Motettenansprache
- 27.03.2026
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
PDF zur Motettenansprache HIER
Es gibt Zeiten, da ist das Schöne und das Hässliche, das Friedliche und das Gewalttätige, das Gute und das Böse so unübersichtlich ineinander verwickelt, dass ich kaum weiß, ob ich weinen oder mich freuen soll.
Da feiern wir voll Freude die Taufe eines neugeborenen Kindes und zugleich frage mich, ob dieses Kind in dieser Welt voll Krieg und Auseinandersetzung und zerstörter Natur ein gutes Leben haben wird. Da sehe ich diese Stadt mit ihrer Kultur, ihrem Aufbruchsgeist, ihrem Freiheitsdrang – und dann höre ich, wie Menschen über andere herziehen wegen ihres Aussehens, ihrer Herkunft, ihrer Religion. Da lese ich auf Facebook von inspirierenden Projekten engagierter Leute und bei den ätzenden Kommentaren dazu wird mir schlecht. Da trage ich einen Freund zu Grabe, und am Ausgang des Friedhofs grüßen mich Krokusse und Osterglocken und lachen mich voller Frühlingsgefühle an.
Soll ich weinen? Soll ich lachen?
So ist das auch bei dieser Motette heute mit den Hallenser Madrigalisten.
Mit Thomas Tallis`Lamentations for Jeremiah klagen wir nicht nur über die Zerstörung Jerusalems im 6. Jahrhundert vor Christus, sondern über alle zerbombten Städte und Regionen, seien es Coventry oder Dresden, Kiew oder Gaza, Hiroshima oder jeder andere große oder kleine Ort. Und wir beweinen alle Menschen, die sterben, verletzt werden, fliehen müssen, traumatisiert sind. Francis Poulencs Salve Regina ruft die Jungfrau Maria aus der Position der trauernden, „verbrannten“ Kinder Evas an, aus dem Tal der Tränen, aber in Hoffnung.
Peter Cornelius‘ Lied „Ich will dich lieben, meine Krone“ beschreibt dagegen den erklärten und dankbaren Willen, Gott zu lieben, weil Er Licht bringt, froh und frei macht. Und gleich am Anfang preist Heinrich Schütz den Ablauf von Tag und Festjahr, die die Ehre Gottes und seiner Hände Werk verkündigen.
Ist es ein zusammengewürfeltes Durcheinander oder ein durchdachtes Ineinander?
Am Sonntag ist Palmsonntag und auch dieses Datum steht für diese Vermischung von Jubel und Klage, von Aufbruchstimmung und jämmerlichem Scheitern, von echter Gemeinschaft und jähem Verrat. Am Palmsonntag erinnern wir uns an den Einzug Jesu in Jerusalem. Begeistert wird Jesus von der Menge empfangen, er wird als Herrscher und Befreier begrüßt, die Menschen streuen Palmen und legen ihre Kleider auf den Boden, um den Friedensbringer willkommen zu heißen.
Aber das Blatt wendet sich schon. Diejenigen Kräfte, denen Jesu Botschaft zu gefährlich ist, schmieden ihre Pläne, die geistlichen und politischen Führer ergreifen die Initiative, die Menge erweist sich ein weiteres Mal als manipulierbar und ändert ihr frohes „Hosianna“ in wütendes „Kreuzige ihn“. Der Triumph endet in der Katastrophe, Jesus wird gefoltert und hingerichtet.
Wir kommen wir mit diesem Durcheinander und Ineinander zurecht?
Können wir uns noch guten Gewissens freuen oder bleibt uns das Lachen immer mehr im Halse stecken? Oder werden wir zynisch und reden nur noch ironisch über die Welt – oder in Gänsefüßchen? Verziehen wir uns in unsere Bubbles und blenden alles aus, was nicht zu unserer erwünschten Wahrnehmung passt? Oder werden wir allesamt krank an der Welt?
Wir müssen dieses Chaos entwirren, klarkriegen, was da los ist. Und so habe ich drei Vorschläge:
Zum Ersten: Das Ineinander von Gut und Böse, Schön und Hässlich, Aggressiv und Friedlich darf uns bewegen und aufregen und irritieren. Es darf uns vor allem immer wieder daran erinnern, wo unsere Prioritäten sind: Hin zum Guten! Hin zum Schönen! Hin zum Friedlichen! Wenn es uns schüttelt und beben und emotional werden lässt – dann lasst uns diese Energie doch nutzen und einsetzen für diese Prioritäten: Da für das Gute arbeiten, wo wir können. Da das Schöne stärken, wo wir zuständig sind. Da Frieden schaffen, wo es in unserer Macht steht.
Zum Zweiten: Nach Palmsonntag folgt Karfreitag, der Tag der Kreuzigung: Das Symbol des absoluten Scheiterns des Guten. Aber unser christlicher Glaube bleibt nicht am Karfreitag stehen. Ostern kommt. Jesus steht auf von den Toten. Er überwindet Tod und Gewalt. Er schlägt die Sünde, er vergibt die Schuld, und er schenkt allen Menschen neues Leben. Das ist die christliche Botschaft, das ist die Hoffnung, das ist unsere Zukunft. An die sollen wir uns halten, fest und mit aller Kraft.
Aus dieser Hoffnung können wir – zum Dritten – beten. Wir können zu Gott beten und ihm übergeben, wo wir scheitern. Wir können zu Gott beten und ihn an seine Macht erinnern, wo wir machtlos sind. Wir können ihn um Seinen Frieden bitten, den er uns versprochen hat – wie Knut Nystedts Stück am Ende der Motette bezeugt:
Den Frieden hinterlasse ich euch.
Meinen Frieden gebe ich euch.
Nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.
Euer Herz möge nicht erschrecken,
noch entmutigt sein.
Es ist kein Durcheinander. Es ist ein Ineinander, und wir setzen Ziel und Perspektive.
Amen.