Mottetenansprache
- 19.09.2026
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
Lebe jeden Tag, als wenn es dein letzter wäre! Das ist ein Rat, der oft auf den Kaiser und Stoiker Mark Aurel zurückgeführt wird.
Was bedeutet das?
Vielleicht:
- Halte Dich nicht an Nebensächlichkeiten auf.
- Versuche, Dinge abzuschließen, nicht unendlich vor Dir herzuschieben.
- Schau, dass Du mit Deinem Leben verantwortungsvoll umgehst und die Zeit nicht für Unwichtiges verplemperst.
- Schau genau, was wichtig ist und konzentriere dich darauf.
- Versuche, mit Leuten so auseinanderzugehen, dass nichts offen bleibt.
- Genieße jede Sekunde.
Kann man so leben? Jeden Tag? Ist das nicht eine ganz eigene Art von Stress?
Johann Wolfgang von Goethe hat diese Sentenz umgekehrt: „Lebe jeden Tag, als hätte dein Leben gerade erst begonnen.“
Wie wäre das?
- Jeden Tag als neue Chance begreifen.
- Immer wieder neue Dinge anpacken und nicht auf frühere Fehlschläge sehen.
- Frisch und unbelastet auf die Menschen zugehen
- Damit rechnen, dass es eben nicht mein letzter Tag auf Erden ist.
Kann man so leben? Jeden Tag? Ist das realitätsfremd?
Die Bachkantate "Wer weiß, wie nahe mir mein Ende", die wir gleich hören werden, reflektiert auf ihre Weise über das Leben. Jeder Tag kann mein letzter sein. Gott allein weiß den Zeitpunkt. „Wer weiß, ob heute nicht mein Mund die letzten Worte spricht.“ Das Bewusstsein, dass der Tod plötzlich kommt, uns ganz unerwartet trifft, war im 18. Jahrhundert präsenter. Was wir heute eher verdrängen, hat JSB in seiner Familie erfahren müssen, ein bitterer Schicksalsschlag nach dem anderen. Wenige Monate, bevor er diese Kantate komponierte, starb seine 3 jährige Tochter. Diese bedrohliche Grundsituation unseres Lebens klingt bei Bach aber gar nicht so bedrohlich. „Ich leb allezeit zum Grabe fertig und bereit“. Und wenn der Tod ans Bette tritt, „Willkommen will ich sagen!“ „Flügel her!, ach, wer doch schon im Himmel wär!“ Und die Musik, die Bach da erklingen lässt, wird immer fröhlicher und beschwingter. Für uns heute ist diese freudige Erwartung eher befremdlich. Sie ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund einer ganz festen Hoffnung auf Auferstehung, auf das Ziel der Gemeinschaft mit Jesus und Gott nach dem Tod, im Himmel, im Paradies.
Wir wäre es, so zu leben? Im Bewusstsein, dass dieser Tag mein letzter sein könnte, ich aber aufgehoben bin bei Gott, heute und auch nach dem Tod. Dann könnte ich entspannt und sicher leben, könnte meine Sorgen etwas leichter nehmen. Ich könnte das Weltengetümmel, das Bach gleich sehr munter tosen lässt, mit Interesse wahrnehmen, meinen Beitrag leisten und dann auch in die Schranken weisen. Ich könnte Krieg und Streit und Eitelkeit besser ertragen. Ich wüsste, dass meine Verantwortung groß ist, aber nicht alles nur an mir hängt. Sich so aufgehoben zu fühlen bedeutet ja nicht, alles an mir abperlen zu lassen oder mich aufs sanfte Ruhekissen zu leben. Bestes Beispiel Bach: der hatte diese Gewissheit und hat gerade deshalb fleißig gearbeitet, komponiert, dirigiert, unterrichtet, diskutiert. Selbstbewusst hat er sein Ding gemacht, aber auch anerkannt, wenn andere etwas Geniales leisten: So hat er in der heutigen Kantate den Schlusschoral von jemand anderem übernommen, von Johann Rosenmüller, der eigentlich Thomaskantor werden sollte. Eins zu eins hat er das übernommen. Er hat ihm damit ein Denkmal gesetzt. Eine ganz besondere Größe. Würde ich so leben, im Bewusstsein, dass dieser Tag mein letzter sein könnte, ich aber aufgehoben bin bei Gott, heute und auch nach dem Tod – dann könnte ich ganz bewusst entscheiden, was ich heute tun will. Ich würde akzeptieren, wo die Grenzen meines Einflusses sind. Ich würde erkennen, wo ich mich unnötig aufrege. Ich würde erfahren, wo ich vergeben sollte. Ich würde wissen, wo ich nochmal auf jemanden zugehen und um Verzeihung bitten sollte. Ich wäre mutiger. Entschiedener. Fröhlicher.
Wie immer in der Thomaskirche nimmt mich die Musik in die Hand. Sie führt mich weg von den Abgründen und dem Chaos dieser Welt. Sie führt mich weg von meinen Ängsten und allen Bedenken, die ich pflege, von meinem Stolz und meinem Verletztsein. Und sie geleitet mich in die Ruhe und Zuversicht, die von Gott ausgeht. Hin zu Friede, Freud und Seligkeit. Ende gut, alles gut. So singt das Rezitativ. Das klingt ein bisschen lapidar. Aber wenn ich am Ende meines Lebens sagen kann, es war gut – mit allem was war, auch den Widrigkeiten – doch, es war gut, dann kann ich auch Abschied nehmen. Weil es gut war und auch gut sein wird, über dieser Grenze des Todes hinaus. Die Musik sagt: Es war gut. Gott sagt: Es war gut.
Amen.
Lasst uns beten:
Gott, du hältst uns in Deiner Hand, in diesem Leben und darüber hinaus. Dafür danken wir Dir.
Sei Du mit uns jeden Tag, in den Tagen der Freude und den Nächten des Schmerzes.
Sei Du bei uns und bei allen, die Dich vielleicht noch nötiger haben als wir.
Wir danken für die Musik, die uns erfüllt und mit Ruhe und Frieden beschenkt.
Wir danken für alle, die sich um diese Musik bemühen, für alle, die für die Gesundheit der Jungs des Chores sorgen, für alle, die sich für den Erhalt dieser Kirche einsetzen, mit Geschick, mit Engagement, mit Geld.
Lass etwas von dem, was wir hier erfahren und genießen dürfen, auch draußen Wirkung zeigen, in den Häusern, den Straßen und Plätzen dieser Stadt.
Sei mit allen Sterbenden. Sei mit allen Trauernden. Erneuere unsere Gewissheit, dass durch Tod und Auferstehung Jesu Christi der Tod besiegt sind und für uns alle das Leben bei Dir bereitet ist.
Amen.