Motettenansprache
- 13.06.2026
- Superintendent Sebastian Feydt
PDF zur Motettenansprache HIER
Liebe Gäste in der Thomaskirche,
liebe Gäste des Bachfestes, liebe Gemeinde!
„Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.“ So sagen wir sprichwörtlich im Deutschen, wenn wir zurückhaltend bleiben wollen.
Ein einzelnes positives Zeichen oder ein erster Erfolg bedeuten eben noch lange nicht, dass es besser wird oder gar sich alles zum Guten wendet.
In dieser vielleicht typisch deutschen Haltung schwingt ziemlich viel Bedenken mit.
Man weiß ja nicht…
Wer kann schon sagen, wie es kommt.
Freu Dich nicht zu früh!
„Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.“
Wissen Sie, wie es zu diesem Sprichwort überhaupt gekommen ist?
Es geht auf eine Fabel zurück, die aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. stammt. Sie erzählt davon, dass ein reicher Mann, der sein Vermögen verschwendet hatte, seinen Mantel verkauft.
Er tat es, als er im Frühjahr die erste zurückkehrende Schwalbe am Himmel erblickte. Er war überzeugt davon, dass es jetzt wirklich warm wird.
Sie ahnen: Es kam anders. Es wurde noch einmal richtig kalt. Er fror bitterlich.
„Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.“
Oder doch, möchte ich widersprechen.
Denn spätestens seit dem letzten Jahreswechsel wissen wir es besser.
Da machte eine besondere „Schwalbe“ in Süddeutschland von sich reden.
Schwalbe ist der selbst gewählte Name eines wohnungslosen Mannes in Stuttgart.
Er hat mehr als 2500 Flaschen leere Pfandflaschen gesammelt. Für jede Flasche bekam er acht Cent Pfand. Am Ende waren es 200 €.
Und was macht dieser Mann mit dem Geld?
Er spendet es für alleinstehende Mütter.
In einem schlichten Briefumschlag, den man wiederverwenden kann, übergibt er es kurz vor Weihnachten katholischen Schwestern mit den Worten: „Die einen haben zu viel, die anderen zu wenig. Eigentlich wäre genug für alle da, wenn es gerechter verteilt wäre.“
Es ist interessant, dass diesem Mann, dem, als seine Spende öffentlich wird, viele Menschen Geld spenden wollten, es ablehnt und sagt:
Ich habe alles, was ich brauche.
Ich bin mit leichtem Gepäck unterwegs.
Wer spenden will, kann sein Geld an soziale Einrichtungen geben. Oder eben alleinstehenden hilfsbedürftigen Müttern.
Ist es nicht berührend wie eine einzelne Person, die selbst wahrlich nicht im Überfluss lebt, solch ein starkes Zeichen setzen kann?! Mich als Person anrühren, es ihm nachzutun?
Wir hören heute gleich die Kantate BWV 39 mit dem Titel:
Brich dem hungrigen dein Brot.
Vor 300 Jahren, 1726, in Zeiten wahrlich prekärer Verhältnisse, zum Himmel schreiender Armut, gerade unter Frauen, schreibt Johann Sebastian Bach diese große und großartige Kantate.
Und setzt damit im Gottesdienst am
1.Sonntag nach Trinitatis ein Zeichen.
Drei Jahre zuvor war er als Thomaskantor an eben diesem 1.Sonntag nach Trinitatis in seinem Amt eingeführt worden.
Er feiert also seinen drittes Dienstjubiläum.
Und schenkt der Gemeinde und sich diese Kantate. Verbindet es nicht allein mit tiefer Dankbarkeit gegenüber Gott, sondern vor allem mit einem geistlich begründeten Paukenschlag.
Brich dem Hungrigen dein Brot
und die im Elend sind führe ins Haus.
So du einen nackt siehst, so kleide ihn...
Klarer lässt sich die biblische Botschaft, selbst tätig zu werden, die Liebe zu den Nächsten nicht nur zu kennen oder im Mund zu führen, sondern im eigenen Alltag zu leben, kaum vermitteln.
Es braucht keine lange Vorrede, auch keine theologische Herleitung, im Übrigen auch kein langes Vorspiel, sondern sofort kommt Bach zur Sache.
Wir sind von einem reichlich gebenden Gott begabte Menschen und können entsprechend unseres geistlichen Vermögens füreinander einstehen.
Nicht vielleicht, nicht vorsichtig zurückhaltend und zögerlich und abwartend und als Bedenkenträger und nicht mit dem Blick bei anderen, ob sie etwas tun, sondern aus dem christlich getragenen Grundvertrauen heraus, dass zur Gottesliebe die Nächstenliebe unabdingbar dazugehört.
So wie es Bach in seiner Kantate ausführt. Selig sind die aus Erbarmen sich annehmen fremder Not,
sind mitleidig mit den Armen,
bitten treulich für sie Gott.
Die behülflich sind mit Rat,
Auch, womöglich, mit der Tat,
werden wieder Hülf empfangen
und Barmherzigkeit erlangen.
Wenn wir uns diese Orientierung zu Herzen nehmen und mitnehmen in den Alltag, sind wir gut ausgerüstet für den Zusammenhalt.
Und wenn es noch eines Anstoßes bedarf, der uns mehr berührt als die Vertonung der biblischen Botschaft durch Johann Sebastian Bach, dann erinnern Sie sich doch daran:
Eine Schwalbe macht vielleicht keinen Sommer. Aber ein Mensch namens Schwalbe macht große Hoffnung.
Bewegt mich und bewegt Menschen und hilft denen, die mitten unter uns auf Hilfe angewiesen sind.
Lassen wir uns davon nicht nur berühren, sondern auch orientieren und anleiten, dort, wo es mir hier und jetzt möglich ist, mit Hilfe und mit Rat, mit tätiger Nächstenliebe zu wirken.
Und damit für das Miteinander in unserer Gesellschaft und einen Ausgleich beizutragen.
Amen