Motettenansprache zu Johannes 2,1-11 und Kantate BWV 13 „Meine Seufzer, meine Tränen“
- 17.01.2026
- Kirchenrat Lüder Laskowski
Liebe Motettengemeinde,
alle sind sehr zufrieden. Das Essen ist hervorragend. Die Gäste passen gut zueinander. Der Anlass ist zweifelsohne ein schöner. Zu später Stunde sind sich alle einig: der Wein schmeckt hervorragend. Das ist beruhigend, das macht die Gastgeber froh. Die Planung hat sich gelohnt. Das Geld ist gut ausgegeben.
Aber dann eine große Enttäuschung. Die Getränke gehen aus, als es am Schönsten ist. Die Stimmung kippt. Gut, wenn Jesus einer der Gäste ist. Nach dem Evangelientext erweist er sich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt im Johannesevangelium nicht als Partykiller, sondern er rettet das Fest.
Auf den zweiten Blick erschließt sich eine tiefere Bedeutung. Eine Hochzeit bestätigt die feste Verbindung zweier Menschen. Mit Liebe und Aufwand wird ein besonderer Tag im Leben gestaltet. Wenn er gelungen ist, erinnert sich das Paar gern und diese Erinnerung stärkt, wenn es später im Eheleben einmal nicht gut läuft.
Spirituell ist eine Hochzeit nun ein Bild für die Gemeinschaft von Gott mit den Menschen. Wenn Gott zum Hochzeitsfest einlädt, verbinden sich Himmel und Erde. Eine Verbindung, wie sie in Jesus selbst sichtbar wird. Die Hochzeit ist ein Lebensfest, und hier ist Gott der Gastgeber. Deshalb bleibt in der Geschichte von der Hochzeit zu Kana wohl auch das Brautpaar unerwähnt. Es ist unser aller Fest, unsere „Hoch-Zeit“, um die es geht. Ein Fest für’s Leben, das uns stärkt und an das wir uns gern erinnern. Ein Fest zum Beispiel, wie wir es jetzt eben gerade hier erleben.
Auch das Motiv der Verwandlung von Wasser in Wein hat weit zurückreichende Wurzeln. Das christliche Epiphanias-Fest, das wir vor zwei Wochen gefeiert haben, ist einst an die Stelle der Dionysos-Mysterien getreten: Dionysos oder Bacchus war der Gott des Weins und der Fruchtbarkeit. Ein Gott der Freude und Fülle, allerdings auch ein Gott der Unterwelt, der Gott des Übergangs vom Sterben zu neuem Leben. Hier wird ganz bewusst an alte Motive angeknüpft. Jesus Christus ist der neue Dionysos, der Gott, der Trauer in Freude verwandelt und neues Leben schenkt. Deshalb nennt Johannes die Wunder Jesu auch Zeichen. Sie sind Symbole einer tieferen Wirklichkeit, einer Wandlung, einer neuen Freude und Gelassenheit. Da wird Wasser in Wein verwandelt, schlechte Stimmung in gute, Unvollkommenheit in Vollkommenheit.
Denken wir weiter, um der Veränderung auf die Spur zu kommen, von der hier gesprochen wird. Wir werden in unserem Leben immer wieder mit unseren Unzulänglichkeiten konfrontiert. Trotz langer Vorbereitung, kommt alles ganz anders, als gedacht. Im Kleinen ist das wie die Feier, bei der es plötzlich klingelt und noch mehr Gäste vor der Tür stehen. Dann werden Stühle gerückt und neue Leckereien aufgetragen – wenn denn noch welche im Kühlschrank sind. Im Großen ist das brisanter und folgenreicher. Unfälle und Fehlkalkulationen, Schaden aus Überheblichkeit und Größenwahn. Es wurde etwas übersehen, die Situation falsch eingeschätzt. So kommt es zu Situationen, die eigentlich nicht passieren dürften und die oft schlimme Auswirkungen haben. Der ausgegangene Wein ist ein gutes Bild dafür.
Viele greifen dann lieber zu Schuldzuweisungen, als dass sie einsehen: Menschen sind fehlbar. Aber viel von dem was unerwartet passiert folgt keinem ausgeklügelten Plan. Es geschieht einfach, weil Menschen Fehler machen, weil sie nur begrenzte Fähigkeiten haben. Es ist nicht die Böswilligkeit des Partners, der Partnerin, wenn sie zu wenig eingekauft hat – die Gäste kamen unerwartet. Auch der Evangelist geht nicht der Frage nach, wer für den fehlenden Wein verantwortlich ist. Im Großen heißt das: Es steht nicht eine geheimnisvolle verschwörerische Interessengruppe hinter jedem global besprochenen Unglück. Johannes, der Evangelist, weist uns auf einen ganz anders gearteten Glauben, der uns festen Boden unter den Füßen gibt – ohne die Realitäten zurechtbiegen oder verleugnen zu müssen, hilft er uns mit der menschlichen Fehlbarkeit zu leben.
Christus verwandelt sie und damit uns. So wandelt sich auch Trauer in Freude. Wer sich an ihn wendet, so wie Maria es getan hat, wird feststellen: vielleicht anders als erwartet tut sich etwas. Eine neue Perspektive, ein neuer Weg. Oft sind Menschen daran beteiligt, wie bei Johannes. Maria gibt den Anstoß, die Knechte schaffen die Krüge herbei, der Küchenchef kostet vor. Gott wirkt seine Wunder durch Menschen, und oft im Verborgenen, ohne sich groß in Szene zu setzen. Seine Wege überraschen, wie es die Gäste über den guten Wein zur späten Stunde sind. Anstatt vergeblich nach einem Schuldigen zu suchen, richtet er den Blick auf die Gegenwart und weckt neue Lebenskraft.
„Doch, Seele, nein, sei nur getrost in deiner Pein: Gott kann den Wermutsaft gar leicht in Freudenwein verkehren und dir alsdenn viel tausend Lust gewähren.“ So hat es der Textdichter Georg Christian Lehms in der Kantate, die wir gleich hören, auf den Punkt gebracht und mit dem Weinwunder verbunden. Und Bach setzt eine Musik dazu, die hörbar macht, wie Klage und hoffnungsvolle Freude miteinander ringen. Bis hin zum Schlusschoral, in dem auf die melancholische Melodie von „O Welt, ich muss dich lassen“ der Vers von Paul Fleming gelegt wird: „So sei nun, Seele, deine und traue dem alleine, der dich erschaffen hat.“
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.
KR Lüder Laskowski