Motettenansprache

  • 14.02.2026
  • Superintendent Sebastian Feydt

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Liebe Gäste der Thomaskirche,

liebe Gemeinde!

Wo geht es hin? Geht es hinauf?

Oder geht es gerade abwärts?

Nicht erst die Kantate von Johann Sebastian Bach: Sehet, wir gehen hinauf gen Jerusalem orientiert uns. Wir suchen derzeit ständig danach, wo es hingeht – mit uns und mit unserem Leben und mit unserer Welt.

Die Zeit, in der es immer nur in eine Richtung zu gehen schien, immer aufwärts, immer höher, immer aufwärts, diese Zeit scheint nicht nur vorbei zu sein, sie ist es.

Von uns liegt kein Spaziergang, sondern ein schwerer Weg. Womöglich ein leidvoller Weg.

Kaum jemand, der angesichts der gravierenden Umbrüche unserer Tage nicht diese innere Zwiesprache, diese innere Auseinandersetzung kennt:

Was wird werden? Wo geht es hin?

Was kommt noch auf uns zu?

Wie halte ich aus, was nicht auszuhalten ist?

Sehet! Das war das Erste, was wir in der Kantate gehört haben.

Sehet – wir gehen hinauf…

Hinauf gen Jerusalem.

Biblische Orientierung aus dramatischer Zeit war das. Und sie ist es. Bis heute.

Sehet – wir gehen hinauf…

Und dann: Dazwischen, die andere Stimme. Die innere Stimme.

Komm, schaue doch, mein Sinn:

Wo geht dein Jesus hin?

Ist nicht auch das eine Orientierung!?

Eine zutiefst geistliche Orientierung.

Aber sie ist zurückhaltend, zögernd, tastend.  

Wie aus meinem angegriffenen Herz heraus.

Komm, schaue doch, mein Sinn:

Wo geht dein Jesus hin? Wo geht es hin?

Was sie mir offenbaren will, fällt mir offensichtlich nicht einfach zu. Es will entdeckt und erkannt werden.

Komm, schaue doch, mein Sinn. Ist das nicht eine wunderbare Selbst-Ermutigung?

Schauen wir wirklich hin?

Folgt unser Sinn dem Weg, den Jesus von Nazareth beschritten hat?

Steht uns der Sinn danach, uns mit einem Kreuzweg auseinanderzusetzen - um darin zu finden, wie wir mit dem Machtmissbrauch, mit all den Erniedrigungen und Verletzungen, mit der brutalen Gewalt, dem Sterben und dem Tod heute umgehen?

In Wort und Musik vermittelt die Kantate das Hinschauen auf den Weg Jesu als das Angebot einer Orientierung.

Einer geistlichen Orientierung.

Sie setzt auf die versöhnende Kraft der Leidensbereitschaft des Menschen.

Sie setzt darauf, den Konflikten im Leben nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sie vielmehr anzugehen.

Um damit etwas dazu beizutragen, sie zu lösen und zu überwinden. Eine Orientierung, eine geistliche Orientierung, die wir heute hören:

Sieh auf den Weg des Jesus von Nazarteth – auf den Weg hinauf gen Jerusalem, zum Kreuz.

Und sieh, mein Sinn, was das mir in meinem Leben hier und jetzt bedeuten kann.

Liebe Gemeinde, ich bin weit davon entfernt, Bach und seinem Librettisten Picander auf dem Weg in die abgeschiedenen Winkel ihrer barocken Frömmigkeit zu folgen.

Ich will weder der geistlichen Nische noch dem eigenen Grämen im letzten Winkel meiner Seele oder gar meiner religiösen Behausung das Wort reden.

Im Gegenteil!

Mir klingen noch immer die zentralen Worte der bewegenden zweiten Arien in den Ohren:

Es ist vollbracht. Das Leid ist alle.

Wir sind von unseren Sündenfalle in Gott gerecht gemacht.

Mehr theologische Verdichtung geht kaum.

Mehr befreiender Zuspruch aber auch nicht.

Noch bevor die Leidenszeit, die Passion beginnt, noch bevor wir mit all unserer Angst und den drängenden Fragen ohne Antwort bleiben, erweisen sich Leidensbereitschaft und Friedfertigkeit und der Respekt vor der uns von Gott geschenkten Würde als Garanten dafür, Gott recht zu sein. 

So, wie wir, weltlich gesprochen, darauf setzen, dass gelebte Werte wie Würde und Recht und Gemeinwohlsinn unser Leben in Freiheit schützen, so glauben wir, christlich gesprochen, dass die gelebte Liebe, dass meine Leidenschaft für den Mitmenschen, dass meine erwiesene Vergebung vor Gott sichtbar werden lassen, was uns stark macht, und was uns segensvoll für unsere Gesellschaft werden lassen wird.  

Manche meinen, die Arie: Es ist vollbracht, gehört zu den stärksten Zeugnissen bachscher Kompositionen. Wir sollten sie hören, bevor wir in den nächsten Tagen und Wochen seine Passionsmusik nach Matthäus oder Johannes uns nähern oder sie anhören.

Wir können sie auch im Herz und im Ohr mitnehmen und wachrufen, wenn wir die vor uns liegende Zeit gehen und sie als eine Passionszeit, eine Zeit des Ringens mit dem Leiden und dem Sterben, mit dem alltäglichen Kreuz, mit dem Leben in einer verrückten brutalen gewordenen Welt wahrnehmen.

Dann hilft es sich zu erinnern:

An die versöhnen der Kraft der Leidensbereitschaft. An die Kraft einer Geste des Friedens. An Stärke der unvermittelt gewährte Nächstenliebe auf der Straße.

So wissen wir, wie es weiter geht. Amen