Motettenansprache zum Schuljahresabschluss
- 03.07.2026
- Pfarrerin Jutta Michael
Die Motette war geprägt vom Ende des Schuljahres und des Abschlusses der 12. Klasse. Damit endet für die Ältesten die Zeit im Thomanerchor. Die Präfekten dirigieren die Motette. Die 12er wählten zum Abschied Rudolf Mauersberger „Herr, lehre doch mich“, Psalm 39,5 und 13b. Die Ansprache hielt Pfarrerin Jutta Michael.
Ansprache
Liebe 12-Thomaner,
nun ist es soweit, die letzte Motette für euch! Das ist euch bewusst, vielleicht stärker als allen anderen. Ihr wisst: Eure aktive Zeit im Chor endet, diese Form der Gemeinschaft wird es für euch so nicht mehr geben.
„Herr, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat.“
Das klingt ganz schön hart und schwer!
Das klingt wie „Nichts ist für die Ewigkeit!“
Oder anders gesagt: Die Vergänglichkeit gehört zu unserem Leben.
Wir können ihr nicht ausweichen, auch wenn wir versuchen mit Verdrängen und Ignorieren Abhilfe zu schaffen.
Aber eine wirkliche Hilfe ist das nicht. Verdrängen heißt ja nur, dass irgendwo anders hingeschoben wird, was einfach da ist.
Darum ist es so besser, wie es eine eurem Abschied nahe Person sagte:
„Das ist heute so, dass wir traurig sind und das ist gut so!“
Vielleicht gerade deshalb habt ihr euch genau dieses Stück rausgesucht.
„Herr, lehre mich doch!“ Wenn ich mir bewusst mache, dass nichts von Ewigkeit ist, dann verändert sich, wie ich etwas aufnehme und wie ich mich verhalte zu anderen.
Und dann ist es genau das:
Die gemeinsamen Tage nochmal nutzen, den anderen bewusst begegnen:
Für euch als Intensives Arbeiten an den Stücken, die ihr vorbereitet habt für die verschiedenen letzten Auftritte und dann genießen, sich fallen lassen in eine Gemeinschaft, die ihr damit schafft und manifestiert.
Sein im Hier und Jetzt.
Und damit vielleicht doch : „ein Moment für die Ewigkeit“?
Weil „ich davon muss“, so wird sich der Beter des Psalms 39 bewusst und später im Psalm heißt es weiter: …denn ich bin ein Gast bei dir, ein Fremdling wie alle meine Väter.“ Oder, wie es in der der von euch gesungenen Übersetzung heißt:
„Denn ich bin ein Pilgrim“. Der Pilger ist einer, der „per agrum“, also von „über Land“ kommt, so der lateinische Ursprung. Gemeint ist: Dieser Pilger kommt von jenseits des Ager Romanus, also der kommt nicht aus Rom, auch nicht aus der Nähe, ist also ein Fremdling.
Und das werdet ihr jetzt auch sein: Ihr verlasst diese Gemeinschaft, ihr verlasst vielleicht auch bald Leipzig, Deutschland, Europa und werdet Pilger.
Liebe Motettengemeinde,
bei diesem in alle Richtungen offenen Moment sind wir dabei. Und wir merken deutlich: Wir stehen nicht dabei als Zuschauende, sondern als diejenigen, die den Abschied begleiten und selbst Abschied nehmen müssen. Vertrautes ändert sich, Bindungen lösen sich.
Hier zeigt sich unsere Verletzbarkeit. Vielleicht sollten wir diese Lücke nicht zu schnell schließen, das Offene nicht gleich wieder zudecken mit allerlei Ablenkung.
Denn viel zu kostbar ist dieser Moment: zeigt doch das Vergängliche mein Angewiesensein auf ein Gegenüber. Zeigt sich doch hier das lebensnotwendige Bedürfnis, anzukommen in einer Beziehung, in einem Umfeld, das mir gut tut.
Ich stelle mir vor, immer wenn es euch gelingt, sich so offen einzubringen in die Chorgemeinschaft, mit einer musikalischen Idee, mit der je eigenen Begabung,
und dann aufgeht was man sich vorgenommen hat und richtig gut wird, dass sich dann dieser Moment von Ewigkeit als Glück und Erfüllt-Sein einstellt. Das Hier und Jetzt annehmen, genießen und dankbar sein für solche Augenblicke.
Ein Meister der Dankbarkeit war Paul Gerhard.
Wir haben hier schon oft seine Lieder gesungen und einiges über sein Leben gehört.
Ich erinnere an seine Kindheit: Paul Gerhardt war elf Jahre, da brach der 30-jährige Krieg aus.
Der Verlust beider Eltern zwei Jahre später, Umzug ins Internat, um sich verwüstetes Land, verunsicherte Menschen.-
Was hilft? Was heilt die verletzen Seelen? In dieser Zeit bekam Paul Gerhardt eine Stelle als Pfarrer und er heiratet, genießt das Glück, solange es ihm geschenkt ist.
Denn ewig währt es nicht. Vier der fünf Kinder sterben. Seine Frau wird vor Schmerz über den Verlust krank. Und das macht nun seine Lieder, dieses hier, was wir gleich singen werden, so wirksam. Der Dichter kennt die dunklen Seiten des Lebens und trotzt ihm doch die frohen Momente ab. Überschwänglich besingt er die Schönheit der Schöpfung in sieben langen Strophen. (Keine Sorge, wir singen nicht alle…)
Und schon mit der aufmunternden Einladung an das ganz sicher nicht sorglose Herz, wird klar:
hier dichtet keiner, der einfach nur verdrängt, was schwer ist.
Hier lädt einer ein, den Blick in das Himmelszelt zu nehmen als Ausblick auf die Ewigkeit.
Er lädt ein, jede Gelegenheit zu nutzen, Erfahrungen von Glück und Erfüllt-Sein zu nehmen
und damit unsere verletzliche Seele zu versorgen.
Doch, es gibt sie, die Momente für die Ewigkeit: Wann immer wir berührt werden, und uns berühren lassen, durch Worte unseres Glaubens, musikalisch interpretiert, durch Gebete, durch Hören und Singen:
Das wird Spuren hinterlassen, uns stärken für unseren Pilger-Weg, und vor allem: offen halten füreinander.
Amen
Die Fürbitten beziehen sich auf die Stücke der Motette und wurden von Thomanern gesprochen.
Lasst uns beten, füreinander bitten und vor Gott bringen, was uns heute besonders auf dem Herzen liegt:
„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er hat Wunder getan.“
Singen prägt unser Zusammensein.
Gib, dass Lieder und Musik dir zu Ehren die Menschen tröstet und froh macht.
Bestärke uns, daraus auch für uns die Kraft für ein gutes Miteinander zu nehmen.
„Herr, lehre uns doch, dass unser Leben ein Ziel hat.“
Gib uns Ideen, die entstandenen Freundschaften zu pflegen, wenn wir jetzt verschiedene Wege gehen. Ermutige uns, deinen guten Geist da hineinzutragen, wo wir studieren, leben und arbeiten werden.
„Gott, komme mir zu Hilfe, Herr, eile mir zu helfen.“
Wir sind auf deine vergebende Zuwendung angewiesen. Gib uns den Mut, neu anzufangen, wenn wir scheitern. Bestärke uns, wenn wir zweifeln. Zeige uns Wege, anderen zu unterstützen. Ermutige uns, füreinander einzustehen.
Jesus Christus sagt: „Frieden überlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“
Darum hilf uns, aktiv für ein friedliches Miteinander zu sorgen.
Gib uns die Fantasie, bei Konflikten nach Lösungen zu suchen, die die Schwachen schützen.
„Meine Seele erhebt den Herren, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes.“
Sei uns Kraftquelle für den Alltag, erfreue uns in Zeiten von Erholung, schenke uns Stärkung in den Auszeiten.
Sei mit deinem guten Geist bei uns, wenn wir unterwegs sind mit unseren Familien und Freunden und die freie Zeit genießen.
„Herr, auf dich traue ich. Errette mich nach deiner Barmherzigkeit.“
Sei als Tröster bei allen, die sich sorgen, die krank sind, die um einen Menschen trauern.
Gib uns Ideen, wie wir füreinander da sein können.
Lass unser Miteinander getragen sein durch deine Barmherzigkeit.
Wir beten gemeinsam mit Jesu Worten: Vater unser im Himmel …
Amen