Motettenansprache zu Johann Sebastian Bach: Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben BWV 102

  • 23.08.2025
  • Pfarrer i.R. Christian Wolff

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Heute geht es ums Eingemachte: um unseren Glauben – und zwar unabhängig davon, ob wir uns einer Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen oder nicht. Es geht um die Vergänglichkeit des Lebens, um das, was wir in der eng bemessenen Lebenszeit zustande bringen, es geht um den garstigen Graben, der sich zwischen Anspruch und Wirklichkeit auftut, es geht um unsere Glaubwürdigkeit. Auf dem Hintergrund des Evangeliums für den sog. Israel-Sonntag – wir haben es als Lesung gehört – wird in der Kantate „Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben!“ ein grundsätzliches Problem musikalisch reflektiert: dass wir Menschen den Maßstäben unseres Glaubens im alltäglichen Leben nicht gerecht werden, es an Bereitschaft zur Umkehr missen lassen. Diese Maßstäbe werden in der Kantate zwar nicht konkret benannt. Aber im Bass-Rezitativ wird die Gottebenbildlichkeit des Menschen angesprochen. Sie ist Grundlage dessen, was wir heute Menschenwürde nennen und was Gott sei Dank in unsere Verfassung Eingang gefunden hat:

Wo ist das Ebenbild, das Gott uns eingepräget,

Wenn der verkehrte Will sich ihm zuwider leget?

Was bleibt von der Menschenwürde übrig, wenn sie durch völkische Überhöhung der eigenen Existenz und rassistische Erniedrigung des Fremden infrage gestellt wird? Warum meinen wir Menschen uns ständig von all dem, was uns der Glaube an Grundwerten wie Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Ehrfurcht vor dem Leben schenkt, lossagen zu müssen – obwohl wir, wenn es um uns selbst geht, gerne das in Anspruch nehmen, was wir mit einem lieben Gott verbinden, anderen aber verweigern: Gnade, Nachsichtigkeit. Da klaffen dann Anspruch und Wirklichkeit krass auseinander. Denken wir nur an den Skandal, dass die Afghan:innen, die während des Kriegseinsatzes in Afghanistan bis 2021 im Dienst der Bundesrepublik Deutschland standen und denen man nach der Machtübernahme durch die Taliban die Aufnahme in Deutschland zugesichert hatte, jetzt abgewiesen und schutzlos dem Terror des Taliban-Regimes ausgeliefert sind.

Erschrecke doch,

Du allzu sichre Seele!

Denk, was dich würdig zähle

Der Sünden Joch.

mahnt die Tenor-Arie zu Beginn des 2. Teils der Kantate.

Nun tappt die Kantate Gott sei Dank nicht in die Falle, die ein christlich motivierter, militanter Antisemitismus, nicht nur zur Bach-Zeit, gerade am sog. Israel-Sonntag aufstellt. Da wurden Menschen jüdischen Glaubens als Prototypen eines verstockten, geldgierigen Wesens diffamiert. Sie wurden beschuldigt, das Gnadenangebot Gottes, in Jesus Christus lebendig geworden, auszuschlagen. Damit, so der folgenreiche Vorwurf, haben sie, die Juden, ihre Existenzberechtigung verwirkt. Doch bei dieser theologischen Verballhornung der biblischen Botschaft wurde (und wird) völlig verkannt, dass wir nicht nur alle entscheidenden Grundwerte des Glaubens der jüdischen Glaubenstradition verdanken. Nein, auch die Botschaft von der Gnade Gottes ist nicht etwa eine Erfindung Jesu. Sie war und ist im Glauben Israels angelegt:

Barmherzig und gnädig ist der Herr,

geduldig und von großer Güte.

heißt es schon 103. Psalm.

Darum ist es folgerichtig, dass in der Kantate nicht thematisiert wird, wie Jüdinnen und Juden mit ihrem Glauben umgehen, wie weit sie „Schuld“ haben an der Zerstörung Jerusalems. Der eigene Glaube kann und darf nicht dadurch ins rechte Licht gesetzt werden, dass andere Glaubensweisen abgewertet werden. Im Mittelpunkt der Kantate steht der Blick Gottes auf uns Menschen gleich welcher religiösen Ausrichtung im Spannungsfeld von Anspruch und Wirklichkeit. Wie also stehen wir im August 2025 da mit unseren Überzeugungen? Von welchen Grundwerten lassen wir uns leiten, auf welche meinen wir verzichten zu können? Wie gehen wir mit der Tatsache um, dass sich zwischen dem, was wir vom Glauben her für richtig halten, und dem, wie wir tatsächlich leben, eine enorme Glaubwürdigkeitslücke auftut? Warum sind wir so inkonsequent in den entscheidenden Fragen von Frieden, von Nächstenliebe, von Gerechtigkeit?

Doch in der Kantate geht es nicht nur um ein Leben, das sich an den Geboten und Wegweisungen Gottes orientiert. Vielmehr zieht sich wie ein roter Faden eine Warnung durch die Kantate, die musikalisch in düsteren Farben durchbuchstabiert wird:

Weh der Seele, die den Schaden

Nicht mehr kennt

Und, die Straf auf sich zu laden,

Störrig rennt!

In einem fast schmerzhaften Dialog mit der Oboe warnt die Alt-Stimme vor der Leichtfertigkeit, mit der wir Menschen notwendige Umsteuerungen auf die lange Bank schieben. Dabei müssten uns doch zwei Dinge bewusst sein:

  • Die Gnade Gottes ist nicht unbegrenzt. Wenn wir die Signale, die zur Umkehr mahnen, nicht erkennen; wenn wir weiter so tun, als gingen uns die Dürren, Überschwemmungen, Hurrikans nichts an, dann wird es uns wenig helfen, auf Gottes Gnade zu hoffen; dann werden wir vor den katastrophalen Folgen nicht verschont.
  • Das Leben kann morgen schon zu Ende sein – und dann ist es für eine Umsteuerung zu spät. Mit dieser ernüchternden Einsicht beginnt der Schlusschoral:

Heut lebst du, heut bekehre dich,

Eh morgen kömmt, kanns ändern sich.

Wer heut ist frisch, gesund und rot,

Ist morgen krank, ja wohl gar tot.

Doch bis dahin bleibt uns Zeit. Nur müssen wir sie nutzen. Denn:

Bei Warten ist Gefahr;

Willst du die Zeit verlieren?

werden wir im Alt-Rezitativ wiederum warnend gefragt. Also soll niemand damit warten, jetzt dem Angebot Gottes auf ein menschenwürdiges Leben gerecht zu werden, jetzt die Zeichen der Zeit zu verstehen – eine tägliche Herausforderung, die – wie die Kantate - nichts im Ungefähren belassen will. Amen.

 

Gebet

Gott, unser Vater,

wir danken dir für die Gnade, Geduld

und Langmütigkeit,

mit der du uns oft so oberflächlichen,

unbarmherzigen, selbstbezogenen Menschen begegnest.

Mit dieser Gnade ermöglichst du uns

in unserer so eng bemessenen Lebenszeit

Umkehr und Neuanfänge.

Wir bitten dich,

bewahre uns vor aller Leichtfertigkeit,

mit der wir mit deinen Geboten

und Wegweisungen umgehen.

Lass uns in ihnen Sinn, Wegweisung

und Erfüllung unseres Lebens erkennen.

Das bitten wir um Jesu Christi willen.

Mit seinen Worten beten wir:

Vater unser …

 

Christian Wolff, Pfarrer i.R.

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