Motettenansprache über Matthäus 4,1-11
- 21.02.2026
- Pfarrer i.R. Christian Wolff
PDF zur Motettenansprache HIER
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847)
Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir
Motette für achtstimmigen Chor, MWV B53
Johann Sebastian Bach (1685-1750, Thomaskantor 1723-1750)
Kyrie
aus der h-Moll-Messe, BWV 232
Lesung aus Matthäus 4
Danach wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt und der Versuchung durch den Teufel ausgesetzt.
Er hatte vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet, und als ihn endlich der Hunger überkam, trat der Versucher zu ihm und sagte: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann befiehl doch, dass sich die Steine hier in Brote verwandeln.“ Jesus antwortete ihm: „Es ist geschrieben worden: Der Mensch lebt nicht allein vom Brot. Er lebt von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.“
Darauf nahm der Teufel ihn mit, führte ihn in die Heilige Stadt und stellte ihn auf das Dach des Tempels, nah an den Rand: „Wenn du Gottes Sohn bist“, sagte der Teufel, „dann spring doch hinunter! Denn es ist geschrieben worden: Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“ Jesus antwortete ihm: „Es ist aber auch geschrieben worden: Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen!“
Da nahm ihn der Versucher wiederum mit, führte ihn auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm, aufleuchtend in ihrer Macht, alle Königreiche der Welt. „Das alles will ich dir schenken“, sagte der Teufel, „wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.“ Da rief Jesus: „Fort, Teufel, weg mit dir! Denn es ist geschrieben worden: Gott, deinen Herrn, sollst du anbeten und ihm allein dienen.“
Darauf ließ der Teufel von ihm ab, und es kamen die Engel. Sie gingen auf ihn zu und dienten ihm.
Matthäus 4,1-11 in der Übersetzung nach Walter Jens
Ansprache
Sie ist eine der markantesten und wichtigsten Erzählungen in unserer Bibel: die Geschichte von der Versuchung Jesu. Der Teufel will bei Jesus Begierden wecken und wählt dafür einen günstigen Moment. Jesus hat vierzig Tage in der Wüste gefastet - und ist hungrig. Hungrig wie Millionen Menschen auf unserer Erde. Sie wünschen nichts sehnlicher, als dass sich endlose Steinwüsten in fruchtbare Gärten verwandeln.
Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.
fordert der Teufel Jesus heraus. Was für eine Versuchung! Durch ein kleines Wunder könnte Jesus sein eigenes und eines der größten Probleme der Menschheit lösen. Er braucht nur an die Machbarkeit des Wunders zu glauben. Sollte das für Jesus so schwer sein? Wo wir Menschen doch inzwischen fast alles machen können? Wüsten bewässern, Meere entsalzen, Menschen klonen.
Aber da wird auch schon die Kehrseite der Machbarkeit sichtbar. Mit jedem Problem, das wir zu lösen meinen, schaffen wir neue. Das ist das Teuflische an dieser Versuchung. Die zu Brot gewordenen Steine mögen zwar den unmittelbaren Hunger stillen. Aber um welchen Preis? Um welchen Preis verwandeln wir Bodenschätze in Geld, Brot, Luxus und Überfluss? Um welchen Preis nehmen wir Anteil an den technischen Errungenschaften? Der Preis ist zunächst eine ungeheure Abhängigkeit von materiellen Gütern, nämlich vom Brot allein. Er besteht in dem Irrtum, dass wir Menschen alles selbst machen und lösen können.
Darum antwortet Jesus, hungrig, aber den Kopf frei von allem Ballast, von allen Begierden:
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes kommt.
„Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, hat Berthold Brecht gesagt. Nein, so die Botschaft Jesu, die Moral muss einhergehen mit dem Essen des Brotes. Moral ist genauso wenig ein Luxus wie das tägliche Brot. Denn Essen ohne Moral lässt uns am Brot allein sterben und – was noch schlimmer ist - lässt andere für unser Brot sterben.
Jesus aber - allein in der Wüste - denkt bei der Versuchung durch den Teufel nicht zuerst an sich, an seinen Hunger (das war die Fehlkalkulation des Teufels). Jesus denkt zunächst an das, was uns Menschen fehlt: Brotverzicht, Glauben, das Wissen um die stärkende Kraft des Wortes Gottes. Deswegen bringt Jesus in der Wüste, da wo eigentlich das Nichts, der Nihilismus zuhause ist, das Wort Gottes, den Maßstab für's Leben, eben die Moral ins Spiel. Es ist der letzte Rest, nach dem wir verlangen können, ohne uns den Begierden hinzugeben bzw. billig abspeisen zu lassen.
Der Teufel startet einen zweiten Angriff - diesmal mit dem Wort Gottes. Er führt Jesus auf die Tempelmauer:
„Bist du Gottes Sohn, dann spring doch hinunter!“
Und er beruhigt Jesus mit einem Zitat aus dem 91. Psalm: die Engel Gottes
„werden dich auf den Händen tragen, auf dass du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“
Wort Gottes als bequeme Lebensversicherung: Mir wird schon nichts passieren. Gottvertrauen als Ersatz von verantwortlichem Leben. Jesus durchschaut das böse Spiel:
„Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen.“
Jesus weiß ganz genau: Wenn er vom Tempeldach in die Tiefe springen wird, wird er am Boden zerschmettern. Wer sein Leben zerstören will, kann dies tun. Gott wird niemanden am mörderischen Seiltanz hindern.
Wir haben die Möglichkeit, uns für Bewahrung oder für Zerstörung, für Liebe oder für Hass, für Frieden oder für Krieg zu entscheiden. Schicksalshafte Zwangsläufigkeiten gibt es nicht. Gott lässt sich nicht versuchen, nach dem Motto: mal sehen, wie weit Gott Dinge zulässt. Gott lässt sehr, sehr viel zu. Was er aber nicht zulässt, ist: dass wir uns mit frommen Sprüchen aus der Verantwortung für unser Tun davonstehlen.
Die dritte Versuchung des Teufels ist stark und schwach zugleich:
„Das alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest“,
sagt der Teufel zu Jesus und zeigt ihm alle Reiche der Welt. Offensichtlich spekuliert er darauf, dass Jesus das Angebot von Macht, Einfluss, Besitz für verlockend hält und dabei den hohen Preis übersieht: die Unterwerfung. Doch nun zahlt sich das vierzigtägige Fasten bei Jesus aus - die Erfahrung, auf alles verzichten zu können, um zum eigentlichen Verlangen vorzudringen: dem Verlangen nach dem einen Gott. Weil Jesus eben nicht die Absicht hat, sich auf einen Machtpoker mit dem Teufel einzulassen, kann er sein Ansinnen schroff ablehnen:
Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«
Mit der Auseinandersetzung zwischen Jesus und dem Teufel werden wir daran erinnert: Wer sein Vertrauen allein auf Gott setzt, braucht sich keiner Macht zu unterwerfen, keinem Machbarkeitswahn zu beugen und auch nicht den eigenen Begierden nachzugeben. Denn Gott hat uns die Welt, seine Schöpfung, zu Füßen gelegt und anvertraut. Auf ihr verantwortlich und in den uns gesetzten Grenzen zu leben, ist die Aufgabe, die in dieser Fastenzeit von uns wieder in den Blick genommen werden sollte – und sie beginnt damit, dass wir rufen und gleichzeitig befreien lassen:
Kyrie eleison – Herr, erbarme dich.
Amen.
Gebet
Gott, unser Vater,
führe uns heraus aus der Versuchung,
den bequemsten Weg zu gehen,
die anderen verantwortlich zu machen
für das, was wir anrichten,
mit deiner Gnade zu spielen.
Führe uns herunter
von den Höhen,
auf die wir uns verstiegen haben,
bevor wir uns leichtfertig
zum Sprung verführen lassen.
Führe und leite uns auf den Weg des Vertrauens,
den Jesus gegangen ist,
um dir allein zu dienen.
Und lass uns dabei den Schutz deiner Engel erfahren.
Wir beten gemeinsam
Vater unser im Himmel …
Christian Wolff, Pfarrer i.R.