Motettenansprache

  • 11.09.2026
  • Pfarrerin i.R. Britta Taddiken

Motette 11./12. September 2026

Arvo Pärt: Zwei Beter (Lukas 18,9-14)

Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. 

Liebe Motettengemeinde,

Arvo Pärts Werk „Zwei Beter“ nimmt eine Geschichte auf, die Jesus erzählt hat. Sie spielt im Jerusaler Tempel: Ein Pharisäer rühmt sich seiner großen Taten und guckt herunter auf diesen Zöllner dahinten. Historisch gesehen waren das Leute, die mit den römischen Besatzern kooperiert haben. Und die den Händlern an den Zollstationen vor dem Stadttor gern mal etwas mehr abnahmen. Für die eigene Tasche. Dem frommen Menschen aus der religiösen Bewegung der Pharisäer stößt das sauer auf. Aber wie immer bei diesen Geschichten geht es Jesus um mehr als um diese beiden historischen Gruppen. Es geht ihm um den Pharisäer und den Zöllner in uns. Denn man ist ja wirklich schnell mittendrin in dieser Geschichte. Ich für meinen Teil habe mich gestern mehrfach bei dem Gedanken ertappt, da muss man nur mal ein bisschen Bahn fahren zwischen Hamburg und Leipzig: „Was für Idioten hier! Gottseidank bin ich nicht so“. Und habe mich dabei, vorsichtig gesagt, leicht überlegen gefühlt…

Schauen wir also genauer hin, was da los ist in dieser Geschichte – und in uns. Der Pharisäer „stand für sich“ heißt es. Das kann man aber genauso gut übersetzen mit „Er betete zu sich hin“: Und tatsächlich: viermal kommt in seinem Gebet das Wort „Ich“ vor. Das ist nichts als eine als Gebet getarnte Lobhudelei auf sich selbst. Er ist der Gute. Der andere interessiert ihn gar nicht. Mit dem ist er fertig. Sündig, igittigitt. Aber doch. Er braucht ihn! Er braucht ihn, um ihn klein zu machen. Denn anders kann er sich nicht groß fühlen. Heute vor 25 Jahren haben wir erlebt bei den Anschlägen auf das Word Trade Centre, das Pentagon und auf einem Feld in Pennsylvania, wohin das im Extrem führen kann. Wenn Menschen zum Zwecke ihrer vermeintlichen Guttat 1000de von Menschenleben vernichten. Wenn man andere dafür, wie sie sind und wie sie leben, so sehr hasst. Und meint, man dürfe den anderen zerstören, weil man das ja im Auftrag eines Höheren tut, einer höheren Macht, ein gottgegebenes Recht. Deshalb ist der Pharisäer in uns so gefährlich! Denn dazu ist er prinzipiell in der Lage.

Das Gebet des Zöllners dagegen ist kurz. Innig, ein Zwiegespräch, eine Bitte: Sei mir Sünder gnädig. Realistisch. Ehrlich. Er könnte mit seinen Einnahmen noch nicht mal die Strafe zahlen, falls man beim Betrügen erwischt wird. Kann nur hoffen, dass Gott sich ihm zuwendet. Und ihn verändert.

Pharisäer und Zöllner. Ich glaube allerdings, die gibt es nicht pur. Es gibt vielmehr beide Seiten in uns: die Pharisäer-Seite und die Zöllner-Seite. Und noch mehr: Auch das Bekenntnis „Gott, sei mir Sünder gnädig“ kann ja von menschlicher Eitelkeit und Hochmut bereits unterlaufen sein. Der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard hat im 19. Jahrhundert gesagt: Auch die Zöllner hätten es inzwischen gründlich gelernt, sich ihrer Demut zu rühmen. Und dieser Hochmut sei um vieles unerträglicher, weil er so knechtisch und verlogen sei.  Kierkegaard hat das damals vor allem auf kirchliche Kreise bezogen – aber nicht nur. Ich erinnere mich an eine Bischofswahl vor Jahren, wo die Kandidaten sich dabei übertrumpften zu sagen: Ach, ich wollte gar nicht kandidieren, aber ich bin ja so gedrängt worden von meiner Gemeinde und meinen Freunden…O Mann. Inzwischen habe ich erlebt, es ist bei Parteien nicht anders, wenn die Landtagskandidaten gekürt werden, und warum sollte es anderswo anders sein. Wo es Menschen gibt, gibt auch es Pharisäer-Zöllner-Mischungen aller Art…

Unsere Angst als Christen ist ja manchmal, dass wir Selbstbewusstsein mit Hochmut verwechseln. Aber noch gefährlicher ist eben die verkappte Demut. Die, die ein Amt übernehmen, egal wo, stehen dabei viel mehr im Fokus, sich rechtfertigen müssen. Weil eben alle öffentlich ist, was sie tun oder sagen. Im Gegensatz zu denen, die die bequemere Haltung bevorzugen und sagen: Was kann ich armer kleiner Wurm im Getriebe dieser komplizierten Welt schon ausrichten. Aber das ist letztlich auch eine Form des Für-Sich-Stehens, dem im Grunde alles um sich herum gleichgültig ist: der zöllnerhafte Pharisäer.

Die Frage ist, wie man nun eigentlich den Ausgleich dieser beiden Figuren in sich selbst hinbekommt. Da kennt natürlich jeder die Pharisäer-Anteile und die Zöllner-Anteile in sich am besten. Und auch deren kierkegaard‘sche Umdrehung. Denn eigentlich sind’s vier Seiten in uns, wenn man den pharisäerhaften Zöllner und den zöllnerartigen Pharisäer noch mit dazu rechnet. Und gerade das sind wahrscheinlich die schwierigsten Kandidaten in uns. Das ist die im wahrsten Sinne des Wortes ver-rückte Skizze des menschlichen Innern. Und das beschreibt diese Geschichte einfach nur großartig.

Wie also kriegen wir den Ausgleich dieser Seiten in uns hin? Es hängt viel davon ab, wie man diese Frage für sich klärt. Darauf weist der letzte Satz in der Geschichte hin. „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Gerade die Spannung zwischen dem Menschen, der sich ständig selbst überhöht und dem Gott, der sich in Jesus Christus erniedrigt, ist das Charakteristikum des christlichen Glaubens. Es geht dabei nicht darum, den Menschen klein zu machen – zu einem dauerzerknirschten Zöllner. Sondern darum, zu betonen: Gott ist Gott – und er allein. Er wurde in Jesus einer von uns, um uns zu erhöhen. Jegliche Selbsterhöhung ist daher lächerlich! Und das umso mehr, wenn sie auch noch im Gewande der Demut daherkommt. Seien wir also auf der Hut, es geht schneller als einem lieb ist. Und hoffen wir darauf, dass jeden Tag von neuem gilt: Der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Gebet

Unser Gott, wir kommen am Ende dieser Woche Dich mit all dem, was uns beschäftigt und was wir erlebt haben. Wir danken Dir für alle Begegnungen, für Menschen, die wir kennenlernen durften, für gute Gespräche und Gedanken, für schöne Zeit, die wir zusammen verbracht haben. Nichts ist selbstverständlich, lass uns dafür wach sein. Heute denken wir besonders an die, die schwer getroffen worden sind. Wir bitten Dich an diesem 11. September besonders für alle Menschen in den Vereinigten Staaten von Amerika, deren Schmerz auch nach 25 Jahren noch groß ist. Sei bei den Angehörigen der Opfer vom World Trade Centre, dem Pentagon und denen, die in Pennsylvania Opfer des brutalen Terroranschlags geworden sind. Wir bitten für die, die noch immer traumatisiert sind. Für alle, die ihre Angehörigen nicht beerdigen konnten. Halte in uns das Gedenken wach, wozu der Hass uns führen kann.

Und so bitten wir Dich: Wehre der Gewalt. Behüte uns davor, unsere Mitmenschen herabzusetzen. Wehre der Gleichgültigkeit unter uns. Und stärke die Kräfte in uns, die stärker sind als unsere Gefühle der Angst und der Ohnmacht. Mache uns großzügig, offen und gelassen. Und hilf uns, darauf zu vertrauen, dass Du schon längst bei uns bist und uns trägst in Freud und Leid. Das allein macht unser Leben groß. Gib uns Kraft, es gut zu gestalten. Darum bitten wir Dich mit den Worten Jesu:

Vaterunser

Britta Taddiken