Motettenansprache
- 06.12.2025
- Prof. i.R. Dr. Notger Slenczka
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Ankommen
Sie sind durch die Stadt gegangen. Vielleicht über den Weihnachtsmarkt, wie ich vorhin. Intensive Gerüche, Licht, Musik. Geräusche, Stimmen. Lärm. Und dann bin ich hier in die Kirche eingetreten.
Erst Stimmengewirr, wie dort draußen. Aber dann setzt die Orgel ein. Eine andere Welt. Eine Gegenwelt. Nach dem Lärm und Gedränge draußen: Stille. Gerade jetzt. Ein heller Raum, hoch. Die Gewölberippen, abgesetzt. Bunte Fenster. Kein Gedränge, kein Gewusel, sondern ein ruhiger Raum. Das helle Licht vorn zieht unsere Blicke an, wir sehen zum Chor. Wir lassen uns nicht bedudeln, sondern wir hören lebendige, wunderbare Stimmen. Wir werden ruhig. Auch zwischen den Stücken, wenn die Töne in der hohen Kirche verklingen, sind wir still.
Weihnachten
Alle Stücke, die wir in dieser Stunde hören, sind erst einmal ein Klangerlebnis. Sie wirken auch ohne Worte. Ruhige Stücke, meist von noch lebenden Komponisten. Moderne Kompositionen, die uns aber nicht überfordern, die man auch als musikalischer Laie gern hört. Hier und da Dissonanzen, die sich aber auflösen. Erst hören wir die Musik, den Klang. Dann schauen wir in den Text. Die ersten Stücke kreisen um Jesu Geburt: The Shepherd – der Hirte: Die Weihnachtsgeschichte. Die Hirten bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herden.
Das zweite von Will Todd: Die Hirten, die von Engeln gerufen werden. Die Weisen. Der Herr kommt – in den Stall. „führt mich, führt mich zu ihm. Weise, Hirten, Engel, kein Platz für mich – no place for me, steht da eigentlich! – kein Platz für mich, nur ein Stall.“ Der Herr kommt, kommt nach ganz unten. Bei den geringsten Brüdern und Schwestern – da unten ist der Herr der Welt. Da unten soll ich auch sein.
Und mit dem nächsten Stück wurde es lateinisch. Wieder erst der Klang. Die Musik hat mich wirklich ergriffen. Eine harmonischer Akkord, der übergeht in eine Disharmonie, der Tonschritt einer kleinen Sekunde, also zwei Töne mit einem Halbton Abstand. Das empfinden wir als Dissonanz. Passt nicht. Also: Kein Schwelgen in puren Harmonien. Das Unversöhnte in unserem Leben, in unserer Welt wird nicht verschwiegen: die musikalischen Dissonanzen bringen es zur Sprache, das Störende hat seinen Ort. Aber es wird Teil einer Melodie, aufgenommen in einen Zusammenhang. Dann der Text: Licht, das schwerer ist als Gold. Das ganz Leichte, Schwerelose, das Licht, die Harmonie, verbindet sich mit dem Schweren, mit der Dissonanz, mit dem Unversöhnten, mit dem Leiden, dem Tod, dem Krieg, der Schuld. Das ist das Schwere. Das Licht scheint in der Finsternis. Das Schwere wird hell. Vielleicht ist das die Verheißung dieses Stücks von Eric Whitacre: Lux Aurumque – Licht und Gold. Das Leichte und das Schwere. Versöhnung der Gegensätze. Gott wird Mensch.
Maria
Mit ‚Maria durch ein Dornwald ging‘ von Heinrich Kaminski endete der erste Teil – und das ist zugleich das Thema der folgenden Chorstücke: Maria. Wir hören Sergej Rachmaninow, den jungen norwegischen Komponisten Ola Gjeilo, den Letten Richards Dubra – und alle Stücke sind Vertonungen des Ave Maria: Gegrüßet seist du, Maria. Ein Gebet der katholischen Kirche. Der Chor spricht es uns vor in diesen drei Stücken, er läd sozusagen ein, den Gruß an Maria mitzusprechen. Eröffnet die Möglichkeit, Maria um Fürbitte anzugehen: „Bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes“, heißt es im Ave Maria.
Heilige. Maria besonders, aber auch St. Nikolaus, der Heilige des heutigen Tages. Unsere katholischen Schwestern und Brüder rufen Heilige an in den Notlagen, für die diese Heiligen zuständig sind. Heilige leisten Fürbitte für uns. Werden um Fürbitte angerufen: Ave Maria – bitte für uns.
Das ist eher fremd, für Protestanten wie mich, und auch für einen kirchenfernen Durchschnittsmenschen, der schon Schwierigkeiten hat mit dem Gebet zu Gott – und jetzt soll er auch noch Heilige anrufen. Maria, ausgerechnet! Ist die nicht längst tot?
Fürbitte
„Bitte für uns Sünder. Jetzt, und in der Stunde unseres Todes“, heißt es im Ave Maria. Die Stunde des Todes: wenn alles zu Ende ist, wenn uns niemand mehr und wir auch nicht mehr uns selbst helfen können. Aber jemand tritt für uns ein. Bittet für uns. Jemandem liegt an uns.
Wissen Sie: ich bin überzeugter Protestant und ein aufgeklärter Mensch – aber dieser Gedanke ist schön. Dass jemand nach uns fragt, dass jemand für uns eintritt, wenn wir vor dem Nichts stehen, wenn nichts und niemand mehr helfen kann. „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ – fragt der Heidelberger Katechismus, und der Verfasser spricht uns vor: „Der einzige Trost im Leben und im Sterben ist dies: dass ich nicht mir selbst, sondern meinem getreuen Herrn Jesus Christus gehöre, der mich erlöst hat.“ Nicht Heiligen vertrauen wir uns an, sondern dem Herrn, der in unsere Nähe, in den Stall gekommen ist. Der Mensch geworden ist. Dem an uns liegt.
Wozu dann die Jungfrau Maria und ihre Fürbitte? Vielleicht ist sie ein Vorbild. Vorbild der Fürbitte. Die Heiligen, die für uns bitten und für uns eintreten, sind wir, sollen wir sein. Gegenseitig bitten wir füreinander in den Momenten, in denen alle Hilfe versagt, wenn wir am Ende sind. Ich kenne Menschen, die für mich beten. Es gibt Menschen, für die ich bete.
Das tun wir gleich, im Fürbittgebet. Wenn Sie einstimmen, dann vertrauen Sie sich selbst, die Menschen, die Sie lieben, die ganze Welt Gott an.
Wen bitten?
Was soll das bringen – mag der eine oder die andere fragen – zu einem Gott zu beten, von dem wir nichts spüren? Dass da jemand hört – ist das nicht eine zu große Voraussetzung?
Wir werden gleich die Komposition von Kim André Arnesen hören, ein norwegischer Komponist. Wir glauben an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint, sagt er. Wir glauben an die Liebe, auch wenn wir gerade nicht lieben. Und ebenso an Gott, auch wenn er schweigt. Wir warten dann auf die Sonne. Auf die Liebe. Auf Gott. Wir bitten füreinander. Und warten geduldig.