Motettenansprache über Jesu, meine Freude, BWV 227

  • 05.09.2025
  • Superintendent Sebastian Feydt

Jesu, meine Freude, BWV 227

Liebe Gäste heute Abend in der Thomaskirche, liebe Gemeinde!

Jesu, meine Freude! Mit diesem beherzten Bekenntnis hat Johann Sebastian Bach die Motette überschrieben.

So beginnt sie, und so endet sie.

Und dazwischen? Im Zentrum?

Haben Sie gehört, was der Kern, die Mitte dieser Motette ist?

Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, so anders Gottes Geist in euch wohnet!

Spricht Sie diese Botschaft an?

Nehmen wir uns als geistlich geprägte Menschen wahr?

Sind wir wirklich geist-begabte Wesen?

Beim Blick in die Wirklichkeit dieser Tage in unserer Welt könnte man daran zweifeln.

 

Johann Sebastian Bach hat sich hier für seine Kernbotschaft Worten aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom bedienen.

Ihr seid nicht fleischlich, sondern geistlich Und: Als stünde die Frage: Warum ist das so? unmittelbar im Raum, folgt die Begründung: da doch Gottes Geist in euch wohnt.

Damit sind wir beim Kern unseres Menschseins. Wir sind nicht nur Wesen aus Fleisch und Blut, mit Genen und biochemischen Vorgängen.

Wir sind geistbegabte, geist-reiche Menschen, belebt durch den Atem Gottes, belebt mit der Geist-Kraft. Das ist die jüdisch christliche Grundvorstellung für Menschen. Das war und das ist das Markenzeichen unserer Identität: Geist-begabte Wesen zu sein.

Gottes guten Geist in uns zu tragen.

Und damit aus dieser geistreichen und geistvollen Kraft selbst leben zu können.

Wirken zu können.

Nicht so geistlos und bescheiden durch die Welt zu mäandern, wie uns das an anderen negativ auffällt.

Sondern geistreich etwas dazu beizutragen, dass wir uns nicht gegenseitig nach dem Leben trachten, sondern beistehen, nicht uns das Leben schwer machen, sondern danach suchen, Gutes zu tun, miteinander für andere einzustehen...

Mitten in dieser verrückten Welt, wie wir sie gegenwärtig erleben.

Und auch darin hat uns Johann Sebastian angesprochen in den Choralstrophen, die zur Mitte der Motette hinführen.

Formuliert von Johann Frank unter dem Eindruck der verheerenden Situation des 30-jährigen Krieges, als Europa in Schutt und Asche lag.

 

Ob es doch gleich kracht und blitzt,

ob gleich Sünd und Hölle schrecken:

Was den Menschen damals im Krieg unmittelbar vor Augen stand, haben wir mit den andauernden Nachrichten und Bildern aus Kiew, aus den ostukrainischen Großstädten, aus der Stadt Gaza oder Rahah vor Augen.

 

Wie verängstigt, wie erschreckt und verunsichert reagieren wir, wenn die Bedrohung des Lebens so nah kommt?

Es scheint, als ob uns die Kraft abhandengekommen ist oder verloren geht,

dem Unvorstellbaren, den Widrigkeiten der gegenwärtigen weltpolitischen Situation etwas entgegensetzen zu können.

Liegt es auch daran, dass wir alle Kraft und allen Mut nur aus uns selbst, aus unserem eigenen Vermögen gewinnen wollen?

Denken, dass das irgendwie mir schon zufällt oder aus mir hervorkommt?

 

Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich. Gelingt es uns, diese Botschaft und diese Stelle der Bach’schen Motette, diese wunderbar befreiende Melodie heute im Herz zu behalten?

Gelingt es uns, diese Fuge zur Kernbotschaft der Motette werden zu lassen, die mir einfach nicht mehr aus dem Kopf geht?

Versuchen Sie es einmal, und wenn es nicht gelingt oder nicht gleich gelingt, dann rufen Sie sich BWV 227 noch einmal im Netz auf und hören Sie. Ein zweites Hören ist bereichernd. Oder sie kommen morgen einfach noch einmal hierher.

Um das dann ganz tief in uns aufzunehmen: Ihr seid geistlich, weil Gottes Geist in euch wohnt.

 

Wenn das kein Widerstand Programm gegen die Ängste unserer Zeit werden kann?!

Trotz der Furcht!

Tobe Welt und springe

ich die hier und singe in gar sichrer Ruh.

Gottes Macht hält mich in acht.

 

Widerstandsfähig gegenüber den kleinen und großen Angriffen auf unser Leben werden wir aus einer Achtsamkeit vor dem Leben, vor dem von Gott geschenkten Leben und aus Achtsamkeit, die Gott in uns anlegt und uns von Gott gegeben ist.

Weicht ihr Trauergeister.

Zu einer solchen inneren Haltung will uns Johann Sebastian Bach mit seiner berührenden Musik führen.

Und in unserer geistlichen Mitte,

in unserer geistlich begründeten menschlichen Identität ansprechen und zum Leben ermutigen.

Weil wir viel mehr sind, als wir uns zutrauen. Geduldig, achtsam stark widerständig und zuverlässig, mitten in der Welt mitten im Leben.

Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, so anders Gottes Geist in euch wohnet!

Friede sei mit Euch!

Amen