Motettenansprache
- 07.03.2026
- Pfarrerin Jutta Michael
Es erklang die Kantate Du wahrer Gott und Davids Sohn, BWV 23
Gelesen wurde die Erzählung von der Heilung des Blinden nach Lukas 18, 35-43.
Gesungen wurde das Wochenlied „Kreuz, auf das ich schaue“ (NB-EG 598).
Die Ansprache hielt Pfarrerin Jutta Michael.
Liebe Gemeinde,
wir schauen auf das Kreuz. Wir sind mitten in der Passionszeit.
Wir erinnern uns an den Weg Jesu:
Unrecht geschah ihm, er wurde gefangen genommen, gefoltert, verspottet in seinem Leid,
hingerichtet am Kreuz, wie die Schwerverbrecher seiner Zeit.
Wir schauen auf das Kreuz.
Es steht als Zeichen da, so wie es im eben gesungenen Lied gedichtet ist.
Die Worte, die der Autor des Chorals gefunden hat, erinnern mich an Kreuzigungsdarstellungen, die nicht beim Betrachten des Leidens stehen bleiben.
Da gibt es beispielsweise eine große goldene Sonne, die hinter dem Kreuz erstrahlt.
In die Angst hinein strahlt die Hoffnungszeit. Die Dunkelheit ist nicht das letzte Zeichen.
Der Blinde, der am Wege sitzt, scheint dies tief in sich zu spüren:
Es muss auch für ihn wieder hell werden.
Dieser Platz ist nicht seine Bestimmung! Etwas in ihm regt sich dagegen:
Auf seine Weise nimmt er die Ereignisse um ihn herum wahr.
Wo der Weg verdunkelt ist, durch Erfahrung von Enttäuschung, durch erlebte Zurückweisung, da entfaltet die Seele Empfindsamkeit für alles Helfende.
Drum bekommt der Blinde Antwort. Und zwar sogar von denen, die ihn am liebsten übersehen würden und er erfährt: Jesus von Nazareth zieht vorüber.
Der Evangelist Lukas konstruiert diese Passage in seiner Heilungserzählung sehr wirkungsvoll:
In dem Moment, da der blinde, bettelnde, am Rand sitzende Mensch diese Auskunft bekommt, schreit er los. Ohne Furcht. Ohne Rücksicht. Woher diese Klarheit?
Doch er soll schweigen nach der Meinung der anderen, bleiben, wo er ist und hingehört.
Niemand will ihn woanders sehen und gleich gar nicht soll er beginnen, sich selbst anders zu sehen.
Weil er aber spürt, dass es möglich ist, aus dem Schatten zu treten, schreit er noch viel lauter.
Nein, es ist ihm nicht peinlich, seiner Sehnsucht Luft zu verschaffen.
Er ist ein einziger Notschrei. Und damit betritt er den Weg der Hoffnung:
Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner.
Jesus hört nun offenbar den schreienden Bettler, denn er bleibt stehen. Damit rückt der Blinde vom Rand in die Mitte der Szene. Wer sehen kann und will, sieht die Not. Wer helfen kann und will, der sieht, was zu tun ist, was zu ändern ist an unserem Miteinander, was wir als Gesellschaft nicht versäumen dürfen aneinander: die am Rand zu sehen. Ihnen ihre eigene Perspektive zu ermöglichen, ihnen Platz zu verschaffen in unserer Mitte.
Jesus bleibt bei ihm stehen, spürt die blinde Verzweiflung und lässt sich darauf ein.
Und noch einmal konstruiert der Evangelist mit Feinsinn, diesmal die Wirkung einer heilsamen Begegnung: Jesus lässt den Blinden zu sich bringen. Weiß er dann nicht eigentlich, was dessen Bitte sein wird? Aber: Er fragt ihn: Was willst du, dass ich dir tue?
Und ja, natürlich antwortet der: Herr, dass ich wieder sehe.
Ein Lehrstück für die Kraft des Glaubens, und darüber, wie sie im Suchenden aufgeschlossen wird:
Indem ich erfahre, dass ich gemeint bin. Indem dadurch die Kraft der Hoffnung sich ihren Weg bahnt.
Dazu ist Jesus unterwegs, darum bleibt er stehen und lässt sich rufen. Darum heilt er Menschen.
Sein Tun gründet in seinem Wesen: Er ist Sohn Davids und wahrer Gott.
Mit diesem Bekenntnis beginnt die Kantate.
Gott ist nahe, wie Jesus dem Blinden nahe war. Er kennt unser Leid mit allen Umständen dazu.
Darauf vertrauen heißt, an seiner Allmacht teilhaben.
Die Bitte des Blinden wird zu unserer Bitte: um Hilfe, um Trost: „erbarm dich mein“.
Und während im Rezitativ des Tenors der Weg des Blinden nacherzählt wird, wie er in seiner Not mehr sieht als faktisch möglich ist, wie er sich aufrappelt mit den Worten „Ich fasse mich“,
klingt über seiner Suche nach Heil und Heilung die Melodie des Chorals schon an, ihn umhüllend und schützend: „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser.“
Wir schauen auf das Kreuz.
Mit dem Kreuz kommt das Erbarmen in die Welt.
Zum Kreuz wir fliehen in Angst vor dem Wüten der Mächte der Finsternis.
Dort, wo Gott sich jener Art von Allmacht entzieht, wie sie unter uns menschlich erwartet würde,
wächst die unsichtbare Kraft und wir haben an ihr teil. Im Glauben. Im vertrauensvollen: „Herr, erbarme dich.“
Von hier geht der Blick des Geheilten über seine eigene Situation hinaus: Aller Augen warten, so hören wir im 3. Satz der Kantate. Die Hilfe gegen das Verzagen klingt auch hier wieder an mit der Bitte des Chorals, als angedeutete Melodie zu Beginn des Satzes „Christe, du Lamm Gottes, erbarm dich unser.“
Wir gehen vom Kreuz in den Tag, an den Ort, wo wir Verantwortung haben, in unsere Beziehungen, in unsere Entscheidungen. Vom Kreuz nehmen wir dafür die Orientierung:
„Künftig soll dein Wink allein der geliebte Mittelpunkt aller unsrer Werke sein.“
Zu ihm bringen wir unsere Bitte, so wie der Choral schließt:
„Gib uns deinen Frieden.“
Amen
Fürbitten
Gott, aus der Tiefe rufen wir zu dir.
Unten angekommen, am Boden der Tatsachen.
Hilf uns, untereinander Frieden zu finden.
Gib deinen Geist, dass wir Lösungen finden für Konflikte, in den leitenden Gremien von Kirche und Gesellschaft.
Christus, Erlöser der Welt, wir bitten dich, der du alles Leid durchschritten hast:
Sei bei allen Menschen, die Leid und Verzweiflung erleben.
Sei bei den Opfern der Kriege und Konflikte, bei den Unschuldigen und bei denen, die verbittert und einsam sind.
Öffne uns die Augen, dass wir die Not anderer sehen, nicht schweigen zu Unrecht und dein Erbarmen in unser Reden und Handeln nehmen.
Gott des Friedens, lass uns festhalten an dir als der Mitte aller unserer Werke, in unserer friedlosen Zeit.
Stärke uns in Angst und Unsicherheit, dass wir dort, wo es uns möglich ist, von deiner Liebe zeugen und deinem Frieden Raum verschaffen.
Wir bitten dich: Verleih uns Frieden.
Vor dem Vaterunser erklang die Motette „Verleih uns Frieden“ von Heinrich Schütz, SWV 372.