk hat empfangen, wer im rechten Moment und im rechten Maß als Kind umarmt worden ist. Wie schmerzhaft oft ein Leben lang für diejenigen, die das nicht erfahren durften. Oder die erdrückt wurden.

Haben Sie es bemerkt. Wenn ich „sie“ sage, dann geht die Erinnerung ganz unmittelbar zurück. Zurück zu der Mutter, von der ich eingangs sprach. Vielleicht bei dem ein oder anderen Gedanken auch zurück zur eigenen Mutter. Auf jeden Fall zurück zu Gott, der widersprüchlich und leidenschaftlich ist. Der plötzlich so viel Ähnlichkeit hat mit der Mutter, die ich beschrieben habe. Wir sind die Tochter, wir sind der Sohn, die mit ihr ringen, solange sie leben.

Jesaja lässt Gott mit diesem Bild lebendig werden, so vielfältig und widersprüchlich. Denn Gott lässt sich nicht festlegen. Das ist dem Propheten wichtig. Sie kann immer wieder überraschen, bleibt in der Auseinandersetzung mit den Menschen, wie die Menschen, ihre Geschöpfe, mit ihr. Auf der Höhe der Passionszeit kommt in Erinnerung: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Wir werden die zweite Hälfte der Passionszeit mit dem Unerwarteten rechnen. Denn wir haben es mit ihr zu tun.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, Amen.