Motettenansprache zum Himmelfahrtsoratorium (BWV 11)
- 14.05.2026 , Christi Himmelfahrt
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
PDF zur Motettenansprache HIER
Da fahren Mutter und Vater das erste Mal über Nacht in eine andere Stadt. Die Kinder sind zum ersten Mal allein zu Haus.
Ja Mama, na klar, wir schaffen das. Wir sind doch keine Babies mehr.
Wir sagen Bescheid, wenn wir im Hotel angekommen sind. Und Ihr wisst: wenn was ist, schickt Ihr uns eine Nachricht! Und die Großeltern eine Straße weiter sind auch erreichbar!
Ja Papa. Alles gut!
Und jetzt sind die Eltern weg. Die Kinder haben ihnen vom Fenster aus noch nachgesehen, beobachtet, wie das Auto um die Ecke fuhr
Endlich sind wir mal alleine, können machen, was wir wollen. Hm, was machen wir denn...? Ich weiß auch nicht.
Das Haus ist ganz schön groß und leer.
Ist die Haustür auch zu? Es knackt so seltsam oben im Dachboden. Was war das für ein Geräusch eben, hast Du es auch gehört? Ist da jemand?
Sollen wir doch mal Mama anrufen? Wann kommen sie wieder?
Es gibt so viele verschiedene Abschiedssituationen. Geplant. Spontan. Freiwillig. Gezwungenermaßen. Ein Abschied kann Erleichterung bedeuten. Verunsicherung. Oder Trauer.
Ein wichtiger Mensch geht auf Reisen, oder er verschwindet für immer.
Jemand, der für mein Leben bedeutend war, auf dessen Rat ich gehört habe, der immer für mich da war – geht. Jemand, den ich liebe, oder geliebt habe. Verlässt mich. Oder schlimmer: Stirbt.
Und ich sehne mich danach, ihn oder sie wiederzusehen. Wieder seine Stimme zu hören. Wieder in die Arme schließen zu können.
Ich sehne mich nach einem Wiedersehen, und da ist es ganz egal, ob eine Rückkehr wirklich möglich ist oder nicht.
Der Textdichter des Himmelfahrtsoratoriums von Johann Sebastian Bach, das wir im Anschluss hören werden, malt diese Gefühle der Trauer, die Sehnsucht nach dem, der da weggegangen ist, und auch die Hoffnung, dass er nur bald wiederkommen wird.
An Himmelfahrt ist es Jesus, der fortgeht. Der seine Jünger verlässt.
Die Szene ist bekannt: Die Jüngerinnen und Jünger blicken hinauf in den Himmel. Jesus ist fort – emporgehoben und aufgenommen von der Wolke. Männer in weißen Gewändern, also Engel, fragen: Was steht ihr da und seht in den Himmel. Er ist fort.
Jesus lässt die Jünger allein. Erneut müssen sie ihn ziehen lassen, dieses Mal ihn, den Auferstandenen. Jesus, der Überwinder des Todes, ist nicht mehr persönlich anwesend, nicht greifbar, weder für Thomas, den Zweifler, noch für die anderen Jüngerinnen und Jünger – noch für uns heute. Er ist fort.
Was passiert, wenn die wichtige Person verschwindet, die immer eine Lösung wusste? Die nicht zögerte, wenn eine Entscheidung zu treffen war. Die sagte: Kind: das Knacken im Haus ist nur das Gebälk, wenn der Wind bläst – keine Sorge.
Was passiert, wenn diese wichtige Person verschwindet?
Dann sind wir dran. Wir sind erwachsen. Wir müssen entscheiden. Wir müssen vorangehen.
Seit Christi Himmelfahrt tun wir das. Christinnen und Christen entscheiden selbst, was richtig ist, was zu tun ist, wo die Prioritäten sind. Im Gedenken, in Erinnerung an Jesus. Mit dem Gedanken: Was hätte Jesus getan, in dieser Situation, in dieser Zeit. Welchen Maßstab hätte er angewendet? Wo hätte er sich persönlich eingesetzt, eingemischt, widersprochen.
Seit Christi Himmelfahrt lebt die Christenheit immer in Erwartung, dass er, Jesus, vielleicht nicht für immer weg ist. Dass er uns dennoch nicht alleine lässt. Dass er irgendwie bei uns ist.
Dass er, weil er doch zur Rechten des Vaters sitzt, also auf dem Regentenstuhl Gottes, alles unter Kontrolle hat. Dass die Engel und die Fürsten und Luft, Wasser, Feuer, Erden ihm zu Diensten sind. Auch wenn wir es manchmal nicht verstehen, nicht spüren können.
Seit Christi Himmelfahrt hoffen und glauben wir, dass er wiederkommt.
Die Männer in weißen Gewändern, also die Engel, sie gehen gnädig mit der Sehnsucht der Jünger um. Sie stellen etwas in Aussicht: Sie sagen: So wie Jesus in den Himmel gefahren ist, so wird er auch wiederkommen. Die Rückkehr wird angekündigt.
Und der Chor singt ungeduldig:
Wann soll es doch geschehen, wann kommt die liebe Zeit,
Dass ich ihn werde sehen, In seiner Herrlichkeit?
Du Tag, wann wirst du sein, Dass wir den Heiland grüßen,
Dass wir den Heiland küssen? Komm, stelle dich doch ein!
Bis dahin ist es noch Zeit. Bis dahin überwiegt noch die Trauer über diesen Abschied. Über jeden Abschied, den wir hinnehmen müssen. Jedes Loslassen. Jeden Blick nach oben.
Gebet
Lasst uns beten:
Herr, unser Gott,
Die Tage, da Jesus bei uns war, sind vorüber.
wir sind erwachsen und tragen Verantwortung.
Stärke uns in allem, was wir tun.
Gib uns Mut zum Streit. Zur anderen Meinung. Zur Abweichung.
Schenke uns Kraft zum Kompromiss. Zum Aufeinander zugehen. Zum niemals endenden Respekt voreinander.
Gib uns einen langen Atem. Für uns. Für unsere Nächsten. Für die, die wir nicht ausstehen können. Für die, die es immer anders machen, als wir es tun würden.
Schenke uns Ungeduld. Entscheidungsfreude. Zutrauen in das Bauchgefühl. Lust aufs Neue.
Stärke unsere Gemeinschaft. Unser Miteinander.
Hilf, dass wir immer neben uns sehen. Die entdecken, die uns brauchen. Die nicht ohne uns leben können. Die stecken geblieben sind. Die in Endlosschleifen verfangen sind. Die leiden. Die alles verloren haben. Die nicht schlafen können.
Sei Du bei uns, wenn wir Abschied nehmen müssen. Von geliebten Menschen. Von denen, die uns Entscheidendes fürs Leben mitgegeben haben. Von denen, die wir eigentlich brauchen. Von denen, die zu uns gehören.
Halte uns fest.
Schenke uns Frieden. Heile. Verbinde. Richte auf. Gib Heimat. Schaffe Hilfe. Gib Mut zur Liebe.
Du bist immer bei uns, dass wissen wir. Und dafür danken wir dir!
Amen.