Motettenansprache zum Bachgeburtstag

  • 21.03.2026
  • Pfarrer Dr. Janning Hoenen

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Zwischen Geburtstag und Tod spannt sich das Leben. Ein Tag folgt dem anderen. Dunkle, anstrengende, fragwürdige Tage wechseln mit hellen, freudigen, leichten, sinnverfüllten Tagen.

Unerbittlich vergeht die Zeit, in der Kindheit manchmal zäh und langsam, aber je älter wir werden, desto schneller laufen die Tage, sie fliegen dahin und sind nicht festzuhalten. Womit füllen wir diese Tage? Oder werden sie von anderen Menschen festgelegt und ausgebucht?

Wo sucht unser Herz? Wohin geht unser Blick, unsere Sehnsucht?

Ist es die Vergangenheit, die Herkunft, der Geburtstag? Machen wir uns fest an dem, was uns unsere Tradition, unser Herkunftsland, unsere Familie mitgegeben haben? Sind es die starken, befreienden Momente unserer Geschichte, die uns prägen, oder orientieren wir uns an den Katastrophen und Sünden unserer Vorfahren?

Leben wir mit allen Sinnen in der Gegenwart? Nehmen wir die Verantwortung für das Jetzt an, ohne Nostalgie, ohne Zukunftsangst? Aber was ist die Gegenwart als nur dieser kleine, nicht greifbare Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft? Sobald ich auf das Jetzt blicke, ist es schon wieder ein Vorhinmal, ein Gestern, ein Damals…

Oder sind wir fest orientiert auf das, was kommt, das was wir planen, was wir erwarten, worauf wir uns freuen, oder wovor wir Angst haben? Nehmen wir die Zukunft in die Hand, dort, wo wir das vermögen, wo es an uns liegt? Leisten wir unseren Beitrag? Und sind wir uns dessen bewusst, dass diese Tage nicht unendlich sind, dass es eine Grenze gibt, die näher kommt mit jedem Atemzug?

Wir feiern heute den Geburtstag von Johann Sebastian Bach: sein Eintreten in den irdischen Lebensweg damals vor 341 Jahren in Eisenach.

Johann Sebastian war das jüngste von acht Kindern des  Eisenacher Stadtpfeifers und Hoftrompeters Johann Ambrosius Bach und seiner Frau Elisabeth. Als Spross der wichtigsten Musikerfamilie des mitteldeutschen Raumes war ihm seine Zukunft in die Wiege gelegt. Dass wir heute an ihn denken, ihn feiern, liegt an seinem umfänglichen, genialen und so beeindruckenden Werk, für das er gelebt hat, jeden Tag. Er hat es erdacht, erarbeitet, erstritten, mit Energie, kompromisslos, zuversichtlich, und, was ihm so wichtig war, allein zur Ehre Gottes.

Bach nutzte jede Sekunde seines Lebens, und dennoch: Die Menschen des Barock hatten das Ende ihres irdischen Lebens viel deutlicher vor Augen als wir heutzutage, die wir dieses Thema am liebsten verdrängen. Der mögliche, der kommende, der unvermeidbare Tod prägte die Erfahrungs- und Gedankenwelt. Johann Sebastian Bach hat alle seine acht Geschwister überlebt, seine erste Frau Maria Barbara starb mit 36 Jahren, 10 seiner Kinder starben im Säuglings- oder Kinderalter. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie man das aushalten kann.

Die Kantate „Herr Jesu Christ, wahr' Mensch und Gott“ versucht, das eigene Sterben irgendwie in Worte zu fassen, darauf vorzubereiten, Mut und Hoffnung zuzusprechen. Da ist die Sopran-Arie, die beschreibt, wie unsere Seele dereinst in Jesu Händen geborgen sein wird. Es ist eine selige, eine stille und entspannte Ruhe, nur etwas aufgebrochen durch die Totenglöckchen, die den Zug zum Grab begleiten. Da ist aber auch der Schrecken, den das Jüngste Gericht für viele Menschen damals verbreitet, heftig und laut komponiert, und dann sogleich die seelsorgliche Versicherung, dass die, die sich zu Jesus halten, sich nicht sorgen müssen: sie sind dem Gericht entzogen.

Gleich am Anfang der Kantate liefert Bach die Begründung für die Zuversicht im Angesicht des eigenen Todes:

Herr Jesu Christ, wahr' Mensch und Gott,
Der du littst Marter, Angst und Spott,
Für mich am Kreuz auch endlich starbst
Und mir deins Vaters Huld erwarbst,
Ich bitt durchs bittre Leiden dein:
Du wollst mir Sünder gnädig sein.

Liebe Motettengemeinde,

mit dieser berührenden und eindringlichen Musik und mit den für uns Heutige manchmal so fremd klingenden Worten lädt Johann Sebastian Bach zum Vertrauen auf Gott ein. Unser Leben, eingehegt zwischen Geburtstag und Tod, mit all dem Schönen und Schweren, mit dem Unnötigen und so Wertvollen, können wir getrost und hoffnungsvoll leben, Stunde um Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Wir sind nicht festgelegt auf das, was war. Wir brauchen keine Angst haben, vor dem was kommt. Wir können das Heute anpacken, gestalten, genießen, annehmen.

Weil Gott in Jesus Christus für uns litt und starb, weil er in Seiner Auferstehung den Tod überwand, weil Er mit uns lebt und für uns Leben schafft – jeden Tag neu.

Zwischen Geburtstag und Tod spannt sich das Leben. Ein Tag folgt dem anderen. Dunkle, anstrengende, fragwürdige Tage wechseln mit hellen, freudigen, leichten, sinnverfüllten Tagen.

Womit füllen wir diese Tage? Wo sucht unser Herz? Wohin geht unser Blick, wo findet unsere Sehnsucht ihr Ziel?

Amen.