Motettenansprache

  • 29.08.2025
  • Pfarrer i.R. Christian Wolff

PDF zur Motettenansprache HIER

Andreas Hammerschmidt (1611–1675)

Gott ist die Liebe

für sechsstimmigen Chor und Basso continuo

aus: „Sechsstimmige Fest- und Zeit-Andachten“ (Dresden 1671)

 

Ansprache

Es gibt Sätze in unserer Bibel, die bestehen nur aus ganz wenigen Worten. Dennoch beinhalten sie alles Wesentliche des Glaubens. Eine Aussage aus dem 1. Johannesbrief gehört zu diesen Sätzen:

Gott ist Liebe.

  1. Johannes 4,16b

Fünf Mal wird dieses Evangelium in Kurzform in der gleichnamigen Motette von Andreas Hammerschmidt wiederholt. Das hat seinen Grund. Denn die zwei gewichtigen Worte des Satzes: Gott und Liebe, sind Antworten auf drei Grundfragen. Diese stellt sich jeder Mensch:

  • Woher komme ich?
  • Wohin gehe ich?
  • Wozu lebe ich?

Die Antwort auf die erste und zweite Frage lautet:

  • Ich komme von Gott.
  • Ich gehe zu Gott.

Mein Leben ist ein mir auf Zeit anvertrautes Gut. Kein Zufall, sondern ein Geschenk. Das Wunderbare an dieser Perspektive ist: Ich muss mein Dasein nicht begründen. Ich muss mich nicht dafür rechtfertigen, dass ich bin – vor niemandem. Gott hat mich mit der Geburt ins Leben gerufen und damit sein JA zu meinem Leben ausgesprochen. In diesem Sinn ist jeder Mensch ein guter Gedanke Gottes.

 

Das hat mehrere Folgen, die für ausnahmslos jedes Menschenleben auf dieser Erde gelten:

  • Mein Leben ist mit Recht und Würde gesegnet.
  • Daraus erwächst die Aufgabe, dass ich in der bemessenen Zeitspanne zwischen Geburt und Tod mit meinem Leben verantwortlich umgehe.
  • Das kann ich aber nur, wenn ich auch das Leben und den Lebensraum des Anderen, wer immer das ist, achte.
  • Darum darf sich niemand anmaßen, mir ans Leben zu gehen. Wenn er es dennoch tut, vergeht sich an Gott. Das gleiche gilt natürlich auch für mich selbst.

 

Nun sind wir der bitteren Erfahrung ausgesetzt, dass unsere Lebenswirklichkeit dieser Sicht oftmals widerspricht – dort, wo Menschen unter Hunger, Ungerechtigkeit, Gewalt und Krieg leiden, also unter dem, was andere veranlassen oder zulassen, obwohl sie wissen, dass das Unrecht ist. Doch damit wird nicht falsch, was uns der Glaube zusagt, worauf wir vertrauen und unsere Hoffnung setzen können: Mein Leben kommt von Gott und wird bei ihm wieder Heimat finden – unabhängig davon, wie mein Leben hier auf Erden endet; aber sicher nicht unabhängig davon, was ich aus meinem Leben mache.

 

Damit sind wir bei der dritten Grundfrage:

Wozu lebe ich?

Wir können sie zunächst ebenso knapp beantworten wie die beiden ersten Fragen:

  • Ich lebe für Gott;

oder mit dem Satz aus dem 1. Johannesbrief:

  • Ich lebe für die Liebe;

dafür also, dass ich vor Gott mein Leben verantworten kann. Dies geht nur, wenn ich mein eigenes Leben nicht absolut setze, sondern immer in einer Beziehung sehe zu Gott und zu meinem Nächsten. Darum hat die Liebe drei Aspekte: Die Liebe zu Gott, die Liebe zu den Menschen, die Liebe zu mir selbst. Dies kommt im sog. Doppelgebot (eigentlich müsste es „Dreifachgebot“ heißen) der Liebe zum Ausdruck. In einem Gespräch über das Thema Worauf kommt es im Leben eines Menschen an fügt Jesus zwei Zitate aus dem hebräischen Teil der Bibel zum Doppelgebot zusammen:

du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen … (und) deinen Nächsten lieben wie dich selbst …

Markus 12,30ff

Sein Gesprächspartner, ein gebildeter jüdischer Theologe, pflichtet Jesus bei:

Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.

              Markus 12,33

Das ist es, worauf es ankommt. Alles andere ist zweitrangig. Und das ist gemeint mit den drei Worten:

Gott ist Liebe

Denn

wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

  1. Johannes 4,16b

 

Was sich für manchen bis jetzt hölzern und theoretisch angehört haben mag, hat sehr praktische Konsequenzen. Denn die Liebe, die mit Gott verbunden ist, verwehrt jede Form von Abstufung. Die nehmen wir ja gerne vor. Nächstenliebe – ja! Aber bitte zuerst die wirklich Nahen, meine Familie, meinesgleichen, die Deutschen … und erst dann, wenn überhaupt, Fremde. Doch sollte uns bewusst sein: Jede Form von Nationalismus, jede Form von rassistischer Ausgrenzung basiert auf einer solchen Abstufung. Darauf hat unlängst auch Papst Leo XIV. hingewiesen. Als der Vizepräsident der Vereinigten Staaten JD Vance den unbarmherzigen Umgang der Trump-Administration mit Migrant:innen unter Berufung auf seinen katholischen Glauben zu rechtfertigen versuchte und dabei eine unter Rechtsnationalisten sehr verbreitete Rangliste der Liebe aufstellte: Man müsse zuerst seine Familie, dann die Gemeinschaft und schließlich das eigene Land lieben, widersprach Papst Leo ihm heftig: „JD Vance liegt falsch: Jesus verlangt von uns nicht, unsere Liebe zu anderen abzustufen." Ja, der Gott, der die Liebe ist, hebt mit und in dieser Liebe alle Unterschiede auf, die wir Menschen unter- und gegen einander aufrichten. Was für ein Glück, das von dieser Provokation ausgeht, ein Glück für jede und jeden von uns. Amen.

 

Gebet

Gott unser Vater,

wir danken dir,

dass wir dich in der Liebe erkennen können,

die in Jesus Christus lebendig geworden

und durch seine Auferstehung lebendig geblieben ist.

Wir danken dir,

dass wir in dieser Liebe

Fundament, Orientierung und Sinn

unseres Lebens finden können.

Wir danken dir,

dass du uns durch die Liebe

immer wieder befreist von

Selbstbezogenheit, Unbarmherzigkeit

und Überheblichkeit.

Lass uns darum in jedem Menschen das erkennen,

was wir selbst sind:

ein von dir geachtetes, einzigartiges Geschöpf,

von deiner Liebe getragen und ihr verpflichtet.

So beten wir mit Jesu Worten:

Vater unser …

 

Christian Wolff, Pfarrer i.R.

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