Predigt über Apg 2, 1-18
- 24.05.2026 , Pfingstsonntag
- Dr. Kristin Jahn
PDF zur Predigt über Apg 2, 1-18
I
Pfingsten – als Kind habe ich immer gedacht – Pfingsten, da sind alle eines Sinnes und Geistes. Der Geist wird ausgegossen auf alle und endlich ist mal Harmonie. Gemeinschaft die nicht weh tut.
Aber bei genauerem Hinsehen in die Texte der Bibel geht es gar nicht darum. Es geht nicht um Einheitsfeeling, nach dem Motto, alle sind hier endlich gleich.
Es geht viel mehr darum, dass mir und Dir ein Geist zuwächst, der die Freude weitersagen kann und das ist ein fundamentaler Unterschied zum Feeling a la Woodstock, nach dem Motto: wir haben uns alle lieb.
Pfingsten, die Geburtsstunde der Kirche. Menschen sagen weiter, was sie tröstet und trägt. Die Apostelgeschichte erzählt davon.
II
Am 50. Tag nach Ostern sitzen die Jünger, die Jesus von seiner Taufe an bis zu seiner Himmelfahrt begleitet haben, alle an einem Ort versammelt. So verschieden, wie Gott sie erschuf.
Was sie verbindet ist eine Hoffnung. Eine ganz persönliche Hoffnung; die Erfahrung von diesem Jesus, der für sie einsteht bis zuletzt und für sie aufsteht und jedem einzelnen von ihnen sagt: geh weiter, hab Mut, brich auf.
Sie haben gesehen, wie Jesus das Brot brach, auch mit denen, wo er den Verrat schon ahnte.
Sie haben erlebt, wie Jesus gefeiert und getrunken hat mit Typen, die jeder schon abgeschrieben hat.
Die Straßenkinder, die Schmuddelkinder, die krummen Typen – mit solchen hat Jesus gefeiert. Hat mit ihnen Frieden gemacht und ihnen Frieden gebracht.
Die Jünger haben all das gesehen und so sitzen sie nun zusammen. Alle an einem Ort. Das leere Grab im Rücken, das Osterfeuer im Herzen.
Und dann kommt Gott zu Besuch. Gibt ihnen Feuer und die Gabe in anderen Zungen zu reden. Die Gabe das Erlebte dem anderen ans Herz zu legen und weiterzusagen, was sie trägt.
Gott kommt zu den Jüngern in das abgeschlossene Haus und sagt:
Macht jetzt bitte alles mit eurer Hoffnung, werdet alles, aber werdet mir bloß keine Stubenhocker mit eurer Hoffnung!
Was euch trägt, gehört nicht nur euch! Das gehört raus, bis ans Ende dieser Welt!
Sagt weiter, was euch trägt und froh gemacht hat.
Und er schenkt ihnen den Heiligen Geist. Ein Geist, der sie lehrt, den Fremden zu verstehen und ihm in seiner Sprache von Gottes Güte zu erzählen.
Pfingsten, das Übersetzungswunder. Die gute Botschaft für den anderen im Gepäck haben und das Glück nicht alleine aufessen.
Elamiter, Parther, Meder, Judäer, Mesopotamier, Pamphylier, Ägypter, Phrygier, Leute aus der Gegend von Kyrene. Alle verstanden die Jünger. Pfingsten ist Ostern für alle.
Die gottesfürchtigen Männer aus allen Völkern unter dem Himmel entsetzen sich und wurden ratlos und sprachen einer zu dem anderen: Was will das hier werden?
Wie kann das sein, sind die voll Wein?
Nö, sagt Petrus, es ist ja noch helllichter Tag.
Hier wird nur wahr, was Gott schon lange verheißen hat, dass er kommt und den Müden wieder Träume schenkt und die Gebrochenen aufrichten wird. Pfingsten ist Hoffnung für alle.
III
Was die Jünger sagen, erschüttert die Welt:
Kann es sein, dass Gott mich liebt, in all meiner Unvollkommenheit, obwohl ich noch nicht mal die Hälfte seiner Gebote erfülle?
Kann es sein, dass Gott zu mir steht und auch mit mir altem Ding noch etwas Neues anfangen will und kann?
Kann das sein? Kann es sein, dass er uns einfach liebt? Sola gratia halt?
Die gottesfürchtigen Männer aus allen Völkern unter dem Himmel entsetzen sich, als sie das hörten. Was will das werden? Wo führt das hin?
Wenn die Liebe kommt, brechen alte Welten. Das Ende unserer Moral und auch all unserer Leistungsgerechtigkeit.
IV
Ihr Lieben, die Welt, wie sie ist, braucht Pfingsten, damit sie nicht selbstgerecht wird.
Sie braucht Menschen, die von einem guten Geist besessen sind und auf das Bessere noch hoffen für den anderen und nicht nur für einen selbst; auch für den politischen Gegner.
Diese Welt, wie sie ist braucht Leute, die andere im Leben halten und ihnen sagen: Du, das hier ist noch nicht das Ende. Mit Dir hat Gott noch etwas vor!
Leute, die dir Mut machen können.
„Wir alle brauchen einen, der uns im Scheitern nicht noch Vorwürfe macht“[1], sondern sagt: Okay. Das ist jetzt nicht gut gelaufen, aber das hier wird nicht dein Ende sein. Komm mit, kehr um, steh auf!
Wir alle brauchen Pfingsten und Mitmenschen, beseelt von Gottes heiligem Geist.
Pfingsten wird eine Gemeinschaft von Menschen geboren, die verschieden sind und bleiben, aber die eines vereint: dieses getrieben sein vom Heiligen Geist, der dem anderen die Hoffnung ans Herz legen kann.
Die vom heiligen Geist getriebenen Leut´- sie erzählen von einem Gott, der Ja zu uns sagt und uns nicht fallen lässt.
Dieses Ja feiern wir in der Taufe.
Wir haben heute in dieser Gemeinde zwei Menschen getauft. Wir haben sie an Gottes statt angenommen.
Taufen, das meint: Ja sagen zueinander, mit Gottes Hilfe. Wieder und wieder. Von der Wiege bis ans Grab und quer durch die wilde Pubertät.
In der Taufe tragen wir dieses Ja weiter. Das Ja Gottes, das kein Mensch jemals durchstreichen kann, auch ich selbst nicht mit meinen Fehlern und Missetaten.
Kirche wird nicht durch Gebote geboren, die wir einhalten oder durch Wissen, sondern durch Liebe. Durch unseren gütigen Blick, der den anderen nicht fallen lässt, sondern das Gute mit ihm sucht.
V
Kirche ist für mich kein Ort der Besseren, sondern ein Ort, an dem wir alle miteinander besser werden können, indem wir uns ausrichten auf Gott.
Ein Ort, an dem wir uns erinnern an Gottes Güte und diese Güte einander zugestehen und weitersagen.
Ein Ort, an dem wir einander nicht aufgeben, weil Gott uns nicht aufgibt.
Pfingsten ist Gnade zum Weitersagen bis ans Ende der Welt.
Durch diese Gnade werden Alte wieder Träume haben und Jünglinge Gesichte sehen, Zukunftsvisionen für die Welt.
Pfingsten ist Gnade, die Du nicht für dich behältst, sondern weitergibst, weil Gottes Geist dich dazu treibt. Bis ans Ende der Welt.
Und „das Ende der Welt“, ihr Lieben, das klingt immer so groß, aber ich glaub, das fängt schon zu Hause bei mir an, wenn mein Hirn an etwas stößt, das ich einfach nicht fassen kann und so vollkommen anders ist als ich.
Und dann den Geist Gottes wehen lassen, mich an Jesus erinnern und einander annehmen, wie Gott uns angenommen hat, das wäre der Hit, ihr Lieben.
Und egal, wie alt ich in diesem Leben noch werde, ich will es versuchen – ihr vielleicht auch. Viel Freude dabei und Amen.
[1] Instagram:strassenpoesie_